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Pfarrer Hans Milch – eine große Stimme des katholischen Glaubens [2/2] (k-j-b.info)

Pfarrer Hans Milch – eine große Stimme des katholischen Glaubens

von Dr. Wolfgang Schüler

(aus: Der Gerade Weg, Nr. 2/2012, Seite 31 - 37)

3. Die Schicksalsjahre 1979-1987

3.1. Die Amtsenthebung von Pfarrer Milch bahnt sich an

Wir kommen nun zum dritten Teil unserer Ausführungen und wollen zunächst einige Überlegungen zu den Gründen anstellen, die zur Amtsenthebung von Pfarrer Milch durch den Bischof von Limburg, Wilhelm Kempf, führten. Sie sollen unseren jungen Lesern einen Einblick geben, welchen Belastungen dieser Priester ausgesetzt war, von denen sie sich wohl kaum eine Vorstellung machen können. Die Auseinandersetzung mit dem Bischof von Limburg verschärfte sich in dem Maße, wie Pfarrer Milch die Hauptursache für den Zerfall des Erscheinungsbildes der Kirche erkannte. Hier kann man zwei Phasen unterscheiden: Noch Anfang der Siebzigerjahre zielte seine Kritik vor allem auf die Untätigkeit der Bischöfe bzw. auf die Tatsache, dass sie nur den Exzessen der radikalen Modernisten entgegentraten, z. B. Messfestivals und Fastnachtsmessen, während sie die lebensbedrohende Krise der Kirche, die im Wanken ihrer eigenen Fundamente besteht, ignorierten und sich mit zweitrangigen Themen beschäftigten, anstatt sich den zentralen Aufgaben zuzuwenden. So sagte er z. B.: „Ein Bischof, der von Konferenz zu Konferenz rast und im Millionenschwarm des dummen Geschwätzes mitmischt, ein Synodalschwafler, der ‚in’ ist im neuesten Schrei von ‚Gruppendynamik’ und psychologischen Modekünsten … – sie alle sind Ohnmächtige, die ihre Jahre vergeuden, gegenüber uns, wenn wir unsere Macht ausüben im erhabenen Schweigen der Gebete!“ Solche Kritik an dem Gebaren der Bischöfe musste zu Spannungen innerhalb der Bewegung für Papst und Kirche führen, die 1969 gegründet worden war und deren Vorsitzender er, im Wechsel mit Professor Walter Hoeres, zeitweise gewesen war. Denn diese Bewegung hatte es sich auf die Fahne geschrieben, Papst und Bischöfe zu unterstützen. Diese Spannungen führten dazu, dass Pfarrer Milch 1975 den Vorsitz in dieser Bewegung niederlegte und bald darauf aus ihr austrat. Rückblickend bemerkte er: „Ich war in der Bewegung für Papst und Kirche und bin da 1977 hinausgegangen. Es war eine Qual, in ihr zu sein. Da waren viele, die sagten, das Konzil ist wunderbar und dient der religiösen Erneuerung. Wir müssen gehorsam sein und den Bischöfen helfen, damit die Auswüchse eingedämmt werden. Diese spielten im Kuratorium eine große Rolle, und ich war dadurch an Händen und Füßen gebunden.“

