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Kreuztragung und Kreuzigung in Visionen verschiedener Mystikerinnen

Copertino
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Hat Jesus auf seinem Kreuzweg das ganze Kreuz geschleppt oder nur den Querbalken? Während die heutige Forschung eher dazu neigt, dass Verurteilte in römischer Zeit nur den Querbalken, Patibulum …More
Hat Jesus auf seinem Kreuzweg das ganze Kreuz geschleppt oder nur den Querbalken? Während die heutige Forschung eher dazu neigt, dass Verurteilte in römischer Zeit nur den Querbalken, Patibulum genannt, zur Hinrichtung zu tragen hatten, und dass auch Jesus entsprechend nur den Querbalken aus der Stadt Jerusalem auf den Kalvarienberg getragen hätte, und entsprechend auch manche Turiner Sindonologen (Grabtuchforscher) dieser Meinung sind, könnte es doch mal interessant sein zu vergleichen, auf welche Weise verschiedene bekannte Mystikerinnen den Kreuzweg geschaut hatten.

Was das Turiner Grabtuch anbelangt, so erscheint der Befund allerdings nicht so ganz eindeutig: Es gibt dazu inzwischen eine neue Studie aus dem Jahre 2017, erstellt vom bekannten Grabtuchforscher Dr. Giulio Fanti, gemeinsam mit Matteo Bevilacqua und Michele D'Arienzo. Die Gruppe unternahm praktische Versuche, um die entsprechenden Schulterverletzungen mit einem Kreuz in Form eines fest verbundenen T oder "Tau" zu erklären: www.peertechz.com/articles/OJT-1-110.php

Diese kurze Zusammenstellung soll also eher Denkanstösse zu dieser Frage vermitteln als letztgültige Antworten darauf zu geben. Zudem stellt sich bei mystischen Schauungen auch immer die Frage, was davon als historisch akkurat gelten kann und was davon eher symbolhaft auszudeuten ist.

Allerdings zeigt die Wiederauffindung des Hauses der Muttergottes in Ephesus, dass mystische Bilder den Historikern und Archäologen bisweilen dienen können, überhaupt neue Überlegungen und Denkansätze zuzulassen, um so neues Licht auf eine bekannte Fragestellung zu werfen und Optionen zu erkennen, die durch weitere Forschungen allenfalls bestätigt oder widerlegt werden können.

Die obige Illustration stammt aus den Niederschriften der bekannten Dülmer Mystikerin, der seligen Anna Katharina Emmerick, festgehalten von Clemens Brentano. In verdankenswerter Weise hat Herr Jozef De Raedemaeker aus Mechelen die am Krankenlager festgehaltenen unpublizierten Originalhefte transkribiert und in digitaler Form zugänglich gemacht. Daraus stammen diese kleinen illustrativen Skizzen zur Kreuztragung, wie Anna Katharina Emmerick sie sah: Demnach trug Jesus die zusammengebundenen Teile des Kreuzes auf seinem Rücken: Den breiteren Längsbalken, zwei kurze und dünnere Kreuzarme, die auf Golgotha mit Zapfen in diesen eingefügt wurden. Dieses Bündel habe auch den Fussklotz enthalten.

Durch einen Sturz sei das Bündel dann verrutscht, so dass Jesus es anschliessend an einem der seitlich herausragenden Arme getragen und den Längsbalken nachgeschleppt habe, der sehr schwer gewesen sei. Dabei wären an dessen Ende zwei Stricke befestigt gewesen, an denen die Schergen das untere Ende wieder in die Höhe gezogen hätten, wodurch es in der Schwebe blieb. Die Kreuze der Schächer seien roher und und "knüppeliger" gewesen.

Die Heilige Birgitta von Schweden sah, dass Jesus nach seiner Verurteilung mit dem Kreuz auf der Schulter hinausgeführt wurde. In welcher Form beschreibt sie nicht. Die Kreuzarme schreibt sie an anderer Stelle, hätten "in die Höhe geragt". Jesu habe sich auf Golgatha auf das Kreuz gelegt. Zuerst habe er die Rechte gereicht, dann die Linke, die nicht bis zur Annagelungsstelle gereicht habe und mit Gewalt dorthin gezogen wurde. Auch die Füsse seien entsprechen gestreckt worden und jeder Fuss für sich an den Kreuzesstamm angenagelt worden.

Dabei findet sich bei Emmerick ein bemerkenswerter Kommentar von Brentano, der versucht hatte, sich auf die ihm bekannten Beschreibungen früherer Mystikerinnen einen Reim zu machen. Er erkennt auch eine Möglichkeit, nach der zuerst der rechte Fuss mit einem kleineren Nagel fixiert worden sein könnte, um dann den linken Fuss darüber zu legen und mit einem grösseren, durch beide Füsse getriebenen Nagel beide zu fixieren, was den technischen Vorteil gehabt hätte, dass der untere Fuss nicht seitlich wegrutschte. Rührt von daher vielleicht die Unsicherheit, ob es nun drei oder vier Nägel gewesen waren? Brentano interpretiert die Schau der Hl. Birgitta in der Weise, dass sie auch das Durchbohren des ersten Fusses mit einem Pfriem für das Festnageln gehalten haben könnte, da die Schwedin ein anderes Mal auch nur von drei Nägeln gesprochen habe.

