Christian Zeitz: „Der Wert-volle Staat“ (www.wienerakademikerbund.org)

„Der Wert-volle Staat“

Gibt es ein Konzept gegen die Wert-Losigkeit der global verordneten Neuen Normalität? *

von Christian Zeitz **
31. Dezember 2021

1. Der Begriff der Werte
Der Begriff der „Werte“ spielt seit Jahrzehnten eine bedeutende Rolle in der politischen Auseinandersetzung und in der metapolitischen Publizistik. Der Verweis auf Werte scheint eine affirmative Wirkung auf politische Konzepte zu haben und politische Zielsetzungen gegenüber potentiellen Kritikern zu affirmieren. Wer auf Werte rekurriert, insinuiert damit, dass es ihm nicht um Interessen, insbesondere nicht um die Partikularinteressen bestimmter Zielgruppen oder gar um eigene wirtschaftliche Interessen geht, sondern um das Wohl des Volkes und die Erhaltung der Ordnung insgesamt geht.

In dieser Hinsicht fungiert der Begriff der „Werte“ als zeitgemäß empfundener Ersatz für die antike Konzeption des bonum commune, für das Gemeinwohl in der Ideenwelt von Aristoteles bis Thomas von Aquin und im neuzeitlichen Gedankengut der Katholischen Soziallehre und des zeitgenössischen sogenannten Kommunitarismus. Der Rekurs auf „Werte“ scheint gar dazu geeignet zu sein, politische Maßnahmen oder Konzepte von vornherein gegen Kritik zu immunisieren. Besonders Personengruppen, die sich dem Konservativismus zugehörig fühlen, scheinen empfänglich dafür zu sein, eine explizit als Werte-fundierte Konzeption titulierte Politik-Agenda als Inbegriff ihrer Zielvorstellungen wahrzunehmen und diese nicht weiter zu hinterfragen. „Werte“ sind in diesem Sinn eine formale Chiffre für ein Ideal, das nicht weiter hinterfragt werden muss. „Werte statt Worte: Bewahren und Bewegung. Das konservative Zukunftsmanifest“, ein Buch von Vincenz Liechtenstein und Reginald Földy, war in diesem Sinn ein identitätsstiftendes Werk, das die deutschsprachigen Konservativen der Jahrtausendwende mit den Perspektiven Europäischer Gesellschaftspolitik verbinden sollte. Die politische Geschichte der letzten zwanzig Jahre hat allerdings gezeigt, dass der Begriff der Werte kaum geeignet ist, die Gesellschaft vor unheilvollen Entwicklungen zu bewahren, weil das Konzept der Werte für sich genommen nur ein formales Konstrukt ist, das für inhaltliche Bestimmungen jedweder Art genutzt und damit zum Platzhalter beliebiger Agendas gemacht werden kann – auch solcher, die definitiv das Gegenteil eines konservativen Weltbildes beinhalten.

2. Wert und Werte
Eine Sichtung der vielfältigen Verwendungen des Begriffs der „Werte“ und der Begriffsumfänge, mit denen alle möglichen Anschauungen und Vorstellungen bedient und abgedeckt werden sollen oder können, zeigt, dass der Begriff der „Werte“ keineswegs auf die Erhaltung der Wesenszüge einer bewährten Kultur- und Gesellschaftsordnung, oder das, was jemand dafür halten könnte, beschränkt ist. Dies zeigen allein schon die umfangreichen Kataloge der Sammlungen von Idealen, wünschbaren Verhaltensweisen und Grundhaltungen, die im Alltag und im politischen sowie kulturellen Diskurs als „Werte“ begriffen werden.

