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Auferweckung des Hieronymus Genin auf die Fürbitte des hl. Franz von Sales

Franz war einer der Hauptträger der religiösen Erneuerungsbewegung in Frankreich nach den Religionskriegen. Er stammte aus Savoyen (geb. bei Thorens am 21. 8. 1567). Mit der hl. Johanna Franziska von Chantal gründete er den Orden von der Heimsuchung. Der Heilige war ein unermüdlicher Prediger, großer Theologe und religiöser Schriftsteller, ein hervorragender Seelenführer und Bischof von außerordentlicher Strahlkraft. Er starb am 28. 12. 1622 zu Lyon.

Aus „Pouvoir de Saint François de Sales, ou miracles et guérisons opérés par le saint évêque, tirés du procès de sa canonisation et de pièces authentiques“, ohne Verfasserangabe wohl von dem ersten Kloster der Heimsuchung in Annecy 1865 herausgegeben, bringe ich eine Erweckung, die am 28. April 1623 geschehen ist und weit und breit bekannt wurde. Sie ist als Wunder für die Heiligsprechung anerkannt worden, und die Kanonisationsbulle von 1665 geht kurz auf sie ein (nr. 16). In dem Buche sind nur die wichtigsten Zeugen ausführlich angeführt (S. 35–52). – An den Heiligsprechungsfeierlichkeiten in Annecy, Mai 1665, nahm der Auferweckte teil (M. Hamon, Vie de St. François de Sales, Paris (39)1922, II, 595).


Der folgende Text ist wiedergegeben aus: Auferweckungen vom Tode. Aus Heiligsprechungsakten übersetzt von Wilhelm Schamoni. Selbstverlag 1968 (Auslieferung: Josefs-Buchhandlung, Hauptstraße 55, 5787 Olsberg 1), S. 91 bis 98; dort S. 83–90 die S. 131 erwähnte Auferweckung der Fräulein de la Pesse. Zu dem folgenden Wunder sei aus dem Anhang (a.a.O., S. 122) zitiert:

Der Tod durch Ertrinken ist besonders sicher feststellbar. Man hat sich den Vorgang in dieser Weise zu denken (nach Dettling-Schönberg-Schwarz, Lehrbuch der Gerichtlichen Medizin, Basel 1951, S. 273 und 295): Der Reiz, den die Kälte des Wassers bei dem Hineingestürzten auslöst, bewirkt eine tiefe Einatmung, die um so tiefer geht, ja kälter das Wasser ist: In die oberen Luftwege dringt Wasser ein. Darauf wird etwa eine halbe bis eine Minute die Atmung angehalten. Der Mensch kann die Atemnot nicht mehr länger aushalten, d. h. Sauerstoffmangel und Anhäufung der Kohlensäure lösen vom Atemzentrum her starke und tiefe Atembewegungen aus. Der Körper versucht, eine halbe bis eine Minute besonders einzuatmen. In dieser Zeit tritt die Hauptmasse des Wassers in die Lunge ein, es dringt bis in die feinsten Luftwege. Sofort darauf setzen unter Krämpfen und Zuckungen des Körpers Bemühungen ein, vor allem auszuatmen. Spätestens jetzt kommt es zur Bewußtlosigkeit. Die Pupillen weiten sich, die Augen treten glotzend vor. Es folgen ein minutenlanger Stillstand der Atmung, darauf ein paar gewaltsame, tiefe, kurz dauernde Inspirationen, teilweise in größeren Abständen, und der Mensch ist tot. Der Tod durch Ertrinken tritt gewöhnlich in vier bis fünf Minuten ein, nach vorausgegangener körperlicher Ermüdung gewöhnlich eher, bei wiederholtem Auftauchen kann es etwas länger dauern. Wiederbelebungsversuche versprechen am meisten Erfolg in den Anfangsstadien, wenn noch wenig Wasser in die Lungen eingetreten ist. Nachträglich können sich verschiedene Störungen und Nachkrankheiten einstellen, wie Delirien, Krampfzustände und Gedächtnisausfälle, Entzündungen der Bronchien und der Lunge. Die zuerst genannten Folgen ergeben sich aus der außerordentlichen Empfindlichkeit der Gehirnzellen, die keine längere Absperrung von der Sauerstoffzufuhr vertragen als sechs Minuten, ohne daß nicht wiedergutzumachende Schädigungen eintreten.

