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Der zwölfjährige Jesus - Predigt von Professor May

Der zwölfjährige Jesus

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Das jüdische Paschafest war die Erinnerung an den Auszug des israelitischen Volkes aus Ägypten dank der Heilstaten Gottes. Es hielt das Gedächtnis an das barmherzige Vorübergehen des Würgengels an den Häusern der Israeliten wach. Man versuchte bei dem Fest, die damalige Situation möglichst getreu nachzuspielen. Man schlachtete die Paschalämmer (Schafe oder Ziegen) im Vorhof des Tempels; ihr Blut wurde gegen den Brandopferaltar geschleudert. Das Braten und Essen geschah in den Häusern, und zwar bis Mitternacht. Das Paschafest war das große jüdische Wallfahrtsfest in der Osterzeit. Das Ziel der Wallfahrt war Jerusalem. Nach dem Buch Exodus sollte das Volk Israel, sollten die Männer drei Mal im Jahre vor Jahwe, dem Gott Israels, erscheinen. Die Pilgerreisen nach Jerusalem gehörten zu den Selbstverständlichkeiten des religiösen Lebens zur Zeit Jesu. Frauen waren nach dem Gesetz nicht verpflichtet, an der Wallfahrt teilzunehmen, aber sie durften es, und wie wir wissen, hat Maria sich an dem frommen Brauch beteiligt. Wer es irgendwie fertigbringen konnte, der feierte die Paschatage in der heiligen Stadt. Man gibt die Durchschnittszahl der Pilger auf Hunderttausend an. Von allen Seiten, aus der Diaspora kamen sie nach Jerusalem. Vergessen Sie nicht, dass in Jerusalem vierhundert Synagogen bestanden, je für die einzelnen Landschaften: Synode der Alexandriner, Synode derer aus Asien, Synode derer von Cyrene. Jerusalem war nach jüdischer Anschauung die Stadt des großen Königs. Wie es nur einen Gott gibt, darf es nur einen Tempel geben und darf es nur eine Stätte geben, wo geopfert wird, eben Jerusalem.
Josef war ein Gerechter, d.h. er nahm es mit den religionsgesetzlichen Vorschriften genau. Man darf deswegen dem Evangelisten Lukas trauen, wenn er schreibt, dass die Eltern die mehrtägige Reise von Galiläa nach Jerusalem nicht scheuten, sondern alljährlich zum Paschafest in die Stadt des Tempels eilten. Die Entfernung von Galiläa nach Jerusalem betrug etwa 200 Kilometer, je nach dem Weg, den man einschlug. Es führten drei Wege von Galiläa nach Jerusalem: der erste am Meer entlang, die Via Maris, der zweite am Jordan entlang und der dritte durch Samaria; das war der kürzeste Weg (135 Kilometer). Er führte stets durch bewohnte Gegenden und bot den Pilgern die Möglichkeit, ein Quartier für die Nacht zu finden. Das war wohl der gewöhnliche Reiseweg für die galiläischen Festpilger. Wenn sie jeden Tag 45 Kilometer zurücklegten, konnten sie in drei Tagen in Jerusalem sein. Es ließ sich nicht vermeiden, dass sie dabei durch samaritisches Gebiet kamen, und das war heikel, denn die Samaritaner waren ein Mischvolk, zusammengesetzt aus den nach der assyrischen Eroberung zurückgebliebenen Israeliten und aus Kolonisten, die von den Assyriern angesiedelt worden waren. Dieses Volk der Samaritaner wollte sich am Bau des Tempels, als die Juden nach der babylonischen Gefangenschaft zurückkehrten, beteiligen. Aber die Juden lehnten es ab. Seitdem herrschte bittere Feindschaft zwischen Juden und Samaritanern. Sie bauten sich einen eigenen Tempel auf dem Berg Garizim. Zur Zeit Christi war das Wort „Samaritaner“ ein Scheltwort. Man warf Jesus vor: Du bist ein Samaritaner. Die Juden pflegten mit ihnen keinen Verkehr, und die Samaritaner belästigten nicht selten die nach Jerusalem pilgernden Juden. Aber die Wallfahrt war an sich ein heiteres Fest: „Du sollst fröhlich sein an der Stätte, die Jahwe erwählt hat“, so heißt es im Buch Deuteronomium. Und im Psalm 122 steht das Wort: „Wie freute ich mich, als man mir sagte: Wir ziehen zum Hause des Herrn!“