Angesichts des Selbstzerstörungsprozesses der Kirche, der sich schon damals abzeichnete, war das Denken und Wollen von Pfarrer Milch von dem Gedanken beherrscht, Gott dem Herrn stellvertretend Sühne zu leisten für die Beleidigungen, die Ihm durch den Einbruch des Modernismus in Seiner Kirche zugefügt werden. Deshalb rief er 1972 die Gebets- und Sühnegemeinschaft actio spes unica ins Leben. Ihr sollten sich alle anschließen, die gewillt waren, mit ihm ihr Dasein in den Dienst stellvertretender Sühneleistung zu stellen. Die Bezeichnung ist dem alten Passionshymnus Vexilla regis prodeunt entnommen: O crux, ave, spes unica! – „O Kreuz, sei gegrüßt, einzige Hoffnung!“ Die actio spes unica war zunächst eine Gemeinschaft, der man nur durch Ablegen eines Gelübdes beitreten konnte. Für das tägliche halbstündige Gebet hatte er zwei Gebete verfasst, die in einem kleinen Gebetsband zusammen mit zahlreichen anderen Gebeten enthalten sind, welcher auch zwei von ihm verfasste grandiose Hymnen an die Kirche enthält. 1974 entschloss sich Pfarrer Milch, die Sühnegemeinschaft spes unica auch für solche Gläubige zu öffnen, die sich zwar nicht durch ein Gelübde verpflichten wollten, aber dennoch bereit waren, ihr Dasein in den Dienst der Rettung der Kirche zu stellen. Nun wuchs die Zahl der in der actio spes unica vereinigten Katholiken rasant an und stieg bald über 2000. Das war nur möglich, weil Pfarrer Milch sie intensiv betreute. Er schrieb an sie nicht nur zahlreiche Spes-unica-Briefe, in denen er die oft einsamen Katholiken einerseits in ihrem Glauben stärkte und sie anderseits über die Ursachen der Kirchenkrise aufklärte. Darüber hinaus veranstaltete er etwa alle zwei Monate einen Spes-unica-Sonntag, an dem er die überlieferte hl. Messe feierte und anschließend zu einem Zusammensein mit Vortrag und Aussprache einlud. Den Schluss bildete eine Sühneanbetung in der Pfarrkirche. An den sonstigen Tagen machte Pfarrer Milch, wie einst auch Erzbischof Lefebvre, zunächst einige Zugeständnisse an die Liturgiereform, zelebrierte aber nie die neue Messe. Eine große Belastung bestand für Pfarrer Milch darin, dass es in der Gemeinde Gegner gab, die vom innerkirchlichen Modernismus infiziert waren, und die den Limburger Bischof über die Predigten dieses Priesters stets auf dem Laufenden hielten.


3.2 Die Auseinandersetzung mit dem Bischof von Limburg spitzt sich zu

Wie bereits angedeutet, durchlief Pfarrer Milch hinsichtlich der Beurteilung der kirchlichen Lage in nachkonziliarer Zeit einen Erkenntnisprozess, den man kurz folgendermaßen beschreiben kann: War er zunächst der Überzeugung, dass das Antikatholische, das in zunehmendem Maße den Innenraum der Kirche beherrschte, von außen in sie hineingetragen wurde, so erkannte er im Laufe der Zeit, dass die Hauptschuld an diesem Niedergang die Verantwortlichen in der Kirche trugen. Dabei kristallisierte sich immer deutlicher heraus, dass deren Schuld nicht nur darin bestand, Irrlehren über den Glauben zu dulden, sondern diese noch zu begünstigen, ja sogar selbst offen mit Irrlehren zu sympathisieren bzw. sie gar zu vertreten. Darüber hinaus geriet auch das Konzil bald in das Visier seiner Kritik. Seit Anfang der Siebzigerjahre wurde ihm nämlich zunehmend bewusst, dass ein enger Zusammenhang bestand zwischen dem Niedergang des Erscheinungsbildes der katholischen Kirche und den Beschlüssen des Konzils.

Pfarrer Milch bei der Wiesbadener Rede am 16.10.1977

In diese Zeit fallen seine größten öffentlichen Glaubenskundgebungen, zunächst 1977 in der Rhein-Main-Halle zu Wiesbaden mit etwa 3000 [!] Teilnehmern. 1978 folgte eine Großkundgebung in der Rhein-Moselhalle in Koblenz. Man fragt sich, wie es Pfarrer Milch gelang, so viele Katholiken bei diesen Glaubenskundgebungen zusammenzubringen. Die Antwort lautet: weil er, wie kein anderer, in bezwingender Weise dem Einzelnen seine Bedeutung im Kampf um den Glauben vor Augen stellen und ihn so für einen großen Einsatz begeistern konnte. Die Teilnahme an den Glaubenskundgebungen wurde auf diese Weise für jeden Einzelnen zu einer Herzensangelegenheit. Angespornt durch die Wortgewalt dieses Priesters wollten die Teilnehmer jeder für sich, wenn es nur irgend möglich war, Zeugnis für den Glauben ablegen und sich für die Rettung der Kirche einsetzen. Zahlreiche der Spes-unica-Briefe, auf die ich in meinem zweibändigen Werk „Pfarrer Hans Milch – Eine große Stimme des katholischen Glaubens“ zu sprechen komme, verdeutlichen, wie dieser Priester die Gläubigen zum Einsatz für das Reich Gottes begeistern konnte. Die Koblenzer Rede endete mit 14 Fragen an die Bischöfe, auf die aber keiner von ihnen antwortete. Das kann nicht verwundern, denn dann hätten die Bischöfe Farbe bekennen müssen, stand doch schon im Vorspann zu diesen Fragen die an sie gerichtete Mahnung: „Wir sind um unsere Kirche betrogen worden. Muten Sie unserem Hunger nicht zu die Steine eines sinnlosen Gehorsams! Geben Sie uns das reine Brot einer vollkommenen Wende!“

