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CSc

Bilokationen der Karmelitin Seraphina von Gott

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Mutter Fortunata vom Himmel, 39 Jahre alt, sagte aus (Positio super introductione, Romae 1745, S. 226–229): Als ich etwa 27 Jahre alt war, bekam ich starke Brustschmerzen mit Blutspucken, nach einigen Monaten (hohes) Fieber, und, weil meine Eingeweide angegriffen waren und wegen der starken Abmagerung, betrachtete mich der Arzt als hoffnungslosen Schwindsuchtsfall. Ich wurde von der Kommunität getrennt gehalten, um niemand anzustecken. Im Frühjahr 1689 verschlimmerte sich die Krankheit immer mehr. Es kam eine unglaubliche Appetitlosigkeit hinzu, so daß ich täglich nur etwa fünf oder sechs Unzen aß, teils wegen Erbrechens, teils wegen der großen Schmerzen, die ich dann nachher bekam. Ich wurde so schwach, daß ich manchmal nicht den Mut hatte, auch nur einen Schritt zu tun. Nachts konnte ich keinen Schlaf finden. Die Schmerzen in der Brust wurden schlimmer, manchmal war das Sputum eitrig. Darauf sagte der Arzt der Krankenpflegerin, ich würde nur noch wenige Tage leben, und wenn man auch einen Sack Gold ausgeben würde, ich würde nicht wieder gesund werden. Darüber war wegen ihrer großen Liebe die Mutter Seraphina wie auch die ganze Kommunität sehr betrübt. Nach 18 Monaten Behandlung legte ich mich am 25. Dezember ins Bett. Der Arzt fand, daß zu meinem beständigen Fieber das Fäulnisfieber (la Febbre putrida) hinzugekommen sei, und als ich am fünften Tage völlig kraftlos war und auch schon Eiter urinierte, ordnete er an, daß mir die hl. Kommunion gebracht würde. Beim Empfang des heiligsten Sakramentes sah ich, daß Mutter Seraphina von Gott in meiner Zelle war und vor dem Allerheiligsten kniete. Bei ihrem Anblick entzündete sich in meinem Herzen der lebendige Glaube, daß ich durch diese Mutter die Gesundheit wiedererlangen würde. Und dieser Glaube wurde noch größer, als am gleichen Tage, ohne daß ich irgend jemand gesagt hätte, was ich gesehen hatte, mir liebenswürdigerweise die Mutter, wie wenn sie mit mir scherzen wollte, durch Schwester Rosa, die Laienschwester, welche sie bediente, eine Botschaft schickte. Die Mutter durfte auf Befehl des Heiligen Offiziums ihre Zelle nicht verlassen.[2] Die Bestellung, die mir Schwester Rosa von der Mutter brachte, lautete: „Sagt Schwester Fortunata, daß nicht nur sie heute morgen Gastmahl gehalten hat, sondern daß auch ich daran teilgenommen habe und bei ihrer heiligen Kommunion in ihrer Zelle zugegen gewesen bin.“ Als mir das ausgerichtet wurde, bestärkte sich in mir die Überzeugung, daß ich die Mutter im Geiste in meiner Zelle knien gesehen hatte.[3] Die Krankheit ging indes weiter. Der Arzt hatte meiner Krankenpflegerin gesagt, sie solle mich nicht allein lassen, da mir jederzeit etwas Todbringendes zustoßen könne. Die Sterbesakramente gab man mir nicht, weil der Arzt meinte, ich hätte wegen meiner Jugend noch zwei Tage zu leben. Und tatsächlich brachte ich es in dieser Weise bis zum 2. Januar 1690, ohne etwas Festes zu essen, ich erhielt mich mit etwas Eingemachtem und Saft. Als mich an diesem Abend die obengenannte Laienschwester besuchte und ich das Vertrauen erkannte, das sie in ihrem Herzen zu unserer Mutter hatte, sagte ich ihr, innerlich ergriffen: „Geh sofort zur Mutter zurück und bestell ihr, ich wolle mit ihr tun, wie der Aussätzige im Evangelium. Wenn sie will, kann sie mich heilen, und wenn sie befiehlt, daß ich zu ihr komme, werde ich es sofort tun.“ Die Laienschwester zögerte keinen Augenblick und berichtete alles der Mutter, die ihr antwortete: „Sagt ihr, sie solle guten Mutes sein und auf Gott vertrauen, denn sie wird gesund, sie wird gesund.“ Die Schwester erwiderte: „Mutter, wenn ich das der Kranken sage, wird sie aus dem Bett steigen und zu Euch kommen, daß Ihr sie heilt.“ „Ja“, entgegnete sie, „wenn sie kann, mag sie kommen.“ Die Laienschwester flog sozusagen zu mir zurück mit dieser Kunde. Ich befand mich in größter Bedrängnis und zugleich in größtem Glauben und erwartete sie. Sie meldete mir: „Die Mutter sagt, daß Ihr gesund werdet, steht auf, wir wollen zu ihr gehen.“ Bei diesen Worten tat ich es auch schon, ich setzte mich mit großem Vertrauen auf das Bett, wo ich doch so schwach war, daß ich, um mich nur zu bewegen, schon Hilfe nötig hatte. Wegen der großen Schwäche wurde ich ohnmächtig, so daß alle, die zugegen waren, einen Schrecken bekamen. Aber mein Vertrauen zu der Mutter stachelte mich so an, daß ich mich mit Hilfe der Schwester zur Zelle der Mutter Seraphina aufmachte, und in dem Maße, wie ich mich ihr näherte, fühlte ich mich kräftiger werden. Als ich bei der Mutter angelangt war, die betete, warf ich mich ihr zu Füßen, und herzzerbrechend weinend sagte ich: „Meine Mutter, wenn du willst, kannst du mich gesund machen.“ Als sie mich sah, wurde sie in ihrem Herzen ganz gerührt, und auch sie weinte, erhob sich, umarmte mich und sagte mir: „Meine Tochter, ich will, ich will.“ Und sie hob mich vom Boden auf und ließ mich sitzen und fing an, mit ihren Händen meinen Kopf zu berühren, indem sie sagte: „Dieser Kopf, der dir so weh tut, tue dir nicht mehr weh.“ Dann berührte sie mir die Brust und den Magen und sagte: „Diese Brust, die dich so gequält hat, und dieser Magen, der keine Speise annimmt, sollen von heute an gesund sein.“ Sodann wandte sie sich an die Anwesenden, nämlich die Laienschwester und zwei weitere Oblatinnen, die mit mir gekommen waren, nämlich Schwester Prädestina vom Guten und Schwester Cölestina Felix, und sagte ihnen: „Wir wollen uns vor dem glorreichen heiligen Nikolaus von Bari hinknien (von dem wir ein berühmtes Bild im Kloster haben, das die Oberin in ihre Zelle hatte bringen lassen), und wir wollen die neun Gloria Patri beten“, wie die Mutter Seraphina zu tun pflegte, wenn sie eine Hilfe oder ein Wunder erlangt hatte, damit die Sache nicht ihr zugeschrieben würde. Dann sagte sie mir: „Von nun an sei gesund, von heute an sei stark und kräftig, damit du die Anstrengungen und die Gebräuche des Ordens aushalten und ertragen kannst. Denn so will es Gott, und so will ich es auch.“ Sie hatte kaum diese Worte ausgesprochen, da erhob ich mich gesund und kehrte auf meinen eigenen Füßen in meine Zelle zurück. Und sofort erhoben die Schwestern ihre Stimme, und die Krankenpflegerin und ihre Gefährtinnen eilten fort und brachten mir zu essen. Und zum Staunen aller aß ich mit gutem Appetit, was mir gebracht war, und ich schlief die ganze Nacht, und am folgenden Morgen erhob ich mich völlig gesund und ohne jeden Schmerz und ohne Genesungszeit. Ich ging zur Mutter, um ihr zu danken für die Heilung, die ich durch sie erlangt hätte. Mutter Seraphina sagte mir: „Gib Gott die Ehre, denn von ihm kommt alles Gutes, denn ich von mir aus kann nichts Gutes tun.“ Dann ging ich ins Chor. Als die Schwestern mich sahen, staunten sie alle, sie sahen einander an, und voller Freude fragten sie mich, wie ich gesund geworden sei. Und ich erzählte ihnen genau mehrere Male, wie Mutter Seraphina mich mit ihren Händen geheilt habe. Sie weinten vor Rührung, priesen Gott und sagten mir, man könne es meinem Gesicht nicht einmal mehr ansehen, daß ich krank gewesen sei. Der Arzt befühlte bei seiner Visite mir den Puls, fand mich fieberfrei und außer Bett ohne Zeichen einer Rekonvaleszenz. Er wollte gar nicht wissen, wie und auf welche Weise ich gesund geworden sei, er rief mit lauter Stimme: „Dies ist ein Wunder Gottes!“ Er verabschiedete sich voller Staunen und ging, wie ich dann hörte, und erzählte überall in der Stadt, daß dies ein Wunder sei. Bis heute fühle ich mich in vollkommener Gesundheit und habe in diesen zehn Jahren keinen Hauch der Krankheit mehr verspürt.[4] – –