Therese Neumann von Konnersreuth sah interessanterweise eine vergleichbare Konstruktion: Man habe Hölzer gebracht, "ein langes und zwei kurze Trümmer". die habe man zusammengebunden und ihm dann auf die Schulter geworfen. Therese dachte, man lade dem Heiland Bauholz auf, einen langen neuen, unbehauenen Stamm und zwei kürzere behauene Balken, die schon etwas verwittert schienen. Auf Kalvaria wurden die drei Balken zusammengefügt, die Arme in die Löcher des Stammes eingeschlagen und mit Holzkeilen und Holzstiften fixiert. Jesus habe sich dann probeweise auf das am Boden liegende Kreuz legen müssen, damit man die Lage der Hände und der Fersen darauf anzeichnen konnte. Hier können nicht alle Details ausgeführt werden, die bei Therese Neumann beschrieben werden.

Die spanische Mystikerin Maria von Agreda sah ein Kreuz, das 15 Fuss lang war, roh gezimmert und aus schwerem Holz. Wie bei Neumann hatte sich Jesus auf das am Boden liegende Kreuz zu legen, um die Nagellöcher zu bezeichnen und sie vorzubohren. Als Jesus sich wieder auf das Kreuz gelegt hatte und ein Handnagel durchgetrieben worden war, zeigte sich, dass das andere Loch zu weit aussen lag. Mit einer Kette um den Vorderarm sei so lange gezogen worden, bis die Hand über dem Loch gelegen sei. In Mel Gibsons Passionsfilm gehört dieses Detail, welches er allerdings von Emmerick übernahm, zu einer der schmerzlichsten Szenen.

Bei Maria Valtorta sind die Kreuze der beiden Schächer kürzer, das Kreuz Jesu viel länger, mindesten vier Meter. Diese Länge stimmt mit jener bei Maria Agreda überein, welche die Länge mit 15 Fuss angibt also etwa viereinhalb Meter. Valtorta sieht im Gegensatz von Agreda, Emmerick und Neumann, dass man das Kreuz Jesu schon zusammengezimmert gebracht habe. Dazu gibt sie auch einen Kommentar ab: "Ich habe darüber gelesen, als ich noch lesen konnte ... also schon vor Jahren, dass man das Kreuz erst auf der Höhe des Golgotha zusammengefügt hätte, und dass die Verurteilten nur die beiden Balken zusammengebunden auf den Schultern getragen hätten. Das ist schon möglich, aber ich sehe ein richtiges Kreuz, massiv und an der Verbindungsstelle der beiden Balken mit Nägeln und Bolzen verstärkt. Und wirklich, wenn man bedenkt, dass das Kreuz dazu bestimmt war, ein beachtliches Gewicht wie den Körper eines Erwachsenen zu tragen und den Krämpfen des Sterbenden standzuhalten, dann wird man verstehen, dass es nicht erst auf dem engen und unbequemen Gipfel des Kalvarienberges zusammengefügt werden konnte."

Es macht bei verschiedenen Seherinnen den Eindruck, die beiden Verbrecher habe man vor allem mitgekreuzigt, um der Öffentlichkeit damit zu zeigen, welcher Kategorie Mensch Jesus zuzurechnen wäre. Deshalb wurde er auch in der Mitte zwischen ihnen gekreuzigt.

