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Vom Segen des Gebetes - Predigt von Professor May

26. Mai 2019

Vom Segen des Gebetes

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Wir Menschen sind ganz und gar abhängig von Gott. Er ist unser höchster und unumschränkter Herr. Alles, was wir sind und haben, verdanken wir ihm jeden Augenblick, denn er erhält uns im Dasein. Wer betet, der anerkennt demütig die Herrschaft Gottes. Wer das Gebet verwirft, ist ein törichter Gernegroß. Er stellt in Abrede, wie sehr wir unserem Schöpfer und Erhalter tributpflichtig sind. Wir Menschen sind bedürftig und schwach. Das Gebet jedoch bewirkt, dass Gott uns seine Hilfe gewährt und dass er uns Wohltaten für Leib und Seele bereitstellt. Das Gebet ist in Wahrheit ein unerschöpflicher Brunnen heiliger Gnaden für jeden. Gott kennt alle Bedürfnisse. Er weiß um jede Not. Er ist auch gewillt, zu helfen, wenn der Mensch ihn anruft. Aber die Weise und den Termin der Erhörung lässt er sich nicht vorschreiben. Der bayerische Dichter Waggerl hat einmal geschrieben: „Gott hilft immer, aber er kommt manchmal eine Viertelstunde später als wir meinen, um unseren Glauben zu erproben.“ Gott erhört, aber seine Erhörung ist nicht bedingungslos. Man muss richtig flehen: secundum rationem salutis – nach der Ordnung des Heiles. Gott will uns zur Seligkeit führen, und er gewährt uns, was diesem Wege dienlich ist. Aber er hält uns davon ab durch Nichtgewährung, wenn wir um etwas bitten, was uns in die Hölle führt. Am vorigen Sonntag haben wir in der heiligen Messe so schön gebetet: „Lass mich lieben, was du befiehlst, und ersehnen, was du versprichst.“ Ja, wer so betet, der betet richtig. Gütig ist der Herr, wo er uns oftmals das nicht gibt, was wir wollen, damit er uns zuteilen kann, was wir lieber wollen sollten. Wenn wir nicht erhört werden, kommt es daher, dass wir nicht erbitten, was uns zum Heile ist. Man muss vertrauensvoll beten. Die heilige Katharina von Siena hat einmal in ihrem reichen Briefwechsel geschrieben: „Gottes Hilfe wird uns in dem Maße zuteil, als wir sie erhoffen.“ Man muss anhaltend beten. Das Wort: In der Kürze liegt die Würze gilt nicht für das Gebet. Durch anhaltendes Beten zeigen wir, wie viel uns an dem erbetenen Gegenstand liegt. Der Herr verwirft gewiss das Geplapper der Heiden. Aber damit meint er nur die vielfältige Weise, in der die Heiden von einem Götzen zum anderen gingen; das will er verworfen wissen.

Das Gebet hält das Böse fern und festigt die Tugenden. Ohne Gebet, meine Freunde, können wir den Versuchungen des Lebens nicht widerstehen. Wir können ohne Gebet nicht die Gebote auf Dauer halten. Wir können ohne Gebet nicht vor der schweren Sünde bewahrt werden. Beten aber überwindet die stärkste Leidenschaft. Ich habe schon manchmal Personen, die mit ihrer Libido zu ringen hatten, gesagt: „Wenn Sie die bösen Vorstellungen überfallen, dann rufen Sie sogleich zu Maria: Reinste Jungfrau, keuscheste Jungfrau, unversehrte Mutter, unbefleckte Mutter, hilf mir, bitte für mich.“ Diese Mutter vertreibt die Vorstellungen und lässt es nicht zur Versuchung kommen. Ich hatte einen Sportlehrer, der ein harter Mann war – wie man es ja damals wünschte, ein harter Lehrer. Aber aus gegebenem Anlass sagte er einmal etwas zu uns, was ich nie vergessen habe: „Jungs“, sagte er, „ich habe in meiner Jugend die Mutter Gottes verehrt, und ich bin dadurch vor jeder geschlechtlichen Verirrung bewahrt geblieben.“ Das hat auf uns einen großen Eindruck gemacht. Maria hilft, sie hilft immer.