Aussage des Franz Genin, Steuereinnehmer und Amtsschreiber von Ste. Hélène-du-Lac, in der Diözese St. Jean de Maurienne, Savoyen:

Im Jahre 1623 wohnten mein Bruder Hieronymus und ich bei Herrn Claudius Puthod, Pfarrer von Les Ollières im Gebiet von Genf, Diözese Genf. Unsere Eltern hatten uns dort in Pension gegeben, damit wir unter Anleitung des Herrn Claudius Crozet, des Vikars von Herrn Puthod, Latein lernen sollten.

Am letzten Tage des Monats April im Jahre 1623 war mein Bruder schwer von dem Herrn Claudius Crozet gezüchtigt worden, weil er seine Lektionen nicht gut gelernt hatte. Darauf faßten mein Bruder und ich den Entschluß, zu unseren Eltern zurückzukehren. Am gleichen Tage, ohne irgend jemand unser Vorhaben mitzuteilen, gingen wir am frühen Morgen los und kamen an den Fluß Fier, der von Les Ollières ungefähr drei kleine Meilen entfernt ist. Wir fanden den Fluß außerordentlich angeschwollen von dem Schnee, der einige Tage vorher reichlich gefallen war. Und da wir ihn auf drei Planken[1] überschreiten mußten, die in keiner Weise aneinander befestigt waren, zögerten wir darüberzugehen, aus Furcht für unser Leben. Aber die Angst, wieder in die Hände des Herrn Crozet zu fallen, ließ uns diese Furcht überwinden. Jedoch, bevor wir es wagten, fühlten wir uns angetrieben, uns der Fürbitte des ehrwürdigen Dieners Gottes Franz von Sales zu empfehlen, und nachdem wir uns hingekniet hatten, machten wir das Gelübde, wir würden, wenn wir unter seinem Schutze über den Fluß kämen, sein Grab besuchen und die Messe in der Kirche der Heimsuchung hören, in der sein Leib ruht. Nach diesem Gelübde wollte mein Bruder, welcher der ältere war, als erster hinübergehen, und er sagte mir, ich solle es unter keinen Umständen wagen hinüberzugehen, bis er nicht auf dem anderen Ufer sei. Er befürchtete, durch die Bewegung der schwankenden Bretter könnten der eine oder andere oder sogar wir beide zusammen in den Fluß fallen. Ich blieb also am Ufer, während er fast bis zur Mitte des Flusses gelangte, wo er schwindlig wurde und daneben trat und mit dem Gesicht auf die Bretter fiel und mit lauter Stimme rief: „Seliger Franz von Sales, rette mich!“ Ich hörte dies sehr genau. Ich eilte zwei oder drei Schritte auf die Bretter, um zu versuchen, meinem Bruder zu Hilfe zu kommen, soweit mein Alter und meine Kräfte es mir erlauben mochten. Aber vergebens! Denn im gleichen Augenblick fiel mein Bruder in den Fluß. Ich selbst war so erschrocken über seinen Fall, daß ich selbst auch auf die Bretter fiel, und ich war ebenfalls in Gefahr, das Leben zu verlieren. Da ich aber ziemlich nahe am Ufer war, rutschte ich, nachdem ich mehrere Male den Diener Gottes angerufen hatte, indem ich schrie: „Seliger Franz von Sales, rette mich“, auf dem Bauche bis zum Ufer, von dem ich hergekommen war, und nachdem ich mich aufgerichtet hatte, betrachtete ich den Lauf des Flusses, ob ich meinen Bruder sähe. Ich lief sogar das Ufer entlang ungefähr zweihundert Schritte, weinte und rief: „Mein Bruder, mein Bruder!“ Aber ich konnte nichts anderes sehen als seinen Hut, der auf dem Wasser schwamm, und der war schon sehr weit von mir weg.