3.3 Der Auslöser für die Amtsenthebung

In dem Maße wie Pfarrer Milch das Versagen der Bischöfe anklagte, trat in seinen Schriften und Reden als herausragendes Gegenbild die Lichtgestalt von Erzbischof Lefebvre hervor. Zwar missfielen dem Bischof von Limburg die Angriffe des Pfarrers von Hattersheim, aber weil er ihn persönlich schätzte, hätte er ihn wohl noch nicht seines Amtes enthoben. Zu diesem Schritt entschloss er sich jedoch, als sich Pfarrer Milch zu Wort und Werk von Erzbischof Lefebvre bekannte, und zwar mit der folgenden Passage in seinem Spes-unica-Brief vom 22. Juli 1979: „Eines sei schon deutlichst gesagt – wiederholend, denn es ist oft genug von uns betont worden: Wir bekennen uns bedingungslos zu Weg und Wort des Hochwürdigsten Herrn Erzbischof Marcel Lefebvre!

In ihm und seinem Werk, in den von ihm geweihten Priestern grüßen wir die mächtige Hoffnung und Verheißung der von uns allen heiß ersehnten großen Wende, Oase des Katholischen und Inbegriff des Weiterlebens und Weiterwirkens unserer heiligen Kirche in ihrem wahren Wesen über die furchtbare Phase der Verfälschung hinweg, in der wir leben. Sein, Erzbischof Lefebvres, Werk und Wille ist uns allen das befreiende Dennoch, Kern und Garantie katholischer Kontinuität, Fels in der Brandung. Wir sind ihm verschworen!“

