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Fleisch und Geist - Predigt von Professor May

Fleisch und Geist

29.08.2021

Predigt von Professor May

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

In der Heiligen Schrift ist häufig von dem Begriffspaar Fleisch und Geist die Rede. Im Ölgarten sagt Jesus seinen vertrauten Jüngern: „Der Geist ist zwar willig, aber das Fleisch ist schwach.“ Mit Fleisch und Geist sind grundlegende Aussagen über den erlösten und den unerlösten Menschen verbunden. Der Christ muss sie kennen.

Das Begriffspaar Fleisch und Geist gehört zu den fundamentalen Elementen der Theologie des heiligen Apostels Paulus. Er verwendet den Ausdruck „Fleisch“ in dreifachem Sinne. „Fleisch“ bedeutet beim Apostel Paulus erstens so viel wie „Mensch“. Fleisch und Blut ist der bloß natürliche Mensch. Fleisch bedeutet zweitens so viel wie „Leib“. Der Mensch besitzt einen Fleischesleib mit seiner Gebrechlichkeit, Befleckbarkeit und Leidensfähigkeit. Fleisch ist drittens irdischer Sinn. Der Mensch ohne Christus, ohne den Geist, der unerlöste Mensch ist fleischlich, verkauft unter die Sünde. Unter der Herrschaft der Sündenmacht setzt das Fleisch dem Gesetz (das an sich geistlich ist) einen unüberwindbaren Widerstand entgegen. Mit dem Fleisch dient der Mensch dem Gesetz der Sünde. „Als wir im Fleische waren, wirkten die sündigen Leidenschaften, die durch das Gesetz (in uns erst auflebten), in unseren Gliedern, so dass sie dem Tode Frucht brachten“ (Röm 7,5). Das „andere Gesetz“ in den Gliedern des unerlösten Menschen liegt mit dem Gesetz der Vernunft im Kampfe. „Das Fleisch begehrt wider den Geist, der Geist aber wider das Fleisch; das sind einander entgegengesetzte Mächte“ (Gal 5,17). Mit dem Begriff „Fleisch“ bezeichnet der Apostel also den Menschen in seiner Ohnmacht vor Gott, nachdem Sünde und Tod ihre Herrschaft über die Welt angetreten haben. Es gibt neben dem erlösten, geistbegabten Menschen nicht etwa einen ungespaltenen, im Frieden mit sich selber lebenden „natürlichen“ Menschen; es gibt nur noch den gefallenen, den Mächten des Bösen unterworfenen Menschen. „Die nach dem Fleische leben, sinnen auf das, was des Fleisches ist“ (Röm 8,5). „Das Sinnen des Fleisches ist Feindschaft gegen Gott“ (Röm 8,7); die im Fleische „können Gott nicht gefallen“ (Röm 8,8). Wer nach dem Fleische lebt, muss sterben (Röm 8,13; Gal 6,8).

Die Werke des Fleisches sind „Unzucht, Unreinheit, Zügellosigkeit, Götzendienst, Zauberei, Feindschaften, Hader, Eifersucht, Zornausbrüche, Streitereien, Zwistigkeiten, Spaltungen, Neid, Trunkenheit, Gelage und solche ähnliche Dinge, von denen ich euch voraussage, wie ich es schon früher vorausgesagt habe, dass alle, die dergleichen tun, das Reich Gottes nicht erben werden“ (Gal 5,19-21). In diesem sogenannten Lasterkatalog fasst der Apostel Paulus die schweren Sünden zusammen, die den Verlust des ewigen Lebens bei Gott zur Folge haben, wenn sie nicht zuvor den reuigen Sündern vergeben werden. Der „fleischliche“ Mensch ist danach nicht zuerst der in geschlechtlichen Dingen haltlos sündigende Mensch. Mit dem Begriff „Fleisch“ umfasst der Apostel alles Gottferne, Gottfeindliche im Menschen. Der Mensch ist Fleisch, insofern er gefallen ist und jeglicher Unordnung schuldhaft unterworfen. In der Taufe legt der Mensch den „fleischlichen Leib“ grundsätzlich ab (Kol 2,11). Das geschieht aufgrund des Heilswirkens Gottes; er hat in Christus die Sünde gerade dort angegriffen und vernichtet, wo sie ihr festestes Bollwerk besaß (Röm 8,3). Der Christ steht nicht mehr wehrlos unter der Tyrannei der Unheilsmächte; er ist nicht mehr „im Fleische“, sondern „im Geist“, denn der Geist Gottes wohnt in ihm.

