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"DER HEILIGE DER LANDSTRASSE" Vortrag von Kaplan A. Betschart, Teil II

Anbeter des allerheiligsten Altarssakramentes

Das Zweite ist, was die Menschen unwiderstehlich zu diesem Heiligen hinzieht - und darauf gibt sein Biograph, Leon Aubineau, wohl die beste Antwort - :

“Das Gebet war in seinen Augen die wünschenswerteste Gnade, ohne die man keine Fortschritte im Dienste Gottes machen konnte. Deshalb, was er auch tun mochte, hörte er niemals auf zu beten. Das Gebet war seine Beschäftigung, sein Zeitvertrieb, seine Erholung und seine Wonne. Er gab ihm sein Herz, seine Kräfte, seine Zeit, alle seine Handlungen.”

Benedikt hatte Gott gefunden, und damit die höchste Erfüllung seines Verlangens nach Glückseligkeit. Obwohl mitten unter den Menschen, lebte er ein Leben völliger Innerlichkeit, der immerwährenden Anbetung.

“Man hatte niemals in dieser Weise (jemanden) beten sehen, und nichts hatte jemals eine deutlichere Idee von der Anbetung der Engel gegeben”,

wie Benedikts Beten, heisst es über ihn bei L. Aubineau.
Seine Kraft schöpfte er aus dem immerwährenden Gebet vor dem Tabernakel in irgendeiner Kirche. Unaufhörlich befand er sich in einem inneren Zwiegespräch mit Christus im Sakrament. Das ist das Geheimnis dieses Heiligen, der so stark mit seinem Herrn und Gott im Allerheiligsten Altarssakrament verbunden war, dass Zeit und Ort für ihn nicht mehr zu existieren schienen. Jede verstandesmässige Erklärung solcher Hingabe ist zum Scheitern verurteilt; sie ist nur dem gläubigen Herzen zugänglich.
Und wie war erst der Kommunionempfang des Heiligen! Darüber berichtet sein Biograph L. Aubineau: “Wer kann die Gefühle, wer den Jubel des Seligen, im Augenblick der sakramentalen Vereinigung mit seinem Gott, jemals schildern? Wenn der blosse Anblick des Tabernakels, wo das eucharistische Opfer verschlossen ruht, seine Seele von sich selbst und von allem Irdischen losriss, was war dann für ihn der Augenblick, wo Gott zu ihm kam, um seine dürstenden Lippen zu berühren, niederzusteigen in sein Herz, das einzig nach dem Brote des Himmels hungerte. Das Gefühl seiner Unwürdigkeit ging dann unter in seraphischen Gluten seines Verlangens. Der Selige brachte an den heiligen Tisch eine solche Glut, ein so sichtbares Verlangen, so zärtliche Anmutungen, dass man fast glaubte, sagte ein anderer Zeuge, er werde sich aufschwingen, um das eucharistische Brot desto eher zu empfangen. Sein Gesicht war überströmt von Tränen; in seinem Äusseren, in allen seinen Gesichtszügen lag etwas Leuchtendes und Strahlendes, was rührte, entzückte und tröstete. Man hatte niemals etwas Ähnliches erblickt. Die frommen Seelen, welche Zeugen dieser wunderbaren Erscheinungen waren, baten Gott um ein wenig von dieser Inbrunst; die Priester, welche die heilige Hostie auf diese Lippen legten, ... fühlten sich bewegt, ... zur Andacht hingerissen.
Als einer von ihnen eines Tages diesen schmutzigen und zerlumpten Bettler an der Kommunionbank erblickte, fürchtete er, es sei ein Mangel an Ehrfurcht gegen Gott, in solchem Anzug hinzutreten; kaum aber hatte er einen Blick auf das Gesicht des Kommunikanten geworfen, als er sich in die Gegenwart eines Seraphs versetzt glaubte, und alles andere vergass, in der Bewunderung solcher Inbrunst ...
Der liebe Gott bezeugte selbst, dass er diesen Bettler an sich zog, der so beharrlich war, seine göttliche Gegenwart zu betrachten, und dabei so voll Furcht vor seiner schrecklichen Majestät. Das göttliche Wohlgefallen, das den Bettler innerlich erleuchtete und verklärte, gefiel sich zuweilen, den Augen der Menschen den Glanz und die Strahlen des Lichtes zu zeigen, womit es ihn überströmte.”
Das erklärt auch die Intensität, mit der der Heilige gebetet hat, so “dass ihn Kirchenbesucher am Abend noch in der gleichen Stellung fanden, in der sie ihn am Morgen gesehen hatten, mit gefalteten Händen, seinen Blick auf den Tabernakel geheftet. Unbeweglich verharrte er in seiner knienden Stellung, und wenn bei der abendlichen Dämmerung die Kirchen geschlossen wurden, dann schien es 'nach den Ausdrücken eines Berichtes, als würde er einem Meer von Wonnen entrissen, um in die Flut der menschlichen Kümmernisse zurückgestossen zu werden'” (W. Nigg). Benedikt Labre bekam an den Knien Wunden und starke Geschwülste, “die wie kleine Brotlaibchen aussahen”. Doch achtete er der entsetzlichen Schmerzen nicht.
Ein Geheimnis seines Betens war die beständige Betrachtung des Leidens Christi. Dies erinnert an den hl. Bruder Klaus von Flüe, der den Frieden seiner Seele bei den heftigen Widerwärtigkeiten, die ihm der Satan bereitete, aus der Betrachtung des Leidens Christi gewann. L. Aubineau schreibt über Benedikt Labre: “Das lebendige Gefühl des Leidens Christi war bleibend bei dem Seligen. Dasselbe war der Gegenstand fast aller seiner Betrachtungen; es war das Ziel und die Kraft seiner Gebete, und seine Beschauungen knüpften sich immer daran. Durch die Beschauung des bitteren Leidens, sagen seine Beichtväter, drang er ein in die tiefsten Geheimnisse Gottes, und er schaute die Herrlichkeit der Allerheiligsten Dreifaltigkeit.
Als demütiges und gehorsames Kind der Kirche, folgte er übrigens allen Gedanken, welche sie der Andacht der Gläubigen darbietet. Er hütete sich sorgfältig, sein Gebet von den Verdiensten und Absichten dieser Braut Jesu Christi zu trennen. Er folgte andächtig an ihrer Hand, dem Kreis der Gedächtnistage und Feste, welche sie im Laufe des Jahres begeht. Aber an all diese Feste schloss sich für ihn durch ein Gefühl der Liebe und des Dankes, auf eine oder andere Weise, immer das bittere Leiden. Er lasse keinen Tag vorübergehen, ohne die heiligen Wunden des Erlösers zu besuchen, sich darin zu verbergen und eine Zuflucht darin zu suchen. Er sah in der Krippe den zarten Körper des göttlichen Kindes ausgestreckt auf dem Kreuze, blutüberströmt, mit Dornen gekrönt, mit Lanze und Nägeln durchbohrt und betete Ihn an.”