Da ich sah, daß Weinen nichts nützte, kehrte ich nach Les Ollières zurück, um Herrn Puthod unser Unglück zu melden. Wie ich nun durch das Dorf Ornay ging, fragten mich einige Leute, die mich weinen sahen, nach dem Grunde meiner Tränen. Als ich es ihnen erzählt hatte, eilten sie an das Ufer des Flusses, während ich nach Les Ollières ging. Da ich weder Herrn Puthod noch Herrn Crozet fand, mußte ich bis zum Nachbardorf weitergehen, um Hilfe zu holen und zu bestellen, man möchte den genannten Herren Puthod und Crozet Bescheid von dem Unglück geben, das meinem Bruder zugestoßen sei, wenn sie wieder zurückkämen. Darauf kehrte ich wieder an den Fluß zurück. Ich fand dort mehr als dreißig Personen. Mehrere sagten mir, sie suchten schon über drei Stunden, ohne meinen Bruder entdecken zu können. Einige Zeit später sah ich einen gewissen Alexander Raphin kommen, begleitet von seinem Sohn und mehreren anderen aus dem Dorfe Ornay. Man sagte mir, er sei der beste Taucher in der ganzen Gegend. Er pflege zu tauchen und die Leichen der Ertrunkenen aus dem Fluß zu holen. Er habe schon eine ganze Anzahl solcher ans Land gebracht. Ich bat ihn unter heißen Tränen, meinen armen Bruder zu suchen, und ich versprach ihm, der Herr Pfarrer von Les Ollières, bei dem ich in Pension sei, werde es ihm reichlich wiedergutmachen.

Mehrere von den Anwesenden baten ihn ebenfalls darum. Er versprach, es zu tun, und fragte mich, an welcher Stelle mein Bruder hineingefallen sei. Nachdem er sie sich genau angesehen und die Tiefe gemessen hatte, zog er sich aus und sprang ins Wasser, wo er eine gute Viertelstunde, indem er immer wieder an die Oberfläche kam, um Luft zu schöpfen, tauchte. Da er nichts fand, stieg er aus dem Wasser, wobei er sagte, daß er nicht länger darin habe bleiben können. Nachdem er sich wieder angezogen und ein wenig Wein genommen hatte, wollte er gehen. Aber ich weinte so sehr, und diejenigen, die dabeistanden, baten ihn so dringend, daß er versprach, von neuem zu tauchen und nicht eher zu gehen, als bis er die Leiche meines Bruders gefunden habe. So sprang er, nachdem er sich lange ausgeruht hatte, an derselben Stelle wiederum ins Wasser und suchte nach allen Seiten. Dann ging er ein großes Stück weiter hinunter, ohne Erfolg, und gezwungen, aus dem Wasser zu steigen und seine Kleider wieder anzuziehen, sagte er von neuem, das Wasser sei zu kalt, als daß er noch länger suchen könne. Dann gingen alle, die herbeigekommen waren, mit dem Herrn Raphin den Fluß hinunter und hielten Ausschau, wo etwa der Körper festgehalten sein könnte. Schließlich, nach einer Stunde Suchen ungefähr, stießen sie in dem Dreh einer Krümmung des Flusses auf einen außergewöhnlich tiefen Kolk. Und der Herr Raphin und die anderen meinten, daß er vielleicht in diesem Wasserloch festliege. Darum entkleidete er sich wieder, und, nachdem er sehr lange getaucht hatte, kam er wieder hoch und rief: „Ich habe ihn gefunden!“ Dann stieg er aus dem Wasser und sagte, er könne nicht mehr, er müsse sich erst erholen, dann werde er nochmals tauchen und ihn bergen. Das tat er, er brachte ihn an einem Arme hoch unter sehr großer Anstrengung. Der Sohn des genannten Raphin stürzte sich ins Wasser, um seinem Vater zu helfen, und stieß den Körper vor sich her. Sobald er aus dem Wasser war, legte man ihn auf die Erde. Ich sah ihn so aufgedunsen und häßlich, daß er nicht mehr zu erkennen war. Die Anwesenden alle, weil sie ihn bewegungslos, ganz zerstoßen und blau sahen, sagten, er sei tot. Dann nahm ihn sich der Herr Raphin auf die Schulter und trug ihn in das Dorf Ornay und legte ihn in einer Scheune auf die Erde. Da aber der Herr Pfarrer von Ville gekommen war und ihn lange betastet hatte und keinerlei Bewegung feststellte, sagte er laut: „Er ist tot, daran kann man nicht zweifeln. Trotzdem, weil er bei Herrn Pfarrer von Les Ollières wohnt, kann man ihn nicht beerdigen, bevor dieser benachrichtigt ist und über das Begräbnis verfügt hat.“

