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M.RAPHAEL

Offenheit und Risiko

Am Anfang meiner aktiven Berufungsphase hat mich der Herr in einen dunklen Wald geführt. Es war in einer mondlosen Nacht. Man konnte wirklich fast nichts sehen, selbst außerhalb des Waldes. Er sprach: „Geh!“ Ich entgegnete: „Ich sehe doch nichts. Ich werde gleich von einem Baum in den nächsten rennen und womöglich im Unterholz steckenbleiben.“ Wiederum sprach er: „Geh!“ Ich ging los und tatsächlich schaffte ich es, ohne Licht, ungehindert und ohne einen einzigen Baum zu berühren, durch den Wald zu kommen. Nach 10 Minuten war ich wieder auf freiem Feld. Er sprach: „Siehst Du. Du musst mir unbedingt während deines ganzen Lebens blind vertrauen! Du musst dich fallenlassen. Sonst kannst du deine Berufung nicht erfüllen.“

Die größte Herausforderung bestand immer darin, mich mit Dingen beschäftigen und auseinandersetzen zu müssen, die scheinbar gegen den Herrn gerichtet waren. Könnte mir der Feind nicht einen Streich spielen? War ich auf dem Weg in den modernen Atheismus und dessen Vorstellungs- und Wertewelt? Das war und ist ein Risiko. Nachts und besonders in den Morgenstunden aber beruhigte mich der Heilige Geist. Er versicherte mir seine andauernde Nähe und das alles gut war.

Ich begann zu verstehen. Meine Auseinandersetzung mit den Aspekten der Welt entspricht in etwa dem Prozess der Impfung. Man muss sich einem Virus kontrolliert aussetzen, um nicht an ihm zu erkranken. Natürlich ist das eine Gratwanderung und nicht ungefährlich, aber in engem Kontakt und Abstimmung mit Gott, auch auf den Knien vor dem Tabernakel, müssen wir uns das manchmal trauen, sonst können wir den Feind nicht überwinden. Deshalb sind wir auf der Erde. Die Grenzüberwindung gegen über dem Nichtgott habe ich an anderer Stelle schon erwähnt.

Wir frommen Katholiken bilden keine verschlossene Sekte. Deshalb ist der Feind so wütend auf uns. Würden wir versuchen, eine hermetische heile Welt zu bauen, wären wir ihm hoffnungslos ausgeliefert und keine Gefahr mehr. Erst wenn wir offen und liebevoll alle seine perfiden Tricks durchschauend vor den Thron Gottes legen, können wir ihn für seine Dummheit auslachen. Erst dann erkennen wir die miesen Verrenkungen, Intrigen und Fallen und vermeiden dadurch zu seinem Opfer zu werden.

Ein anderes Bild, das zu unserer Situation passt, ist der Kampfanzug. Ich bin mir sicher, dass die Engel für ihre Aufträge auf der Erde solche anziehen. In ihnen können sie dreckig werden. Ihre innere Seele bleibt rein und unschuldig. Wenn sie nach Hause kommen, ziehen sie den Anzug wieder aus und spielen als liebende Kinder vor Gott.

Noch einmal, Voraussetzung für eine solche Offenheit bezüglich der Welt ist die andauernde spezifische Abklärung mit Gott. In jedem Einzelfall muss man sich abstimmen. Was für den einen Bruder passt, könnte für den anderen extrem schädlich sein. Ohne Gott geht es also nicht. Wie immer für uns fromme nicht moderne Katholiken.

Die Auseinandersetzung mit der Welt beinhaltet auch eine entsprechende Offenheit für alle Menschen. Wir müssen bis zuletzt immer unterstellen, dass jeder Mensch vielleicht doch nur einfach verwirrt und nicht ein böswilliger Feind Gottes ist. Deshalb sollen wir selbst unsere Feinde lieben. Die Liebe eröffnet uns die Möglichkeit, ihnen gerecht zu werden, sie durch und durch in ihren Motivationen zu verstehen und ihnen dann zu entsprechen. Liebe will dem Geliebten immer entsprechen. Wenn dieser das Böse endgültig gewählt hat, dann wird das Entsprechen natürlich für ihn furchtbar und unerträglich werden. Er hat sich ja dafür entschieden. Das hat dann aber nichts mehr mit uns zu tun. Wir ziehen uns einfach von ihm zurück. Dabei hören wir nicht auf zu lieben. Wir leiden nicht, außer dass wir traurig über den Abfall sind. Am Ende ist selbst der Abgefallene in der Liebe, die für ihn zur Hölle geworden ist.