Als ein Priester ihn einmal prüfte, gab er - die anfangs zitierte - Antwort:

“Wenn ich die Dornenkrönung betrachte, fühle ich mich erhoben zur Dreifaltigkeit Gottes.”

Der Priester entgegnete ihm in hochmütigem Tone: “Was verstehst du, ein ungebildeter Mensch von diesem Geheimnis?” Darauf gab Benedikt die wundervolle Antwort:

“Ich verstehe nichts davon, aber ich bin hingerissen.”

Im religiösen Leben ist nie das verstandesmässige Wissen entscheidend, sondern allein die Ergriffenheit, das Glühen, die vollkommene Hingabe an Gott. Gerade weil Benedikt alles verstandesmässige Durchforschen des Religiösen weit hinter sich gelassen hatte, stand der Heilige “ganz in Gott vertieft und in den Abgrund des eigenen Nichts versunken da; mit seiner glühenden Hingerissenheit zum sakramentalen Jesus sicher manchen Priester beschämend, der seine Messe mechanisch und ohne inneren Schauer las”, schreibt der Protestant Walter Nigg.

Ganz bei sich drinnen

Wo der Heilige hinkam, zog es ihn mit tausend Kräften zum Tabernakel, um den gegenwärtigen Herrn anzubeten. Benedikts Glut der Anbetung steigerte sich zu regelrechten Ekstasen, deren er sich entsetzlich schämte und sie mit ganzer Kraft zu verbergen suchte, was ihm nicht immer gelang.
Während einer solchen Ekstase entstand das berühmt gewordene Porträt. Man kann dieses Bild nicht ansehen, ohne das Versunkene und Ekstatische dieses wundervollen Antlitzes gewahr zu werden. Man nannte es schon ein “paradiesisches Angesicht”, das eingetaucht scheint in die Flammen der Gottesliebe. Man kann es nicht vergessen, dieses “stille, beseligte und rätselhaft schmerzvolle Gesicht”, wie der Dichter Reinhold Schneider schrieb. Man muss es immer wieder anschauen, um zu spüren, wie dieser Mensch in sich hineingehorcht hat, um Gottes Stimme zu vernehmen. Dieses Bild zeigt eindrücklich, dass Benedikt “nicht draussen war, sondern ganz bei sich drinnen, er befand sich völlig in der Geborgenheit Gottes”, schreibt W. Nigg.
Welch kostbares Gut, das der zerstreute, nervöse und zerfahrene Mensch von heute verloren hat; ein Verlust, der sich durch nichts ersetzen lässt. Es ist für uns von lebensnotwendiger Bedeutung, diese Innerlichkeit wieder zu erlangen. Sie ist wie ein schützender Turm jenes innersten Geheimnisses, das darin besteht, dass der Dreifaltige Gott in unserer Seele wohnt, wenn sie nicht von einer schweren Sünde belastet ist. Der Herr selbst hat uns dies verheissen:

“Wenn jemand Mich liebt, wird er Mein Wort halten, und Mein Vater wird ihn lieben, und Wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen” (Joh 14,23).

Hier können wir Gott immer begegnen, auch in den dunkelsten Stunden unseres Lebens, wenn Kreuz und Leid uns zu erdrücken drohen. Aber wir können Gott nur in der Stille begegnen, nicht im Getöse der Welt, und nicht im Lärm der Wünsche und Begierden. Gott im Innersten unserer Seele zu suchen, um ganz bei IHM zu sein, ist die nützlichste Beschäftigung, deren wir uns hingeben können.
Der hl. Benedikt Labre, auf der Suche nach Gott, wurde so sehr von IHM erfüllt, dass es gegen Ende seines Lebens sogar für die Umgebung sichtbar wurde. Gelegentlich wurde er bei der Anbetung des Allerheiligsten vom Haupt bis zu den Füssen in strahlendhelles Licht eingetaucht, damit seine innere Herrlichkeit für alle Welt sichtbar werde. Ein Priester als Augenzeuge berichtet:

“Plötzlich erleuchtete sich sein Angesicht mit strahlendem Lichte, so hell und glänzend, dass es zu brennen schien. Feuerfunken rieselten von dem Kopfe des Bettlers auf die Steinplatten herab.”

Walter Nigg schreibt: “Diese Strahlen waren ein Symbol für die Lichtfülle, die in diesem armseligen Menschen lebte, der sich von den Speiseüberresten auf den Abfallhaufen ernährte und gleichzeitig sich unaufhörlich in der Nähe Gottes befand.”
Die Gegenwart des eucharistischen Herrn im Hause Gottes erfüllte Benedikt Labre mit tiefster Ehrfurcht. Eines seiner überlieferten Worte lautet:

“Wenn die Seraphim das Antlitz mit ihren Flügeln verhüllen, was soll der Mensch, dieser Erdenwurm, in Gegenwart dieser Majestät tun? ... Man beleidigt Gott, weil man Seine unendliche Grösse nicht kennt ... Die Unehrerbietigkeiten in der Kirche sind Ursache, dass wir die Gott, dem Allmächtigen, schuldige Ehrfurcht sogar in Seinem Hause verlieren. Die Unehrerbietigkeiten in der Kirche sind Fehler, die Gott sehr missfallen, die Engel in Schrecken versetzen und der Seele grossen Schaden zufügen.”

