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Waagerl

Das rechte Licht

Viel lichter gibt’s auf Erden von gar verschied’nem Schein,
Doch jedes mag zur Freude, zu Nutz’ und Trost uns sein;
Denn licht und Menschenseele, die sind gar eng verwandt,
Es bindet sie zusammen ein tief geheimes Band.

Wie dringt in alle Kerzen doch so ein Sonnenstrahl,
Weckt drinnen helle Wonne und hohe Luft zumal!
Wie leuchtet in die Seele des Himmels Sternenpracht,
Dass stilles, süßes Lehnen und Träumen d’rob erwacht!

Und dann der allerhell sie, der allerreinste schein --
Das Licht im Menschenauge — was mag wohl schöner sein!
Ist doch ein Himmelsabglanz — vom ew’gen Licht getränkt, —
Ein Liebesstrahl von Oben in’s Menschenaug’ gesenkt!

Viel’ Lichter gibt’s auf Erden von gar verschied’ner Pracht,
Doch gegen eines sinken sie all’ in Schattennacht,
Dies Eine, das da leuchtet weit über alle Welt,
Und selbst des Todes Dunkel noch hold und mild erhellt.

Dies Eine, das der Seele den besten Trost erteilt,
Das alle Schatten lichtet, und alle schmerzen heilt;
Dies Eine, das als leuchte auf unfern Pilgerpfad, —
Damit wir sicher gehen, Gott selbst geschenkt uns hat!

Dies Eine Licht der Gnaden — jedwedes Herz es kennt, —
Es ist, — die ew’ge Lampe, die vor’m Altare brennt,
Die hell bei Nacht und Tage zum Tabernakel weis’t,
Und still mit Flammenzungen den Gott des Lebens preis’t.


Ja wohl, für jede Seele, — wenn diesen Gott sie liebt, —
Wohl auf der ganzen Erde kein lieber’ Licht es gibt;
Nach allem Glanz des Lebens, nach Glück begehrt sie nicht,
Nur nach dein Tabernakels nur nach dem ew’gen Licht!


Ist doch das Erdenleben oft gar so trüb’ und schwer, —
Wie trostlos wär’s, wie einsam, wenn Er nicht bei uns wär’;
Er, der im Tabernakel auf jede Seele harrt,
Um ewig sie zu segnen mit seiner Gegenwart,

Ja — ohne Tabernakel nenn’ ich die Freude — Not,
Und alles Licht nur — Schatten, und alles Leben — Tod!
Doch mit dem Tabernakel wird alles Leid zur Lust,
Zur Perle jede Träne, zum Himmel jede Brust!

Mög’ Alles man mir geben, — ich acht’ es klein und schlecht,
Mög’ Alles man mir nehmen, mir ist es lieb und recht; —
Ich flieh’ zum Tabernakel, wenn mir das Herz auch bricht,
Ich zieh’ voll heißer Liebe nur — nach dem ew’gen Licht!

Cordula Wöhler
Aus der Sammlung "Was das ewige Licht erzählt"