Dem Fleisch gegenüber steht der Geist. Hier unterscheidet Paulus zwei Bedeutungen des Wortes. Geist bedeutet zunächst im natürlichen Sinn das Selbst des Menschen, das Natürlich-Geistige an ihm, was wir gemeinhin Seele nennen. Die Seele ist das geistige Prinzip im Menschen, das dem Leib gegenübersteht; die Seele ist die Lebensform des Körpers. Das ist die anthropologische Bedeutung des Wortes Geist. In theologisch bedeutsamem Sinne ist Geist das Wesen Gottes, vor allem insofern es sich der geschaffenen Welt mitteilt. Das eigentliche Merkmal des Christen ist der Besitz des Geistes; wer den Geist besitzt, nimmt an Gottes innerstem Wesen teil. Die ganze Breite des Lebens zwischen Gott und Mensch ist durchwaltet vom Heiligen Geist (1 Kor 2,10). Geist ist das Göttliche für den Menschen. Insofern stehen Geist und Fleisch in ausschließendem Gegensatz. „Das Fleisch begehrt wider den Geist, der Geist aber wider das Fleisch; das sind einander entgegengesetzte Mächte“ (Gal 5,17), die jeweils das Ganze des Menschen bestimmen. „Das Sinnen des Fleisches ist Tod, das Sinnen des Geistes aber Leben und Friede“ (Röm 8,6).

Den göttlichen Geist erhalten die Menschen durch Glauben (Gal 3,2.5.14) und Taufe (1 Kor 6,11; 12,13). Und von nun an verwandelt sich ihr Leben. Sie lassen sich vom Geiste Gottes, der jetzt in ihnen wohnt (Röm 8,9.11; 1 Kor 6,19) leiten, werden von ihm getrieben (Röm 8,14; Gal 5,18) und belehrt (1 Kor 2,6-16). Der Geist ist die Norm des Wandelns der Christen (Röm 8,4.5; Gal 5,16.25). Die Christen beten im Geiste, sie erwarten im Geist die Vollendung, das Wirken der Apostel geschieht in der Kraft des Geistes (Röm 15,19), in Kraft und im Heiligen Geist (1 Thess 1,5). Nur im Heiligen Geist kann der Geistbegabte sagen: Herr (ist) Jesus (1 Kor 12,3). Der Zungenredner redet Geheimnisse im Geiste (1 Kor 14,2).

Dabei ist nicht zu übersehen, dass der Wandel im Geist von dem Menschen den Einsatz aller seiner Kräfte verlangt. Wer den Geist empfangen hat, muss nach ihm leben wollen. Er muss das ihm aus freier Gnade Geschenkte Tag um Tag verwirklichen. Die Erklärung dafür, dass der Mensch auch im erlösten Zustand ständiger Anstrengung bedarf, um die Erlösung festzuhalten, ergibt sich aus dem Wesen der Erbsünde. Die Erbsünde enthält ein doppeltes Moment, ein materielles und ein formelles. Das materielle Moment ist die Konkupiszenz, das formelle ist der Mangel der heiligmachenden Gnade. Konkupiszenz ist die schlechte Begierde, die Folge und Wurzel der Sünde ist, die Neigung zum Verbotenen. Der Mangel der heiligmachenden Gnade wird durch die Erlösung behoben. Die Konkupiszenz bleibt auch im Gerechtfertigten. Sie ist ihm zum Kampf zurückgelassen, sie ist Gegenstand zur Ausübung der Tugend. Der Besitz des Geistes erspart also dem Menschen nicht die Willensanstrengung und den Kampf gegen die Sünde; er fordert vielmehr beides vom Menschen heraus. Aber das Bemühen des Menschen um Gehorsam gegen Gottes Willen, sein Ringen um Reinheit und Tugend ist dank des Geistes nicht mehr erfolglos. Wer dem Antrieb des Geistes folgt, in dem erblühen die sittlichen Tugenden, die Fertigkeiten im Guten, die Paulus beispielsweise (nicht erschöpfend) aufzählt. In diesem Sinne ist dann die Frucht des Geistes „Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit“ (Gal 5,22.23).

