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Ein Dokument der Versöhnung

Zum postsynodalen Schreiben "Querida Amazonia" von Papst Franziskus

Das mit großen Hoffnungen und bangen Befürchtungen erwartete nachsynodale Schreiben ist da. Es bezieht sich auf das Schlussdokument der Amazons-Synode vom 6.-27. Oktober 2019. Der Papst zieht nicht irgendwelche dramatische und umstürzende Konsequenzen. Er möchte vielmehr der Kirche und allen Menschen guten Willens seine eigenen Antworten anbieten, um eine Hilfe zu geben für eine "harmonischen, kreativen und fruchtbaren Rezeption der gesamten synodalen Prozesses" (Art. 2) Das Schreiben gliedert sich in 4 Kapitel, die jeweils einen Traum oder eine Vision für die bedeutende und großartige Weltregion Amazoniens darstellen: 1. einen sozialen Traum (Art 8-27); 2. einen kulturellen Traum (Art. 28- 40); 3. einen ökologischen Traum (Art. 41-60) und 4. einen kirchlichen Traum (Art. 61- 110). Die Konklusion (Art. 111) stellt eine Gesamtschau der Herausforderungen und Chancen für dieses Land dar Der Papst schließt mit einem wunderschönen und tiefen Gebet zu Maria, der Königin des Amazoniens, in deren Geist wir die universale Gottesherrschaft in Jesus Christus, ihrem Sohn, erkennen, verkünden und ausbreiten.

Das gesamte Schreiben ist in einem persönlichen und werbenden Ton gehalten. Der Nachfolger Petri als der universale Hirte der Herde Christi und als höchste moralische Autorität in der Welt möchte alle Katholiken und Christen anderer Konfessionen aber auch alle Menschen guten Willens gewinnen für eine positive Entwicklung dieser Region, damit unsere dort lebenden Mitmenschen und Mitchristen die aufbauende und einende Kraft des Evangeliums erfahren. Wir sollen lokal und global in Solidarität zusammen wirken für das Gemeinwohl. Der Papst will bestehende politische, ethnische und innerkirchliche Konflikte und Interessen Gegensätze nicht anheizen, sondern überwinden. Mögen sich alle ein Vorbild nehmen am Heiligen Vater, denn es allen gilt die Verheißung: "Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden." (Mt 5, 9).

Die Hermeneutik, also die Grundeinstellung bei der Lektüre dieses päpstlichen Schreibens, kann ein Katholik nur aus dem katholischen Glauben beziehen. Sie ist nicht von einer Dialektik geprägt, sondern von der Grundfigur der Analogie. Die katholische Denkform, die uns eine klare Leitlinie an die Hand gibt, alle Aussagen des geoffenbarten Glaubens und die philosophischen, wissenschaftlichen und lebensalltäglichen Erkenntnisse über die Welt in eine Synthese zu bringen, geht nicht von der Entgegensetzung von Natur-Kultur und Gnade-Glaube aus, sondern von ihrer Unterscheidung und gleichzeitigen Beziehung aufeinander. Zusammen gehören die umfassende Orientierung an Gott, seiner Werke der Schöpfung, Erlösung und Versöhnung auf der einen Seite und auf der anderen Seite die Verantwortung für die Welt, die Familie, die Gemeinschaft, den Staat. Christus ist der Erlöser von den Sünden und der Befreier von inhumanen Strukturen, die aus der Sünde kommen. Wir leben noch in der vergänglichen Welt in der Hoffnung auf das Kommende. Aber die alte Welt des Todes und des Bösen ist im Grunde schon überwunden durch den gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Die Ausrichtung auf die Endzeit und die Wiederkunft Christi als Richter und Retter am Ende der Welt schließt die Kooperation am Aufbau seines Reiches ebenso ein wie den Protest und den Kampf gegen das Inhumane, Menschenverachtende und Ausbeuterische des alten und neuen Kolonialismus. Davon können die Ureinwohner des Amerikas ein Klagelied singen, das zum Himmel schreit. Auch wir hören den "Schrei der Amazonas-Region", weil wir zum demselben Volk Gottes gehöre (Art. 47f.).

In den ersten drei Kapitel dieses Schreibens kann jeder dem Heiligen Vater nur aus vollem Herzen zustimmen. Das schließt nicht aus, dass manche Details von Experten anders bewertet oder auch noch ausführlicher dargestellt werden könnten. Aber das Ganze ist ein pastorales Schreiben von prophetischer Kraft und kann nicht wie eine neutrale wissenschaftliche Studie gelesen werden. Auch kann man nicht besserwisserisch die Kriterien eines theologischen Lehrbuches anlegen, denn es geht um die Verkündigung der befreienden Kraft des Evangeliums Christi und nicht um eine akademische Studie.