Als Jesus 12 Jahre alt war, durfte er mitkommen. Für Josef gab es noch einen besonderen Grund, weshalb er zum ersten Mal Jesus nach Jerusalem mitnahm. Wir wissen ja, dass Josef mit seiner Familie zeitweilig in Ägypten weilte aus Furcht vor Herodes. Als er dann erfuhr, dass Herodes gestorben war und sein Sohn Archelaos an seiner Stelle regierte, da fürchtete er sich auch vor Archelaos, denn das war ein Mann, vor dem man sich fürchten musste. Archelaos war ein harter und grausamer Herrscher. Nach dem Tode seines Vaters, Herodes des Großen, verlangten die Leute eine Wendung der Regierungsweise. Die Räte des Herodes sollten abgesetzt werden, der Hohepriester sollte abgesetzt werden, und diese Stimmung, die im Volke brodelte, wurde allmählich gefährlich. Es kam zu einem Volksauflauf, und was tat Archelaos? Er ließ seine Truppen aufmarschieren, und dreitausend Juden wurden von seinen Reitern niedergehauen. Alle Feierlichkeiten zum Fest wurden abgesagt, die Pilger nach Hause geschickt. Jetzt also war Archelaos abgesetzt worden vom Kaiser Augustus, und das wird bewirkt haben, dass Josef erleichtert aufgeatmet hat. Jetzt konnte er den Knaben unbekümmert auf die Wallfahrt nach Jerusalem mitnehmen. Josef wird Jesus die Stadt gezeigt haben. Er war ja schon mehrmals dagewesen, und in Jerusalem war viel zu sehen und viel zu erleben: der großartige Tempel, den Herodes der Große erbaut hatte, die Synagogen, die Türme, die Burgen, die Mauern, die Tore. Salomon hatte neben dem Tempel noch viele andere Gebäude errichtet: die Hofburg mit der Thronhalle, den Königinnenpalast, das Zeughaus, die Priesterwohnung. Und Herodes bereicherte die Stadt nicht nur durch den großartigen Tempel, sondern auch durch die Burg Antonia, durch einen Palast, durch ein Theater und ein Amphitheater. In Jerusalem lag der Teich Bethesda. Viele Jahre später hat dort Jesus einen 38-jährigen Kranken geheilt. Die Ausgrabungen der „Weißen Väter“ haben gezeigt, dass es eigentlich zwei Teiche waren, zwei Teiche, die durch Säulenhallen umgeben waren. Das alles gab es zu sehen in Jerusalem; es war spannend, in Jerusalem zu sein.

Und Josef und Maria blieben während der ganzen siebentägigen Festzeit in der Stadt. Dazu war man nicht verpflichtet. Es war dem einzelnen Festbesucher überlassen, die Dauer seines Aufenthaltes in Jerusalem selbst zu bestimmen. Nur die Abreise durfte nicht vor dem Morgen des zweiten Festtages erfolgen. So machten sich die Emmausjünger erst am Vormittag nach dem ersten Festtag auf den Weg in die Heimat. Der Rückmarsch vollzog sich wie der Hinmarsch in losen Gruppen. Jesus ging aber beim Rückmarsch nicht an der Seite seiner Eltern. Sie waren nicht besorgt, sie nahmen an, er sei bei anderen Gruppen: bei Bekannten oder Verwandten. Als es aber Abend wurde und man sich um ein Nachtquartier umsehen musste, suchten ihn die Eltern und fanden ihn nicht. Sie wurden unruhig. Sie wollten nicht ohne ihn weitergehen. So kehrten sie um und stiegen noch einmal nach Jerusalem hinauf. Und auch dort fanden sie ihn zunächst nicht. Man darf nicht vergessen: Jerusalem hatte damals 25 000 Einwohner, dazu kamen die vielen Festpilger, die zurückflutenden Pilgermassen, Geschäftsleute, Viehtransporte, Polizeitruppen.