Was würde wohl der Heilige heute sagen, wenn er mit ansehen müsste, wie Gläubige in die Kirche kommen, keine Kniebeuge mehr vor dem Allerheiligsten machen, sich gleich hinsetzen, ihre Banknachbarn begrüssen, so als ob sie zu einem Kino- oder Theaterbesuch kämen? - Aber sind vielleicht nicht auch wir Priester an diesem Verhalten der Gläubigen mitschuldig, weil wir ihnen die Ehrfurcht vor dem gegenwärtigen Gott in unseren Kirchen nicht mehr glaubhaft vorleben?

Benedikt Labres Gabe der Bilokation

Der Herr belohnte die Treue Seines Dieners Benedikt. Er schenkte ihm die Gabe der Bilokation, damit der Heilige auch unter erschwerten Umständen die Anbetung des Allerheiligsten fortsetzen konnte. Unter Bilokation “ist das gleichzeitige Wahrnehmbarwerden einer lebenden Person 'in körperlicher Gestalt' an zwei verschiedenen Orten” zu verstehen (L. Monden). Die Tatsache der Bilokation beim hl. Benedikt Labre ist gut bezeugt. Wilhelm Schamoni berichtet darüber in seinem Buch “Wunder sind Tatsachen”, indem er sich auf die Heiligsprechungsakten stützt: “In der bereits 1787 erschienenen Positio super introductione sagte Herr Leopold Clavelli, Herbergsvater eines Armenhospizes, 69 Jahre alt, aus (S. 234):
Bezüglich der (ewigen) Anbetung des heiligsten Sakramentes, die Benedikt täglich besuchte, muss ich erklären, dass mir nach seinem Tode von vielen gesagt wurde, der Diener Gottes sei öfter gesehen worden, wie er nachts vor dem Allerheiligsten in der Kirche der Santissima Trinita de' Pellegrini gebetet habe. Dies habe ich dem hochw. Herrn Mancini berichtet, der mir bestätigt hat, er habe es ebenfalls von verschiedenen Personen gehört. Ich habe jedoch dem Herrn Mancini versichert, wie ich in aller Wahrheit jetzt Ihnen, hochwürdigste Exzellenzen, versichere, dass Benedikt in der ganzen Zeit, in der er in dem unter meiner Sorge stehenden Hospiz geschlafen hat, stets pünktlich zur festgesetzten Stunde angekommen ist, und dass er die Herberge erst am nächsten Morgen verlassen hat. Ich habe ihm niemals die Erlaubnis gegeben, das Haus vor dem Morgen zu verlassen, er hat auch nicht um sie gebeten, wie er auch ohne meine Erlaubnis nicht das Haus zu nächtlicher Stunde verlassen konnte. Denn eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang verschliesse ich mit dem Schlüssel das Haus. Ich behalte den Schlüssel immer bei mir, und ich habe ihn noch nie jemand ausgehändigt. -
Herr Paul Mancini, Kleriker, Verwalter des Armenhospizes, 60 Jahre alt, sagte aus (aaO., S. 235):
Ich habe von verschiedenen Personen, an die ich mich, ausser an den hochw. Herrn Marconi, nicht erinnere, gehört, dass unser Diener Gottes nachts, auch nach Mitternacht, gesehen wurde, wie er in jenen Kirchen, in denen das heiligste Sakrament ausgesetzt war, betete. Ich verstehe nicht, wie sich eine solche Tatsache vereinbaren lässt mit dem, was der Herbergsvater und die Armen des Hospizes mir versichert haben, dass nämlich Benedikt unfehlbar jeden Abend zur vorgeschriebenen Stunde, das ist gegen 24 Uhr, im Hospiz erschien, wo er schlief und das er erst am andern Morgen nach dem gemeinsamen Gebet verliess. -
Frau Magdalena Majo, Maestra Pia (Schulschwester), etwa 30 Jahre alt, sagte aus (aaO., S. 359):
Nach seinem Tode habe ich erfahren, dass er die letzten zwei, drei Jahre seines Lebens in dem Hospiz des hochw. Herrn Mancini geschlafen hat und keine Nacht dort gefehlt habe. Zur selben Zeit habe ich gehört, der Diener Gottes sei in der Nacht von Heiligabend 1782 im Gottesdienst der Kirche Madonna dei Monti gewesen. Darum hielt man dies für ein Wunder. Ich wusste, dass in jener Nacht zwei meiner Gefährtinnen, nämlich Lukrezia Minaccioni und Maria Trojani, die jetzt Schulschwestern in Subiaco sind, in diese Kirche gegangen waren. Um mir Gewissheit zu verschaffen, habe ich ihnen geschrieben, sie möchten mir mitteilen, ob sie mit Sicherheit Benedikt in dieser Nacht in dieser Kirche gesehen hätten. Bald darauf antwortete mir Lukrezia Minaccioni, die es zugleich auch im Namen von Maria Trojani bezeugte, dass sie ihn wirklich in dieser Nacht in dieser Kirche gesehen hätten, er habe teilgenommen an der Christmette und der Mitternachtsmesse, und sie hätten auch gesehen, dass Benedikt das Santo Bambino geküsst habe. Nach meiner Kenntnis der beiden Schwestern kann ich nicht in Zweifel ziehen, was sie mir geschrieben haben.”