Der Bischof reagierte auf diesen Brief mit der Amtsenthebung von Pfarrer Milch am 18. Oktober 1979. Die schwere, seine Lebenssituation grundlegend verändernde Entscheidung, die Amtsenthebung auf sich zu nehmen, traf Pfarrer Milch eingedenk des Antimodernisteneides, den er vor seiner Priesterweihe geschworen hatte. Er traf diese Entscheidung aber auch im Hinblick darauf, dass er einst vor seinem himmlischen Richter Rechenschaft über die Ausübung seines Priesteramtes ablegen müsse. In einem anderen Spes-unica-Brief liest man (man beachte die Parallele zur Predigt Erzbischof Lefebvres in Lille 1976): „Wenn der Herr mich einst fragt: ‚Ich habe dir die Gnade geschenkt, die katholische Wahrheit zu erkennen! Warum hast du geschwiegen, als es an deiner Stimme lag, dem Verbrechen zu wehren und die Krankheit zu bezeichnen, dass sie beseitigt werden könne?!’ … Ich liebe, weiß Gott, nicht den Kampf! Aber wehe mir, wenn ich nicht kämpfte!“ In Hattersheim und Umgebung schlug die Amtsenthebung des weithin bekannten Pfarrers, an dem sich die Geister schieden, natürlich hohe Wellen. Der Autor dieser Zeilen erinnert sich noch genau des Geschehens, das sich an jenem Sonntag, der auf die Suspendierung folgte, in der Pfarrkirche St. Martinus abspielte und das nicht der Dramatik entbehrte: Die Kirche war wie gewohnt gut besetzt, und für den Außenstehenden deutete zunächst nichts auf einen irregulären Ablauf der Sonntagsmesse hin. Dennoch war die Atmosphäre äußerst gespannt und die meisten wussten, was sich nun ereignen würde. Kaum hatte der vom Bischof anstelle von Pfarrer Milch beauftragte Zelebrant, im Altarraum hinter einem sogenannten Volksaltar stehend, damit begonnen, die neue Messe zu zelebrieren, erhoben sich die meisten der anwesenden Gläubigen und verließen schweigend die Kirche. Die Orgel blieb stumm, die Messdiener zogen ihre Gewänder aus und verließen ebenfalls den Kirchenraum. Fassungslos verfolgte der Zelebrant das spektakuläre Ereignis. Die Gläubigen versammelten sich anschließend auf dem Kirchplatz, hörten die Lesung des Sonntags und beteten für die Rettung der Kirche. Am 11. November 1979 – dem Patronatsfest von St. Martinus – protestierte eine große Schar von Gläubigen mit einem Schweigemarsch durch Hattersheim gegen die Amtsenthebung von Pfarrer Milch. Etwa 1000 Gläubige, die z. T. von weither angereist waren, beteiligten sich an der Demonstration, die in erster Linie eine Demonstration für den unverfälschten Glauben war, für den dieser Priester seine materielle Existenz aufs Spiel gesetzt hatte und nun die Folgen für seine Glaubenstreue tragen musste. Der persönliche Umgang mit dem Bischof von Limburg blieb von gegenseitiger Wertschätzung gekennzeichnet. Der Bischof erwies sich als großzügig, als er Pfarrer Milch anbot, im Pfarrhaus wohnen zu können, bis er in Ruhe ein Domizil für sich und seine hochbetagte Mutter gefunden hätte. Dieser feierte in der Folgezeit zunächst jeden Sonntag drei, gelegentlich sogar vier heilige Messen in seiner dortigen Wohnung, um den Andrang der Gläubigen bewältigen zu können, und von nun an ohne alle Konzessionen, die er vorher gemacht hatte, um die Pfarrei möglichst lange halten zu können. Bei diesen Messen war nicht nur der Raum besetzt, in dem er zelebrierte, sondern auch der Flur und das Treppenhaus. Obwohl drangvolle Enge im Pfarrhaus herrschte, vermochte es Pfarrer Milch, eine dem heiligen Geschehen würdige Atmosphäre zu erzeugen. Natürlich wurde die Situation im Pfarrhaus für ihn nun äußerst schwierig, musste er doch Wand an Wand mit seinem Nachfolger wohnen. Am bedrückendsten waren für ihn die Minuten, in denen die Glocken seiner Pfarrkirche zur hl. Messe riefen und ihm, der rund 18 Jahre lang in St. Martinus Gott das heilige Messopfer dargebracht hatte, diese Kirche verschlossen blieb, während sich dort nun mit der Zelebration des Novus Ordo ein Geschehen vollzog, das er an diesem Ort jahrelang verhindern konnte. St. Martinus zu Hattersheim war als eine Bastion des katholischen Glaubens gefallen. –


Erstkommunion in der Notunterkunft

Mit der Amtsenthebung verlor Pfarrer Milch die materielle Grundlage für sich und seine damals schon über neunzigjährige Mutter. Fortan war er auf Spenden angewiesen und er konnte sehr erfolgreich aus der Überzeugung heraus bitten: „Der Herr will, dass ich bettle, also bettle ich.“ Die Bitte um Spenden wurde zu einem Dauerthema seiner Spes-unica-Briefe in der Folgezeit. Denn neben dem Lebensunterhalt musste er mit Spenden den Bau der Kirche St. Athanasius in Hattersheim finanzieren und anschließend auch die Unterhaltungskosten für sie bestreiten. Er konnte dieses finanzielle Abenteuer nur deshalb wagen, weil er darauf vertrauen konnte, dass seine Wortgewalt auch in Bezug auf das Spendenaufkommen ihre Wirkung nicht verfehlen würde. Da er nur noch für eine begrenzte Zeit in seiner ehemaligen Pfarrwohnung bleiben und dort zelebrieren konnte, galt es für ihn zunächst, eine neue Wohnung und einen größeren Raum für die Zelebration der hl. Messe zu finden. Eine Wohnung fand er in Wiesbaden. Dankenswerterweise stellte ihm die Familie Berthold Geis in Hattersheim einen Raum zur Verfügung, den sie bis dahin als Lagerraum für Tapeten und Teppichbeläge genutzt hatte. Hinzu kam noch ein kleiner Raum, der als Sakristei eingerichtet wurde und in dem er auch Beichte hören konnte.

