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Jungfrau und Mutter - Predigt von Professor May

Jungfrau und Mutter

08.08.2021

Predigt von Professor May

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Maria war eine Frau. Darin liegt der ganze Reichtum an natürlicher Begabung, die sie hatte. Dass sie eine echte, eine reine, eine starke, eine gütige Frau war, das war ihre natürliche Begabung. Diese Begabung lässt sich in zwei Worte fassen: Jungfrau und Mutter. Was ist eine Jungfrau? Was ist Jungfräulichkeit? Jungfräulichkeit im gewöhnlichen Sinn bedeutet zunächst nur die körperliche Unversehrtheit, und das ist etwas ganz Naturhaftes, eine Naturgabe. Aber die körperliche Unversehrtheit ist ein Sinnbild für die geistige, die seelische Unversehrtheit, für seelische Frische, für morgenfrische Schönheit. Jungfräulichkeit als Tugend besagt bei beiden Geschlechtern lebenslänglichen Verzicht aus sittlichen Beweggründen auf jegliche geschlechtliche Befriedigung. Die formelle, grundlegende Seite der Jungfräulichkeit liegt im inneren, wirksamen Entschluss zu völliger Enthaltsamkeit. Erst der sittliche Beweggrund „um des Himmelsreiches willen“ erhebt die geschlechtliche Enthaltsamkeit zur Tugend, also besonders das Motiv der ungeteilten Hingabe an die Gottes- und Nächstenliebe. Diese seelische Unberührtheit und Schönheit bedeutet, dass eine Seele noch so ist, wie sie aus Gottes Hand hervorgegangen ist, dass sich also noch kein Staub auf sie gelegt, dass nichts Niedriges, nichts Gemeines, nichts Gottwidriges sie berührt hat, dass noch keine Trübung ihres Glanzes an sie herangekommen ist. Wo solche Unberührtheit und Schönheit ist, da will sie sich auch erhalten. Sie wehrt sich gegen die Störung, sie kämpft gegen die Trübung, sie hat eine heilige Scheu, die erschrickt, wenn ihr etwas entgegentritt, was nicht Gott ist, und wäre es auch ein Engel. Maria erschrak, da der Engel zu ihr trat und sie grüßte, sie fragte voll zitternder Scheu, was dieser Gruß wohl bedeutete. So ist die jungfräuliche Seele: voll heiliger Zartheit, voll keuscher Scham, voll unberührbarer Scheu gegen jede Berührung der Erde. Maria ist und bleibt Jungfrau, vor, in und nach der Geburt. Der Bund Marias und Josephs war der allerengste von allen Vermählungen, die wir kennen. Aber sie haben sich nie anders berührt als mit zitternden Händen, mit Händen, die in Ehrfurcht zittern. Denn immer lag ein Meer zwischen ihnen. Immer lag Gott zwischen ihnen. Er verband sie und er trennte sie. Die jungfräuliche Seele will Gott allein gehören. So wie sie aus Gottes Hand hervorgegangen ist, so will sie auch in Gottes Hand zurückkehren, unberührt, unverbraucht, ungetrübt, unbeleidigt. Darum liegt in der Jungfräulichkeit immer ein gewisser himmlischer Zug zu Gott, ein gewisser himmlischer Drang, sich Gott zu weihen, Gott allein zu gehören. Dieser Drang liegt in jeder jungfräulich reinen Seele. Das ist Jungfräulichkeit. Was hat die Frau damit zu tun? In der Frau ist die Jungfräulichkeit am allerschönsten; da leuchtet sie am glänzendsten. In der Frau ist eine ganz besondere geheimnisvolle Anlage zu dieser jungfräulichen Unberührbarkeit. Die Frau wird dadurch am kostbarsten, am strahlendsten. Maria war eine Jungfrau in diesem geistigen, gnadenvollen, übernatürlichen Sinn, wie es sonst keine menschliche Frau gegeben hat. Gott selbst hatte diese Jungfrau sich erwählt, sie als sein Eigentum geweiht von Ewigkeit her; als seine Seele, die ihm allein gehört und dient.