Das Sterben des Heiligen

Gegen Ende seines Lebens hielt sich Benedikt Labre fast nur noch in Rom auf, weil er diese Stadt der Apostel- und Martyrergräber, der vielen Kirchen und Kapellen liebte, und weil er hier in den Scharen der Pilger am besten untertauchen konnte. Vielleicht wollte er auch hier sterben. Denn seine Kräfte nahmen zusehends ab. Er war ausgemergelt, seine Augen waren tief eingesunken, öfters überfielen ihn Ohnmachten. Trotzdem hielt er sich immer in den Kirchen auf. Es schien, als ob er in der Nähe des Allerheiligsten sterben wollte, dessen Anbetung sein Leben gegolten hatte. Es war ihm dies jedoch nicht vergönnt.
Kirche S. Maria dei Monti

Als Benedikt eines Tages ohnmächtig auf den Stufen der Pfarrkirche des “Monti”-Viertels - Sta. Maria dei Monti - liegen blieb, trug ihn ein frommer Metzgermeister in sein nahegelegenes Haus (Via Serpenti 3), wo er wegen seiner Bewusstlosigkeit nicht einmal mehr die Hl. Kommunion empfangen konnte. Benedikt hatte vor allem in diesem Viertel gebetet und in strenger Askese gelebt. Und hier gab er in grösster menschlicher Armseligkeit seine Seele dem Schöpfer zurück, nachdem er kaum fünfunddreissig Jahre alt geworden war. Es war Karfreitag, der 16. April 1783. Kaum war er verschieden, als auf der Strasse die spielenden Kinder laut zu rufen anfingen:

“Der Heilige ist gestorben! Der Heilige ist gestorben!”

Von den Kindern, von den Unmündigen also wurde zuerst seine Heiligkeit ausgerufen, von ihnen wurde er erkannt. Die Nachricht ging wie ein Lauffeuer durch Rom. Jedermann wollte ihn noch einmal sehen, ihn, der zu Lebzeiten von vielen verachtet worden war. L. Aubineau schreibt: “Die Menge, die von allen Seiten zu Fuss und zu Wagen herbeikam, war nicht zufrieden, bis zu dem gesegneten Leichnam vorzudringen. Sie begab sich zu dem Fleischer, um das Zimmer zu sehen, wo der Heilige gestorben war. Sie ging bis zu dem evangelischen Hospiz, die Herberge zu ehren, wo ihm die christliche Liebe so lange Zeit eine arme Zuflucht gewährt hatte. Man war überall genötigt, Massregeln gegen das gewaltsame Eindringen und auch gegen die Begehrlichkeit des populären Enthusiasmus aufzustellen. Aber der Zulauf vom Karfreitage und vom Samstage war noch nichts gegen das, was man am Ostersonntag sah. Trotz der Erfahrung der letzten Tage und trotz aller Massregeln, die man genommen, wurde man buchstäblich überschwemmt. Es war an diesem Osterfeste unmöglich, die Messe und Vesper in Sta. Maria dei Monti zu singen. Die Menge war völlig von Sinnen, weinte, betete, jauchzte dem Heiligen zu und wollte ihn sehen. Nicht allein die Kirche war überfüllt, auch die benachbarten Strassen waren es von Sonnenaufgang an.”
Und “als der Tote zu Grabe getragen wurde, konnten die aufgebotenen Soldaten nur mit Mühe die Ordnung in der unübersehbaren Menschenmenge aufrechterhalten, und die Prozession glich mehr einem Triumphzug als einem Leichenbegängnis” (W. Nigg).

Grab des Heiligen in der Kirche S. Maria dei Monti

Die Lehre des Heiligen

Der hl. Benedikt Labre hatte in seinem Leben nicht viel geredet. Aber ein Wort ist uns u. a. überliefert, das wie ein geistliches Testament ist. Auf die Frage, wie man am sichersten zu einer grossen Gottesliebe gelange und welches die sichersten Zeichen dafür seien, antwortete er:

“Um Gott so zu lieben, wie es sich geziemt, muss man drei Herzen in einem einzigen haben. Das erste Herz muss ganz Feuer für Gott sein und uns antreiben, dass wir beständig an Gott denken, beständig von Gott reden, beständig für Gott handeln und die Leiden, die Er uns sendet, während unseres ganzen Lebens geduldig ertragen.
Das zweite Herz muss ganz Güte gegen den Nächsten sein und uns bewegen, ihn in seinen körperlichen Bedürfnissen durch Almosen zu unterstützen, und ihm in seinen geistlichen Bedürfnissen mit Belehrung, gutem Rat, gutem Beispiel und Gebet beizustehen. Dieses Herz soll sich auch mitleidig der Sünder erbarmen, und insbesondere der Feinde und für sie zum Herrn beten, dass er sie erleuchten und zur wahren Busse führen wolle. Dieses Herz muss gegen die armen Seelen im Fegfeuer von einem frommen Mitleiden erfüllt sein, damit Jesus und Maria sie bald zur Stätte der ewigen Ruhe einführen wollen.
Das dritte Herz aber muss ganz Erz gegen sich selbst sein und uns bewegen, dass wir von jeder Art der Sinnlichkeit einen Abscheu haben, unserer Eigenliebe beständig widerstehen, dem Eigenwillen abschwören, den Leib durch Fasten und Enthaltsamkeit züchtigen und alle Neigungen der verderbten Natur meistern. Denn je mehr ihr euch selbst hassen und euer Fleisch kreuzigen werdet, desto grösser wird eure Belohnung in dem anderen Leben sein.”


Der Heilige hat uns dies in atemberaubender Weise vorgelebt. Seine äußere Lebensform nachzuahmen, ist uns nicht gegeben. Aber seiner geistlichen Botschaft müssen wir nachleben: Gebet und Busse. Ohne diese beiden Grundpfeiler christlichen Lebens ist es nicht möglich, die ewige Seligkeit zu erlangen. Vor allem soll uns das hinreissende Beispiel seiner immerwährenden Anbetung zu wahren Anbetern des Vaters “im Geist und in der Wahrheit” (Joh 4,23) machen. Diese Gnade, anbeten zu dürfen, ist heute im Zeichen des weltweiten Abfalles innerhalb der katholischen Kirche vom Glauben an das Allerheiligste Altarssakrament ein unerhörtes Geschenk. Der hl. Benedikt Labre möge es uns am Throne des allmächtigen Gottes erflehen!
Die Kirche hat diesen liebenswürdigen Heiligen im Jahre 1860 selig und 1881 heilig gesprochen. Sein Fest feiert sie am 16. April. In der Kirche Sta. Maria dei Monti in Rom, wo der Heilige begraben liegt, wird dieser Tag immer sehr festlich begangen. Im benachbarten Haus, wo Benedikt Labre gestorben ist, werden an diesem Tage im Sterbezimmer die ärmlichen Habseligkeiten des Heiligen gezeigt: sein zerschlissenes Habit, sein Brevier und seine wenigen Schriften; auch das Sterbebett und die Totenmaske.