Diese umfassen beispielsweise
(A) Gerechtigkeit, Frieden, Freiheit, Sicherheit, Solidarität
(B) Altruismus, Nächstenliebe, Anstand, Bescheidenheit, Demut, Ehrlichkeit, Fleiß, Großzügigkeit, Treue, Tapferkeit, Integrität
(C) Empathie, Flexibilität, Geduld, Gelassenheit, Glaubwürdigkeit, Kreativität, Effektivität, Unbestechlichkeit
(D) Höflichkeit, Sauberkeit, Sorgfalt, Sparsamkeit, Tüchtigkeit, Pflichtgefühl, Ordnungssinn, Pünktlichkeit, Redlichkeit, Beharrlichkeit, Freundlichkeit
(E) Andersartigkeit, Diversität, Nachhaltigkeit, Respekt, Selbstverwirklichung, Widerstandsgeist
Es ist evident, dass die mit den Buchstaben A bis E bezeichneten Werte-Gruppen völlig unterschiedliche Arten/Typen von Konzepten umfassen, die einerseits unterschiedlichen Ebenen des menschlichen Handelns betreffen und andererseits inhomogene, teilweise sogar miteinander inkompatible Werte-Konzepte abbilden.
Die Kategorie A bezeichne systemische Eigenschaften kultureller oder politscher Kollektive bzw. Staaten.
Die Kategorie B bezieht sich auf menschliche Eigenschaften bzw. Dispositionen, die von großer Relevanz für das Gefüge der sozialen bzw. staatlichen Gemeinschaft sind.
Die Kategorie C bezieht sich auf Handlungspotentiale, die der Kooperation bzw. Koexistenz in der Gemeinschaft förderlich sind.
Die Kategorie D umfasst wünschenswerte Eigenschaften, die klassischerweise als sogenannte Sekundärtugenden benannt werden.
Die Kategorie E schließlich verweist auf die (vermeintliche) Wünschbarkeit systemüberwindender, oppositioneller bzw. „alternativer“ Verhaltensweisen.

3. „Werte“ als Referenzsysteme einer guten Ordnung?
Beachtet werden muss, dass die „Werte“, quer durch die Kategorien, völlig unterschiedliche individuelle und soziale Wesenheiten und Bezüglichkeiten ansprechen, bei denen es einmal, wertend, um Ideen, sittliche Ideale, Tugenden und ethische Standards, ein anderes Mal, wertfrei, um Handlungsmaximen, Charaktereigenschaften und Handlungsdispositionen geht. Es muss daher bezweifelt werden, dass das „Konzept der Werte“ zu gesellschaftspolitisch relevanten Aussagen führen oder gar zum Maßstab einer Politik gemacht werden kann, die einem bestimmten gesellschaftlichen Ordnungsprinzip verpflichtet ist, das seinerseits wieder auf einem bestimmten, klar definierten Menschenbild fußt. Die Zweifel verfestigen sich, wenn bedacht wird, dass auch wirtschaftsethische Konzepte wie Unternehmensleitbilder, Betriebspolitiken, Wirtschaftsprinzipien und Corporate Identities nicht selten mit dem Begriff „der Werte“ in Verbindung gebracht und als solche verkauft werden. Der „Wert“ wird hier vollends zum Bestandteil eines Marketingkonzepts oder einer verkaufsfördernden Zielgruppenarbeit. Angesichts dessen verwundert es nicht, wenn man sich vergegenwärtigt, dass der Wertbegriff aus der ökonomischen Theorie stammt und von dort erst im 19. Jahrhundert von einzelnen Ethikern und Philosophen entlehnt wurde, um gesellschaftspolitische Positionen zu begründen bzw. zu objektivieren. Angesichts der hier angeführten Bandbreite des Fundes an Werten und der dahinter stehenden normativen Konzepten muss allerdings konstatiert werden, dass dieses Unterfangen gründlich gescheitert ist, was den Wert-Begriff allerdings nicht daran gehindert hat, im 20. Jahrhundert und bis heute eine grandiose Karriere gemacht zu haben.

