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Predigt von Pfarrer Maximilian Pühringer zum heutigen Sonntag, 17.10. 2021

Predigt 29. Sonntag im Jahreskreis, 17.10.2021
Perikopen: Jes 53,10-11 Mk 10,35-45
Liebe Brüder und Schwestern im gemeinsamen Glauben!
„Ein Häuflein Elend,“ dieses Bild verwenden wir mitunter für einen Menschen, der schwer gezeichnet ist von einer Krankheit, einer körperlichen oder auch einer psychischen. „Ein Häuflein Elend.“ Der Mensch kann elend zusammenkommen. Das ist mir in den Sinn gekommen, als ich über die heutige Lesung aus dem Propheten Jesaja nachgedacht habe. Es war da die Rede von einem von Krankheit Zermalmten, der noch dazu Knecht Gottes ist. Ein Häuflein Elend im Dienst Gottes. Wie sollen wir das verstehen? Das wollen wir heute ein bisschen bedenken. Erstens: Gefällt Gott Leid und Elend? Aufs Erste würde es der Text nahelegen. „Der Herr hat Gefallen an dem von Krankheit Zermalmten… Was dem Herrn gefällt, wird durch seine Hand gelingen,“ heißt es. Das gefällt mir, kann freilich bedeuten, dass jemand meint: „Das mag ich, wenn es so ist.“ Es gibt aber auch eine andere Bedeutung im Sinne von Gefallen erregen, im Sinne von besonders hinschauen. Genau das ist es, dass Gott einen besonderen Blick hat für die Beladenen, die Elenden, die Zermalmten. Das ist Kernpunkt der biblischen Botschaft. Es handelt sich um Gottes besonderer Lieblinge. Aber klingt das nicht ziemlich theoretisch? Ich denke nicht, spätestens seit Gott selber ans Kreuz geschlagen wurde und die Nacht des Todes erlitten hat, ist das keine Theorie mehr. Es gibt kein leid in der Welt, wo sich Gott nicht finden lässt. Es gibt Zeitzeugenerlebnisse von Christen und Juden, die die ganze Brutalität der Konzentrationslager erlebt habe, und die es nur deshalb überlebt haben, weil Gott hier ihr letzter Halt war, auch wenn sie unter seinem scheinbaren Schweigen gelitten haben. Oder denken wir an den Jesuiten Alfred Delp, der noch kurz vor seiner Hinrichtung folgende, so zu Herzen gehende Worte geschrieben hat: „Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben, und mit euch gehen in ein neues Jahr.“ Gott gefällt das Leid nicht, aber er hat einen besonderen Blick für die Armen, Kranken, Leidenden und Beladenen. In dieser Hinsicht kann sich der Mensch besonders als Ebenbild Gottes erweisen, aber leider auch als Zerrbild dieses Ebenbildes. Zweitens: Ertragen und auf das Licht hoffen. Nachdem dieses Häuflein Elend, dieser leidendes Knecht Gottes viel ertrug, erblickte er das Licht. So hat der Bibeltext gesagt. Das bedeutet: Nur wer bereit ist, Zerschlagenes zu ertragen, Leiden an sich selber und an unserer Zeit auszuhalten, nur wer bereit ist die Begrenzungen des Lebens auszuhalten und dennoch auf das Licht hoffen kann, der kann Knecht Gottes sein und in seiner Nachfolge sein. Freilich, die Frage nach den ersten Plätzen, nach den VIP-Karten und Logenplätzen, die die Jünger im heutigen Evangelium beschäftigt, bringt sicher nicht weiter. So müssen wir uns um das Annehmen, aber immer in dem Wissen, dass es dieses Licht gibt. Auch die Seelsorge spielt sich heute primär ab im Wechselspiel von Enttäuschung, wobei das oft auch mit Täuschen zu tun hat, und Hoffnung. Es bleibt hier wichtig die kleinen Lichter zu sehen. Wenn wir das Leben Jesu anschauen, sind ihm auch nur kleine Lichter geblieben. Große Erfolge hatte er auf Erden nicht zu verbuchen. Auf bekehrte Massen hat er umsonst gewartet. Dort, wo ihm die Massen zujubelten, waren die Motive verkehrt. Bei der Brotvermehrung beispielsweise jubelten die Menschen, weil Jesus den irdischen Hunger gestillt hat und nicht den Hunger nach Gott. Irdische Speise stand im Vordergrund, nicht das Brot des Lebens. Das ist bei uns nicht anders. Wir tun in manchen Bereichen noch so, als ob wir Volkskirche wären, aber wir sind es schon lange nicht, da brauchen wir uns nicht über unser ländliches Milieu hinwegtäuschen. Das trifft auf Fernstehende und Nahestehende zu. Auch die Jünger haben um die Plätze gestritten, haben die entscheidende Stunde verschlafen, und dann war noch ein Verräter dabei. Große Lichtblicke hat der Herr nicht erlebt, aber ein paar kleine Lichter sind ihm geblieben sind: eine arme Witwe beispielsweise, die im Tempel alles gibt, was sie hat, ein zerknirschter Sünder, die Begegnung mit seiner Mutter Maria, ein Zöllner, der sein Unrecht wieder gut macht. Und genau diese kleinen Lichter muss auch uns der Glaube, der immer ein Senfkornglaube ist, zu sehen lehren. Sie reflektieren den, der von sich sagt: „Ich bin das Licht der Welt.“ Drittens: Stellvertretend leben. Das zeichnet dieses Häuflein Elend aus. Der Gottesknecht macht viele gerecht, lädt sogar ihre Schuld auf sich, lebt stellvertretend. Bald haben Christen in diesem Gottesknecht das Todesschicksal Jesu gesehen. Er stirbt stellvertretend für das Heil der Welt. Wir dürfen unser Leben daraufhin befragen inwieweit es stellvertretend ist und wie weit ich auf der Stelle trete. Von Jörg Zink einem verstorbenen Theologen, kann folgender Satz hilfreich sein.: „Eins habe ich gelernt: Dass wir unser ganzes Leben lang auf die angewiesen sind, die für uns etwas tun im Sinne von Stellvertretung. Wenn mich ein Verdacht trifft, ein unberechtigter, erreiche ich gar nichts, wenn ich mich verteidige. Da muss ein anderer hinzukommen, der für mich spricht. (…) Und es ist eine unserer wichtigen Aufgaben, zu merken, wo und wann einer in unserer Nähe ist, der unseres stellvertretenden Eintretens bedarf.“
Liebe Brüder und Schwestern!
In diesem Häuflein Elend steckt eine ganze Predigt.
Gott schaut auf das Leid und ist bei den Leidenden. Es geht um das Annehmen und Ausschauen nach dem Licht. Und es geht darum, dass wir stellvertretend etwas tun. Im Oktober sind wir verbunden mit Maria, der Königin von Rosenkranz. Vielleicht beten wir in den nächsten Tagen einmal den schmerzhaften Rosenkranz, oder wenigstens ein Gesätzchen davon. Da kann dann dieses Häuflein Elend der sonntäglichen Botschaft in und etwas nachklingen. Amen.