Benedikt Labres Aufenthalte in der Schweiz

Der Heilige suchte auch mit einer gewissen Regelmässigkeit die Wallfahrtsorte in der Schweiz auf. Vom Elsass her kommend, besuchte er den Marienwallfahrtsort Mariastein im Kanton Solothurn, der von Benediktinerpatres betreut wird. Obwohl hier das Andenken an Benedikt Labre bis heute gepflegt wird - in den Jahren 1984/85 baute die Hoftgut Mariastein AG ein grosses Gebäude, dem sie den Namen “Benedikt-Labre-Haus” gab -, so sind interessanterweise im Kloster selber keine Erinnerungen an ihn lebendig geblieben.
P. Lukas Schenker gibt in einem Artikel in der Zeitschrift “Mariastein” (1985, Heft 6) als Gründe an, dass man vielleicht “den Pilger bei seinem tagelangen Beten in der Gnadenkapelle gar nicht gros beachtet oder ihn wegen seines unansehnlichen Äusseren auch etwas gemieden” hat. “Nicht in Mariastein, sondern in Metzerlen (das ist die politische Gemeinde, zu der das Kloster gehört. Anm. d. Verf.) fand Labre im Haus bzw. im Stall - er wollte kein Bett für sich - ein Nachtlager bei der Familie Gschwind (im sog. Meier-Haus, heute Gasthaus 'Rössli'). Wie oft er dort war, war nicht mehr festzustellen, ganz sicher mehrere Male. Auch über die genauen Jahreszahlen war bereits nichts mehr auszumachen, es müssen aber die ersten siebziger Jahre des 18. Jahrhunderts gewesen sein ... Auf Bitten Abt Motschis gab sich P. Leo Meyer von Metzerlen (1822-1906), der letzte Konventuale des aufgehobenen Zisterzienserklosters St. Urban, große Mühe, hier noch in Erfahrung zu bringen, was man noch erzählte ... P. Leo Meyer ... berichtet folgende Einzelheiten: 'So oft der heilige Pilger bei der Familie Gschwind logierte, wollte er sein Nachtlager nie im Hause selbst nehmen, sondern nur im Stall auf einem Bündel Stroh. Einmal kam der Heilige mit ganz zerrissenen Schuhen an; sofort rief die Hausmutter den Schuster, und am Morgen beschenkte sie den Heiligen mit neuen Schuhen. Dafür überbrachte ihr der Heilige das nächste Mal von Rom aus ein Geschenk bestehend in einem wollenen Gürtel, einem Sterbeglöcklein und einer Jerichorose. Der Heilige soll gesagt haben, dass der Gürtel und das Glöcklein in Rom hoch gesegnet worden seien, und sie sollen den Gürtel in der Sterbestunde anziehen, und das Glöcklein läuten. Diese drei Gegenstände wurden von der Familie Gschwind wie heilige Reliquien aufbewahrt und angewandt - und fanden sich beim Tode der Magdalena (1767-1828; Tochter der Familie Gschwind. Anm. d. Verf.) noch vor.'
Der Lehrer und alt Lammwirt von Metzerlen, Johann Meyer, gab Abt Karl die Auskunft: 'Mit seinem anständigen Benehmen und seinen erbaulichen Gesprächen gewann ihn diese Familie (Gschwind) lieb ...'”.
Im Kloster Mariastein gibt es heute noch eine Statue des hl. Benedikt Labre, ein Hinterglasbild, gemalt, als der Heilige sich bei der Familie Gschwind aufhielt und auf dem der Heilige als Bettler dargestellt ist, und als kostbares Andenken die Kopie der Totenmaske.

Über den Aufenthalt des Heiligen in der Innerschweiz berichtet Dr. Hans Koch, Zug, in “Christ und Kultur” vom 15. Oktober 1983: “Wir wissen von drei Besuchen bei der Gnadenstätte Maria-Einsiedeln im Finstern Walde in den Jahren 1775/76. Aus der Klosterküche holte er mit seiner kleinen Schüssel eine Suppe, und damit man sie nicht ganz füllen konnte, hatte er am Schüsselrand ein kleines Stück herausgebrochen. Tagsüber weilte er in der Klosterkirche in stillem Gebet und Betrachten der Leidensgeschichte des Herrn.”
P. Laurenz Hecht, Kapitular des Stiftes Einsiedeln, weiss dagegen in seiner Broschüre “Der selige Benedikt Joseph Labre” zu berichten, dass sich der Heilige fünfmal in Einsiedeln aufgehalten habe. Wir entnehmen daraus folgendes: “Im Jahre 1775 begab er sich in die Schweiz nach Maria-Einsiedeln, wo er den 13. März anlangte und ungefähr drei Wochen verblieb. Maria-Einsiedeln, dieser seit vielen Jahrhunderten durch viele Wunder und Gnaden weithin berühmte Wallfahrtsort, war nach Maria-Loretto dem Seligen einer seiner liebsten Wallfahrtsorte, deshalb er sich dorthin fünfmal begab, dort so gerne und lange verweilte und so große Mühe hatte, sich von dieser heiligen Stätte zu trennen. Die letzte Reise nach Maria-Einsiedeln machte er im Jahre 1776, wo er ungefähr den 12. Juli sich verabschiedete ...” In der sogenannten Beichtkirche (der Eingang ist innerhalb der Klosterkirche, vorne links) erinnert heute noch eine sehr schöne, große Statue an die verschiedenen Aufenthalte des Heiligen in Einsiedeln.