Tatsächlich nämlich gibt es kein gesellschafts- oder kulturpolitisches Konzept, dass nicht mit „Werten“ begründet werden kann, und dies wird von praktisch allen (wahlwerbenden) Politikern auch so gehandhabt. „Wert“ ist das, was vom eigenen Programm als politisch „wert“voll stilisiert wird. Dies wird von den Vertretern praktisch aller politischen Richtungen so gehandhabt, wobei besonders bemerkenswert ist, dass besonders das konservativ ausgerichtete Wählerpublikum angesichts von Auflösung und Globalisierung mittlerweile so genügsam geworden ist, dass der bloße, selbstbewusst vorgetragene Verweis auf ein nebuloses „Werte“-Bewusstsein bereits Glücksgefühle und demokratische Zustimmung hervorruft, ohne dass gefragt wird, welche Zielsetzungen und welche gesellschaftliche Ordnung der jeweilige Wert-Propagandist im Blick hat.
Eines ist angesichts dessen sicher: Der Wert-Begriff leistet keine Hilfe bei der Beurteilung einer gesellschafts- oder kulturpolitischen Konzeption, weil es nicht Werte sind, welche die Bestimmgrößen darstellen, auf denen gesellschaftliche Ordnung aufgebaut wurden und welche daher die Funktionsweise bzw. die mit ihr verbundene Lebensform erklärbar machen. Zu fragen ist also: Was hält Gesellschaften im Innersten zusammen? Was bestimmt ihr Wesen, ihr Bauprinzip? Und was lässt sich als Referenzgröße für die Beurteilung einer guten Gesellschafts- und Kulturordnung der Zukunft festmachen?

4. Die Handlung als kleinster Baustein der Gesellschaft
Das alles sind freilich Königsfragen aller gesellschafts- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen. Sie können im Rahmen eines kleinen Grundsatzaufsatzes nicht erschöpfend beantwortet werden. Daher soll im Folgen zunächst die Ideengeschichte großer Denker nach geeigneten analytischen Versatzstücken durchforstet werden, aus denen dann einige Grundüberlegungen für die Ecksteine einer guten Ordnung der Zukunft gewonnen werden können.
Die menschliche Gesellschaft kann von zwei Seiten her gedacht werden: Ausgehend von den Handlungen der Individuen, deren Zusammenwirken eine gemeinschaftliche Ordnung synthetisiert. Oder ausgehend vom Gemeinschaftsorganismus, als deren Gliedmaßen oder Organellen die Individuen quasi gesehen werden.
Aristoteles untersucht im vierten Buch seiner Nikomachischen Ethik (benannt nach seinem Sohn Nikomachos) zwei unterschiedliche Arten von Handlungen, deren jeweils relative Bedeutung in einer Gesellschaft den Charakter des Zusammenlebens und die Güte der Ordnung bestimmen: Als „Praxis“ beschreibt er Handlungen, die auf einen bestimmten Zweck als gewünschtes Handlungsergebnis hinweisen. „Poiesis“ nennt er den Bereich jener Handlungen, deren jeweiliger Zweck ihren Wert im Vollzug der Handlung selbst begründet ist. „Die Theorie“, also das Streben nach reiner Erkenntnis, wäre nach Aristoteles „die höchste Form der Praxis“, also die Erfüllung des wahren Mensch-Seins. Poiesis zielt demgegenüber auf Veränderung ab, drängt nach „Optimierung“, destabilisiert die Gesellschaft dementsprechend. Die „prästabilierte Ordnung“ (ein Begriff, den Leibnitz prägte) und ihre Erhaltung ist eine Zielvorstellung dieser Denkfigur. Schon Platon hatte dieser Stabilitätsvorstellung das Wort gesprochen: „Wenn Väter sich daran gewöhnt haben, dass ihre Kinder machen, was sie wollen; wenn Lehrer sich vor den Schülern fürchten, und es vorziehen, sich ihnen zu beugen, wenn schließlich die Jungen keinen Respekt vor den Gesetzen haben … dann sind sie da … die Anfänge der Tyrannei.“ Die Erhaltung der Ordnung mache notwendig, dass die Philosophen Könige, oder die Könige Philosophen werden.