Am 24. Oktober 1982 weihte Erzbischof Lefebvre die Kapelle St. Athanasius in der erhabenen Zeremonie der heiligen Kirche. Zur großen Freude von Pfarrer Milch erteilte Erzbischof Lefebvre der actio spes unica und dem Wirken dieses Priesters seinen Segen. Den Brief, der diesen Segen ausspricht, findet der Besucher des Messzentrums eingerahmt am Eingang der St. Athanasius Kirche. Die betreffende Passage lautet: „Sehr gern anerkenne und segne ich Ihre Gebets- und Kampforganisation actio spes unica. O, wie sehr beglückwünsche ich Sie und ermutige die Mitglieder dieser Vereinigung für ihren Eifer, die heiligen Traditionen der katholischen Kirche aufrechtzuerhalten. Sie wünschen in Union mit der Priesterbruderschaft St. Pius X. zu arbeiten; das ist eine Ermutigung für uns, und wir wissen, was es Sie gekostet hat, sich für Monseigneur Lefebvre zu entscheiden. Nichts ist heute im Kampf gegen die Feinde des katholischen Glaubens dringender, als vereint im gleichen Gebet zu wirken! Gott möge Sie segnen, lieber Herr Pfarrer Hans Milch, Sie und Ihre Bewegung durch die Fürbitte der Jungfrau Maria!

Mit herzlicher und brüderlicher Verbundenheit in Christus und Maria + MARCEL LEFEBVRE – Alterzbischof, Bischof von Tulle, Gründer der Priesterbruderschaft St. Pius X.“ Pfarrer Milch schloss seinen Spes-unicaBrief, in dem er den Gläubigen den Segen des Erzbischofs mitteilte mit den Worten: „Die Lichter der Hoffnung brennen heller! Flammenzeichen glüht! Es wird anschwellen zum Feuer – auch durch unsere Jugend! Die Feinde werden auf Dauer dem Feuer nicht entweichen können! Harren Sie aus! Geben Sie niemals auf!“

3.4. Die letzten sieben Jahre

Auch in der letzten Phase seines Kampfes gegen die Glaubenszerstörung erwarteten Pfarrer Milch harte Auseinandersetzungen und zudem belasteten ihn beständig materielle Sorgen. Zwar war er fortan nicht mehr den Angriffen der Modernisten und des Bischofs von Limburg ausgesetzt, dafür musste er sich aber gegen Gruppierungen innerhalb der Widerstandsbewegung gegen die Glaubenszerstörung wenden, wobei er sich gelegentlich auch persönlichen Vorwürfen ihrer Vertreter ausgesetzt sah. Man muss eben bedenken, dass viele in diesem Lager den Problemen, die mit dem Konzil und in der nachkonziliaren Zeit auf sie zukamen, geistig nicht gewachsen, aber leider vom Gegenteil dieser Tatsache überzeugt waren. So wundert es nicht, dass sich in dieser Gegenbewegung ein breites Spektrum von Meinungen hinsichtlich der Beurteilung der kirchlichen Lage ausbildete, an dessen einem Ende sich die Halbkonservativen befanden, die dem modernen Rom die Stange hielten, und an dessen anderem Ende die Sedisvakantisten standen, die behaupteten, dass der Papst und die Bischöfe im offiziellen Raum der Kirche durch Häresie bzw. Apostasie ihres Amtes verlustig gegangen seien. In dieser Auseinandersetzung verteidigte Pfarrer Milch Wort und Werk von Erzbischof Lefebvre und grenzte seine eigene Position einerseits gegenüber den halbkonservativen Verteidigern des modernen Rom und andererseits gegenüber den Sedisvakantisten ab. Dieser Priester war eine Anlaufstelle für Repräsentanten all dieser Strömungen, und da er die Briefe, die ihn in großer Anzahl erreichten, nicht alle persönlich beantworten konnte, nahm er häufig in seinen Spesunica-Briefen zu den betreffenden Problemen Stellung, weshalb diese auch als ein Spiegel der Vielfalt der Positionen betrachtet werden können, die es nach wie vor gibt. So wurden einige seiner Briefe aus dieser Lebensphase zu großen Lehrbriefen. In diesen ging es nicht nur um die Vertiefung des Glaubenswissens und um die Analyse der Ursachen der heutigen Kirchenkrise, sondern er versuchte auch mit aller Energie und Wortgewalt die Gläubigen zu Gebet und Opfer dafür zu bewegen, dass die von ihm so oft beschworene totale Wende in der Kirche beschleunigt herbeigeführt werde. Höchst eindringlich stellte er den Gläubigen vor Augen, dass ihr Einsatz unverzichtbar sei und er ihrem Leben eine ungeahnte Bedeutung geben könne, wenn sie ihr Dasein gerade jetzt, in dieser existenzbedrohenden Krise der Kirche, für die Belange des Reiches Gottes einsetzten. Nachdem Pfarrer Milch nach seiner Suspendierung zunächst kein Kirchenraum mehr zur Verfügung stand, führte er bis zu vier Glaubenskundgebungen im Jahr durch, und zwar meist im Konzertsaal Eltzer Hof zu Mainz. Über 20 [!] Glaubenskundgebungen hielt er allein an diesem Ort. Außerdem initiierte er 1980 eine Glaubenskundgebung in der Schwarzwaldhalle zu Karlsruhe, wo er die kursierenden Irrlehren formulierte und gemeinsam mit den Gläubigen diesen Irrlehren, mit einem zuvor verteilten Text, abschwor.

