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Gebetstag der "Frau aller Völker", 21. Mai 2016 - Predigt - VON S. E. JOACHIM KARDINAL MEISNER

PREDIGT
VON S. E. JOACHIM KARDINAL MEISNER,
EMERITIERTER ERZBISCHOF VON KÖLN,
BEIM GOTTESDIENST IN DER MITSUBISHI ELECTRIC HALLE IN DÜSSELDORF
AM 21. MAI 2016

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Eines der vielgebrauchtesten und oft missbrauchtesten Worte heißt „Liebe“. Die Liebe sucht die Nähe des Menschen, und zwar nicht in vornehmer und akademischer Distanz, sondern wirkliche Liebe will dazwischen sein, zwischen den Menschen. Lateinisch heißt „dazwischen sein“ „inter-esse“. Interesse ist also nur ein anderer Name für Liebe. Das Wort Gottes, der ewige Sohn, ist aus der seligen Gemeinschaft der heiligsten Dreifaltigkeit herausgetreten und hat mitten unter uns in der Welt gewohnt. Denn Gott hat ein brennendes Interesse an uns Menschen. Die erste und wichtigste Mitarbeiterin bei diesem Vorgang ist Maria. Gott hat, weil er die Liebe ist, Maria wirklich dazwischengenommen und sie interessiert, zwischen Himmel und Erde zu leben. Das Wort ist Fleisch geworden durch den Heiligen Geist aus Maria, der Jungfrau, so bekennen wir im Glaubensbekenntnis. Gott ist so sehr am Menschen interessiert, dass er Maria in sein Interesse hereingezogen hat: „Ich bin die Magd des Herrn“ (Lk 1,38), antwortet Maria. Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter wird Maria in der Gestalt dieses barmherzigen Menschen sichtbar. Dort gehen der Priester und der Levit an dem unter die Räuber gefallenen Menschen vorbei. Sie hatten kein Interesse an ihm. Der Samariter aber bleibt stehen. Er bückt sich zu dem unter die Räuber Gefallenen herab und gießt Öl auf seine Wunden, denn ihn interessiert dieser Mensch. So hat Gott in Maria der Welt einen solchen barmherzigen Samariter geschenkt, der bei jedem, der unter die Räuber gefallen ist, stehenbleibt, sich herabneigt und Öl auf seine Wunden gießt.

1. Maria ist von Gott für seinen Weg zu den Menschen wirklich „dazwischengenommen“ worden. Und weil es die Freude Gottes ist, bei den Menschen zu sein, brauchte er jemand, der seine Freude an den Menschen teilt und sich von ihm in den Dienst nehmen lässt, indem ihn alles interessiert, was den Menschen betrifft und bewegt. Darum ist Maria überall auf der weiten Erde dazwischen, wo es Menschen gibt. Maria ist gleichsam die Mitgenossin und Mitbewohnerin der Menschen aller Regionen der Welt geworden. Damals war sie in Bethlehem eine Bethlehemitin, in Nazareth eine Nazarenerin, in Ägypten eine Ägypterin, in Jerusalem eine Jerusalemerin. In Tschenstochau ist sie den Polen eine Polin, in Altötting den Deutschen eine Deutsche, in Kevelaer den Rheinländern eine Rheinländerin, in Mariazell den Österreichern eine Österreicherin, in Guadalupe den Mexikanern eine Mexikanerin. Man könnte alle Länder der Erde marianisch durchdeklinieren.