Schwester Gaudiosa vom Heiligen Geist, 47 Jahre alt, erklärte (a.a.O., S. 252): Als die Dienerin Gottes sich in der Stadt Massa Lubrense zur Gründung des dortigen Mädchenheims befand, war Stellvertreterin in ihrer Abwesenheit die schon verstorbene Schwester Illuminata von der Wahrheit. Unter ihr wurden Klagen laut, das Essen sei zu knapp. Ich schlief damals in demselben Zimmer mit dieser Vikarin Schwester Illuminata. Eines Morgens vor dem Aufstehen, als schon etwas Licht durch die Fenster fiel, sah ich durch die Zimmertür unsere Mutter Seraphina von Gott eintreten. Ich sah, wie sie ans Bett der Vikarin ging, sah, wie sie mit der Hand einen Bettvorhang hochhob, dann hörte ich mit meinen eigenen Ohren, wie die Dienerin Gottes die Vikarin rief: „Illuminata, Illuminata“, und diese antwortete wie zwischen Wachsein und Schlafen. Darauf sagte die Mutter weiter: „Höre, höre, leite gut diese Mädchen, und laß sie nicht leiden!“ Nach diesen Worten ging sie, und ich erkannte sehr gut, daß es wirklich die Mutter Seraphina war, und war der Überzeugung, sie sei schon von Massa zurückgekehrt. Als ich aufgestanden war, sagte ich zu der Vikarin: „Unsere Mutter ist schon zurückgekommen.“ Sie antwortete: „Was willst du damit sagen?“ Sie fing an zu lachen und sagte: „Schweig still!“ Dann hörte ich von anderen, die Vikarin habe gesagt, die Mutter Seraphina habe sie besucht und habe ihr gesagt, sie solle die Mädchen nicht leiden lassen und gut zu ihnen sein, und ich urteilte, daß sie das von mir nicht hatte hören wollen, weil ich mich als Zögling in dem Hause befand. Aber das, was ich gesehen und gehört habe, hat sie auch gesehen und gehört. Denn von diesem Morgen an erhöhte die Vikarin die Zuteilungen im Speisesaal und hielt die Schwestern nicht mehr so knapp. – –

