Abt Werlen erlitt Hirnblutung
Nachrichten 15/03/2012 11:19:20
Ich bin sehr dankbar für mein Leben, für meine Berufung als Christ und als Benediktiner von Einsiedeln, für die vergangenen zwei Monate und dass ich jetzt hier sein darf.
Unfall
„Und jetzt noch eine Runde Badminton :-)“. Diesen Tweet schrieb ich am Freitag, den 13. Januar 2012, nach der Vesper (Abendgebet der Klostergemeinschaft) kurz nach fünf Uhr. Mit zwei jüngeren Mitbrüdern traf ich mich anschliessend in einer unserer Turnhallen zum Badminton-Spiel. Was da passiert ist, konnten mir meine Mitbrüder, gegen die ich gespielt hatte, erst viel später erzählen.
Wir spielten in der Breit-, nicht in der Längsrichtung der Halle. Gleich nach Abschluss des Spielfeldes ist die Wand. Meine Mitbrüder spielten einen Federball weit zurück, als ich gerade vorne beim Netz war. Ich musste schnell rückwärts nach hinten laufen. Gestern Abend traf ich mich mit zwei Schülern unseres Gymnasiums, die nach meinem Unfall einen wichtigen Dienst wahrnahmen. Sie liefen an der Turnhalle vorbei und sahen kurz von den Oberfenstern her unserem Spiel zu und wurden so Zeugen des Unfalls. Ich sei beim schnellen Zurücklaufen durch einen Fehlschritt über meinen eigenen Fuss gestolpert und dann in vollem Tempo nach hinten gefallen, mit dem Kopf an die Mauerwand.
Sie kamen sofort in die Turnhalle und halfen meinen Mitbrüdern bei der Bewältigung der Situation, ebenfalls Lehrpersonen, die in der oberen Turnhalle Sport trieben. Ich war nicht mehr ansprechbar. Mit der Ambulanz wurde ich ins Regionalspital Einsiedeln gefahren und von dort ins Universitätsspital Zürich.
Universitätsspital
An das Badminton-Spiel kann ich mich nicht erinnern, auch nicht an den Unfall. Die erste Erinnerung, die ich zeitlich festlegen kann – das war der Sonntag, 15. Januar -, war mein Daliegen, angehängt an verschiedenen Schläuchen, umgeben von P. Urban, meinem Stellvertreter im Kloster, meiner jüngeren Schwester und meinem jüngeren Bruder.
Sie sprachen mich auf Verschiedenes an, aber ich konnte ihnen nicht folgen. Ich erinnere mich auch noch, dass mich jemand vom Spital fragte, ob sie P. Urban über meinen Zustand informieren dürften. Obwohl ich nicht wusste, um was es ging, sagte ich selbstverständlich Ja. Wochen später habe ich noch von einer anderen Frage von Seite des Spitals erfahren: Ob sie die Öffentlichkeit informieren sollten. Ich hätte Nein gesagt; das wurde so auch P. Urban mitgeteilt. Ich kann mich an diese Frage nicht erinnern. Zu dieser Zeit wusste ich aber auch nicht, was passiert war. Ich finde es respektvoll, wenn die Kommunikations-Verantwortlichen des Klosters Einsiedeln jeweils auf dieser Basis informierten.
Es war Ausdruck des Respektes vor dem Patienten und dessen Persönlichkeitsschutz. Wenn ich zurückschaue, darf ich sagen: Die gewählte Weise der Information nach aussen hat mir den Raum gewährt, der es mir ermöglicht, jetzt hier mit Ihnen zu sprechen. Im Universitätsspital hatte ich nicht die Sorge, möglichst Medienleute zu empfangen, sondern ich schlief viel und litt darunter, dass ich nicht sagen konnte, was mich beschäftigte. Wer mir Infos über den Unfall gab, konnte mir nicht helfen. Einfache Sätze konnte ich zwar nachvollziehen, längere Aussagen blieben mir aber völlig fremd.