In der Familie Mariens wurde uns die marianische Kurzformel ihrer Gegenwart unter allen Menschen geschenkt, indem Maria hier verehrt wird als „Frau aller Völker“. Maria ist ausdrücklich vom Herrn bei den Menschen angesiedelt worden, indem der Herr selbst den Menschen vom Kreuz herab an die Nähe Mariens bindet. Im Hinblick auf Maria sagte er dem Apostel Johannes unter dem Kreuz: „Siehe, deine Mutter“ (Joh 19,27). Maria war von Anfang an die Lösung der vielen menschlichen Probleme. Ich erinnere mich noch sehr gut an meine eigene Kindheit: Der Vater war im Krieg gefallen, die Mutter musste für uns vier Söhne täglich zur Arbeit gehen. Wenn der älteste Bruder, der schon in der Berufslehre war, nach Hause kam und wir drei jüngeren Brüder ohne Mutter in der Wohnung waren, fragte er immer: „Ist denn noch niemand da?“ Wir drei waren doch da, aber das zählte offenbar nicht, es fehlte die Mutter! Sie war der gute Geist in unserer Familie. Einfach durch ihr Dasein schuf sie eine Atmosphäre des Wohlbefindens und des Wohlwollens. Und darum warteten wir alle jeden Abend, bis die Mutter endlich von ihrer schweren Arbeit zurückkam. Und dann erst fühlten wir uns zu Hause und geborgen. Sie gibt uns die Gewissheit, dass wir angenommen und geliebt sind. „Ist denn noch niemand da?“, wird oft in unseren Familien und Völkern gefragt. Für eine Mutter gibt es keinen Ersatz. Darum können wir als Christen auf Maria nicht verzichten

Der gute Geist Europas und der gute Geist der Welt ist Maria. Sie ist wirklich da! Sie lebt in den einzelnen Nationen zwischen den Menschen. Sie ist besonders sichtbar und erfahrbar in unseren Wallfahrtsorten. In der russischen Kirche gibt es eine Marienikone, die den Titel trägt: „Tröste meinen Kummer!“ oder „Wärme meine Kälte!“ Schon ihr bloßes Dasein segnet und heiligt den Menschen. Gott hat wirklich Interesse an ihnen. Darum ist er selbst Mensch geworden, und für diesen Vorgang hat er Maria „dazwischengenommen“, und sie ist dazwischengeblieben als Zeichen seiner Sympathie mit uns Menschen. Sie ist das sichtbare und erfahrbare Interesse Gottes an unserer Welt. Darum verehren wir sie eben auch als „Frau aller Völker“.

