ውዳሴ ፡ ማርያም ፡ wǝddāse Māryām - Äthiopisches Marienlob

ውዳሴ ፡ በዐርብ ፡ Lobgesang am Vorabend (des Sabbat)

Gebenedeit bist du unter den Weibern und gebenedeit die Frucht deines Leibes, o Jungfrau Maria, du makellose Gottesgebärerin. Aus dir ist uns die Sonne der Gerechtigkeit aufgegangen, und er hat uns unter seine Flügel genommen, denn er selbst hat uns geschaffen. Du, du allein, o unsere Herrin, Gebärerin Gottes, bist Mutter des Lichtes. Wir verherrlichen dich mit Preis und Lobgesang.

Gebenedeit bist du, du bist grösser als der Himmel und herrlicher als die Erde und höher als alle Vernunft, wer vermag deine Grösse auszusprechen? Nichts giebt es was dir gleich wäre, o Jungfrau Maria. Die Engel verherrlichen dich, und die Seraphim preisen dich, denn er, der über den Cherubim und Seraphim thront, ist gekommen und hat in deinem Leibe geweilt. Der Freund der Menschen hat uns sich nahe gebracht, unseren Tod nahm er auf sich, und sein Leben schenkte uns der, dem Ehre und Preis gehören. Du.

Gebenedeit bist du, Maria, und gebenedeit die Frucht deines Leibes, o Jungfrau, Gebärerin Gottes, Ruhm der Jungfrauen. Er, der vor der Welt da war, hat von dir menschliche Gestalt angenommen. Der Alte der Tage ging aus deinem Leibe hervor, und unser Fleisch nahm er an und gab uns seinen heiligen Geist und machte uns sich ebenbürtig durch seine grosse Güte. Du bist grösser als die vielen Weiber, die Gnade und Ehre empfangen haben, o Maria, Gebärerin Gottes, du geistliche Stadt, wo Gott der Höchste gewohnt hat, denn den, der über Cherubim und Seraphim thront, hast du in deiner Hand gehalten, und der alles Fleisch in seiner grossen Barmherzigkeit ernährt, hat deine Brüste gefasst, und Milch gesogen hat der, welcher unser Gott und aller Heiland ist. Er wird unser Hirt sein immerdar. Ihn wollen wir anbeten und preisen, denn er hat uns geschaffen. Du.
Die Jungfrau Maria ist das Gefäss mit köstlicher Salbe, die Quellader des Lebenswassers. Die Frucht ihres Leibes hat die ganze Welt errettet und von uns den Bann hinweggenommen und unter uns Frieden gestiftet. Durch sein Kreuz und seine Auferstehung hat er den Menschen wieder in das Paradies geführt. Du.

Maria, die reine Jungfrau, Mutter Gottes, ist eine zuverlässige Erfleherin der Barmherzigkeit für die Menschensöhne. So bete denn für uns bei deinem Sohne, Christus, dass er unsere Sünde vergebe und uns gnädig sei. Du.

Die Jungfrau Maria rief in dem Tempel und sagte: Gott weiss, dass ich niemand und nichts kenne als den Laut der Stimme vom Engel, der mir die frohe, ehrenvolle Botschaft brachte, indem er sagte: Gegrüsst sei du, o heilige Jungfrau, du wirst den tragen, der nicht getragen wurde, und wirst den umfassen, der nicht umfasst wurde und den niemand irgendwie umfasst hat. Gross wird der Lobgesang zu dir sein, o du mit Gnade und aller Ehre Erfüllte, denn du bist der Wohnort des Wortes vom Vater. Du bist das ausgebreitete Zeltdach, das die Gläubigen, die christliche Kirche versammelt und sie die lebenspendende Dreieinigkeit anbeten lehrt.