Dazu tritt ihre Mütterlichkeit. In keiner anderen Frau sind die beiden Vorzüge vereinigt: Jungfräulichkeit und Mütterlichkeit. Sie allein war auch körperlich Jungfrau und Mutter zugleich, weil sie auch geistig Jungfrau und Mutter zugleich war, in vollkommenem Grade eine vollkommene Mutter. Woher wissen wir, dass sie eine so vollkommene Mütterlichkeit hatte? Weil sie die Mutter Gottes sein sollte. Wenn Gott eine Mutter braucht, dann muss es eine Mutter sein, die diesen Namen verdient, eine ganz gute und eine ganz vollkommene Mutter. Die Mutter, die er erwählte und ausrüstete, hat den Begriff der Mütterlichkeit erschöpft. Was ist im Begriff der Mütterlichkeit enthalten? Es sind vier Eigenschaften: eine Mutter ist reich, eine Mutter ist stark, eine Mutter ist milde, eine Mutter ist treu.

Eine Mutter ist reich. O, wer weiß das nicht. Und wenn sie betteln ginge durch die Straßen, solange sie eine wahre Mutter ist, dann ist sie unendlich reich, denn sie ist geradezu unerschöpflich. Wann hat man je gesehen, dass einer wahren Mutter die Liebe ausgegangen wäre? Wann hat man je gehört, dass sie nicht mehr erfinderisch gewesen wäre in zahllosen kleinen und großen Liebeswerken? O, eine Mutterseele ist nicht zu erschöpfen, so reich ist sie. Maria war reich, so reich am Willen zu helfen, dass er selbst nach außen ausströmte. Selbst auf fremde Menschen, wie diese Brautleute von Kana, ging noch etwas über, der Wille zu sorgen; der erfinderische Blick, das hellsichtige Auge war in ihr. Sollte sie nicht unerschöpflich reich gewesen sein für ihr Kind? Sie weiß immer, was das Kind will. Aus ihrem Gesicht strahlt ihm Antwort auf alle seine Wünsche entgegen. Sie ist ihm stets überlegen mit ihrer Sicherheit, sie ist ihm überall voraus mit ihrer fraulichen Klugheit, denn nichts geht über die Klugheit einer liebenden Frau.

Eine Mutterseele ist stark. Stark bis in den Tod. Es gibt keinen Menschen, es gibt keinen Mann, es gibt keinen Helden, es gibt keinen Krieger, der so viel aushalten kann wie eine Mutter. Sie folgt ihrem Sohne, wohin er auch geht, in alle Bezirke seines Daseins; wohin selbst alle anderen Jungfrauen ihm nicht folgen können, dorthin folgt ihm die Jungfrau-Mutter. Er wird einmal fordern, dass man Vater und Mutter nicht mehr liebe als ihn. Er wird erst recht über alle Menschengemächte hinwegschreiten, über alle toten Gesetze, über alle starren Buchstaben, über alle schal gewordenen Gewohnheiten, über alle ausgeleerten Hülsen; er wird all das mit einem Druck seiner Hand zerknittern. Es wird sogar geschehen, dass er seiner Mutter wehtut mit seinem Herrentum. Er wird mit schweigender Ruhe ihr Mutterglück als Opfer fordern. Er wird Maria an manchen Punkt führen, wo auch sie ihn nicht nehr begreift. Aber Maria zweifelt keinen Augenblick daran, dass man ihn gewähren lassen muss, den unbegreiflichen Gott. Selbst die Gottesmutterschaft wird zu einem Magddienst. Maria sieht es und will sie doch tragen. Sie fügt sich in die Gesetze des Himmels. Sie ist klug und stark, sie, die schwache Frau. Die Männer der Erde werden über sie staunen, denn sie wagt es, Gottes Magd zu werden, so wie eine Mutter Magd ihres Kindes ist. Maria war eine solche Mutter. O, meine Freunde, es steht ein Wort im Evangelium, das uns allein schon beweist, dass sie stark war: „Es stand neben dem Kreuz seine Mutter.“ Sie stand aufrecht, sie war nicht vor übergroßem Leid zusammengebrochen. Sie war stark, den furchtbaren Tausch anzunehmen, den ihr sterbender Sohn verfügte: für Jesus erhielt sie Johannes, für den Sohn Gottes den Sohn des Zebedäus, für den wahren Gott einen bloßen Menschen. Wenn sie einmal den geopferten Leib ihres Sohnes wird halten dürfen, dann wird man sehen, dass sie seine Mutter ist. „Groß wie das Meer ist dein Schmerz.“ Auch in einigen wenigen Tropfen kann schon ein Meer enthalten sein, in den tropfenden Tränen, die aus Mutteraugen fließen. Und in diesen überfluteten Augen kann ein Leid stehen, das tief ist wie ein Meer. Und auch so schweigend und dunkel wie ein Meer ist dieses Leid. Es ist doch wahr, dass alles Glück und alle Schönheit, die je über der Erde stehen, aus einem bluterfüllten Kelch aufsteigen, und alle Geborgenheit, die wir finden, haben wir bei knienden Menschen, und alle Wärme, die uns wohltut, kommt von brennenden Kerzen.