Infolgedessen wartete man bis zum folgenden Tag. Inzwischen ließ Herr Pfarrer schon auf dem Kirchhof das Grab ausheben an der von ihm bezeichneten Stelle. Er fragte mich, ob es lange her sei, daß mein Bruder Hieronymus gebeichtet habe. Ich antwortete ihm, ich hätte gesehen, wie er am letzten Karsamstag bei Herrn Pfarrer von Les Ollières beichtete. Mittlerweile war dieser Pfarrer selbst angekommen, und als er diesen armen Leichnam sah, kniete er sich hin und betete sehr lange. Als er sich dann erhob, ging er auf mich zu und sagte mir diese Worte: „Wenn du und dein Bruder gehorsamer gewesen wäret, würden du und ich weniger Leid haben.“ Er sagte mir, ich solle mit ihm zu Herrn Pfarrer von Ville gehen, und bat diesen Herrn Pfarrer um den Trost, am nächsten Morgen das Beerdigungsamt halten zu dürfen. Dieser war einverstanden und lud uns zum Abendessen ein. Während der Mahlzeit ließen sie sich von mir alle Einzelheiten des Unglücks erzählen. Ich erwähnte ihnen in besonderer Weise das Gelübde, das mein Bruder und ich dem Diener Gottes gemacht hatten. Darauf versicherte Herr Puthod, er habe sich, während er bei der Leiche betete, angetrieben gefühlt, Gott zu bitten, auf die Verdienste seines Dieners Franz von Sales diesem jungen Menschen, der seiner Obhut anvertraut worden war, das Leben wiederzugeben, und daß, wenn die göttliche Güte sein Gebet erhören würde, er gelobt habe, an neun Tagen nacheinander in der Kirche, in welcher der Leib des Dieners Gottes ruht, die hl. Messe zu lesen. Gegen Ende des Abendessens kam ein gewisser Stephan Gonet aus Annecy und wollte Herrn Pfarrer von Ville fragen, ob er etwas nach Annecy mitzunehmen habe. Herr Puthod, der Pfarrer von Les Ollières, kannte den Herrn Gonet und erzählte ihm die Bedrängnis, in der er sich befand, und von den Gelübden, die mein Bruder und ich und später er dem Diener Gottes gemacht hätten. Dann bat er ihn, er möge, wenn er nach Annecy gekommen sei, noch bevor er in sein eigenes Haus trete, so freundlich sein und die genannten Gelübde am Grabe des Dieners Gottes darbringen. Der Herr Gonet versprach es, er fügte sogar hinzu, er werde eine Messe in dieser Meinung lesen lassen.

Nach dem Abendtisch gingen die beiden Pfarrer in die Scheune, in welcher der Leichnam lag. Sie ließen Weihwasser bringen und beteten die Totenvigil. Ich ging mit ihnen und wollte bleiben und die ganze Nacht bei meinem armen Bruder wachen. Aber der Herr Puthod wollte es mir nicht erlauben. Er brachte mich ins Haus des Pfarrers von Ville zurück, wo ich schlief und erst ziemlich spät aufstand wegen meiner großen Müdigkeit. Sobald ich aufgestanden war, kehrte ich mit Herrn Puthod in die Scheune zurück. Ich fand die Leiche meines Bruders noch unförmiger und häßlicher als am Vorabend. Herr Puthod betete sehr lange und ging dann. Eine Stunde später kam er zurück mit dem Herrn Pfarrer von Ville. Sie hatten Rochett und Stola angelegt und kamen mit Kreuz und Weihwasser, um die Leiche zur Beerdigung abzuholen. Jedoch in dem Augenblick, wie man sie in einen Sarg legen wollte (nach der Gewohnheit jener Gegend, wo man die Leichen von Ertrunkenen erst dann in den Sarg legt, wenn man sie zur Beerdigung heraustragen will), erhob mein Bruder einen Arm. Ich hörte ihn klagen und diese Worte sprechen: „O seliger Franz von Sales!“ Über diese Worte waren alle Anwesenden derart entsetzt, daß die einen davonliefen, andere in Ohnmacht fielen und die mutigsten riefen: „Ein Wunder, ein Wunder!“