Nach einigen Tagen schaltete ich gelegentlich die Nachrichten im Radio oder die Tagesschau im Fernsehen an. Es war mir nicht möglich, Inhalte zu verstehen. Lesen von Texten (auch von solchen, die mir 2 vertraut waren) war unmöglich. Ich versuchte Texte aufzusagen, die ich gut kenne. Kein einziges Gedicht, das mir früher vertraut war, konnte ich wiedergeben. Einmal sah ich zufällig einen Fernsehbericht über das Kloster Einsiedeln. Ich war mehrmals eingespielt. Es war die Rede von meinem Unfall. Und vor dem Kloster wurden verschiedene Menschen zu mir befragt. Auch der Bezirksammann von Einsiedeln sprach über mich. Das Ganze berührte mich nicht. Ich kam nicht mit.
Rehabilitationsklinik Valens
Am Montag, 23. Januar 2012, wurde ich mit der Ambulanz von Zürich in die Klinik Valens gefahren. Dort durfte ich jeden Tag ähnlich gestalten wie im Kloster. Die grössten Zeitinseln bildeten das Stundengebet und die Arbeit. Allerdings bestand die Arbeit aus den verschiedenen Therapien. Die Texte des Stundengebets, die ich laut betete, kamen mir in den ersten Wochen immer wieder so vor, als ob ich sie zum ersten Mal hören würde.
Ich las jeden einzelnen Vers so oft, bis ich ihn ohne Fehler lesen konnte. Bald verschwanden dank der Therapien die Schwindelanfälle. Das Lesen wurde über die Wochen immer besser und auch das Reden. Aber bestimmte Wörter fielen mir einfach nicht ein, obwohl sie mir bekannt waren. Von den vielen Gedichten, die ich auswendig kannte, fiel mir noch kein einziges ein. Wörter, die mir vertraut waren, schrieb ich mit Fehlern. Diese Erfahrungen machten mich sehr traurig. Oft musste ich einfach weinen. Ende Januar habe ich eine Art Tagebuch zu schreiben begonnen, das ich mit der Zeit, was die Rechtschreibung betrifft, immer mehr korrigieren konnte.
Hier zwei Auszüge daraus:
1. Februar
Ein Arzt zeigt mir um 17.30 Uhr meine Röntgenabbilder. Er spricht von ca. 4 Monaten Arbeit, von der ich ausgehen muss. Wenn ich von einem Tag zum andern sehe, nehme ich kaum Fortschritte wahr. Anders ist es selbstverständlich, wenn ich die Situation vor zwei Wochen mit heute vergleiche. Der Arzt ist zuversichtlich, dass sich in 4 Monaten die Situation sehr verbessert hat. Aber man wisse es nicht sicher. Kann ich in dieser unsicheren Situation meine Aufgaben behalten oder wäre es besser, zurückzutreten und damit eine bessere Situation zu ermöglichen?
Samstag, 4. Februar
Es besucht mich Bischof Felix Gmür. Wir haben ein gutes Gespräch. Ich sage ihm, dass ich an einen Rücktritt denke. Plötzlich kommt auch noch der Chefarzt Dr. Kesselring vorbei. Beide ermutigen mich, jetzt keine grossen Zukunftsentscheide zu treffen, sondern mit Geduld an der Genesung zu arbeiten. Es war ein langer und schwieriger Prozess bis zum heutigen Tag, der viel Geduld erforderte.
Einen kleinen Einblick in diesen Weg kann die Auflistung der verschiedenen Therapien vermitteln: 8 Physiotherapie-Sitzungen, 9 Spannungs- und Entspannungssitzungen, 12 Koordinations-Sitzungen, 14 Schwimmen-Therapie-Sitzungen, 20 Medizinische Trainingstherapie-Sitzungen, 22 Neuropsychologische Therapie-Sitzungen, 25 Ergotherapie-Sitzungen, 11 Hirnleistungs-Selbsttraining- Sitzungen, 40 Logopädie-Sitzungen.