Gewiss, der Mensch vermag auf Erden vieles zu leisten und vieles zu ertragen, und wir sollen auch vieles leisten und vieles ertragen, aber es gibt eben auch eine Grenze jeder menschlichen Kraft. Es gibt Stunden, wo auch ein sehr selbstsicherer Mensch seine Armseligkeit und Unzulänglichkeit zu spüren bekommt. Soll da der Christ verzagen? Wo findet der Hilfsbedürftige Halt? Im Gebet; im Gebet begegnen sich die menschliche Ohnmacht und die göttliche Allmacht. Bei diesem Kontakt springen die herrlichsten Lebensfunken auf, wie der Dichter sagt: „Strecke die Hand nur empor im Gebet! Gott fasst sie von oben, und die Berührung durchströmt dich mit geheiligter Kraft“ – so Emanuel Geibel. Vor einiger Zeit wurde in einer Trierer Klinik ein fünf Jahre altes Mädchen eingeliefert, das bei einem Autozusammenstoß arg verletzt worden war. Die Schwester wollte eben mit der Narkose beginnen, da fragte das Kind, was sie da habe. Die Antwort der Schwester war, das sei etwas zu riechen, dass es besser schlafen könne, um gesund zu werden. Da besann sich die Kleine einen Augenblick und sagte: „Wenn ich schlafen gehen soll, muss ich vorher beten.“ Dann faltete sie die Hände und begann: „Bevor ich mich zur Ruh begeb', zu dir, o Gott, mein Herz ich heb'.“ Ergriffen hielt die Schwester inne, und der Arzt, fast unwillig über den Aufenthalt, zögerte und ließ die Kleine gewähren. Und sie schließt ihr Gebet: „Dann schließ ich froh die Augen zu, es wacht ein Engel, wenn ich ruh'.“ Eine Seele, die nicht mehr betet, verkümmert in ihren besten Fähigkeiten. Sie unterbindet selbst die Adern der Kraft. Das Atmen ist für uns lebensnotwenig; wer nicht mehr atmet, erstickt. Das Gebet ist das Atmen der Seele, und man kann auch in der Seele ersticken, wenn man nicht betet. Viele Tausende sind innerlich dürr, schwach und erstorben geworden, weil sie es aufgegeben haben, zu beten. Wer nicht betet, zeigt Gott die kalte Schulter, weist seine Gnade ab, verliert die Verbindung mit ihm. Es trennt sich von Gott, wer sich nicht durch das Gebet mit Gott verbunden erhält. Wer dem Gebet aus dem Wege geht, geht geradewegs in die Versuchung. Ich kann nicht beten, sagen manche; das Wort ist eine Irrlehre. Du kannst immer beten, wenn du willst. Verspürst du Widerwillen gegen das Gebet, dann bete weiter, bete trotzdem, bete gegen dich.

Das Gebet weist uns den rechten Weg in unserer irdischen Lebenszeit. Wir sind oft ratlos, was wir tun sollen, was für einen Weg wir einschlagen sollen. Und in dieser Verlegenheit wenden wir uns an Gott, bitten ihn, uns die Entscheidung einzugeben, die nach seiner Vorsehung die richtige ist. „Am dunklen Scheidewege, da stehe betend still, lass raten dir und frage, wohin denn Gott dich will.“ Der Beter fragt: Herr, was willst du, dass ich tun soll? Und Gott erleuchtet ihn, dass er seine Möglichkeiten und seine Fähigkeiten erkennt und weiß, wohin er gehen soll. Der weise Kardinal Newman hat das schöne Gebet gesprochen: „Führe du, mildes Licht, im Dunkel, das mich umgibt, führe du mich hinan! Die Nacht ist finster, und ich bin fern der Heimat: führe du mich hinan! Leite du meinen Fuß – sehe ich auch nicht weiter: wenn ich nur sehe jeden Schritt.“ Das Gebet spendet auch Trost im Unglück. Der Psalmist schreibt: „Am Tage meiner Trübsal erhöre mich, o Gott.“ Und der Apostel Jakobus mahnt: „Ist jemand unter euch traurig, so bete er.“ Gar mancher wurde schon in Jugendtagen von Schicksalsschlägen getroffen, von Not heimgesucht. Aber das Gebet hat ihm über diese frühe Leidensphase hinweggeholfen. Das Gebet lehrt den Menschen das Leid verstehen und tragen. Theresia von Lisieux, die ja nun wirklich in ihrem kurzen Leben von Leiden geplagt war mit ihrer Miliartuberkulose, hat einmal geschrieben: „Das Kreuz war von der Wiege an mein Erbteil. Aber Jesus hat mich gelehrt, dieses Kreuz leidenschaftlich zu lieben.“ Im Jahre 1918 wurden in Riga von den Bolschewisten viele Christen getötet. Ein Mädchen, das unter ihnen war, hat gebetet: „Weiß ich den Weg auch nicht, Du weißt ihn wohl; das macht die Seele still und friedenvoll. Ist doch umsonst, dass ich mich sorg und müh, dass ängstlich schlägt mein Herz, ob spät ob früh. Weiß ich den Weg auch nicht, Du weißt die Zeit, Dein Plan ist fertig stets und liegt bereit.“ In der Welt, wo die Sünde herrscht, ist es nicht möglich, ohne Leid und Übel durchzukommen. Der Kummer begleitet unser Leben. Aber das Gebet träufelt Balsam ins Herz. Kein Engel des Himmels vermag die Tränen zu zählen, die im Gebet trockneten. Wir haben einen Gott, welcher der Tröster ist, der Paraklet, der Heilige Geist. Er vermag zu trösten, wo irdischer Trost versagt. „Tröster in Verlassenheit, Labsal voll der Lieblichkeit, komm, o süßer Seelenfreund! In Ermüdung schenke Ruh, in der Glut hauch Kühlung zu, tröste den, der trostlos weint.“ Wer das Gebet unterlässt, meine lieben Freunde, stößt die Leiter um, die zu Gott führt. Ohne das Gebet bleibt der Mensch Gott fern, gähnt ein Abgrund zwischen dem Endlichen und dem Unendlichen. Aber im Gebet erhebt sich der Mensch zum Himmel, und der Himmel senkt sich auf die Erde.