Diese Bejahung einer beharrenden Form der menschlichen Koexistenz findet sich in besonders ausgeprägter Weise bei Konfuzius. Er sieht den drohenden Zusammenbruch bereits an der Quelle der falschen Verwendung von Worten: „Wenn die Worte nicht stimmen, dann ist das Gesagte nicht das Gemeinte. Wenn das, was gesagt wird, nicht stimmt, dann stimmen die Werke nicht. Gedeihen die Werke nicht, dann verderben Sitten und Künste. Die wichtigsten Elemente der Staatskunst wären daher die „Renomination (Wiederbenennung) der Namen“ und die Wiederherstellung der Li (der Sitten)“.
Die Beschäftigung mit den Handlungen als kleinsten Bausteinen menschlicher Ordnung hat im Laufe der Jahrhunderte zu höchstrangigen geisteswissenschaftlichen Leistungen geführt. Der Ökonom Ludwig von Mises wollte nur eine Form des menschlichen Verhaltens als real existierend anerkennen und zog daraus weitreichende Schlüsse: Die menschliche Handlung sei stets eine Kette von expliziter Zwecksetzung, Mittelidentifikation und gezieltem Herbeiführen eines gewünschten Ziels; alles, was den Primat der individuellen Handlung in Frage stellen würde, sei eine Form des Sozialismus. Max Weber unterschied demgegenüber zwischen „zweckrationaler“ und „wertrationaler“ Handlung und etablierte die Disziplin der „Religionssoziologie“, die verschiedene Gesellschaftstypen als „Produkt des Kollektivhandelns unter dem Einfluss der Religion“ begreift.

5. Was hält die Gesellschaft im Innersten zusammen?
Die moderne Handlungstheorie wurde von Ludwig Wittgenstein begründet, der bestimmte Handlungsmuster als Ausdruck eines je gesellschaftsspezifischen Spiels („Sprachspiel“) betrachtete. Auf ihn bezogen sich Handlungstheoretiker wie Gilbert Ryle, der auf die Koinzidenz bestimmter Handlungsmuster und der ihnen zugrunde liegenden Geisteszuständen („The Concept of Mind“) hinweist, womit sich der kategoriale Unterschied von statischen und dynamischen Gesellschaften erklären lässt. Das Handlungsrepertoire der Menschen und damit der Typus der Gesellschaft ist nach dem ersten großen Religionssoziologen Emile Durkheim vollständig durch die bestimmende Kraft der jeweiligen Religion bestimmt: Dem animistischen Zeitalter würde das totemistische und diesem wiederum das polytheistische folgen, das schließlich vom monotheistischen abgelöst worden sei. Die Anthropologen des 20. Jahrhunderts, allen voran Claude Lévi-Strauss, haben das Verharren außereuropäischer Stammesgesellschaften in unüberwindlicher Primitivität auf die Dominanz des Totemismus zurückgeführt („Die traurigen Tropen“).
Die bisher angesprochenen Konzepte sehen (mit Ausnahme von – in gewisser Weise – Mises) die Handlungen des Einzelnen zwar als Bausteine, diese aber als von der unbeeinflussbaren übergeordneten Ordnung völlig determinierte Größen an.