Dazu nahm ich mir jeden Tag drei Stunden Zeit zum lauten Lesen. Zuerst waren es einzelne Wörter und Sätze, zuletzt Fachartikel. Mit Fortschreiten der Heilung war ich auch mehr und mehr fähig, mich mit den anderen Patienten zu unterhalten. Ein Journalist hat geschrieben: „Die Gesundheit des Abts bleibt ein Mysterium.“ Damit hat er nicht nur mich auf den Kopf getroffen, sondern auch den Nagel. Seit dem 13. Januar ist das mir immer mehr aufgegangen: Die Gesundheit bleibt ein Mysterium. Allerdings nicht nur die des Abtes, sondern die jedes einzelnen Menschen. Die Gesundheit jedes Menschen bleibt ein Mysterium. Das sind wir uns leider oft zu selten bewusst.
Was ein Schädel-Hirn-Trauma ist, eine intrazerebrale Kontusionsblutung und eine nicht dislozierte Kalottenfraktur und ähnliche Begrifflichkeiten, das erklärt Ihnen besser Prof. Jürg Kesselring, Fachmann in diesen Fragen.
„Einsichten und Aussichten“
Einsichten
Die vergangenen zwei Monate meines Lebens waren so nicht geplant. Es war eine schwierige Zeit, aber 3 trotzdem eine sehr wertvolle. Es ist mir vieles geschenkt worden. Einiges davon möchte ich hier erwähnen. Sport tut uns allen gut.
Wie bei allen anderen Tätigkeiten kann einmal etwas passieren. Ich bin den zwei Mitbrüdern dankbar, dass sie mich zum Badminton-Spiel eingeladen haben. Und ich bin froh darüber, dass ich zugesagt habe. Ich habe es nie auch nur einen Moment bereut. Unsere Klostergemeinschaften Fahr und Einsiedeln sind so lebendig, dass ich ohne Angst und Sorgen sieben Wochen unvorbereitet krankheitshalber abwesend sein konnte. Besonders danke ich Dekan P. Urban Federer und Priorin Irene Gassmann, allen Mitbrüdern und Mitschwestern, und den Angestellten. Sie alle haben mir diesen Heilungsprozess ermöglicht. Und sie haben sich gefreut, dass ich wieder zurückkam.
Unzählige Menschen aus nah und fern haben mich durch ihr Gebet und ihr Wohlwollen unterstützt und ermutigt. Das half mir, von meiner Seite her Tag für Tag alles Mögliche zum Fortschritt beizutragen. Sie haben damit auch die Klostergemeinschaften in dieser schwierigen Zeit unterstützt, in der zudem vier betagte Mitbrüder gestorben sind. Ich danke dem Personal im Spital Einsiedeln und am Universitätsspital Zürich. Ich danke dem Personal in der Klinik Valens und den vielen kranken Menschen dort, die mich mit ihrem Lebensmut angesteckt haben. Ich selbst war noch nie in meinem Leben so krank gewesen. Ich habe noch nie so viele schwer kranke Menschen getroffen.
Und ich habe auch noch nie so viel Lebensmut wahrgenommen. Das Miterleben von Fortschritt im Heilungsprozess und im positiven Umgang mit dem eigenen Leiden hat bei mir einiges bewegt. Die in Valens erfahrene Atmosphäre war eine wichtige Voraussetzung für den Heilungsprozess. Die Ärzte, die Pflegefachleute und die Therapeuten haben nicht von oben herab gehandelt, sondern waren und sind mit uns Patienten auf dem Weg. Ich habe erfahren, dass wir als die konkreten Menschen wahr und Ernst genommen werden, die wir sind. Ich wurde dort abgeholt, wo ich war.
