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Santiago74

Hl. Vinzenz von Lérins - Authentische Lehrentfaltung

Von Prof. Dr. Michael Fiedrowicz

Legitime Lehrentfaltung

(...) Vinzenz war allerdings darauf bedacht, einen solchen legitimen Fortschritt von illegitimer Veränderung genauestens abzugrenzen:

„Jedoch muss es wirklich ein Fortschritt (profectus) im Glauben sein, und keine Veränderung (permutatio). Zum Fortschritt gehört nämlich, dass eine jede Sache in sich selbst erweitert wird, zur Veränderung hingegen, dass etwas in etwas anderes verwandelt wird. Wachsen und gewaltig voranschreiten sollen also die Einsicht, das Wissen und die Weisheit, sowohl bei jedem einzelnen wie auch bei allen insgesamt, beim Individuum wie bei der Gesamtkirche, entsprechend den Stufen der Lebensalter wie der Zeitalter – jedoch nur in der eigenen Art, nämlich in derselben Glaubenslehre, in demselben Sinn und in derselben Bedeutung.“ (comm. 23, 1-3). Vinzenz fährt fort – man muss seine Worte auf dem Hintergrund der letzten vierzig oder fünfzig Jahre hören, um ihre ganze Aktualität und Tragweite zu ermessen: „Die Kirche Christi aber, die eifrige und behutsame Wächterin der ihr anvertrauten Glaubenslehren, verändert nie etwas an ihnen, nimmt nichts weg, fügt nichts hinzu; sie schneidet nicht Notwendiges weg, sie setzt nicht Überflüssiges hinzu; sie gibt nicht das Eigene auf, sie eignet sich nicht Fremdes an. Sondern sie bemüht sich mit aller Energie nur darum, das Alte treu und weise zu verwalten, und wenn etwas davon seit alter Zeit unausgebildet und unfertig ist, es auszugestalten und glattzufeilen, wenn etwas bereits deutlich ausgeprägt und entfaltet ist, es zu festigen und zu sichern, und wenn etwas bereits bekräftigt und festgelegt ist, es zu bewahren.“ (comm. 23,16-17).

Der Mönchstheologe Vinzenz unterlässt es nicht hervorzuheben, welche Bedeutung dem einzelnen Theologen mit seiner Begabung, Erfahrung und Gelehrsamkeit in diesem Prozess der kirchlichen Lehrentwicklung zukam. Typologisch sah er die Aufgabe des kirchlichen Theologen in der alttestamentlichen Gestalt des Bezaleel vorgebildet (comm. 22, 6f), der „von göttlichem Geist erfüllt, mit Kenntnis und Einsicht, Wissen und Geschick“ (Ex 31,2f) das Heiligtum des Offenbarungszeltes fertigte, wie es nicht eigenem Planen, sondern der Weisung Gottes entsprach. Auf der Ebene des geistigen Schriftsinnes gelesen, bedeutete dies für den Bischof, Schriftausleger und Lehrer der Kirche: „So sei ein Bezaleel des geistigen Bundeszeltes, verleihe den kostbaren Edelsteinen der göttlichen Lehre Gestalt (pretiosas divini dogmatis gemmas exsculpe), füge sie treu zusammen (fideliter coapta), schmücke sie weise (adorna sapienter), füge ihnen Glanz, Anmut und Schönheit bei (adice splendorem, gratiam, venustatem). Durch deine Erklärung soll klarer verstanden werden (intellegatur inlustrius), was zuvor dunkler geglaubt wurde (obscurius credebatur). Durch dich sollen die Nachkommen die glückliche Einsicht (intellectum) in das erhalten, was die alte Zeit vorher verehrte, ohne es zu verstehen. Dennoch lehre dasselbe, was du gelernt hast, so dass du, falls du es neu sagst, nichts Neues sagst (cum dicas nove, non dicas nova).“ (...)

Nicht umsonst gilt Vinzenz aufgrund dieser Überlegungen, denen er im Commonitorium ein umfangreiches Kapitel widmete, als „erster Theoretiker der Dogmenentwicklung“ (Vgl. M. Fiedrowicz, Theologie der Kirchenväter. Grundlagen frühchristlicher Glaubensreflexion, Freiburg i. Br. 22010, 359-363), der durchaus ein deutliches Verständnis für die geschichtliche Dimension des Glaubens besaß, insofern dazu ebenso ein wirkliches Voranschreiten und Sich-Entfalten wie eine in der Entwicklung gewahrte Identität gehören. Mit der Aussage, authentischen Fortschritt könne es nur in homogener Weise (in suo genere) geben, und zwar „in derselben Glaubenslehre, in demselben Sinn und in derselben Bedeutung“ (in eodem dogmate, eodem sensu eademque sententia) hatte Vinzenz eine klassische Formel geprägt, der eine reiche Wirkungsgeschichte folgte. Bis in jüngste Verlautbarungen hinein rekurrierte das kirchliche Lehramt auf diesen Grundsatz, um das katholische Verständnis der Dogmenentwicklung zu umschreiben

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