Dazu in schroffem Gegensatz stehen Überlegungen, die zwar nicht erst im „Zeitalter der Aufklärung“ entstanden, aber in diesem ihre Hochblüte erfuhren. „Wenn Euch die alten Gesetze nicht gefallen, verbrennt sie und macht euch neue“, kann als Leitmaxime eines Denkstils begriffen werden, der in der Mitte des 18. Jahrhunderts eine erste Hochblüte fand. Jean Jacques Rousseau brachte 1862 seinen „Gesellschaftsvertrag“ heraus, in dem die Ordnung der staatlichen und zivilen Gemeinschaft als Produkt eines bewussten Aktes der Übertragung von Freiheitsrechten der Einzelnen auf den Staat von diesem mit der Wahrnehmung von Schutz- und Ordnungsfunktionen belohnt wird. Die Idee war keineswegs neu und besonders originell: Von Epikur und Cicero bis Hugo Grotius und Samuel von Pufendorf reicht der Bogen von Denkern, die an einen bewussten und mehr oder weniger formalen Akt des Übertrags von Souveränität vom einzelnen zum gemeinschaftlich gegründeten Staat denken. Freilich war es Thomas Hobbes, der die Idee der Überwindung des „bellum omnium contra omnes“ (Krieg aller gegen alle) durch einen staatlichen Souveräns durch einen staatsbegründenden Vertrage bereits mehr als hundert Jahre vor Rousseau (1651) publikumswirksam veröffentlichte. Während Hobbes jedoch der Idee der Herrschaft unter dem Recht, die etwas später von seinem Landsmann John Locke einer ersten Blüte zugeführt wurde, verpflichtet war, muß Rousseau als Wegbereiter des sozialistischen Zentralismus begriffen werden. Er, Rousseau, glaubte an ein abstraktes „Gemeinwohl“, dem der Einzelne unterworfen werden müsse. Er hat damit die Idee der Schöpfung einer guten und gerechten Ordnung durch überlegene zentrale Herrschaftskompetenz grundgelegt. Diese wurde von einem seinem bedeutendsten Nachfahren, Auguste Comte, durch die geistigen Produkte radikaler Technikgläubigkeit ergänzt: Die Gesellschaft bzw. der Staat müsse wie eine Maschine betrieben und ihr Output gezielt optimiert werden, wodurch alle gesellschaftlichen Probleme beseitigt werden würden.

6. Sozialismus versus Spontane Ordnung
Die Grundideen von Rousseau und Comte finden sich in zahlreichen Konzepten, die sich bis zum heutigen allergrößten Einflusses erfreuen. Dazu gehören alle Varianten des Sozialismus, die „Reine Rechtslehre“ Hans Kelsens, die Wohlfahrtsökonomie Vilfredo Paretos (inspiriert durch Jeremy Benthams Idee vom „größten Glück der größten Zahl“), diverse Neo-Kontrakttheorien (John Rawls u.a.) und nicht zuletzt und ganz besonders die Konzeption einer „Neuen Weltordnung“, deren Planungs- und Herrschaftsphantasma derzeit den ganzen Erdkreis wie eine schwere Krankheit heimsucht. Eine radikale Antithese zu diesem technokratischen Intentionalismus, der sich anmaßt zu glauben, dass einige wenige über zentralisiertes Wissen zum Zweck der Optimierung sozialer Planung zum (angeblichen) Wohle der Herrschaftsunterworfenen verfügen, ist die Idee einer „Spontanen Ordnung“, die das verstreute Wissen von vielen zum Nutzen aller verfügbar macht. Die „Spontane Ordnung“ – ein Zentralbegriff Friedrich a. Hayeks bezeichnet einen sozialen Ordnungstyp, im Rahmen dessen die einzelnen Individuen ihre selbstgewählten Ziele frei verfolgen, während sie sich aber gleichzeitig an die von ihnen nicht beeinflussbaren „Regeln des gerechten Handelns halten. Während sie ihren eigenen Vorteil suchen, leisten sie unverzichtbare Dienste für die Allgemeinheit und damit für ihre Mitbürger und entdecken Problemlösungen und Verfahrensweisen, die der Gemeinschaft insgesamt dienen und den Zivilisationsprozess voranbringen. Diese Idee der „Unsichtbaren Hand“ ist auf magistrale Weise von Adam Smith (1776: The Wealth of Nations) formuliert, der auf den Schultern der Schottischen Moralphilosophie in der Tradition von Francis Hutchinson und und David Hume stand. Auf diese Weise entsteht eine Ordnung, die „the result of human action, but not of human design“ (Adam Ferguson).