Die beiden Herren Pfarrer faßten meinen Bruder an der Hand und hoben ihn hoch. Er war nun nicht mehr häßlich und unförmig, wie einen Augenblick vorher, sondern hatte sein gewöhnliches Gesicht. Als Herr Puthod ihn fragte, ob er ihn kenne, gab er diese Worte zur Antwort: „Ich kenne den seligen Franz von Sales, er ist mir erschienen und hat mir seinen Segen gegeben.“

Man ließ Wein bringen. Er wusch sich Sand aus dem Mund, den Augen, Ohren, der Nase. Man gab ihm ein Hemd. Man konnte feststellen, daß er an mehreren Stellen zerstoßen war. Mit geliehenem Zeug kleidete man ihn an. Seine eigene Kleidung war ganz naß und voller Schmutz. Danach erzählte er, wie ihm im Augenblick, in dem er erweckt wurde, der Diener Gottes in bischöflichem Gewand erschien, so wie er auf unsern Bildern gemalt ist, und habe ihm seinen Segen gegeben. Er habe ein strahlendes Antlitz gehabt und ihn sanft und gütig angeschaut. Darauf zogen wir uns mit dem Herrn Puthod nach Les Ollières zurück. Als wir angekommen waren, strömte alles zur Kirche, wo Herr Puthod das Tedeum anstimmte.

Vom Abend dieses Tages an aß und trank mein Bruder wie gewöhnlich. Wahr ist, daß er in dieser Nacht über heftige Schmerzen an den Schenkeln, den Armen und Füßen klagte, und der Herr Puthod und ich sahen die Verletzungen an seinen Gliedern. Die Schmerzen dauerten bis zu dem Tage, an dem Herr Puthod uns nach Annecy brachte, um unsere Gelübde am Grabe des Dieners Gottes einzulösen [4. Mai]. Als wir in die Kirche der Heimsuchung gekommen waren, ließ Herr Puthod meinen Bruder sich auf das Grab des Dieners Gottes legen. Nachdem er ungefähr eine halbe Viertelstunde darauf gelegen hatte, erhob er sich mit ungewöhnlichem Schwung, indem er sagte, die heftigen Schmerzen, an denen er vorher gelitten hatte, seien mit einem Schlage weg. Herr Puthod ließ eines der Hosenbeine hochziehen, und wir fanden, daß alle seine Verletzungen geheilt waren. Als wir in den Gasthof zurückgekehrt waren und Herr Puthod ihn sich entkleiden ließ, stellten wir fest, daß ihm keine Spur von all seinen blutunterlaufenen Stellen geblieben war. Sein Körper war genauso gesund und unverletzt wie vor dem Sturz. Wir blieben in dieser Stadt die ganzen neun Tage. Wir hörten dort die neun Messen, die Herr Puthod in der Kirche feierte. Nach dieser Novene kehrten wir sehr getröstet nach Les Ollières zurück. Die Erinnerung an das Wunder ist meinem Geist so tief eingeprägt geblieben, daß kein Tag vergeht, an dem ich Gott nicht dafür danke und mich der Fürbitte seines Dieners empfehle.

Herr Kanonikus Puthod, Pfarrer von Les Ollières zur Zeit des Wunders, erklärte in seiner an Einzelheiten reichen Aussage:

Am 29. April kehrte ich aus dieser Stadt Annecy in mein Pfarrhaus von Les Ollières zurück. Dort erzählte ich, nachdem ich die heilige Messe gefeiert hatte, Herrn Claudius Crozet, meinem Vikar, und den Brüdern Hieronymus und Franz Genin die Auferweckung von Fräulein de la Pesse. Die beiden jungen Schüler waren ungefähr 13 bis 14 Jahre alt, gebürtig aus der Pfarrei Sainte-Hélène-du-Lac in der Diözese Maurienne. Ihre Eltern hatten sie bei mir in Pension gegeben, damit sie unter Anleitung des Herrn Crozet die lateinische Sprache erlernen sollten. Die Auferweckung dieses jungen Mädchens auf die Fürbitte des Dieners Gottes Franz von Sales gab mir Gelegenheit, die beiden Schüler zu ermahnen, daß sie ihn verehren sollten.