Zu dieser Erscheinung sagte Schwester Puritas von den Engeln, 44 Jahre alt, aus (a.a.O., S. 252 f.): „Als die Mutter das Heim in Massa besuchte, war als ihre Stellvertreterin in diesem Kloster (wohl auf Capri) die verstorbene Schwester Illuminata von der Wahrheit. Diese suchte zu sparen. Darum gab es manchmal zuwenig zu essen, so daß man sich im Hause beklagte. Da erschien eines Morgens körperlich und sichtbar in der Zelle dieser Schwester Illuminata die Mutter, rief sie mit deutlicher Stimme und sagte ihr: „Laß diese meine Töchter nicht leiden, rück für sie was her!“ und verschwand. Die Schwester Illuminata kam zu mir, um mir die ganze Erscheinung genau zu erzählen und alles, was die Mutter ihr gesagt hatte. Damals, als die Mutter ihr erschien, hatte in derselben Zelle Schwester Gaudiosa ihre Schlafgelegenheit in einem anderen Bett, die in diesem Heime hier noch lebt. Diese sagte mir, als die Mutter mit der Schwester Illuminata sprach, habe sie den Schritt der Mutter erkannt, wie sie in die Zelle trat, und die Stimme der Mutter gehört und alles das, was Schwester Illuminata gesagt hatte.

Zur Zeit, als ich im hiesigen Haus Zögling war, ging ich für einige Tage nach Neapel wegen meines Ordenseintritts. Als ich zu Hause war und mich einen Augenblick an das Fenster gestellt hatte, hörte ich die Stimme der Mutter, wie wenn sie in meiner Nähe stünde. Sie sagte mir: „Theodora, es ist nicht gut, daß du am Fenster stehst.“ Sofort, als ich diese Stimme hörte, trat ich zurück. Als ich dann in das Heim zurückgekehrt war, erzählte ich alles der Mutter. Die Mutter antwortete mir: „Es stimmt. Denn der Herr hat gewollt, daß ich dir immer beistehen soll, damit auch nicht ein Hauch des Bösen dich befleckt, und mit seiner Gnade hast du dich benommen wie eine Alte.“ – –