“Auf seiner Pilgerreise nach Einsiedeln weilte er auch im Zugerland. So übernachtete er einmal im zugerischen Oberwil. Über diesen Zuger Aufenthalt haben wir aus einer Chronik genauen Bericht: Es war um 1775, als am späten Abend auf dem Hofe St. Karl ein französischer Pilger in abgenutztem Kleide, einen Strick um die Lenden, sich einfand und um ein Nachtlager im Stalle bat. Man wies ihn nicht ab, obwohl niemand genau wusste, ob ein ausgemachter Bettler oder ein Heiliger hier nächtigte. Am folgenden Morgen soll der Stallknecht schon zu früher Stunde in den Stall gekommen sein und habe den Fremdling hellumstrahlt kniend im Gebet gefunden und sei darauf, erschreckt ob der Helle, ins Bauernhaus gelaufen. Wie der Knecht mit Vater Melk zurückkam, war der Lagerplatz leer und der Pilgrim verschwunden.
In Menzingen nächtigte Labre in der Euw, und darum stellte Pfarrer J. J. Röllin die dort später gegründete Waisenhausanstalt unter das Patronat des heiligen Pilgers” (Dr. Hans Koch, aaO.)

Labre-Kreuz: Geschenk an Familie Lusser

Auf seinem Pilgerweg von Rom nach Maria Einsiedeln - oder in umgekehrter Richtung - wurde Benedikt Labre auch in Altdorf von den Vorfahren der Familie Lusser, die an der Gotthardstrasse wohnten, gastlich aufgenommen. Das “Lusser”-Haus, das noch steht, trägt heute die Nummer 9. Der fromme Pilger nächtigte dann jeweils im Knechtehaus, das in der Erinnerung der Nachkommen der Familie Lusser als “Labre-Häuschen” weiterlebt.
Darüber gibt es im Familienbesitz eine kleine Dokumentation, darin folgendes aufgezeichnet ist: “Die folgenden Mitteilungen stammen von P. Dr. Hieronymus Haas aus Mariastein, der sie seinerseits von Dr. E. Wymann als zuverlässig erhielt: 'Später wurde dieses Häuschen (Die Eingangstüre wird zum Andenken an den Heiligen bis heute aufbewahrt (Anm. d. Verf.) ... anlässlich der Verbreiterung der Gotthardstrasse 1955 oder 1956 abgebrochen ... Die Klosterchronik von St. Karl (Kapuzinerinnenkloster in Altdorf. Anm. d. Verf.) enthält die Abschrift eines leider nicht gezeichneten Artikels aus dem 'St. Martinsglocken, Kirchenanzeiger der Erzpfarrei St. Martin'. Es wird hier berichtet, dass während einigen Tagen 'Benedikt Joseph Labre der glückliche Rivale des weltverachteten Franziskus ... im obern Hl. Kreuz (das erwähnte Kloster. Anm. d. Verf.) geweilt und gebetet' habe. Auch hatte der Heilige für Altdorf ein grosses Unglück vorausgesagt und dies der Magd Veronika Scheiber, die zum Lusserhaus gehörte, anvertraut. Beim Brand von Altdorf 1799 hätte man über diesem Knechtenhäuschen, wo Benedikt Unterkunft gefunden hatte, den Heiligen in Mannesgestalt gesehen, um das Unheil des Feuers abzuwenden. Tatsächlich wurde es mitsamt dem Lusserhaus vor dem Unglück bewahrt. Das Kloster besitzt ein schönes Gemälde (62x50) dieses Heiligen als Geschenk des Pfarrers J. Loretz, Bürglen.” Gemäß Auskunft des Klosters hängt dieses Bild im Arbeitsraum der Schwestern.
Zum Dank für empfangene Gastfreundschaft schenkte der Heilige den Vorfahren der heutigen Besitzer-Familie Lusser ein kleines handgemachtes Kreuz (Originalgrösse 9,5 cm), das auf je einer Seite folgende Inschriften trägt: “S PETRE ORA PRO N / S PAULE ORA PRO N.” Diese Inschrift mit den Namen der beiden Apostelfürsten weist mit grösster Wahrscheinlichkeit daraufhin, dass das Kreuz in Rom angefertigt worden ist. Am oberen Ende besitzt es eine kleine Öse zum Anbringen einer Kordel. Auf beiden Seiten ist es mit einer schlichten ornamentalen Ziselierung versehen. Die sechs(!) Kreuzesenden erweitern sich zu einem Halbkreis, der in einem angedeuteten Dreieck endet. Interessanterweise hat das Kreuz die Form des sogenannten “Romanos-Kreuzes” (Maastricht, 10. Jh.), das einen kleineren oberen und einen etwas längeren unteren Querbalken besitzt; oder die Form des sogenannten “Scheyrer-Kreuzes” (benannt nach der Benediktiner-Abtei Scheyern in Oberbayern; gegr. Anfang 12. Jh.). Nachbildungen dieses Kreuzes wurden gern zur Abwehr von Hagel und Unwetter im Freien aufgestellt.
So ist das Andenken an diesen so überaus liebenswürdigen Heiligen auch bei uns in der Schweiz noch da und dort erhalten geblieben.

A N H A N G

Der hl. Benedikt Joseph Labre war ein Mann des immerwährenden Gebetes. “Versunken in Betrachtung der unendlichen Grösse und Schönheit Gottes, hatte die Welt mit all ihrer Pracht keinen Reiz für ihn. In ihm flammte keine andere Begierde, als stets an Gott zu denken, Ihn zu loben und zu preisen, sich mit Ihm innerlich zu unterhalten, in Ihm allein seine Freude zu finden, dergestalt, dass sein innerliches Gebet gleichsam ein beständiges Gebet war und deshalb er selbst im vollsten Sinne des Wortes ein Mann des Gebetes genannt werden kann” (P. Laurenz Hecht OSB). Deshalb sollen im folgenden als Anhang sein Morgen- und sein Abendgebet publiziert werden. Diese beiden Gebete wurden nach seinem Tod unter seinen Papieren gefunden.