Ein Gebet, meine lieben Freunde, ist nach der Lehre der Kirche ganz unerlässlich, nämlich das Gebet um die Gnade der Beharrlichkeit im Guten bis zum glücklichen Ende. Augustinus war der Meinung, dass nur durch das Gebet von Gott erhalten werden kann, dass er den Tod nicht schickt, wenn man im Zustand der schweren Sünde sich befindet, sondern ihn erst dann kommen lässt, wenn die heiligmachende Gnade unsere Seele schmückt. Von einem guten Tod im Stande der Gnade aber hängt unsere Seligkeit ab. „Die Zeit geht hin, der Tod kommt her; ach, wer nur immer fertig wär'!“ Wir wissen nicht, ob wir den morgigen Tag erleben werden. Die meisten wiegen sich in Sicherheit: Mir passiert nichts. Ich bin gesund, ich kann noch lange auf dieser Erde wandeln. Lernen wir nichts aus den Erfahrungen der Menschen? Das Leben ist eine Lotterie, und in dieser gibt es nur einen Haupttreffer, und dieser heißt: der gute Tod. In den Klöstern der Franziskaner bestand früher – heute ist es meines Wissens nicht mehr so – der Brauch, mitten in fröhlicher Unterhaltung oder beim Arbeiten oder beim Essen, wenn die volle Stunde schlug, zu beten: „In der letzten Stunde, der Todesstunde, bitte für uns deinen Sohn, erwirk uns einen guten Tod, Maria, Jungfrau und Herrin.“ Das ist ein köstliches Geisteserbe des heiligen Franziskus, der den Tod stets als seinen Bruder begrüßte. So enden unsere Überlegungen über den Segen des Gebetes. In betender Haltung wird man uns wohl einmal in den Sarg legen. Man wird uns die fahlen Hände falten und des Heilands Kreuzbild in sie drücken. Wenn das keine trügerische Totenlarve sein soll, dann müssen wir betend durchs Leben gehen. Durch das Gebet erlangen wir einen seligen Tod.
Amen.

Predigt Professor May

Dr. Georg May, em. Professor für Kirchenrecht

Dr. Georg May, em. Professor für Kirchenrecht, kirchliche Rechtsgeschichte und Staatskirchenrecht, ist seit 1951 Priester. Kompromisslos in der reinen Lehre, und doch leicht verständlich, verkündet und erläutert er in seinen Predigten den katholischen Glauben. Sonntag für Sonntag fesselt er seine Zuhörer, die er in der Treue zum Glauben und in der Liebe zur Lehre der Kirche zu festigen versteht.

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www.glaubenswahrheit.org

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„Das Gebet hält das Böse fern und festigt die Tugenden.“
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„Ein Gebet, meine lieben Freunde, ist nach der Lehre der Kirche ganz unerlässlich, nämlich das Gebet um die Gnade der Beharrlichkeit im Guten bis zum glücklichen Ende. Augustinus war der Meinung, dass nur durch das Gebet von Gott erhalten werden kann, dass er den Tod nicht schickt, wenn man im Zustand der schweren Sünde sich befindet, sondern ihn erst dann kommen lässt, wenn die heiligmachende …More
„Ein Gebet, meine lieben Freunde, ist nach der Lehre der Kirche ganz unerlässlich, nämlich das Gebet um die Gnade der Beharrlichkeit im Guten bis zum glücklichen Ende. Augustinus war der Meinung, dass nur durch das Gebet von Gott erhalten werden kann, dass er den Tod nicht schickt, wenn man im Zustand der schweren Sünde sich befindet, sondern ihn erst dann kommen lässt, wenn die heiligmachende Gnade unsere Seele schmückt. Von einem guten Tod im Stande der Gnade aber hängt unsere Seligkeit ab. „Die Zeit geht hin, der Tod kommt her; ach, wer nur immer fertig wär'!“
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