Dieser Text kann die versöhnende Wirkung haben, auch innerkirchliche Parteibildungen, ideologische Fixierungen und die Gefahr einer inneren Emigration oder offenen Widerstands abzubauen. So ist zu hoffen, dass die Interpreten dieses Dokuments sich unnötiger Schärfe enthalten und die Anliegen des Heiligen Vaters wie echte Söhne und Töchter der Kirche in einem Geist der Zustimmung und Mitarbeit aufnehmen.

Im 4. Kapitel wendet sich der Papst über die Menschen guten Willens als Adressaten hinaus jetzt direkt an die Gläubigen und ihre Hirten, nämlich die Bischöfe und Priester. Das II. Vatikanische Konzil hatte in der Pastoral-Konstitution "Gaudium et spes" den Ort der "Kirche in der Welt von heute" beschrieben, während die Dogmatische Konstitution über die Kirche "Lumen gentium", von innen her den göttlichen Ursprung, das heilige Wesen und die universale Sendung der Kirche zu Martyria, Leiturgia und Diakonia dargestellt hatte. Darum betont der Papst die christlogische Mitte der Kirche und den universalen Missionsauftrag, um jeden Gedanken einer Reduktion der Kirche auf eine politische oder humanistische Organisation nach der Art einer NGO den Boden zu entziehen (vgl. Art. 62-65). Die Inkulturation des einen Evangeliums in der Kirche aller Zeiten und an allen Orten bedeutet ein reziprokes Lehren und Lernen, Geben und Empfangen auf allen Ebenen und in allen Regionen der Kirche, wie wir es schon seit neutestamentlicher Zeit kennen. Das Pfingstereignis ist das Paradigma aller Formen und Möglichkeiten der Inkulturation. Das trifft auch zu auf das Verständnis der Verhältnisses der einmaligen und in Christus abgeschlossenen Offenbarung und ihrer Vergegenwärtigung in der lebendigen Tradition. Dies kann im Blick auf die Dogmatische Konstitution über die Göttliche Offenbarung "Dei verbum" (Art. 7-10) verifiziert werden. Die Inkulturation nimmt Maß an der Präsenz der Gnade in der Schöpfung, an der Gott-menschlichen Einheit Christi und der sakramentalen Zeichengestalt der Gnade. Denn die sakramentale Symbolik bezieht den ganzen Menschen in seiner leiblichen und sozialen Wirklichkeit ein in das Verhältnis zu Gott dem Vater un dem Sohn und dem Heiligen Geist. Glänzend wird dies zusammengefasst in Art 109.

Es stimmt, dass die Kirche nie alles abgelehnt hat, was aus dem Heidentum kam. Die gilt nicht nur für die griechische Philosophie und die Weisheit der Völker. Auch können die Mythen, Legenden und Sagen in ihrer existentiellen Bedeutung ausgeschlossen und für die Mission fruchtbar gemacht werden sowohl im Alten Griechenland ( vgl. Hugo Rahner, Griechische Mythen in christlicher Deutung, Basel 1984)und z. B. bei der Missionierung der germanischen Völker. Aber der feine Unterschied zwischen der Anbetung des Schöpfers und der Anbetung des Geschaffenen, als ob es Gott wäre (Röm 1, 23), darf nicht vergessen werden (Art. 79-80).

Im Sinn der definierten Glaubenslehre wird klar herausgestellt, dass der Priester aufgrund der Weihe mit Christus, dem Haupt der Kirche, sakramental gleichgestaltet wird. Darum kann nur ein Mann Christus als den Bräutigam der Kirche, seiner Braut, symbolisch-sakramental repräsentieren (Art. 101). Aber die hierarchische Verfassung der Kirche besteht nicht darin, dass die Bischöfe, Presbyter und Diakone politische Macht haben über die Laien haben. Sie stehen auch nicht zwischen Gott und den (nicht-geweihten) Gläubigen, indem sie deren persönliche Unmittelbarkeit zu Gott im Gebet und Gewissen beeinträchtigen. Sie haben heilige Vollmacht (potestas sacra), damit Gott selbst durch ihr menschliches Wort sein göttliches Wort spricht, damit in den Sakramenten Gott seine Gnade vermittelt und damit durch sie als Hirten Christus selbst seine Schafe und Lämmer weidet.