Am folgenden Morgen, dem 30. April, brach ich kurz vor Beginn des Tages auf, um nach Thorens zu gehen, das ungefähr eine Meile von meiner Pfarrei entfernt liegt. Ich kehrte am gleichen Tag nach Les Ollières zurück, wo ich gegen 5 Uhr nachmittags ankam. Da stürzte der Küster der Pfarrei, namens Bénestier, auf mich zu und sagte mir, kurz nachdem ich nach Thorens gegangen sei, habe mein Vikar, Herr Crozet, den jungen Hieronymus Genin so heftig geschlagen, weil er nicht gut gelernt und seinen Aufsatz nicht gut geschrieben habe, daß Hieronymus und sein Bruder Franz, als Herr Crozet gegangen war, um einen Nachbarpfarrer zu besuchen, sich, ohne etwas zu sagen, auf- und davongemacht hätten, und daß, als sie über den Fluß Fier gehen wollten, in der Nähe des Dorfes Ornay, Hieronymus hineingefallen und ertrunken sei, ohne daß sein Bruder ihm habe helfen können. Den Küster hatte von dem Unglück Franz selbst in Kenntnis gesetzt, der nach Les Ollières gekommen war, um mich und meinen Vikar zu unterrichten. Da er aber weder den einen noch den andern fand, war er mit mehreren meiner Pfarrkinder zurückgegangen, um seinen Bruder in dem Fluß zu suchen, und war noch nicht wieder zurückgekommen.

Diese Nachricht überraschte mich aufs äußerste und zwang mich, sofort, ohne erst ins Pfarrhaus zu treten, nach Ornay zu eilen, wo ich gegen 6 Uhr abends ankam. Ich ging in eine Scheune, wo, wie man mir sagte, ich die Leiche des Hieronymus finden würde, die man kurz zuvor aus der Tiefe des Wassers gezogen hatte. Ich sah ihn wirklich lang auf dem Boden liegen und fand ihn so verunstaltet, daß ich ihn, wenn ich von dem Unglück nicht gewußt hätte, durchaus nicht wiedererkannt haben würde.

Ich sah auch Franz Genin, der bei dem Leichnam weinte. Als er mich sah, fiel er mir an die Brust und sagte: „Ach, Herr, mein Bruder ist tot!“

Ich wurde zur gleichen Zeit innerlich stark angeregt, Gott und seinem Diener Franz von Sales zu versprechen, daß ich, wenn es der göttlichen Güte gefallen würde, zur Verherrlichung dieses seines wahren Dieners diesem Leichnam das Leben wiederzugeben, neun Tage in dieser[2] Stadt Annecy bleiben würde, um an ihnen neun Messen in der Heimsuchungskirche zu feiern, wo sein Leib ruht. Ich machte dieses Gelübde in der Scheune, nachdem ich ein De profundis [ = Ps 129] für die Seelenruhe des Jünglings gebetet hatte. Darauf ging ich hinaus und zum Pfarrhaus der Pfarrei Ville, um dem Herrn Pfarrer einen Besuch zu machen, der mich zum Abendessen und für die Nacht einlud. Nach dem Essen beteten wir zusammen in der Scheune bei der Leiche das Totenoffizium. Die Nacht war schon gefallen. Dann kehrten wir zurück, um zu schlafen. Am folgenden Morgen kehrte ich gegen 6 Uhr in die Scheune zurück. Ich fand dort den Herrn Franz Genin und wies ihn an, sich noch schlafen zu legen bis zur Beerdigung seines Bruders. Ich blieb in dieser Scheune ungefähr zwei Stunden, in denen ich mein Brevier betete und mein oben berichtetes Gelübde erneuerte. Von dort ging ich in die Pfarrkirche, wo ich bei der heiligen Messe diente, die der Herr Pfarrer dort für den Verstorbenen zelebrierte. Danach beichtete ich bei ihm, und, da er mir erlaubt hatte, das Sterbeamt zu halten und die Beerdigung vorzunehmen, bereitete ich mich auf die heilige Messe vor. Dann gingen wir in Rochett und Stola mit dem Kreuz voraus, um die Leiche abzuholen. Mehrere Personen, die wir in der Scheune fanden, sagten uns, daß man es in der Nähe der Leiche nicht mehr aushalten könne, so übel rieche sie.