2. Maria ist gleichsam auch die Leiter zwischen Himmel und Erde, zwischen Gnade und Natur. Sie gibt wirklich dem Worte Gottes ihr Fleisch und Blut, auf dass es ein menschliches Gesicht annehmen kann. Wir Menschen entdecken in unseren Gesichtern Ähnlichkeit mit unserem Vater und mit unserer Mutter. Da Christus keinen leiblichen Vater hat, wird seine menschliche Gestalt ganz und gar geprägt von Maria. Er ist seiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Maria ist gleichsam die Hohlform, das Negativ des fleischgewordenen Wortes Gottes. In ihr ist nicht nur ein Wort oder eine Station des Lebens Jesu gegenwärtig. Sie ist in Person das Mitleben mit ihm. Maria ist die äußerste Möglichkeit des Geschöpflichen: Sie ist Spiegelbild des ganzen Wortes Gottes, in dem alles erschaffen und erlöst ist. Ihr Weg ist auf seinem dabei, aber immer ist es für sie ein neues Nichtwissen und ein neues Nichtkönnen. Denn seine Wege sind nicht unsere Wege. Gott ist und bleibt Geheimnis. Maria lernte erst mit jedem Augenblick, was Gottes Vorsehung wollte. Ihr Weg ist geprägt von der eigenen Unplanbarkeit, und das von Augenblick zum Augenblick. Gott ist Geheimnis, das uns Maria durch ihren Glaubensgehorsam entschlüsselt. Sie zeigt uns darin den Sinn unseres Lebens. In Maria findet sich nichts anderes als Gottes Wort selbst, und gerade darum finden die Menschen in ihr sich selbst. Deshalb wissen wir uns in all unseren Unbegreiflichkeiten von ihr erkannt und verstanden. Sie ist für uns die Dolmetscherin Gottes und seiner Ratschlüsse.
Hier ist die Seligpreisung Mariens durch die Frau auf der Straße zu verstehen: „Selig die Frau, deren Leib dich getragen und deren Brust dich genährt hat“ (Lk 11,27). Nun schaut uns das Ewige Wort des Vaters in den Gesichtszügen Mariens an. Wenn schon der gute Blick der kürzeste Weg zwischen zwei Menschen ist, dann ist erst recht der gute Blick Christi, geboren von der Jungfrau Maria, der kürzeste Weg zwischen dem lebendigen Gott und dem armen Menschen. Maria gilt nun das Wort „mitgegangen, mitgehangen“. Im Markusevangelium lesen wir: „Jesus ging in ein Haus, und wieder kamen so viele Menschen zusammen, dass er und die Jünger noch nicht einmal mehr essen konnten. Als seine Angehörigen davon hörten, machten sie sich auf den Weg, um ihn (Jesus) mit Gewalt zurückzuholen, denn sie sagten: Er ist von Sinnen“ (Mk 3,20-21). Maria ist und bleibt auch unter ihrer törichten Verwandtschaft, wie die Schrift sagt. Vielleicht war ihr dieser Weg bitterer als später der Kreuzweg.
Das gibt es, dass Menschen mitunter an Jesus irrewerden. Selbst seine Verwandten und seine Jünger wurden es. Ich habe den Eindruck, dass es heute auch manchem Repräsentanten der Kirche so geht. Es ist irre, was von manchen zu hören ist. Maria aber blieb unbeirrbar zwischen ihnen. Sie ertrug die lästige Verwandtschaft und distanziert sich nicht von ihr, aber sie hielt unbeirrbar an ihrem Sohn fest. Sie ist ja der Weg Gottes zum Menschen und darum auch der Weg des Menschen zu Gott. Um der Verwandten willen geht Maria mit, damit sie zum Ziel kommen, zu Jesus, und zwar nicht als einen Verrückten, für den sie ihn halten, sondern als den Erlöser der Welt, der er wirklich ist und den sie nötig brauchen. Die Kirche hat ihr Urbild in Maria. Sie ist der Weg der Menschen zu Gott. Deshalb bleibt sie dazwischen, d. h. sie bleibt auch zwischen den Menschen, die Jesus ablehnen und die ihn für verrückt halten. Es gibt keine Alternative zu ihm, denn er ist der Einzige, der vom Himmel herabgestiegen ist und der uns gesagt hat: wie im Himmel, so auf Erden. Darum ist er auch der Einzige, der zum Himmel aufgestiegen ist. Für diesen Aufstieg hat er uns gleichsam Maria als Leiter hinterlassen.