Pfarrer Milch im Jahr 1982

Weitere Glaubenskundgebungen fanden in Soest und Lübeck statt. Darüber hinaus nahm Pfarrer Milch an der Großkundgebung der Priesterbruderschaft St. Pius X. in der Olympiahalle zu München im Jahre 1983 teil. Kein zweiter Priester des Weltklerus in Deutschland hat in der nachkonziliaren Zeit eine vergleichbare Aktivität dieser Art entwickelt. Wir sahen, dass Pfarrer Milch einen großen Einsatz für die Belange des Reiches Gottes von den Gläubigen forderte. Aber er forderte nicht nur einen großen Einsatz von ihnen, vielmehr gab er ihnen nicht nur geistige, sondern auch seelische Kraft zu diesem Einsatz, indem er ihnen Trost und Zuversicht zusprach. Er war ja nicht nur ein Löwe auf der Kanzel und am Rednerpult. Seine Predigt war nicht weniger faszinierend, wenn er leise Töne anschlug. Dann erzeugte er eine Atmosphäre der Intimität, in welcher der Hörer den Eindruck gewann, diese Worte seien allein an ihn gerichtet. So heißt es in einem nach Weihnachten geschriebenen Brief: „Noch ist es Weihnachtszeit. ‚Die Finsternis ist im Schwinden begriffen, und schon leuchtet das wahre Licht!’, wie uns der heilige Evangelist (1 Joh 2,8) so unsagbar tröstlich und tief beruhigend versichert. Das milde Licht durchstrahlt den Raum der heiligen Mysterien und die Seelen der Einsamen, Treuen, Verlachten und Verlassenen. Es leuchtet im Leid derer, die das Unheil erkennen, welches in den Innenraum der Kirche eingebrochen ist. Es leuchtet in der Hoffnung der Unentwegten, die nicht aufgeben … Das wunderbare Licht strahlt dennoch – überall, wo die heilige Messe in ihrer gottgewollten überlieferten Weise gefeiert wird, wo die Sakramente gespendet werden im Zeichen des ewigen Willens der ewigen Kirche, wo die geoffenbarte Wahrheit um der Wahrheit willen verkündet wird, wo sich Beter seufzend verhüllen im Kämmerlein ihrer Seele, um dort den Bräutigam Christus in Seiner stärkenden Zärtlichkeit und himmlisch-kosenden Kraft zu erfahren, wo sie sich finden im gemeinsamen Leid, im Schoße der von ihren Söhnen im Stich gelassenen Mutter, im gemeinsamen Gebet und in der gemeinsamen Zuversicht, dass die leidende, Tränen vergießende himmlische Braut zugleich ‚die Siegerin in allen Schlachten Gottes ist’.“