Sobald wir die Scheune [nach der Einsegnung der Leiche] unter dem Gesange der gewöhnlichen Psalmen verlassen hatten, hörte ich einen wirren Lärm, der von den 30 oder 40 Personen dieser Pfarrei herkam, die sich zur Teilnahme an dem Begräbnis versammelt hatten. Wir mußten stehenbleiben und hinter uns schauen. Da sah ich diese versammelten Gläubigen, die einen auf den Knien, andere die Arme zum Himmel erhoben, die meisten schrien: „Ihr Herren, herbei! Der Tote ist auferweckt!“ Ich kehrte in die Scheune zurück und ging sogleich auf den Körper zu, dessen Gesicht schon von einem der Beistehenden freigemacht war. Ich war erstaunt aufs äußerste, diesen jungen Mann voller Leben zu sehen. Sein Gesicht war so wie vor seinem Tode, die Augen offen, die Stimme ziemlich fest, besonders als ich ihn fragte, ob er mich nicht kenne. Er antwortete mir: „Ich kenne den seligen Franz von Sales, durch den ich auferweckt bin; und ich kenne auch Sie, Herr Pfarrer.“ Als ich ihn auf seinen Füßen stehen sah und wie er zu gehen anfing, da packte mich, ich gestehe es, ein solcher Schrecken, daß ich mich nicht auf den Füßen halten konnte. Ich mußte mich also auf die Knie fallen lassen. Mehrere der Anwesenden lagen ebenfalls da, das Gesicht zur Erde. Ich kann darüber nichts anderes sagen als nur diese Worte des Evangelisten: Stupor apprehendit omnes [Entsetzen packte alle: Lk 5, 26].

Nachdem ich mich endlich ein wenig von meinem Staunen erholt hatte, hörte ich Hieronymus Genin um Wasser bitten, um sich seinen Mund zu waschen, weil er, wie er sagte, voll von Sand sei. Man brachte ihm Wein, womit er sich den Mund, die Augen und Ohren wusch. Man ließ ihn ein anderes Hemd anziehen, und ich bemerkte, daß er an mehreren Stellen, auf den Schenkeln, den Füßen und Armen, blutunterlaufene Stellen hatte. Er beklagte sich auch wirklich über Schmerzen, die er fühlte. Man zog ihm Kleider an, die einer der Nachbarn ihm lieh. Die seinen waren noch naß und schmutzbedeckt. Ich gab dem genannten Alexander Raphin zwei Vierteltaler als Entgelt für die Mühen, die er, wie er und mehrere andere mir sagten, sich ungefähr vier Stunden an dem Fluß gegeben hatte.

Der Herr Pfarrer von Ville drängte uns sehr freundlich, bei ihm zum Essen zu bleiben. Aber die Eile, die ich hatte, den Auferweckten in meine Pfarrkirche zu bringen, um dort Gott zu danken für dieses große Wunder und um es meinen Pfarrkindern zu verkünden, ließen mich die Einladung nicht annehmen. Ich verabschiedete mich von ihm und der ganzen Gesellschaft, indem ich allen für die Liebe dankte, die sie Hieronymus Genin erwiesen hatten. Franz, sein Bruder, und ich kehrten zu Fuß nach Les Ollières zurück. Das erste, was wir taten, war, wir gingen in die Kirche, wo ich mit der Glocke läutete, um meine Pfarrkinder zusammenzurufen. Mein Vikar, Herr Crozet, war einer der ersten, der kam. Ihm folgten manche andere, denen ich das Wunder erzählte. Ich ermahnte sie, so gut ich konnte, den Diener Gottes Franz von Sales zu verehren, auf dessen Verdienste dieses Wunder gewirkt worden war. Dann stimmte ich das Tedeum an, das zur Danksagung gesungen wurde. Danach gingen wir ins Pfarrhaus, wo Hieronymus aß und trank wie sonst auch. In der folgenden Nacht fühlte er stärker die Schmerzen, welche ihm die verletzten Stellen verursachten, mit denen seine Schenkel, Füße und Arme bedeckt waren. Das hinderte ihn jedoch nicht, am andern Morgen aufzustehen und an seine gewohnte Arbeit zu gehen. Ich vergaß zu sagen, daß ich niemals gehört habe, daß Hieronymus, nachdem er aus dem Fluß gezogen war, Wasser ausgestoßen oder gebrochen hätte.

