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Papst Leo XIII. als Arbeiterpapst

Auch Papst Leo XIII. sah das Elend, das die Industrialisierung mit sich brachte. So widmete er seine Enzyklika, sein päpstliches Rundschreiben, im Jahr 1891 diesem Thema. „Rerum Novarum“ lautete der Titel, zu Deutsch „Geist der Neuerung“. Darin beschrieb der Papst seine Sorge, dass die wirtschaftlichen Veränderungen Gesellschaft und Staat gefährden. Er argumentiert in der Enzyklika gegen den Sozialismus und die Aufhebung des Privateigentums. Aber Papst Leo XIII., der „Arbeiterpapst“, spricht sich auch gegen die bis dahin absolut gängige Ausbeutung der Arbeiter aus. Der Papst unterstützt mit seiner Enzyklika eine Vereinigungsfreiheit der Arbeiter. Er fördert ihr Recht, sich zusammenzuschließen, um einander zu helfen. Der Arbeiterpapst schreibt aber auch von der Bedeutung staatlichen Arbeitsschutzes.

„Der Papst versuchte mit seiner Enzyklika, den Arbeitern aus der katholischen Ethiktradition heraus in ihrer prekären Lage zu helfen“, sagt André Habisch. Er ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Habisch, der sich auch mit der Verbindung von Religion und Wirtschaft befasst, sagt: „Das Anliegen des Rundschreibens ist bis heute wegweisend.“ Mit dieser Enzyklika, ist Habisch überzeugt, „hat Papst Leo XIII. die katholische Soziallehre begründet, wie sie die deutsche Wirtschaftsordnung bis heute prägt.“

Für ein neues Wirtschaften

Papst Pius XI. nahm 1931 auf „Rerum Novarum“ Bezug. Er veröffentlichte auf den Tag genau vierzig Jahre später eine Enzyklika, die an die Gedanken von Leo XIII. anknüpft. So heißt sie denn auch „Quadragesimo Anno“, im vierzigsten Jahr. Entscheidend mitgewirkt hat an dieser Enzyklika der deutsche Papstberater Oswald von Nell-Breuning, der bis heute als eigentlicher Vordenker der sozialen Marktwirtschaft gilt. Der Jesuit, Nationalökonom und Sozialphilosoph Nell-Breuning forderte auf diesem Weg, dass Eigentum auch im Sinne des Gemeinwohls gebraucht werden soll. Und es gelingt ihm, Subsidiarität bekannt zu machen. „Ein Wort, das heute kaum jemand noch kennt, und doch profitieren wir in der Wirtschaft davon“, sagt Habisch.

Mancher Lateinschüler erinnert sich noch: Subsidium heißt Hilfe. Und das Subsidiaritätsprinzip bedeutet, die richtige Mischung zu finden. Selbstbestimmung – so lange wie möglich. Und Hilfe – sobald nötig. „Es soll immer erst die kleinere Einheit Vorrang haben, wenn es um die Lösung von Problemen geht“, erläutert Habisch. Erst schließen sich also die Betroffenen zusammen, um sich gegenseitig zu helfen. Und der Staat hält sich zurück. Er greift nur dann ein, wenn sie es nicht selbst schaffen, ihre Verhältnisse zu verbessern. „Das ist klug“, sagt Habisch. „Warum soll der Staat eingreifen, wenn du es selbst lösen kannst?“ Und dieser Gedanke, die Verantwortung des Einzelnen zu stärken, aber die Schwächeren nicht im Stich zu lassen, forme unser Wirtschaftswesen immer noch.

Soziale Marktwirtschaft

Die Ausführungen Nell-Breunings wurden aufgegriffen. Unter anderem von dem Wirtschaftswissenschaftler und Kultursoziologen Alfred Müller-Armack. Er traf sich im vertraulichen Kreis bereits gegen Ende des Zweiten Weltkriegs mit anderen Experten der Wirtschaft wie Ludwig Erhard, um ein Konzept für die deutsche Wirtschaftsordnung nach dem – mutmaßlich bald verlorenen – Krieg zu entwickeln. Das Ergebnis war die „Soziale Marktwirtschaft“. Ein Schlagwort, das erstmals Müller-Armack erwähnte, im Jahr 1947.

„Müller-Armack lehnte sich dabei spürbar an die katholische Soziallehre an“, sagt Ökonom Habisch. Ähnlich wie Papst Leo XIII. die katholische Soziallehre, versteht er die Soziale Marktwirtschaft als eine Variante zwischen einer rein liberalen Marktwirtschaft und einer staatlichen Wirtschaftslenkung. Müller-Armack sah so in der Sozialen Marktwirtschaft eine friedensbringende Formel. Denn sie versuche, so Müller-Armack, „die Ideale der Gerechtigkeit, der Freiheit und des wirtschaftlichen Wachstums in ein vernünftiges Gleichgewicht zu bringen“. Ludwig Erhard überzeugte das. Er übernahm das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft in die Regierungspraxis – wenn auch mit starker Betonung der liberalen Elemente.

Copie von Spiegel online