Diese Ordnung ist seit je her das Angriffsziel aller Szientisten, Konstruktivisten, Technizisten, Gemeinwohl-Kommunisten und anderer Intellektuellen und Polit-Aktivisten, die aufgrund ihrer Halbbildung und Überheblichkeit glauben, dass sie über mehr Wissen verfügen als der additive, intergenerative Prozess der Zivilisation der letzten Jahrtausende hervorgebracht hat.
Sie haben immerhin erkannt, dass Planung und Technik allein keine gesellschaftliche Ordnung hervorbringt und die komplexen Bedürfnisse der Abermillionen von Menschen zu befriedigen imstande ist. So wie der Positivist Auguste Comte in seinem Spätwerk erkannte, dass es neben der hardware der Gesellschaftsmaschine auch der software, einer Herrschaftsideologie bedarf, die er „philosophie positif“ nannte, so arbeiten auch die Technokraten der großen kultursozialistischen Transformation wie auch die des „Great Reset“ fieberhaft am „ideellen Überbau“ der neuen Herrschaftsordnung.

7. Die Anmaßung „Europäischer Werte“
Es entbehrt im Zusammenhang mit dem Leitthema dieses Aufsatzes nicht einer gewissen Pikanterie, dass sie sich dabei von Herzen gerne des altehrwürdigen Begriffs der „Werte“ bedienen. Dieser hat mit der Konzeption der „Europäischen Werte“ eine ungeheuerliche Karriere gemacht. Erinnert sei beispielsweise an eine historische Wegmarke im Prozess der Europäischen Integration, als Anfang des Jahres 2000 drakonische „Sanktionen“ gegen die Republik Österreich ergriffen wurden, nachdem mit der Angelobung der Regierung Schüssel/Riess-Passer („schwarz-blau“) die Befürchtung entstand, Österreich könnte die Implementierung des sogenannten Antidiskriminierungs-Rechts (Art. 13, Amsterdamer Vertrag, 1997) unterbrechen und damit den Herrschaftsanspruch der „Europäischen Werte“ in Frage stellen. Mit der effektvollen Demütigung Österreichs wurde sichergestellt, dass Homosexuellen-„Rechte“, LGBTQ+Phantasmen, Abtreibungs(un)kultur, Gender-Sprech und-praxis, Multikulturalismus und Einwanderungsdiktate, interreligiöser Anerkennungsegalitarismus (inkl. der „Religion des Friedens), Schuldkult des Abendlandes und seiner Nationen, Vergötzung des Klimas und der „Mutter Erde“, Akzeptanz der „Gesundheits“diktatur sowie die Durchsetzung diverser Züchtigungsrituale (Verfolgung von „Hass- und Vorurteilsdelikten“ inklusive Beseitigung der Meinungsfreiheit) von niemandem, der noch „im System“ bleiben will oder muss in Frage gestellt wird.