Der Ansatz zur Wesensbestimmung des Priestertums durch die ausschießliche Vollmacht, das eucharistische Opfer darzubringen und das Bußsakrament und die Krankensalbung zu spenden sagt zwar nichts Falsches aus, greift aber zu kurz. Bischof und Priester repräsentieren Christus, in dem er insgesamt das Amt hat zu lehren, zu heiligen und zu leiten (Lumen gentium 26-28; Presbyterorum ordinis 4-6). Die Laien sind nicht definiert dadurch, dass sie alles können, außer dem, was den Priestern exklusiv vorbehalten ist, sondern durch die Teilnahme an der Gesamtsendung der Kirche aufgrund von Taufe und Firmung. Zu Recht aber wird auch erinnert an die Bedeutung der kirchlichen Laien-Ämter von Männern und Frauen, die "in verschiedener Weise zu unmittelbarer Mitarbeit mit dem Apostolat der Hierarchie berufen werden." (Lumen gentium 33). Für Männer und Frauen ist es entscheidend , nicht einem Funktionalismus zu verfallen (Art. 87). Christus der ewige Sohn des Vaters wurde Mensch als Mann; aber er wurde es durch ein Geschöpf, eine Frau, seine Mutter Maria (Art. 101). In diesem Geheimnis, das schon die Kirchenväter immer wieder, ist das Zusammenwirken der geweihten Hirten im hierarchischen Priestertum und der Laien, aber auch der Männer und Frauen aufgrund des gemeinsamen Priestertums aller Gläubigen spirituell zu leben (Lumen gentium 10).

Die dringende Sorge der Kirche, dass auch in entlegenen Gegenden die katholischen Gläubigen einen öfteren und tieferen Zugang haben zur Eucharistie kommt zum Ausdruck. Auch bedarf es mehr derjenigen Art von Seelsorgern, die durch ihre Herkunft, Mentalität und Ausbildung den Menschen dort näher sind. Aber es wird als Lösung, die vielen allzu pragmatisch in der Weihe von viri probati angepriesen wird, nicht eine Relativierung des Zölibates in der lateinischen Kirche ins Auge gefasst (Art. 85-86). Denn damit würde sich die Kirche in der epochalen Herausforderung des postmodernen Säkularismus des wirksamsten Heilmittels entledigen, nämlich indem die Diener des Himmelreiches zeichenhaft um des Reiches Gottes willen auf die Ehe zu verzichten (Mt 19, 12; 1 Kor 7, 32ff). Überlassen wir einfach in dieser aufgeregten Diskussion dem Herrn das letzte Wort. Christus war der "voller Mitleid mit den müden und erschöpften Menschen, die wie Schafe waren ohne einen Hirten." Und ER sagt uns dasselbe wie seinen Jüngern damals: "Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden." (Mt 9, 37f). (Kardinal Gerhard Ludwig Müller)
Lilien Dorner
„Das Projekt, das darin bestünde, den Gemeinden und den Priestern diese Freude zu nehmen, ist kein Werk der Barmherzigkeit. Als Sohn Afrikas erlaubt mir mein Gewissen nicht, den Gedanken zu ertragen, dass die Völker auf dem Weg zur Evangelisierung diese Begegnung mit dem in der Fülle gelebten Priestertum entbehren müssen. Die Völker des Amazonas haben einen Anspruch auf die volle Erfahrung von …More
„Das Projekt, das darin bestünde, den Gemeinden und den Priestern diese Freude zu nehmen, ist kein Werk der Barmherzigkeit. Als Sohn Afrikas erlaubt mir mein Gewissen nicht, den Gedanken zu ertragen, dass die Völker auf dem Weg zur Evangelisierung diese Begegnung mit dem in der Fülle gelebten Priestertum entbehren müssen. Die Völker des Amazonas haben einen Anspruch auf die volle Erfahrung von Christus als Bräutigam. Man kann ihnen keine Priester »zweiter Klasse« vorschlagen.“ (Buch „Aus der Tiefe des Herzens“, Kardinal Robert Sarah)
Lilien Dorner
Gebet zur Gottesmutter

Mutter des Lebens,
in deinem mütterlichen Schoß nahm Jesus Gestalt an,
er, der Herrscher über alles Seiende.
Als der Auferstandene hat er dich mit seinem Licht verwandelt
und zur Königin der ganzen Schöpfung gemacht.
Deshalb bitten wir dich, Maria,
herrsche im pochenden Herzen Amazoniens.

Zeige dich als Mutter aller Kreatur,
in der Schönheit der Blumen, der Flüsse,
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Gebet zur Gottesmutter

Mutter des Lebens,
in deinem mütterlichen Schoß nahm Jesus Gestalt an,
er, der Herrscher über alles Seiende.
Als der Auferstandene hat er dich mit seinem Licht verwandelt
und zur Königin der ganzen Schöpfung gemacht.
Deshalb bitten wir dich, Maria,
herrsche im pochenden Herzen Amazoniens.

