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Zwischen Narrenkappe und Aschenkreuz
jamacor  16/02/2012 06:32:27
Nachdenkliches zum Karneval

15.02.2012
von Josef Arquer


Der Karneval soll in den Klöstern des Mittelalters als Vorspann zur Fastenzeit entstanden sein, in welcher es dann hieß „carne vale“, „Fleisch adé“. Auch wenn er sich längst von seinem frommen Ursprung emanzipiert hat, bleiben etliche Spuren früherer Verwandtschaft. So etwa der Befund von Brauchtumsforschern, wonach der Karneval vor allem und am ursprünglichsten in katholisch geprägten Gegenden gedeiht.

Spezifisch Christliches findet man kaum im närrischen Treiben, wohl aber Grund-Menschliches, das in unserer Zivilisation unterzugehen oder doch fehlzugehen droht. Man könnte den Karneval geradezu als Gegengewicht zu einem neurotischen Durst nach „erfülltem Leben“ begreifen, den manche durch Alkohol, Drogen oder Sex zu stillen suchen, weil ihr Leben schal geworden ist. Zwar wäre es unredlich, die Narretei der Fastnacht für fromme Zwecke zu vereinnahmen und manche ihren Irrungen und Zerrbilder zu bagatellisieren, aber der Gedanke liegt nahe, Narrenkappe und Aschenkreuz als unterschiedliche Signale zu deuten, die aber beide einen Weg aus der Enge mancher Zwänge weisen.

Erfahrene „Karnevals-Jecken“ wissen, dass nahe beim „tierischen Ernst“, der ausgemerzt gehört, weil er das Schöne am Menschen vergällt, eine „tierische Grobheit“ lauert, die sich aufs Instinkthafte fixiert und alles Schöne am Menschen mit enthemmter Ausschweifung beschmutzt. In diesem Sinne vermerkt der heilige Josefmaria, echte Freude sei nicht „die Freude eines gesunden Tieres, die wir eine physiologische Freude nennen könnten“ (vgl. Der Weg 659). Das Lachen dessen, der das beherzigt, wird weder grob, noch billig, noch sarkastisch oder verletzend sein, und er kann im Karneval fröhliche Ausgelassenheit und schlichte Freude finden.

Zurück zum Kind

Zum Ausgleich einmal spielerisch ein anderer sein als sonst das ganze Jahr. Das ist es, was die „fünften Jahreszeit “ prägt – wie man im Rheinland sagt. Mehr oder weniger bewusst versuchen die Erwachsenen, die Schätze ihrer Kindheit wieder zu finden. Der übliche Stress tritt zurück, und in der lebensbejahend lustigen Narretei werden verlorene Regionen wieder zugänglich: Freude, Ursprünglichkeit, Weite. In der kindlichen Staunensfähigkeit – nun verbunden mit der Reife und Lebenserfahrung des Erwachsenen– können sich Zugänge jenseits des bloß Brauchbaren, Nützlichen, Zweckmäßigen auftun: Die Freude über eine unverhoffte Begegnung, über absichtslose Freigebigkeit, über ein schönes Gesicht, ein phantasievolles Kostüm.

Der unbeschwerte Blick für Schönes und Überraschendes hilft die trockene Logik des allzu Erwachsenen bändigen, der alles zu wissen meint. Und ebenso die frostige Distanz des Skeptikers – eben den tierischen Ernst, der alles bezweifelt. Es wird leichter zu erkennen und anzunehmen, dass Glauben kein Produkt eigenen Machens ist und keine Sammlung von vertrackten Theorien und Forderungen. Man beginnt den verborgenen Schatz im Acker auszugraben, die kostbare Perle zu bewundern (vgl. Mt 13, 44-46).

Aschermittwoch: Schluss mit lustig

Mehr noch als andere Festzeiten im Jahr hat der Karneval ein präzises Finale. „Am Aschermittwoch ist alles vorbei“, heißt es im Lied. Die klare Grenze kann helfen, den Alltag, der nun wieder einsetzt, neu zu entdecken und schätzen zu lernen. Vielleicht wird es dann leichter, auch im Grauen und Eintönigen die milde und zugleich anspruchsvolle Konkretheit des Christlichen zu entdecken: die Nähe Gottes in seiner lebenspendenden Fülle als liebender Vater, der sich uns durch Jesus Christus zeigt: „Vater unser“. Der Alltag kann beten lehren und mehr aus der Tiefe zu leben. Wer betet „Dein Wille geschehe“, schafft in sich Raum für eine tröstliche Dimension in Allem, was geschieht. Man kann sie die „Logik Gottes“ nennen.

Es geht um das Vertrauen, dass sich die unfassbaren Wechselfälle des Lebens zu einem sinnvollen Ganzen fügen – jenseits der eigenen Logik, der eigenen Erfahrung, der eigenen Erwartungen. Solch verborgenen Sinn, dieses Ganze scheinbarer Sinnlosigkeiten und Zufälle, nennt der Christ Vorsehung. Der österreichische Gelehrte Erik von Kuehnelt-Leddihn (1909-1999) sagt pointiert: „Zufälle sind Augenblicke, in denen Gott anonym bleiben will.“ Papst Benedikt führt in einem Text aus seiner Zeit als Kardinal weiter aus: „Gott kommt uns immer mit seiner Gnade zuvor, und in einem jeden Leben gibt es Schönes und Gutes, das wir leicht als Gnade, als Lichtstrahl göttlicher Güte erkennen können, wenn wir nur die Augen unseres Herzens offen halten. Und wenn wir das tun, wenn wir zuerst überhaupt Gott in seiner Güte kennen gelernt haben, dann können wir auch lernen, in den dunklen Wegen zu vertrauen, dass Gott uns immer noch als Gnade vorausgeht, dass er es gut mit uns meint." (Auf Christus schauen, Freiburg 1989)

Karneval kann – souverän gefeiert – ein Tor zu jener Freude sein, die wesentlich zum Christenleben gehört. In diesem Sinne versteht man die Antwort von Paul Claudel, den ein Freund fragte, wie man den Glauben weitergeben kann. Er riet mit der ersprießlichen Einseitigkeit eines Dichters, der an Bilder gewöhnt ist: „Lehre sie, dass sie keine andere Pflicht auf der Welt haben als die Freude.“ Wer es gelernt hat weiß: Solche Freude aus dem Inneren wirkt weiter fort, wenn am Aschermittwoch Schluss ist mit lustig und die Fastenzeit beginnt.


Links
Die Fastenbotschaft des Papstes 2012.



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