Du bist diejenige, welche die feurige Säule trägt, die Mose sah – nämlich den Sohn Gottes – er ist gekommen und hat in deinem Leibe geweilt. Du bist das Heiligtum des Schöpfers Himmels und der Erden. Neun Monate trugst du ihn in deinem Leibe. Du vertrautest dem, welchen die Himmel und die Erde nicht fassen können. Du wurdest die Brücke, worauf man zum Himmel steigt. Dein Licht ist grösser als der Sonne Licht. Du bist jene Gegend des Morgens, woraus der strahlende Stern hervorging, welchen die Heiligen mit Freude und Jauchzen schauten. Das Urteil, das er über Eva sprach, war, sie solle mit Leid und Schmerzen gebären; du aber vernahmst eine Stimme, welche sprach: Freude dich, du Hochbegnadigte, du hast uns das Wort des Vaters, den König, den Herrn der ganzen Schöpfung geboren. Er ist gekommen und hat uns errettet, den er ist barmherzig und ein Freund der Menschen. Und deshalb loben wir dich, indem wir wie der Engel Gabriel sagen: Gebenedeit bist du unter den Weibern und gebenedeit die Frucht deines Leibes. Freue dich, du Hochbegnadigte, Gott ist mit dir.

Quelle: Karl Fries, Weddāsē Mārjām. Ein äthiopischer Lobgesang an Maria. Upsala: Almqvist & Wikselis, 1892, S. 64-67.

Bildnachweis: Ethiopia - Taamra Maryam ተአምረ ማርያም (the Miracles of the Virgin Mary)
Franz Graf
Ein beeindruckender Lobgesang, man ahnt, welch ein tiefer, schöner Glaube dem zugrunde liegen muß. Wo steht eigentlich die äthiopische Kirche, in der Beziehung zur hl katholischen Kirche? Sind diese Kirchen in Gemeinschaft, oder besteht hierbei ebenfalls der Zustand, einer gegenseitigen Exkommunikation, wie mit der orthodoxen, byzantinischen Kirche? (Was ich sehr bedauern würde)
Oenipontanus
@Franz Graf
Es gibt sowohl mit Rom unierte als auch nicht-unierte äthiopische Christen, wobei von den Unierten der eine Teil die römische Liturgie pflegt, der andere die traditionelle äthiopische Liturgie.More
@Franz Graf

Es gibt sowohl mit Rom unierte als auch nicht-unierte äthiopische Christen, wobei von den Unierten der eine Teil die römische Liturgie pflegt, der andere die traditionelle äthiopische Liturgie.
Franz Graf
In der alten Kirche galten doch auch viele Ostkirchen als Teilkirchen und waren in einer losen Gemeinschaft mit Rom und dennoch weitgehend eigenständig. Hatte der Papst damals nicht tatsächlich einen sogenannten Ehrenprimat? Kann es sein, das es sich mit den nichtunierten äthiopischen Christen heute ähnlich verhält? Ich Frage, weil mir (ich habe hierzu selbst keinerlei Einblick) überhaupt nicht …More
In der alten Kirche galten doch auch viele Ostkirchen als Teilkirchen und waren in einer losen Gemeinschaft mit Rom und dennoch weitgehend eigenständig. Hatte der Papst damals nicht tatsächlich einen sogenannten Ehrenprimat? Kann es sein, das es sich mit den nichtunierten äthiopischen Christen heute ähnlich verhält? Ich Frage, weil mir (ich habe hierzu selbst keinerlei Einblick) überhaupt nicht bekannt ist, das sich die äthiopische Kirche, irgendwann in der Vergangenheit, von der katholischen Kirche getrennt hätte, oder das es zwischen den Kirchen, irgendwann zu einer gegenseitigen Exkommunikation gekommen ist, vergleichbar mit der byzantinischen Orthodoxie. Es würde mich persönlich sehr interessieren. Vielleicht wissen sie dazu mehr, als ich selbst.
Oenipontanus
@Franz Graf
Damit Sie sich eine erste Vorstellung vom Glauben der nicht-unierten äthiopischen Kirche machen können, habe ich für Sie den ersten Teil des Glaubensbekenntnisses von Kaiser ገላውዴዎስ (Gälāwdewos; lateinisch: Claudius), dessen Thronname አጽናፍ ሰገድ (ʾAṣnāf Sägäd) war und der von 1540 bis 1559 als ንጉሠ ነገሥት (nǝgusä nägäst), d. h. „König der Könige“, in Äthiopien regierte, in der lateinischen …More
@Franz Graf

Damit Sie sich eine erste Vorstellung vom Glauben der nicht-unierten äthiopischen Kirche machen können, habe ich für Sie den ersten Teil des Glaubensbekenntnisses von Kaiser ገላውዴዎስ (Gälāwdewos; lateinisch: Claudius), dessen Thronname አጽናፍ ሰገድ (ʾAṣnāf Sägäd) war und der von 1540 bis 1559 als ንጉሠ ነገሥት (nǝgusä nägäst), d. h. „König der Könige“, in Äthiopien regierte, in der lateinischen Übersetzung von Hiob Ludolf aus dem Jahr 1702 abgetippt. Das liturgische Glaubensbekenntnis der äthiopischen Kirche war aber, soweit ich weiß, seit jeher das Nicänum.

In nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti, unici Dei.
Haec est fides mea et fides Patrum meorum, Regum Israeliticorum et fides gregis mei, qui est in septis Regni mei:
Nos credimus in unum Deum et in Filium eius unicum Jesum Christum, qui est Verbum eius et potentia eius, consilium eius et sapientia eius, qui fuit cum eo antequam crearetur mundus. In ultimis vero diebus venit ad nos, non tamen ut decederet throno divinitatis suae. Et homo factus est ex Spiritu Sancto et ex Maria sancta virgine. Et baptizatus fuit in Jordane trigesimo anno et factus est homo perfectus. Et suspensus est in ligno crucis in diebus Pontii Pilati, passus, mortuus et sepultus est, et resurrexit tertia die. Et deinde quadragesima die ascendit cum gloria in coelos et sedet ad dexteram Patris sui. Et iterum veniet cum gloria, iudicaturus vivos et mortuos et non erit finis regno eius. Et credimus in Spiritum Sanctum, Dominum vivificantem, qui processit a Patre. Et credimus in unum baptismum ad remissionem peccatorum. Et speramus resurrectionem mortuorum ad vitam venturam in aeternum. Amen.

Quellenangabe: Confessio fidei Claudii Regis Aethiopiae. Halae Magdeburgensis: Typis et sumtibus Orphanotrophii, 1702, S. 7-8.
Franz Graf
Vielen Dank, sehr interessant. Im Prinzip bezeugt dieses Credo, das mir völlig unbekannt war, mit etwas anderen Worten, den selben apostolischen Glauben, wie unser Credo. Was ich jetzt nicht erkennen konnte, wie diese Kirche es mit den filioque sieht. Oder habe ich hierzu etwas übersehen?
Oenipontanus
@Franz Graf
Die traditionelle äthiopische Kirche gehört zu den "monophysitischen" Kirchen, d. h. zu denen, die das Konzil von Chalkedon nicht angenommen haben. Von den späteren Streitigkeiten zwischen Griechen und Römern bezüglich des "filioque" haben die Äthiopier mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gar nichts mitbekommen.
Ischa Ischa Ischa
@Oenipontanus: vielen Dank, ein sehr schöner Text. Weiß man denn in etwa, wann er aufgeschrieben wurde (im Unterschied zu: wann entstanden... wegen der reinen Mündlichkeit...)?
Oenipontanus
@Ischa Ischa Ischa
Das ist eine schwierige Frage, da keine der bekannten Handschriften über das 14. Jahrhundert zurückreichen dürfte (Nota bene: Äthiopische Handschriften sind notorisch schwer zu datieren!), wir aber nicht wissen ob und wann zum ersten Mal der Text niedergeschrieben wurde.
Was wir aber wissen ist, dass die abessinische Tradition als Verfasser des "Weddase Maryam" Simon von Geshir …More
@Ischa Ischa Ischa
Das ist eine schwierige Frage, da keine der bekannten Handschriften über das 14. Jahrhundert zurückreichen dürfte (Nota bene: Äthiopische Handschriften sind notorisch schwer zu datieren!), wir aber nicht wissen ob und wann zum ersten Mal der Text niedergeschrieben wurde.
Was wir aber wissen ist, dass die abessinische Tradition als Verfasser des "Weddase Maryam" Simon von Geshir, auch Simon der Töpfer genannt, nennt, der ein Zeitgenosse des Jakob von Sarug war und folglich zeitlich ungefähr im frühen 6. Jahrhundert zu verorten ist. Ein Aramäer also! 😇 Hw. Sebastian Euringer, der größte katholische Äthiopist des 20. Jahrhunderts, hat zumindest die Möglichkeit zugestanden, dass diese Zuschreibung richtig ist. Ich für meinen Teil denke sowieso, dass man alte - mündliche oder schriftliche - Überlieferungen ernstnehmen und nicht a priori als "Legende" oder Ähnliches abtun sollte.
Ischa Ischa Ischa
@Oenipontanus vielen herzlichen Dank, lieber Oenipontanus 😉