Das Morgengebet des Heiligen

Es ist ein ganz schlichtes, einfaches und vor allem ein selbstloses Gebet:
“O Gott, Schöpfer Himmels und der Erde, mein liebenswürdiger Erlöser! Ich sage Dir Dank für die unendliche Liebe, welche Du nicht nur mir, sondern allen Menschen erwiesen hast.
Ich liebe Dich über alles und ich will Dich an diesem Tag und alle Augenblicke meines Lebens lieben. Ich bitte Dich mir beizustehen, um Deinen heiligen Willen zu erfüllen, und ich bitte Dich fortwährend für alle Unglücklichen und Sünder. Ich will Dich heute den ganzen Tag für sie bitten, damit Du sie erleuchten und ihnen die Gnade der Versöhnung erteilen wollest. Ich will auch noch die Ablässe gewinnen, welche ich erwerben kann, um die armen Seelen im Fegfeuer zu befreien. Ja, erbarme Dich der Ungläubigen und der Sünder, Gib mir, o mein Gott, Deine Liebe; präge meinem Herzen tief die Zeichen Deines bitteren Leidens ein. Ich liebe Dich, mein göttlicher Jesus, und ich schenke Dir mein Herz.
Heilige Jungfrau! Bewahre mich heute und alle Tage meines Lebens vor jeder Sünde, damit ich nicht die Liebe meines Gottes verliere, den ich täglich und alle Augenblicke meines Lebens zu lieben wünsche. Ich danke dir, heilige Jungfrau, im Namen aller Gläubigen für die große Liebe, welche du zu ihnen trägst; ich danke dir hierfür auch für alle Gläubigen und Sünder; hilf ihnen, steh' ihnen bei, dass sie zu ihrem liebenswürdigen Gott zurückkehren. Sei heute und allezeit die Helferin aller! Amen.”

Das Abendgebet des Heiligen

Benedikt Joseph Labre schlief sehr wenig. Bevor er sich aber zum Schlafe niederlegte, machte er eine Gewissenserforschung und bat Gott demütig um Verzeihung für die Fehler, die er während des Tages begangen haben konnte. Seine Reue und seinen inneren Schmerz darüber drückte er mit folgenden Worten aus:
“O mein Gott! Du bist die höchste Güte. Deshalb reut es mich von Herzen, Dich beleidigt zu haben. Aus Liebe zu Dir, der Du mein höchstes Gut bist, fasse ich den festen Entschluss, den aufrichtigen Vorsatz, eher zu sterben als Dich jemals zu beleidigen.
Nun übergebe ich Dir, mein süsser Jesus, meine Seele und ich danke Dir, dass Du Dich heute meiner erbarmt hast. Ich will in dieser Nacht Dich immer und beständig lieben. Obgleich ich schlafe, übergebe ich meine Seele in Deine Hände. Ich empfehle Dir die armen Seelen im Fegfeuer. Hilf und erleuchte alle, die im Schatten des Todes leben, sowohl die Ungläubigen als die Sünder; ich bitte Dich für sie. Ich sage Dir Dank alle Augenblicke, mein göttlicher Jesus, dass Du mir das Leben bewahrt hast, damit ich Dich immer lieben kann. Noch mehr: ich will von ganzem Herzen in Deiner heiligen Gnade ruhen. Wohin kann ich das Herz, das Du mir gegeben, besser hinlegen als in das Deinige? Ja, in Dein heiliges Herz, o mein süssester Jesus, lege ich mein Herz nieder; ja darin will ich wohnen und nun meine Ruhe nehmen.
Heilige Jungfrau! Ich danke dir für alle Wohltaten, die du mir erworben hast. Ich empfehle dir die Seelen im Fegfeuer. Obgleich ich schlafe, will ich dich lieben für die Ungläubigen und Sünder. Stehe ihnen bei, damit sie bei deinem göttlichen Sohne Gnade finden. Endlich empfehle ich dir meine Seele und übergebe sie in deine Hände. Unter deinem Schutze, o heilige Jungfrau, will ich nun schlafen.”

Das kräftige Gebet

Als Benedikt Joseph Labre sich einmal fast fünf Stunden bei einer Kranken und deren Angehörigen in der italienischen Stadt Fabriano aufgehalten hatte, wollte er sich für die empfangene Gastfreundschaft erkenntlich zeigen und bat um ein Blatt Papier. Darauf schrieb er ein lateinisches Gebet und gab es den freundlichen Hausbewohnern mit der Versicherung, “dass, wenn sie es gläubig beteten, ihr Haus und die benachbarten Häuser vor Blitz, vor Feuersbrunst und Erdbeben bewahrt bleiben werden” (L. Aubineau). Dies traf dann tatsächlich beim Erdbeben im Jahre 1781 zu, von dem Fabriano heimgesucht wurde. Von da an wurde dies Gebet viel mehr geschätzt, gedruckt und sehr verbreitet und von Gläubigen sogar auf dem Herzen getragen als Schutz gegen Depressionen.
Benedikt Labre ist jedoch nicht selbst der Verfasser des Gebetes. Dieses - in lateinischer Sprache - verbreitete Gebet stammt ursprünglich aus Portugal und kam von dort nach Italien. In deutscher Übersetzung lautet es:

“Jesus Christus, König der Herrlichkeit,
ist im Frieden gekommen.
Das WORT ist Fleisch geworden.
Christus ist geboren aus Maria, der Jungfrau.
Christus schritt im Frieden mitten durch sie hin.
Christus ist gekreuzigt worden.
Christus ist gestorben.
Christus ist begraben worden.
Christus ist auferstanden.
Christus ist in den Himmel aufgefahren.
Christus siegt.
Christus regiert.
Christus herrscht.
Christus möge uns vor jedem Blitzschlag beschützen!
Jesus ist mit euch.
Vaterunser, Gegrüsst seist du, Maria, Credo, Gloria.”