Eine Mutter ist milde. Weil sie selbstlos ist, weil sie mitleidig ist, weil sie ihr Kind im Herzen trägt. Die Milde zeigt sich in Rücksichtnahme und Schonung, in Nachsicht und Sanftmut. Maria hat diese Tugenden und Haltungen besessen und bewährt. Wir kennen von ihr kein verletzendes oder scharfes Wort. Ihr Sohn, unser Herr, musste Verstocktheit und Heuchelei mit harten Worten geißeln. Seine Mutter mochte darunter leiden, aber aus ihrem Munde kam kein Wort der Verurteilung. Als ihr Sohn in Jerusalem zurückbleibt, fragt sie nur: Warum hast du uns das getan? Sie bittet nur um Aufklärung. Als sie diese empfängt, ist sie still und beruhigt. Die Jünger Jesu waren nahe daran, bei seiner Gefangennahme mit dem Schwert dreinzuschlagen. Die Mutter ihres Meisters war gewiss damit einverstanden, dass er befahl, das Schwert in die Scheide zu stecken. Sie ist die Mutter eines Sohnes, der für seine Henker zum himmlischen Vater flehte: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Herrscher dieser Erde wissen um ihre Macht und lassen sie ihre Untergebenen spüren. Maria ist auch eine Herrscherin, die Königin des Himmels. Aber sie begegnet ihren Anvertrauten nur mit Wohlwollen und Warmherzigkeit. Denn sie ist die milde Königin. Mit Recht singt das gläubige Volk in Schlesien: Milde Königin, gedenke, wie’s auf Erden unerhört, dass zu dir ein Pilger lenke, der verlassen wiederkehrt.

