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Versatz
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Kirche, Institution und Kult - Gemeinde leben

„Die Kirche muss wieder wollen, dass Menschen ihr Leben durch eine klare Entscheidung Jesus Christus übergeben. Sie ist ja weniger eine Institution oder Kulturform als eine Gemeinschaft mit Jesus in der Mitte.“

So heißt es in der These 1 des Missions-Manifestes. Diesen Satz macht Erik Flügge in seinem aktuellen Pamphlet zu Kirchenschliessungen als Kernsatz aus. Die Brisanz eines solchen Kernsatzes erkennt er dennoch nicht. So interessant seine Analyse ist, er kann dies als selbsterklärter "Erzliberaler" auch nicht erkennen. Dies ist kein Vorwurf, im Gegenteil.

Der Satz ist falsch. Und zwar gleich doppelt und dreifach. Doch er führt uns zum Kernproblem postmodernen Glaubens und zum Grund für das Versiegen des Glaubens und der Glaubenskraft. Dies ist nicht einfach eine Depression, wie Flügge es ausmacht, so sehr dies phänotypisch passt. Hier ist tatsächlich etwas verloren gegangen, was der eine durch Aktivismus im verbleibenden Gefüge übertüncht, sei es Bürokratie oder Sozialdienst, politische Wichtigtuerei oder Konservativismus und der andere eben wie depressiv gelähmt mehr unbewußt als bewußt zum Ausdruck bringt.

Kommen wir zur weitergehenden Analyse: In der Kriminalistik gilt es - weil zielführend - immer wieder einen Grundsatz zu beachten: Achte auf die Chronologie! Und auch diese erhellt hier den tiefen Grund des Verfalls und seiner vielfältigen Erscheinungen in der Kirche.

Sie ist kaum noch eine - und ich meine das genau so. Kirche, und damit komme ich auf die oben ausgemachte falsche Kernthese zurück, ist tatsächlich genau dies: Institution und Kulturform. Dies ist ihr Wesen, daran hängt alles. Dies in Gegensatz zu einer klaren und persönlichen Entscheidung für Jesus zu stellen, ist ein typischer Denkfehler der Kategorienverwechslung. Eine persönliche Lebensentscheidung gehört der Kategorie menschlichen Handelns an, Kirche hingegen ist ein abstrakter Seinsbegriff. Es macht tatsächlich überhaupt keinen Sinn, dies gegeneinander auszuspielen. Und darum ist - drittens - auch der Schluß falsch, Kirche müsse also eine Gemeinschaft mit Jesus in der Mitte sein.

Kirche ist wesenhaft Kulturform und Institution

Und zwar in dieser Reihenfolge. Der Begriff Kultur kommt von Kult, heiligen Ritualen (Formen). Deswegen ist die Liturgie und ihre Entfaltung als Kern der Kirche von so hoher Bedeutung, von höchster Bedeutung. Kirche und Kult bedingen einander, sind im Grunde eins. Die Kirche war die erste Institution überhaupt, die erste "juristische Person". Der noch heute weit verbreitete Institutionenglaube ist unbewußt von der christlichen Heilsbringerschaft der Kirche getragen. Die Antike kannte keine Institutionen, das römische Recht auch nicht, allenfalls Personengesellschaften. Weil die Kirche den heiligen Kult pflegte, die Heilige Liturgie gefunden hatte in ihrer auf Christus gründenden heilsgeschichtlichen Verheißung und erfahrbaren Wirklichkeit, wurde sie Institution. Womöglich die einzig rechtmässige, doch dies ist ein anderes Thema.

Die Heilige Liturgie der Kirche wurde gepflegt bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil. Bis dahin und auch noch mit diesem prosperierte die Kirche voller Hoffnung, Flügge beschreibt dies gut und richtig. Und nun, ich erinnere an die Chronologie, wurde diese Liturgie abgeschafft, auch wenn man es euphemistisch Reform oder Änderung nennen mag. Kirche wurde nicht mehr als Kirche verstanden, sondern auf die Kategorie einer Gemeinde, einer Gemeinschaft mit Jesus in der Mitte, beschränkt. Man beging einen kategoralen Fehler: Gemeinschaft haben ist menschlicher Vollzug - gut und gerne, christlich keine Frage. Es ist jedoch eine andere Kategorie als die der Wesenheit. Ein Beispiel: Wenn ich von einem Haus spreche, dann abstrahiere ich einen Begriff. Das Haus hat ein Wesen, welches es als Haus ausmacht. Dass ich zum Hausbau Tonziegel brennen muss, Mörtel anmischen und dergleichen, dass Menschen zusammenkommen müssen, um ein Haus zu bauen, dies hingegen gehört in die Kategorie menschlichen Handelns. Und alles dies Tun verliert seinen Sinn, wenn ich "Haus" nicht mehr denken kann.

Gemeinde leben ist kategoral anders

Zunächst einmal gilt es also, die Kategorien zu belassen, wo sie ihren Platz haben. Dann gilt es, Kirche überhaupt wieder als solche zu begreifen. Und zwar in ihrem kategoralem Unterschied: Es gibt da keinen Antagonismus, keinen Gegensatz, sondern wir haben es hier mit unterschiedlichen Kategorien zu tun. Begreift man Kirche, verlangt es einem nach der Liturgie, dem Kult. Aus diesem sind persönliche Bekehrungen von so großer Zahl und Wirksamkeit ausgegangen, darauf gründen praktisch alle Errungenschaften des Abendlandes, die die ganze Welt zu prägen vermochten, so gut und gerne wurden sie angenommen. Der Mensch lebt in dieser Ordnung auf, er kennt wieder einen Gott und erkennt Jesus Christus und den Nächsten, erkennt seine Mitbrüder und -schwestern auf Erden und im Himmel.
Sobald wir wieder Kirche denken können, werden die Gemeinden wieder aufleben, ganz lebendig auf Ihn hin und in großer Freude.
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Kirche ist wesenhaft Kulturform und Institution
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10 Thesenpapier Mission Manifest: www.missionmanifest.online
5 statt 10 Thesen von Erik Flügge: erikfluegge.de/kirchenschliess…
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eiss
@Versatz Ein guter Ansatz, sich vielleicht auch die weiteren Thesen aus Augsburg vorzunehmen.
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