Dort konnte ich viel lernen für die heutigen Herausforderungen der Kirche. Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Mir ist bewusst geworden, dass wir als Kirche uns nicht so sehr gegen Institutionen einsetzen müssen, die dem Menschen Suizidhilfe anbieten. Wir müssen uns vielmehr für den konkreten Menschen auch in all seiner Not einsetzen, dass er die Freude am Leben (wieder-)entdecken kann und seine Würde – auch im Leiden. Wenn kranke Menschen in der Gesellschaft zu Randfiguren werden und sogar als Belastung betrachtet werden, haben wir als Kirche hier eine Aufgabe.
Ich bin meiner Krankenkasse dankbar, dass sie meinen Aufenthalt in der Rehabilitationsklinik unterstützt hat. Ich wünsche mir, dass alle Menschen in solchen Situationen in den Genuss einer solchen Behandlung kommen dürfen. Jeweils am Freitag um 17 Uhr ist im Andachtsraum der Klinik Valens eine katholische Eucharistiefeier oder eine reformierte Wort-Gottes-Feier. Wenn immer das zeitlich möglich war, nahm ich an diesen Feiern teil. An meinem letzten Freitag in Valens war die reformierte Feier vorgesehen. Ich hatte am Nachmittag um 14 Uhr Hirnleistungs-Selbsttraining auf dem Programm und um 14.45 Uhr, zusammen mit acht anderen Patienten, körperliche Spannungs- und Entspannungsübungen. Kurz vor Beginn der Übungen kam der reformierte Klinikseelsorger in den Raum und sagte mir, dass er sich sehr unwohl fühle. Er fragte mich, ob ich dem (reformierten) Wortgottesdienst vorstehen könnte. Nach kurzem Nachdenken sagte ich zu. Den Ablauf der Feier gab er mir, Bibeltext und Predigt konnte ich selber wählen. Ich hatte etwa eine Stunde Zeit zur Vorbereitung. Die reformierten Patienten waren sichtlich überrascht, dass ich dem Gottesdienst vorstehe. Und schon nach wenigen Minuten kamen auch einige italienischsprachige, katholische Patienten in den Raum; sie hatten vernommen, dass ich dem Gottesdienst vorstehe. So war ich herausgefordert, unvorbereitet auch ein paar Worte in Italienisch zu sagen. Und: Es ist gut gegangen. Diese positive Erfahrung hat mich darin bestätigt, dass ich den Schritt in den Alltag wagen kann.
Aussichten
Und wie geht es jetzt weiter? Einige Pläne habe ich – ob sie umgesetzt werden können, das lasse ich in den Händen Gottes. Wir haben’s ja bereits gehört: Auch die Gesundheit eines Abtes bleibt ein Mysterium. Medikamente brauche ich seit meinem Eintritt in die Klinik Valens keine mehr. Morgen Freitag werde ich der Eucharistiefeier um 11.15 Uhr in der Klosterkirche vorstehen.
Anschliessend ziehe ich mich für einige Ferientage bis am 25. März zurück. Die vergangenen zwei Monate 4 waren eine anstrengende Zeit. Ich freue mich darauf, wieder einmal Bücher zu lesen, Musik zu hören, Museen zu besuchen und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Ab Ende März werde ich langsam in die vielen Aufgaben und Herausforderungen einsteigen. Obwohl ich in Valens viel gearbeitet habe, war es ein geschützter Raum. Ich muss erproben, wie es jetzt geht.
Falls nötig, finde ich Unterstützung in der Klinik Valens. Auch in Zukunft werde ich Sport treiben, wahrscheinlich auch Badminton spielen, allerdings diesmal in der Längsrichtung der Turnhalle… Ich möchte die vergangenen zwei Monate mit einem Wort zusammenfassen: Dankbarkeit. Darum freue ich mich sehr, morgen zusammen mit anderen Menschen in unserer Klosterkirche Gott zu danken. Diese Hoffnung habe ich bereits in der Medienmitteilung vom 31. Januar zum Ausdruck gebracht.