Nach dreitägigem Suchen fanden sie Jesus im Tempel. Der Tempelbezirk war ausgedehnt; es gab viele Hallen und Räumlichkeiten. Die östliche Halle am Punkte, wo man zum Kedrontal schaute, hieß die „Halle Salomons“, und sie wurde als Lehrhalle benutzt. Dort ist wahrscheinlich die Stelle, wo Maria und Josef Jesus fanden, in der Halle Salomons, die der Herr später noch öfters betreten sollte in seiner öffentlichen Tätigkeit. Im antiken Judentum war das Paschafest die Zeit der biblischen Lehrgespräche. Jeder jüdische Hausvater hatte die Pflicht, mit seinen Kindern am Paschafest die Einzelheiten des Pascharituals durchzusprechen und ihren Sinn zu erklären. Es gab einen regelrechten Paschakatechismus. Dem häuslichen Paschaunterricht folgte die Fortsetzung in den Synagogen, im Synagogenunterricht. Und die höchste Stufe in den Paschagesprächen war die Unterweisung durch die Rabbinen im Lehrhaus zu Jerusalem. Josef hat sicher den Paschakatechismus mit Jesus durchgenommen. Aber ebenso natürlich ist es, dass Jesus noch viele Fragen auf dem Herzen hatte und seine erste Reise dazu benutzte, um bei berühmten Lehrern zu hören und ihnen Fragen vorzulegen. Das Lebensalter Jesu steht dem nicht im Wege. Mit 12 Jahren konnte man das Studium in Jerusalem beginnen. Jesus hörte also zu und befragte die Gesetzeslehrer; das war seine erste Tätigkeit. Er konnte und wollte lernen. Aber dabei blieb es nicht. Er redete auch, er gab auch Antworten und fiel auf. „Alle, die ihm zuhörten“, schreibt Lukas, „waren außer sich über seinen Scharfsinn und seine Antworten.“ Die übliche Bibelübersetzung drückt sich milder aus: Sie verwunderten sich, oder sie staunten. Lukas schreibt etwas anderes: Alle waren außer sich. Das bedeutet, dass Jesus zwar ein hochintelligenter, aber kein braver, sondern ein aufregender Schüler war, über dessen Fragen und Antworten die Leute schon damals in Aufruhr kamen. Vermutlich haben die Eltern Jesu zunächst einmal zugehört, was sich dort abspielte beim Fragen und Antworten. Ihr Eindruck war erregend. Maria und Josef waren entsetzt – jawohl, das Wort steht in der griechischen Bibel: Sie waren entsetzt. Warum denn entsetzt? Es muss ein Schrecken für sie gewesen sein, ihren Sohn in dieser Gesellschaft und bei dieser Tätigkeit zu sehen. Einmal war er noch sehr jung für die Teilnahme an Lehrgesprächen über die höchsten Dinge. Er war auch kaum vorbereitet für eine qualitativ hochstehende Kontroverse. Vermutlich war den Eltern auch die Aufregung, die ihr Sohn verursachte, peinlich. Es wäre ihnen lieber gewesen, wenn der Aufenthalt in Jerusalem unauffällig gewesen wäre. Sodann dürften manche seiner Äußerungen in den Ohren der Anwesenden erregend, vielleicht schockierend gewesen sein. Das mag für seine Fragen ebenso gegolten haben wie für seine Antworten. Das Entsetzen der Eltern kann sich schließlich darauf gerichtet haben, dass er den Schriftgelehrten widersprach. Es scheint sich eben hier vorzubereiten, was in der öffentlichen Tätigkeit Jesu offenbar wurde: das Erstaunen, die Verwunderung, die Betroffenheit, ja das Entsetzen, das Jesus immer wieder hervorgerufen hat. Als er in Kapharnaum einen Besessenen heilte, da sprachen alle: „Was ist das? Das ist eine neue Lehre mit Vollmacht!“ Sie waren betroffen. Als Jesus darlegte, dass der Eingang ins Himmelreich nur jenen offenstehe, die den Willen des himmlischen Vaters tun, da waren die Volksscharen entsetzt über seine Lehre. Als Jesus den Jüngern darlegte, dass es schwer sei für die Reichen, in das Himmelreich einzugehen, da waren die Jünger betroffen und erschrocken. Als die Sadduzäer ihm eine Falle stellten, um ihn in Verlegenheit zu bringen, bezüglich der von ihnen geleugneten Auferstehung der Toten, da fertigte sie Jesus in einer glänzenden Zurückweisung ab. Die Dabeistehenden waren entsetzt – jawohl das Wort steht da –, sie waren entsetzt über seine Lehre.