Die Mutter ist treu. Denn sie muss der längste Freund des Menschen bleiben. Sie muss bis in den Tod treu bleiben. Denn wenn ein Mensch von seiner Mutter verlassen ist, wer soll dann noch zu ihm halten? Darum hat Gott Treue in die Seele der Frau gelegt, wie in sonst keine Seele; sie ist treu, wie sonst niemand. Gott selbst hat die Treue der Mutter gerühmt als etwas Unerschöpfliches; er sagte: „Wenn selbst das Unerhörte, das Unglaubliche, das Unmögliche geschehen sollte, dass eine Mutter ihres Kindes vergäße, dann würde doch ich, dein Gott, deiner nicht vergessen.“ Eine Mutter ist treu. Maria sinnt Tag und Nacht, was sie ihrem Kind noch tun könnte, und meint, es sei allzu wenig, was sie dem Kind tut. Aber sie ist seine treuste und beste Pflegerin. Sie ist seine Mutter, ein wenig traurig und bange, aber doch voll Kraft und unerschöpflicher Güte. Das Krippenkind hat sehr ernste Eltern. Der Vater im Himmel ist der große Schweiger, der Unerforschliche, der Unsichtbare, der in unnahbarem Lichte wohnt. Seine Mutter ist zwar eine Menschentochter, aber sie kennt den Vater dieses Kindes sehr gut, sie ist eine wohlgeratene Schülerin des ernsten Gottes, der sie zu einem wahrhaft göttlichen Werk herangebildet hat. Sie ist eine vielwissende und bedenkende Mutter. Sie wird wohl nie viel mit ihm reden; und wenn es sein muss, in einem Sätzchen, in einer Frage zu ihm sprechen. Und wenn ihr Herz einmal ganz voll sein wird, dann wird ihr Mund gar nichts mehr sagen; er wird nur noch zucken unter dem Andrang ungeweinter Tränen. Maria war treu bis in den Tod. Als heldenmütige Mutter stand sie am Opferaltare ihres Sohnes, als das Schwert des Schmerzes ihre Seele durchbohrte. Und dabei milde und gütig. Dafür geben Zeugnis die tausend Schmerzenskapellen, die auf dem ganzen Erdenrund gebaut sind; in all diesen Schmerzenskapellen ist das Bild der Schmerzensmutter, die den toten Sohn auf dem Schoße hält; und alle Frauen der Erde, alle Mütter der Erde sehen zu ihr auf wie zu einem Vorbild, sehen zu ihr auf und werden stark und treu, wenn sie diese Mutter sehen. Wahrhaftig, wenn so große Treue schon von ihrem Bild ausgeht, wie treu muss diese Mutterseele gewesen sein, die den toten Sohn geborgen hat und ihn weitergetragen hätte. Eine Mutter trägt ihren Sohn bis zum Himmel hinauf. Peter Paul Rubens hat ein Bild der Kreuzabnahme Jesu gemalt. Man sieht darauf, wie die Mutter den einen oder anderen Dorn aus dem entseelten Haupt ihres Sohnes zieht, mit zarter und sicherer Hand, wie eben nur Liebende, wie nur Mütter einen Dorn herausziehen können.

Die jungfräuliche Mutter ist ohne Vorgängerin und Nachfolgerin. Im Glauben hat die Jungfrau empfangen, im Glauben hat sie geboren. „Selig, die du geglaubt hast. Denn erfüllt wird werden, was dir vom Herrn gesagt worden ist“ (Lk 1,45). Sie wird Mutter, sie bleibt Jungfrau. In gläubigem Vertrauen, dass Gott ihrem Bräutigam zur rechten Zeit Aufklärung über das Geheimnis geben werde, hat sie sich in der schweren Prüfung bewährt. „Ich bin eine Magd des Herrn. Mir geschehe nach deinem Worte.“ Ihre Seele ist entschlossen und fest. Sie wird ihr Jawort halten bis zum Ende.
Amen.

Predigt Professor May

Dr. Georg May, em. Professor für Kirchenrecht

Dr. Georg May, em. Professor für Kirchenrecht, kirchliche Rechtsgeschichte und Staatskirchenrecht, ist seit 1951 Priester. Kompromisslos in der reinen Lehre, und doch leicht verständlich, verkündet und erläutert er in seinen Predigten den katholischen Glauben. Sonntag für Sonntag fesselt er seine Zuhörer, die er in der Treue zum Glauben und in der Liebe zur Lehre der Kirche zu festigen versteht.

mehr auf Seiner Seite im Link

www.glaubenswahrheit.org

Professor May (Album)

Die Unvergänglichkeit der Seele - Predigt von Professor May
Rita 3
wieder eine wunderbare
Predigt, eines wunderbaren
Priesters.