P. Laurenz Hecht OSB kennt in seiner Broschüre “Der selige Benedikt Joseph Labre” eine Erweiterung dieses Gebetes, die vielleicht, wenn man den Inhalt des Gebetes betrachtet, vom hl. Benedikt Labre selbst sein könnte. Der Vollständigkeit wegen soll diese Erweiterung als Abschluss dokumentiert werden:
“1) Ewiger Vater! Erweise uns Barmherzigkeit um des Blutes Jesu willen. Bezeichne uns mit dem Blute des unbefleckten Lammes Jesu Christi, gleichwie Du Israel Dein Volk bezeichnet hast, um es von dem Tode zu befreien. Und du, Maria, Mutter der Barmherzigkeit, bitte und besänftige Gott für uns, und erwirb uns die Gnade, um die wir zu dir flehen. Ehre sei dem Vater.
2) Ewiger Vater! Erweise uns Barmherzigkeit um des Blutes Jesu willen. Errette uns aus dem Schiffbruch der Welt, gleichwie Du Noe aus der allgemeinen Sündflut errettet hast. Und du, Maria, Arche des Heiles, bitte und besänftige Gott für uns, und erwirb uns die Gnade, um die wir zu dir flehen. Ehre sei dem Vater.
3) Ewiger Vater! Erweise uns Barmherzigkeit um des Blutes Jesu willen. Befreie uns von den verdienten Strafen, gleichwie Du den Lot von dem Brande Sodomas befreit hast. Und du, Maria, unsere Fürsprecherin, bitte und besänftige Gott für uns, und erwirb uns die Gnade, um die wir zu dir flehen. Ehre sei dem Vater.
4) Ewiger Vater! Erweise uns Barmherzigkeit um des Blutes Jesu willen. Tröste uns in den gegenwärtigen Anliegen und Nöten, gleiwie Du Job, Anna und Tobias in ihren Trübsalen getröstet hast. Und du, Maria, Trösterin der Betrübten, bitte und besänftige Gott für uns, und erwirb uns die Gnade, um die wir zu dir flehen. Ehre sei dem Vater.
5) Ewiger Vater! Erweise uns Barmherzigkeit um des Blutes Jesu willen. Du willst nicht den Tod des Sünders, sondern dass er sich bekehre und lebe. Gib uns um Deiner Barmherzigkeit willen Zeit zur Busse, damit wir durch Erkenntnis und Reue unserer Sünden, die jedes Übel verursachen, im heiligen Glauben, in der Hoffnung, in der Liebe und im Frieden unseres Herrn Jesus Christus leben können. Und du, Maria, Zuflucht der Sünder, bitte und besänftige Gott für uns, und erwirb uns die Gnade, um die wir zu dir flehen. Ehre sei dem Vater.
6) O kostbares Blut Jesu, unserer Liebe! Rufe bei Deinem göttlichen Vater um Barmherzigkeit und Vergebung, um Gnade und Frieden für uns, für ... und für alle. Ehre sei dem Vater.
7) O Maria, unsere Mutter und unsere Hoffnung! Bitte für uns, für ... und für alle Menschen; und erwirb uns die Gnade, um die wir zu dir flehen. Ehre sei dem Vater.
8) Ewiger Vater! Ich opfere Dir auf das Blut Jesu Christi zur Sühnung meiner Sünden, für die Angelegenheiten der heiligen Kirche und für die Bekehrung der Sünder.
9) O unbefleckte Jungfrau Maria, Mutter Gottes, bitte Jesus für uns, für ... und für alle Menschen. Jesus und Maria, erweiset uns Barmherzigkeit!
10) Heiliger Erzengel Michael, heiliger Joseph, heiliger Petrus und Paulus, Beschützer aller Gläubigen der Kirche Gottes, und ihr alle Engel und Heiligen des Himmels, bittet und flehet um Gnade und Barmherzigkeit für uns, für ... und für alle Menschen. Amen.
Und du, Maria, Arche des Heiles, bitte und besänftige Gott für uns, und erwirb uns die Gnade, um die wir zu dir flehen. Ehre sei dem Vater.”

Quellenhinweis:

▸ Aubineau L., Das wunderbare Leben des seligen Bettlers und Pilgers Benedikt Joseph Labre, Mainz 1879.
▸ Barbieri P. / Pucci U. (Hrsg.), Rom und das katholische Italien, Rom-Einsiedeln-Zürich 1950.
▸ Buchberger M. (Hrsg.), Lexikon für Theologie und Kirche, Freiburg i. Breisgau 19312
▸ Hecht Laur. OSB, Der selige Benedikt Joseph Labre, Einsiedeln-New York 1860.
▸ Höfer J. und Rahner K. (Hrsg.), Lexikon für Theologie und Kirche, Freiburg i. Br. 1959, Sonderausgabe 1986.
▸ Hümmeler H., Helden und Heilige, Siegburg 1959.
▸ Koch H., Ein heiliger Vagabund; in “Christ und Kultur” als Beilage in der “Rorschacher Zeitung”, Samstag, 15. Oktober 1983.
▸ Nigg W., Des Pilgers Wiederkehr, Band 64 der Stundenbücher, Hamburg 1966.
▸ Schamoni W., Wunder sind Tatsachen, Würzburg-Stein am Rhein-Linz 19762.
▸ Schenker L., Der heilige Benedikt-Joseph Labre und Mariastein-Metzerlen; in: “Mariastein”, 31. Jg. 1985, Heft 6, S. 146-152.

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Don Reto Nay
Ich habe jahrelang in Rom gleich um die Ecke von Santa Maria ai Monti gewohnt. Ich wusste nicht, dass Benoît-Joseph Labre auch eine Schweizer Geschichte hatte.
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Eugenia-Sarto
Es freut mich, das Grabmal des heiligen Benedikt-Josef Labre in der Kirche St. Maria dei Monte in Rom hier wiederzusehen. Dort habe ich ihn mal gesucht und gefunden, nachdem ich seine wunderbare Biografie gelesen hatte.
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Vered Lavan gefällt das.