Zeige dich als Mutter aller Kreatur,
in der Schönheit der Blumen, der Flüsse,
des großen Flusses, der dieses Gebiet durchzieht,
und all dessen, was sich in seinen Wäldern regt.
Beschütze mit deiner Liebe diese überbordende Schönheit.

Bitte Jesus, dass er seine ganze Liebe ausgieße
über die Männer und Frauen, die dort leben,
damit sie fähig werden,
diese Schönheit zu bewundern und zu bewahren.

Gib, dass dein Sohn in ihren Herzen geboren wird,
damit er in Amazonien,
in seinen Völkern und Kulturen erstrahle
mit dem Licht seines Wortes, mit dem Trost seiner Liebe,
mit seiner Botschaft der Brüderlichkeit und Gerechtigkeit.

Gib, dass auch bei jeder Eucharistiefeier
sich in uns so großes Staunen regt
über die Herrlichkeit des Vaters.

Mutter, sieh auf die Armen Amazoniens,
denn ihre Heimat wird weiter zerstört
für schäbige Interessen.
Wie viel Schmerz und Elend,
wie viel Verwahrlosung und Rücksichtslosigkeit
in diesem reich gesegneten Land
übervoll von Leben!

Rühre die Mächtigen in ihrem Empfinden an,
denn, obgleich wir das Gefühl haben, es sei zu spät,
rufst du uns zu retten,
was noch am Leben ist.

Mutter mit durchbohrtem Herzen,
die du in deinen gedemütigten Kindern
und in der verwundeten Natur leidest,
herrsche du in Amazonien
zusammen mit deinem Sohn.
Herrsche du, auf dass sich keiner mehr
als Herr des Werkes Gottes fühle.

Auf dich vertrauen wir, Mutter des Lebens,
verlass uns nicht
in dieser dunklen Stunde.
Amen.

(Papst Franziskus)
Lilien Dorner
Ich möchte darauf hinweisen, dass Kardinal Müller vor einiger Zeit folgendes sagte:

„Die Kirche steht tatsächlich innerlich und äußerlich in einer der schwersten Krisen ihrer ganzen Geschichte. Sie wird nicht fortbestehen, wenn sie sich in eine religiös-politische NGO umwandelt und ihre von Christus geoffenbarte Glaubens- und Sittenlehre relativiert oder ganz aufgibt. Die Selbstsäkularisierung, …More
Ich möchte darauf hinweisen, dass Kardinal Müller vor einiger Zeit folgendes sagte:

„Die Kirche steht tatsächlich innerlich und äußerlich in einer der schwersten Krisen ihrer ganzen Geschichte. Sie wird nicht fortbestehen, wenn sie sich in eine religiös-politische NGO umwandelt und ihre von Christus geoffenbarte Glaubens- und Sittenlehre relativiert oder ganz aufgibt. Die Selbstsäkularisierung, die seit über 50 Jahren im Gang ist, rettet die Kirche nicht vor dem Abgrund, sondern bringt sie diesem immer näher.“

Zum Vergleichen:

Nachsynodales Apostolisches Schreiben
Querida Amazonia
von Papst Franziskus
an das Volk Gottes
und an alle Menschen guten Willens

64. Sie haben ein Recht auf die Verkündigung des Evangeliums, besonders auf jene grundlegende Verkündigung, die als Kerygma bezeichnet wird und die »die hauptsächliche Verkündigung [ist], die man immer wieder auf verschiedene Weisen neu hören muss und die man in der einen oder anderen Form [...] immer wieder verkünden muss«[81]. Es ist die Verkündigung eines Gottes, der jeden Menschen unendlich liebt und der uns diese Liebe vollkommen in Christus geoffenbart hat, der für uns gekreuzigt wurde und als der Auferstandene in unserem Leben gegenwärtig ist. Ich möchte allen vorschlagen, die kurze Zusammenfassung dieser Inhalte im vierten Kapitel des Nachsynodalen Apostolischen Schreibens Christus vivit nachzulesen. Diese Botschaft muss in Amazonien beständig und auf vielfältige Weise zu hören sein. Ohne diese leidenschaftliche Verkündigung würde jede kirchliche Struktur nur zu einer weiteren NGO werden, und wir würden damit auch nicht der Weisung Jesu Christi entsprechen, die da lautet: »Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung!« (Mk 16,15).

Zu NGO: www.bmz.de/…/index.html