Wenn man diese Erwägungen anstellt, die ich jetzt versucht habe anzustellen, dann versteht man, dass Maria zu ihrem Sohn sprach: „Kind, was hast du uns so getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.“ Genauso aufregend wie die Worte Jesu im Kreis der Gelehrten ist seine Antwort auf die Vorhaltungen der Mutter: „Was habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?“ Er ist dies das erste Wort aus dem Munde Jesu, das uns aufbewahrt ist. Jesus zeigt sich erstaunt, dass die Eltern ihn gesucht haben, sie hätten doch wissen müssen, wo er ist: im Tempel, im Hause des Vaters. Dieses Wort des Zwölfjährigen enthüllt uns das letzte Geheimnis des Tempels, das Jesus in seiner Heilsbotschaft dem auserwählten Volke offenbaren sollte. Zum ersten Mal nennt er Gott „seinen Vater“, und zwar offenbar im Gegensatz zu den Worten „dein Vater“ im Munde seiner Mutter. Jesus sagt nicht im Hause unseres Vaters, sondern im Hause meines Vaters. Es ist das Offenbarwerden eines einzigartigen Verhältnisses zu Gott. Jesus weiß sich als Sohn Gottes im ureigensten Sinne. Keiner der Propheten des Alten Bundes, so stark auch ihr Glaube und so radikal auch ihre Hingabe an Gott war, keiner hat es gewagt, diesen Gott seinen persönlichen Vater zu nennen. Jesus tut es. Und das ist das Geheimnis seiner Person, das hier zum ersten Mal sich offenbart. Jesus kontrastiert das Haus Gottes in Jerusalem mit seinem Vaterhaus in Nazareth. Er kontrastiert seinen Vater im Himmel mit dem Vater Josef. Das verstehen die Leute nicht. Aber der Leser, der die Weihnachtsgeschichte kennt, ahnt, was gemeint ist; und Maria auch. Dieses Wort ist das Geheimnis des irdischen Lebens Jesu, das vor ihm liegt. Der Sohn des Vaters kann in alle Zukunft nicht anders als in dem sein, was seines Vaters ist. Es ist dasselbe, was der zum Manne herangewachsene Jesus später sagen wird: „Meine Speise ist es, den Willen meines Vaters im Himmel zu tun.“

Die Festzeit ist vorüber, Jesus und die Eltern sind wieder vereint und kehren gemeinsam in die Heimat zurück. Sie gingen hinab, wird gesagt, weil Jerusalem erhöht liegt. Er war seinen Eltern untertan. Wie selbstverständlich fügt er sich in seine Stellung als Kind. Jesus nimmt seine bisherige Tätigkeit auf. Er nimmt zu an Alter, Weisheit und Gnade bei Gott und den Menschen. Aber seine Mutter bewahrte all diese Worte. Und sie – das ist anzunehmen – hat es dem Evangelisten Lukas vermittelt. Alles, was Lukas von der ersten Pilgerreise Jesu nach Jerusalem berichtet, ist sachkundig und glaubwürdig, einleuchtend und folgerichtig. Das entscheidende Echtheitskriterium des Lukasberichts ist der mehrfache Hinweis auf die Schockwirkung, die Jesu Worte auslösen. Wir stehen auch hier auf sicherem geschichtlichen Boden. Unser Herr ist keine mythische Gestalt, er ist ein Mensch, der das menschliche Leben in seiner Breite und Tiefe durchschritten hat. Aber er ist der Mensch, der eine einzigartige Beziehung zu Gott, dem Allherrscher, hat. In ihm hat sich Gott selbst auf dieser Erde gegenwärtiggesetzt. Von ihm konnte Johannes in seinem Evangelium schreiben: „Wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des Eingeborenen vom Vater, voll der Gnade und Wahrheit.“
Amen.

Predigt Professor May

Dr. Georg May, em. Professor für Kirchenrecht

Dr. Georg May, em. Professor für Kirchenrecht, kirchliche Rechtsgeschichte und Staatskirchenrecht, ist seit 1951 Priester. Kompromisslos in der reinen Lehre, und doch leicht verständlich, verkündet und erläutert er in seinen Predigten den katholischen Glauben. Sonntag für Sonntag fesselt er seine Zuhörer, die er in der Treue zum Glauben und in der Liebe zur Lehre der Kirche zu festigen versteht.

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www.glaubenswahrheit.org

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