Der dem Menschen mitgeteilte göttliche Geist schenkt und ermöglicht neue Erkenntnisse über Gottes Wesen und Pläne. Dass Gott Geist ist, war für Paulus selbstverständlich. Der Geist ist wesentlich und zuerst Gottes Geist. Er stammt, wo er dem Menschen mitgeteilt wird, aus Gott, und ist dem Wesen Gottes entsprechend Heiliger Geist. Gott sendet den Geist seines Sohnes in die Herzen der Menschen (Gal 4,6). Die Korinther sind ein Brief Christi, der mit dem Geiste des lebendigen Gottes in lebendige Herzen eingeschrieben ist. Die ganze Fülle des Geistes wohnt in Christus. Der Geist ist Geist Christi (Röm 8,9; Phil 1,19), Geist des Herrn (2 Kor 3,17). Die volle Offenbarung des „Geistes der Heiligkeit“ in Christus brachte die Auferstehung (Röm 1,4). In der Auferstehung wurde Christus zum lebensspendenden Geist (1 Kor 15,45). Zwischen dem Geist und Christus besteht die innigste Gemeinschaft. Es ist keine Trennung zwischen ihnen denkbar, so wenig sie miteinander vermischt werden dürfen. Seinem Wesen nach ist dort, wo der Herr ist, auch der Geist, und wo der Geist wirkt, da wirkt auch der Herr. Das ist der Sinn der eindrucksvollen Formel: Der Herr ist der Geist (2 Kor 3,17).

Zum Schluss sei noch einmal der Kern der Lehre des Paulus über Fleisch und Geist in einem Satz zusammengefasst. Der Christ wandelt „im Fleische“ (2 Kor 10,3; Gal 2,20; Phil 1,22.24), aber nicht „nach dem Fleische“. Das Wort Fleisch ist in dieser Aussage in zweifachem Sinne verstanden. In der ersten Hälfte des Satzes meint es die natürliche Ausstattung des Menschen, den Menschen als vernünftiges, mit einem Leib ausgestattetes Geschöpf; in diesem Verständnis ist er der natürliche Mensch. In der zweiten Hälfte des Satzes meint das Wort Fleisch den unerlösten Menschen, dem der Geist fehlt. Als solcher darf ein Christ nicht wandeln, denn er ist mit dem göttlichen Geist begabt. So soll der Entschluss in uns aufstehen: Da wir im Geiste leben, wollen wir auch im Geiste wandeln. Wollen wir uns vom Geiste führen und leiten lassen.
Amen.

Predigt Professor May

Dr. Georg May, em. Professor für Kirchenrecht

Dr. Georg May, em. Professor für Kirchenrecht, kirchliche Rechtsgeschichte und Staatskirchenrecht, ist seit 1951 Priester. Kompromisslos in der reinen Lehre, und doch leicht verständlich, verkündet und erläutert er in seinen Predigten den katholischen Glauben. Sonntag für Sonntag fesselt er seine Zuhörer, die er in der Treue zum Glauben und in der Liebe zur Lehre der Kirche zu festigen versteht.

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Professor May (Album)

Die Unvergänglichkeit der Seele - Predigt von Professor May