8. Der Mensch als „unbestimmtes Tier“
Hat Friedrich Nietzsche, der prägnant von der „Umwertung aller Werte“ sprach mit der Durchsetzung der „Europäischen und Globalen Werte“ im 21. Jahrhundert eine späte Würdigung oder Rechtfertigung erfahren? „Ich zeige Euch den Übermenschen.“ – Ist der transhumanistische Homunkulus aus der Gates-Fauci-Schwab-Menschenfabrik die Verwirklichung des Selbstvergottungs-Phantasmas aus Nietzsches „Zarathustra“? Hatte Nietzsche recht, wenn er die Moral der westlichen Zivilisation als bloßen Trieb einer degenerierten bürgerlichen Gesellschaft verstand? Die Fragen sind spannend und zentral. Sie können aber im Rahmen dieser kleinen Arbeit nur angesprochen und nicht beantwortet werden. Fest steht aber eines: Nietzsche, der einer der ganz wenigen Philosophen war, der den Wert-Begriff zu einer zentralen Kategorie seines Denkens machte, hat den Finger in eine Wunde gelegt, die er selbst nicht schließen konnte. Er hat aber höchstrangige Geister des zwanzigsten Jahrhunderts inspiriert, die Theorie der Zusammenhänge von Mensch, Kultur, Gesellschaft und Politik um ein paar wesentliche Beiträge weiterzubringen. Er tat dies besonders durch die Formulierung eines auf den ersten Blick seltsam anmutenden Satzes, den er in zwei, nur marginal unterschiedlichen, Varianten vorstellte. In seinem Buch „Jenseits von gut und böse“ (1864) heißt es „Der Mensch ist das noch nicht festgestellte Tier.“ (Drittes Hauptstück. Das religiöse Wissen) In seiner Zarathustra-Trilogie (1883 – 85) hingegen schreibt er: „Der Mensch ist das nicht festgestellte Tier“ – „Ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch“. (Vorrede, 4. KSA 4, 16)

Die kleine Differenz von „nicht“ und „noch nicht“ gab Platz für die Inspiration zweier völlig unterschiedlicher Konzepte: Martin Heidegger (1889 – 1976) begriff die „Geworfenheit“ des Menschen in ein Gefüge kultureller Überlieferung als Quelle der „Sorge“, ja der Angst vor der Unbestimmtheit der eigenen Existenz. Es ist gewiss eine Verkürzung, Heidegger auf seine Rolle im Nationalsozialismus zu reduzieren, aber die Idee, dass „noch nicht“ festgelegte Tier des Deutschen als eine Art „Herrenmensch“ seiner endgültigen Bestimmung zuzuführen, hat mindestens in den 30er Jahren sein Denken bestimmt. Arnold Gehlen hat demgegenüber das Charakteristikum als „nicht festgelegtes Tier“ als einzige wahre Konstante der Gattung Mensch herausgearbeitet und zur Grundlage seiner „philosophischen Anthropologie“ gemacht. Der Mensch sei nahezu unbegrenzt plastisch, und das befähige ihn, unter den verschiedensten, radikal unterschiedlichen technischen, kulturellen und politischen Bedingungen zu überleben. Das bedeutet aber nicht, dass jede beliebige Kombination gesellschaftlicher Bedingungen zu einem menschengerechten Zusammenleben und einer guten Ordnung führt. Insbesondere stabile Institutionen und moralische Rahmenbedingungen seien für eine gute Ordnung unerlässlich. Man könnte Gehlens Gesellschaftsideal auf einen, von ihm selbst nicht verwendeten, Leit-Begriff fokussieren, ohne ihn zu verkürzen oder gar zu vergewaltigen: den der Normalität. Normalität ist die systemische Stimmigkeit einer gleichermaßen menschengerechten und funktionsfähigen Ordnung.