Schwester Archangela Fortunata, 49 Jahre alt, sagte aus (a.a.O., S. 252 f.): Die Dienerin Gottes ist mir erschienen, als ich mich in einem weit entfernten Orte befand, nämlich im Josephsheim von Fisciano, im Gebiet von San Severino, wo ich Priorin war. Eine der dortigen Ordensfrauen war schwer erkrankt, der Arzt hatte mir alle Hoffnung genommen, und eines Tages sagte er mir, es würde wohl am nächsten Tage mit ihr zu Ende gehen. Am Nachmittag setzte ich mich mit einer anderen Schwester an ihr Bett, um bei ihr zu wachen. Nach einigen Stunden ließ ich die andere Schwester bei ihr, und ich zog mich in meine Zelle zurück. Ich war überaus betrübt über die schwere Krankheit der Schwester, und ich sprach bei mir: „Oh, wenn meine Mutter Seraphina mich in dieser Betrübnis sähe, wie würde sie Mitleid mit mir haben und mir in dieser Krankheit mit ihren Gebeten Beistand leisten.“ Und wie ich so die Dienerin Gottes für die Kranke zu Hilfe rief und voller Traurigkeit war, legte ich mich etwas zu schlafen nieder. Aber kaum war ich leicht eingeschlafen, da sah ich unsere Mutter vor dem Bette, wie wenn sie mit großer Eile gekommen sei. Sie sagte mir: „Was hast du, Tochter, ich sehe dich sehr betrübt wegen dieser Schwester, die du so schwer krank hast. Der Herr weiß, wie sehr ich mit dir mitleide. Aber sei froh, diese Kranke wird jetzt nicht sterben.“ Dann wurde ihr Antlitz ganz herrlich und feurig, und sie fuhr fort: „Oh, so schnell will diese Schwester in den Himmel gehen. Um ins Himmelreich zu kommen, muß man viel leiden, leiden für Euch und für sich. Denn das ist die kostbarste Freude, die es in diesem Leben gibt.“ Sprach’s und verschwand, ich erwachte und befand mich voller Trost. Ich war so sicher, daß die Mutter Seraphina bei mir gewesen war, daß ich zu der Kranken ging und ihr offen erklärte: „Sei guten Mutes, denn du wirst nicht sterben, denn so hat Mutter Seraphina mir gesagt. Sie ist gekommen, um uns in unserer Traurigkeit zu trösten.“ Die Kranke schaute mich, so gut sie vermochte, an und sagte: „Das wäre ein Wunder.“ Am folgenden Tage kam der Arzt, der ihr die Sterbesakramente geben lassen wollte. Er fand sie stark gebessert. Zum Staunen aller, die sie krank gesehen hatten, genas sie, aber sie blieb die vier Jahre, die sie noch lebte, voller Schmerzen. Sie mußte viel Geduld aufbringen, wie auch wir, so wie die Mutter es vorausgesagt hatte. Schließlich starb sie eines seligen Todes. Ich schrieb damals an meine Tante, Schwester Puritas von den Engeln, die sehr vertraut mit der Dienerin Gottes war, sie möchte aus der Dienerin Gottes herauszubekommen versuchen, ob sie wirklich zu mir gekommen sei. Die Schwester Puritas antwortete mir, sie habe sich Mühe gegeben, die Dienerin Gottes auszuholen. Aber diese sei sehr zurückhaltend, über innere seelische Dinge etwas zu sagen. Jedoch habe sie sich einverstanden gezeigt mit dem, was geschehen sein (s’era dimostrata intesa del successo).

[1] Gründerin des Karmels vom Allerheiligsten Erlöser auf Capri, gestorben 1699.

[2] Ungehorsam der Untersuchungsgefangenen würde sehr schlimme Folgen für diese gehabt haben. Und Ungehorsam ihrer Mitschwestern, wenn sie z. B. die Eingesperrte mit der Prozession hätten mitgehen lassen, in der das Allerheiligste zu der Kranken gebracht wurde, würde für das ganze Kloster sehr ernste Strafen des Heiligen Offiziums nach sich gezogen haben.

[3] Diese Vermutung hatte sich der Zeugin aufdrängen müssen. Sie wird über so manche Bilokationsfälle, wie sie in den Akten berichtet werden, im Bilde gewesen sein. Die Dienerin Gottes war eingesperrt ohne Zweifel zur Feststellung der Echtheit der körperlichen Begleiterscheinungen ihres mystischen Gnadenlebens. Thurston spricht über sie neben vielen anderen Gestalten in dem Kapitel „Das Feuer der Liebe“ (Die körperliche Begleiterscheinungen der Mystik, Luzern 1956).

[4] Die Bilokation läßt sich aus dem Zusammenhang mit dieser Heilung, die durch die Aussage der behandelnden Ärzte und vieler anderer Augenzeugen bestens beglaubigt ist, nicht ausklammern. Die Wahrheit der Heilung steht für die Echtheit der Bilokation.

Aus: Wilhelm Schamoni, Wunder sind Tatsachen. Eine Dokumentation aus Heiligsprechungsakten, 2. Auflage, Würzburg/Stein am Rhein/Linz 1976, S. 362-367.