Die Befestigung der Füsse wird also bei vielen Schauungen ziemlich übereinstimmend geschildert, dass dabei ein einziger grösserer Nagel durch beide Füsse getrieben worden sei, was auch dem Befund auf dem Turiner Grabtuch entsprechen würde.
DrMartinBachmaier
Auf jeden Fall sehr informativ. Heute hatte ich im Karwochenvortrag des Karfreitags um 14 Uhr von Pater Franz Schmidberger gehört, dass nur der 40 bis 50 kg schwere Querbalken getragen werden musste, wobei dies allein schon unglaubwürdig ist. Wie sollten die beiden großen Balken (der längs und der quer) dann zusammengefügt werden? Da sind zwei kleine Querbalken mit Zapfen viel naheliegender, …More
Auf jeden Fall sehr informativ. Heute hatte ich im Karwochenvortrag des Karfreitags um 14 Uhr von Pater Franz Schmidberger gehört, dass nur der 40 bis 50 kg schwere Querbalken getragen werden musste, wobei dies allein schon unglaubwürdig ist. Wie sollten die beiden großen Balken (der längs und der quer) dann zusammengefügt werden? Da sind zwei kleine Querbalken mit Zapfen viel naheliegender, auch dass alle drei Teile zu tragen seien. Was soll so eine zu tragende Teillast?
Copertino
Die Römer waren bekanntlich hervorragende Techniker, das war bei Kreuzigungen nicht anders. Da zeigte sich die Hinrichtungstechnik nicht nur als erfinderisch sondern auch als ökonomisch. Zur Variante der Teillast hatte ich irgendwo mal folgendes Verfahren gelesen - doch die Quelle auf die Schnelle? -, bei der ein Verurteilter das Patibulum zu tragen hatte. Angekommen an der Hinrichtungsstätte …More
Die Römer waren bekanntlich hervorragende Techniker, das war bei Kreuzigungen nicht anders. Da zeigte sich die Hinrichtungstechnik nicht nur als erfinderisch sondern auch als ökonomisch. Zur Variante der Teillast hatte ich irgendwo mal folgendes Verfahren gelesen - doch die Quelle auf die Schnelle? -, bei der ein Verurteilter das Patibulum zu tragen hatte. Angekommen an der Hinrichtungsstätte hätte man den Verurteilten zuerst auf dem Boden mit Stricken und/oder Nägeln an Armen/Händen befestigt. Ein in der Mitte des Querbalkens befestigtes Seil sei anschliessend über eine Lücke oben in einem im Boden eingelassenen Pfahl geschlagen und der mit den Händen am Querbalken Angeheftete daran hochgezogen worden. Das lange Seil habe man festgezurrt. Zum Schluss wurden noch die Füsse/Beine des Gekreuzigten am Pfahl fixiert. Aber ob das auch bei Jesus so war ist fraglich.
Eugenia-Sarto
Vielen Dank. Sie haben sich viel Mühe gemacht mit den verschiedenen Mystikern. Nur Valtorta hätte ich ausgelassen. Die anderen sind ja kirchlich anerkannt und darum sehr lesenswert.
Copertino
@Eugenia-Sarto Danke für Ihren Kommentar. Weil die Valtorta zu den bekannten Beschreibungen gehört, hatte ich sie der Vollständigkeit halber ebenfalls durchgesehen. Dieselbe Übung könnte man nun auch bezüglich der Kreuzabnahme und des Begräbnisses Jesu unternehmen. Falls ich dazu Zeit finde werde ich das auch noch ansehen.
Klaus Elmar Müller
Meines Wissens hat Pius XII. Valtorta für lesenswert erklärt.
Copertino
Dieser Artikel sollte nicht unbedingt in eine Metadiskussion über die Valtorta ausarten. Ich hatte ihre Beschreibungen mit hinein genommen, weil sie, wenn auch kontrovers eingeschätzt, vom archäologischen Standpunkt her immer wieder bemerkenswerte Aspekte enthält. So hatte David J. Webster in einem 2004 veröffentlichten Überblick 79 Orte aufgezählt, die in der Ausgabe der International Standard …More
Dieser Artikel sollte nicht unbedingt in eine Metadiskussion über die Valtorta ausarten. Ich hatte ihre Beschreibungen mit hinein genommen, weil sie, wenn auch kontrovers eingeschätzt, vom archäologischen Standpunkt her immer wieder bemerkenswerte Aspekte enthält. So hatte David J. Webster in einem 2004 veröffentlichten Überblick 79 Orte aufgezählt, die in der Ausgabe der International Standard Bibel Encyclopedia von 1939 unbekannt waren und 52 davon nicht in der Bibel erscheinen. Dennoch wurden seither 29 durch das Studium alter Quellen identifiziert und erscheinen heute in der Ausgabe von 1989 des Harper Collind Atlas of Bible, und Valtortas Lokalisierungen von über zehn Orten wurden inzwischen archäologisch bestätigt, deren Lage zur Zeit der Niederschrift umstritten oder gänzlich unbekannt waren.
Endor
Shalom ! Der Gottmensch ( 12 Bände, Valtorta als von Jesus beauftragte Schreiberin) ist
zweifelsfrei ein Geschenk des Himmels extra für die Gott ferne Zeit - unsere Zeit. Das Kreuz
für Jesus war sehr groß und fertig gezimmert. Shalom !
Copertino
@Endor Ich war nicht dabei und stelle nüchtern fest, dass verschiedene Seherinnen teilweise abweichende Schauungen darüber hatten. Das Turiner Grabtuch zeigt Verletzungsspuren der schweren Last wie auch Knieverletzungen, verursacht durch Stürze, als der Verurteilte unter der Last zusammenbrach. Bis heute lässt sich daraus nicht mit letzter Sicherheit DIE Variante ableiten. Meine Absicht war …More
@Endor Ich war nicht dabei und stelle nüchtern fest, dass verschiedene Seherinnen teilweise abweichende Schauungen darüber hatten. Das Turiner Grabtuch zeigt Verletzungsspuren der schweren Last wie auch Knieverletzungen, verursacht durch Stürze, als der Verurteilte unter der Last zusammenbrach. Bis heute lässt sich daraus nicht mit letzter Sicherheit DIE Variante ableiten. Meine Absicht war schlicht, unseren Blick zu weiten, nicht die eine Version gegen die andere auszuspielen.
CollarUri
@Copertino Es wird Sache der Zukunft sein, ein stimmiges Bild zu zeichnen. Ansätze dazu lassen sich aber erkennen. Danke vielmal für die wertvoll gesammelten Informationen!