Am 4. Mai des genannten Jahres 1623 machten die Brüder Hieronymus und Franz Genin und ich uns gegen 5 Uhr morgens auf den Weg, um uns zur Erfüllung unserer Gelübde in diese Stadt Annecy zu begeben, zum Grabe des Dieners Gottes Franz von Sales.

Wir kamen dort gegen 9 Uhr morgens an. Ich feierte die hl. Messe, die erste der neun, die ich versprochen hatte, dort zu feiern. Ich reichte in ihr Hieronymus und Franz Genin die hl. Kommunion, und sofort, nachdem ich in der Sakristei meine Danksagung beendet hatte, ließ ich Hieronymus sich mit seiner ganzen Länge auf das Grab des Dieners Gottes hinlegen. Er blieb so ungefähr eine halbe Viertelstunde, währenddessen ich mit seinem Bruder Franz auf den Knien blieb. Am Ende dieser Zeit erhob er sich mit einem ungewöhnlichen Schwung, indem er uns genau diese Worte sagte: „Durch die Barmherzigkeit unseres Herrn sind meine Schmerzen plötzlich verschwunden.“ Aus diesem Grunde wollte ich seine Füße, seine Schenkel, seine Arme nachsehen, die ich an diesem selben Tage, bevor wir von Les Ollières fortgingen, noch ganz schwarz und blau gesehen hatte. Darum ließ ich ihn eines seiner Hosenbeine hochziehen, und ich sah, daß sein Fuß ohne jede schwarze und verletzte Stelle war.

Ich dankte Gott für diese Gnade. Und als wir in den Gasthof zurückgekehrt waren, untersuchte ich nochmals seinen ganzen Körper, und ich fand ihn ebenso gesund wie vor dem Sturz in den Fluß.

Wir blieben in Annecy die ganzen neun Tage, an denen ich die gelobten neun Messen zelebrierte. Danach kehrten wir nach Les Ollières zurück, wo die beiden Brüder bis zum Michaelisfest blieben. Zu diesem Zeitpunkt ließen ihre Eltern sie abholen, um sie auf das Kolleg von Chambéry zu schicken. Hieronymus ist jetzt Priester, Pfarrer von La Rochette in Savoyen, in der Diözese Maurienne. Er ist auch Richter am kirchlichen Gericht dieser Diözese. Ich weiß von ihm selbst, daß er oft das heilige Grab besucht hat, um Gott und seinem heiligen Diener Franz von Sales zu danken für all die empfangenen Gnaden.

Das ist alles, was ich zu diesem Fragepunkt bezeugen kann.

Nachbemerkung

Aus der Heiligsprechungsbulle Alexanders VII.:

Es steht durch öffentliche Verhandlungen, die in Unserem und der hl. Ritenkongregation Auftrag vorgenommen und mit Sorgfalt durchgeführt sind, fest, daß Hieronymus Genin, der vom Wasser verschlungen war, gerade als sein schon riechender und in einem Leichentuch eingehüllter Leichnam herausgetragen werden sollte, wieder lebendig wurde, die Arme erhob, zu sprechen anfing und Franz von Sales pries, der ihm im selben Augenblick, da ihm das Leben zurückkehrte, erschien im bischöflichen Gewand und mit gütigem und verklärtem Antlitz.

(Magnum Bullarium Laertii Cherubini, Luxemburgi 1727, VI, 224)

[1] Die Bezeichnung wechselt im Text. Hier steht das Wort chevron, das jene Balken bezeichnet, welche die Dachsparren tragen. Es dürfte sich um drei nebeneinanderliegende schmale, aber dicke, balkenähnliche Bohlen gehandelt haben. Im weiteren Text ist von Brettern oder Planken die Rede.

[2] Die Vernehmung fand in Annecy statt.

Aus: Wilhelm Schamoni, Wunder sind Tatsachen. Eine Dokumentation aus Heiligsprechungsakten, 2. Auflage, Würzburg/Stein am Rhein/Linz 1976, S. 126-134.