3. Nirgends hat sich auf Erden der Himmel so deutlich verwirklicht wie in Maria. „Wie im Himmel, so auf Erden“ ist bei ihr deckungsgleich geworden. Das ewige Wort des Vaters ist Mensch geworden. Natur und Gnade sind in Maria zu einer Einheit zusammengewachsen. Sie macht aus Sündern Söhne und Töchter Gottes und dadurch zu Brüdern und Schwestern untereinander. Darin bestehen ihr Glück und ihre Freude. So werden wir zur Familie Gottes, zur Kirche. Die meisten Heiligen sind das, was sie sind, geworden mit Maria. Denn in ihr ist Gott für immer unter die Menschen dazwischengetreten. Denn wer „Maria“ sagt, denkt „Jesus Christus“ mit. Wer Maria sieht, schaut auch die Kirche an. Denn ihr wurde ausdrücklich vom Engel gesagt: „Der Herr ist mit dir“ (Lk 1,28). Darum sind wir immer dort zu Hause, wo Maria ist.
Maria heilt uns von aller Schizophrenie, von aller Zweigleisigkeit, sonntags z. B. Christ zu sein und werktags - nur noch ein Bürger. Sonntags gehen wir mit Gott in die Kirche, wochentags ohne Gott in die Fabrik. Im Gotteshaus rechnen wir mit Gott, wochentags im Forschungslabor gehen wir davon aus, dass es ihn nicht gibt. Diese Bewusstseinsspaltung macht uns als Christen und auch als Menschen kaputt. Die Schizophrenie spaltet unser Bewusstsein und damit auch unseren Glauben.
Christus ist Gott und Mensch zugleich. Maria ist deshalb auch die Gottesmutter. Sie zeigt uns, dass unser Gottesglaube ganz vom Werktag umfangen sein muss und dass das Werktagsleben ganz vom Gottesglauben getragen werden soll. Es darf kein Rest zurückbleiben, der nur Glaube wäre, ohne auch zugleich Leben zu sein. Dann verdiente er nicht die Bezeichnung „Glauben“. Und es darf kein Rest von Leben zurückbleiben, der nur Leben wäre. Denn dann verdiente er nicht das Wort „Leben“. Glauben und Leben sind eine Einheit, die in Maria sichtbar geworden ist.
Maria ist das personifizierte Interesse Gottes am Menschen und seiner Welt. Interesse ist nur ein anderer Name für Liebe und heißt: „dazwischen sein“. In Maria ist Gott immer dazwischen, mitten unter uns, damals und heute. Deshalb sind wir nicht verlorene Geschöpfe, die den Stürmen der Welt ausgeliefert sind. Gott verpackt uns und unser Dasein nicht in Watte. Er lässt uns stehen, wo die Stürme wehen, und schont uns oft nicht. Aber er hat uns seine Mutter zu unserer Mutter gegeben. Das genügt! Mehr als eine Mutter, mehr als die Gottesmutter, brauchen wir nicht! Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof em. von Köln
Tina 13
„Wer Maria sieht, schaut auch die Kirche an. Denn ihr wurde ausdrücklich vom Engel gesagt: „Der Herr ist mit dir“ (Lk 1,28). Darum sind wir immer dort zu Hause, wo Maria ist.“
Tina 13
🙏
Vered Lavan
Danke für die schöne und erhellende Predigt von S.E. Kardinal Meisner. 👏
Tina 13
"In der Familie Mariens wurde uns die marianische Kurzformel ihrer Gegenwart unter allen Menschen geschenkt, indem Maria hier verehrt wird als „Frau aller Völker“.

-
Amen
Tina 13
"Der gute Geist Europas und der gute Geist der Welt ist Maria. Sie ist wirklich da! Sie lebt in den einzelnen Nationen zwischen den Menschen. Sie ist besonders sichtbar und erfahrbar in unseren Wallfahrtsorten. In der russischen Kirche gibt es eine Marienikone, die den Titel trägt: „Tröste meinen Kummer!“ oder „Wärme meine Kälte!“ Schon ihr bloßes Dasein segnet und heiligt den Menschen. Gott hat …More
"Der gute Geist Europas und der gute Geist der Welt ist Maria. Sie ist wirklich da! Sie lebt in den einzelnen Nationen zwischen den Menschen. Sie ist besonders sichtbar und erfahrbar in unseren Wallfahrtsorten. In der russischen Kirche gibt es eine Marienikone, die den Titel trägt: „Tröste meinen Kummer!“ oder „Wärme meine Kälte!“ Schon ihr bloßes Dasein segnet und heiligt den Menschen. Gott hat wirklich Interesse an ihnen. Darum ist er selbst Mensch geworden, und für diesen Vorgang hat er Maria „dazwischengenommen“, und sie ist dazwischengeblieben als Zeichen seiner Sympathie mit uns Menschen. Sie ist das sichtbare und erfahrbare Interesse Gottes an unserer Welt. Darum verehren wir sie eben auch als „Frau aller Völker“.
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Tina 13
👏 👏 👏 🙏
Tina 13
"Maria ist gleichsam auch die Leiter zwischen Himmel und Erde"