9. Das „Neue Normal“ als entmenschter Totalitarismus
Es ist evident, dass das totalitäre Diktum eines „Neuen Normal“, dass die Welt ab dem Jahr 2020 in seine Gewalt zu ziehen begonnen hat, diesem Ideal des Mensch-Sein-Dürfens auf radikale Weise widerspricht.
Der Mensch des Dritten Jahrtausends steht heute vor einer wahrhaft epochalen Herausforderung. Nachdem sich die „alten Werte“ als bloße Worthülsen ohne objektivierbare Bestimmung und die „neuen Werte“ als trojanisches Pferd erwiesen haben, stellt die Frage nach dem Integrationsprinzip einer guten Gesellschaft der Zukunft. Dabei zeigt sich das Dilemma, dass die vermeintlichen Gegensatz-Pole – völlige Libertinage und bedingungslose zentrale Kontrolle – in der Dynamik zur Neuen Weltordnung gespenstischerweise beide gleichermaßen an Realpräsenz und Wirkkraft zu gewinnen scheinen, sodass die mondiale Gesellschaft offenbar auf einen radikal amoralischen Techno-Faschismus zustrebt.Besteht die Hoffnung auf Rettung vor dem genannten Dilemma und der Bedrohung durch universalen Totalitarismus?
Die Gefahr einer aus den Fugen geratenden Welt haben große Denker der Vergangenheit immer wieder in den Blick genommen und je spezifische Antworten auf dieses Problem angeboten. Erwähnt seien hier nur zwei Denker, die unter dem Titel „Gemeinschaft durch Ganzheit“ miteinander verbunden werden können: Othmar Spann und Karl Polany, wobei die praktische Ausformung der Problemlösung beim einen durch Wiedererrichtung einer spirituell begründeten organischen Gemeinschaftsordnung, beim anderen durch eine säkular-sozialistische Re-Integration der egoistische gewordenen Menschen zu erfolgen hätte.

Eine Erfahrung aus der jahrtausendalten politischen Geschichte der Menschheit hat sich gerade auch in der allerletzten Phase der derzeit stattfindenden „großen Transformation“ als verlässlich erwiesen: Keine dauerhaft wirkmächtige gesellschaftliche und politische Ordnung beruht allein auf rationalem Diskurs, objektivem Konsens und planendem Entwurf des Bevölkerungskollektivs. Alle wirkmächtigen staatlichen oder quasistaatlichen Gebilde wurzen demgegenüber in einer religiösen oder quasireligiösen Gottesvorstellung – vom mittelalterlichen „Gottesstaat“ über das Gottes-Gnadentum der absolutistischen Monarchie und die Partei-Religionen des 20. Jahrhunderts bis zum mondialen Superstaatsgebilde der Corona-Religion.

10. Das Fundament einer Wert-vollen Gesellschaft
Freilich ist wesentlich, welche Art des Glaubens den jeweiligen Staat ausprägt. Und obwohl persönliche Religiosität auch weiterhin eine private Angelegenheit bleiben sollte, scheint zumindest das Menschenbild der Christlich-Abendländischen Kulturtradition eine Konstante zu sein, für deren allgemeine Akzeptanz es sich lohnt, ritterlich zu kämpfen.

Hier kommen wir an den Ausgangspunkt dieses Aufsatzes zurück: Nicht irgendwelche, keine beliebige Werte sind es, auf deren Wurzelgrund die staatliche Ordnung der Zukunft aufgebaut sein sollte, sondern diejenigen Werte, die sich daraus ergeben, dass der Mensch als Ebenbild Gottes betrachtet wird. Und das sind unverrückbar Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde.
Dieses Wertefundament ist einerseits menschengerecht und ermöglicht andererseits die erforderliche Plastizität für die Ausbildung einer Gesellschaft freier Menschen unter den Bedingungen einer starken technologischen Dynamik. Die Befreiung vom totalitären Diktat des „neuen Normal“ wird sich nicht von selbst erledigen. Sie erfordert intellektuelles Engagement, agitatorische Professionalität und die Fähigkeit, ausreichend Kreativität und Entschlossenheit für die Ausbildung neuer konstitutioneller und institutioneller Rahmenbedingungen. Wenn es gelingt, im Zuge dessen den Wert-Begriff von seiner Unbestimmtheit, ja Beliebigkeit, zu befreien, soll es recht sein, an einer Wert-vollen Gesellschaft der Zukunft zu arbeiten.

* Der Aufsatz ist eine Ausarbeitung der Thesen, die vom Autor im Rahmen eines Vortrags im NEUEN KLUB in Wien am 20. September 2021 präsentiert wurden.
** Der Autor: Mag. Christian Zeitz ist Islambeauftragter des Wiener Akademikerbundes und Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Angewandte Politische Ökonomie IAPÖ in Wien.