3.5. Zum Tode von Pfarrer Milch

Dieser Seelsorger konnte sich in die Lage eines Bedrückten versetzen und von ihm her denken, weil er selbst ein überaus sensibler Mensch war. So verwirklichte er die Worte, die er einst geschrieben hatte: „Liebe heißt, sich in den anderen hineinversetzen, das mir begegnende Du als eine große Möglichkeit des Erlöstseins und Erlöstwerdens anzuschauen; als einen von Christus ins Auge Gefassten, als einen, dem das große Glück auch widerfahren kann. So begegne ich jedem, auch dem Verkommensten, dem äußersten Opfer all der Folgen, welche die Erbsünde mit sich bringt.“ Und so begegnete er auch Luigo Zito, jenem Menschen, der ihn am 8. August 1987 ermordete. Im zweiten Band meines Werkes über das priesterliche Wirken von Pfarrer Milch habe ich Verhaltensweisen von Zito geschildert, die keinen Zweifel daran lassen, dass er ein schwer geistesgestörter Mensch gewesen war. So tragisch die Umstände des Todes von Pfarrer Milch auch waren, so dürfen wir doch darauf vertrauen, dass dieser Tod eine große Sühnekraft besitzt, ereignete er sich doch in Ausübung seiner seelsorglichen Tätigkeit. In diesem Zusammenhang kommt mir ein von ihm verfasstes Gebet in den Sinn, dessen letzte Zeile lautet: „Hier bin ich, Herr! Hier ist mein Leben! Dass bald doch Wende werde! Amen.“ Ecce Sacerdos magnus, qui in diebus suis placuit Deo – „Sehet den großen Priester, der in seinen Tagen Gott gefiel“.

Zum Autor: Dr. Wolfgang Schüler, 1939 in Wiesbaden geboren, legte nach abgeschlossener Berufsausbildung 1964 das externe Abitur ab. Das Studium der Mathematik, Physik und Philosophie an den Universitäten Frankfurt am Main und München beendete er 1972 mit dem ersten Staatsexamen. Nach dem zweiten Staatsexamen unterrichtete er über dreißig Jahre am Abendgymnasium in Wiesbaden. 1981 erfolgte die Promotion in Philosophie an der Universität München bei Reinhard Lauth. Als Weggefährte von Pfarrer Milch, dem er sich zu tiefem Dank verpflichtet weiß, ist er bestrebt, das geistige Vermächtnis dieses unvergleichlichen Priesters zu erhalten. Zu diesem Zweck stellte er dessen Sonntagsbriefe in sechs Bänden sowie einen Band mit Gebeten zusammen und versah sie mit Einleitungen.

Veröffentlichungen: „Grundlegungen der Mathematik in transzendentaler Kritik, Frege und Hilbert“, Hamburg 1983, sowie drei kleinere Schriften „Das antikatholische Grundprinzip des Zweiten Vatikanischen Konzils“, „Die additistische Denkmethode als Instrument der Glaubenszerstörung“ und „Der Gegensatz zwischen dem traditionellen Selbstverständnis der Kirche Gottes und ihrem Selbstverständnis gemäß der Lehre des Zweiten Vatikanums“.

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Stelzer
Wer die normalen Kirchen- und andere Zeitungen liest wusste davon nichts, genau

Wie heute von den häretischen Kapriolen von Franziskus oder dem schrecklichen Marx.
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SvataHora
Dass er so grausam ermordet wurde, daran werde ich wohl immer wieder zu knabbern haben. Er gehört als Martyrer heiliggesprochen. Aber bevor unser Scheinpapst ihn "heiligsprechen" würde, würde er noch eher Judas Iskariot "heiligsprechen", als "1. Märtyrer des Klerikalismus"!
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Es besteht kein Zweifel daran, dass Hw. Pfarrer Milch ein tiefgläubiger, besonders gebildeter, moralisch integerer und rhetorisch außergewöhnlicher Priester war. Ein Problem bei ihm war seine Neigung zum Pathos (ein User hier hat das schon einmal zutreffend erwähnt) und sein Mangel an Diplomatie. So hat sich auch sein Verhältnis zu Monseigneur Lefebvre - wenigstens kurzzeitig - sehr verschlechter…More
Es besteht kein Zweifel daran, dass Hw. Pfarrer Milch ein tiefgläubiger, besonders gebildeter, moralisch integerer und rhetorisch außergewöhnlicher Priester war. Ein Problem bei ihm war seine Neigung zum Pathos (ein User hier hat das schon einmal zutreffend erwähnt) und sein Mangel an Diplomatie. So hat sich auch sein Verhältnis zu Monseigneur Lefebvre - wenigstens kurzzeitig - sehr verschlechtert, nachdem er mit einigen Seminaristen eine philosophische Gruppe namens Sophia gegründet hat, deren leitendes Mitglied der damalige Diakon Karl Stehlin war, was seitens des Seminars sehr ungern gesehen wurde.
piakatarina
@Alexander VI. Hmm, immer diplomatisch zu sein, um nicht als problematisch zu gelten... Eure Sprache soll ja ja - nein nein sein... Christus hat nicht mit der Welt- mit Feinde Gottes diplomatisch gehandelt...
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