Jetzt droht Deutschland das Müll-Dilemma

Carsten Dierig - Vor 2 Std.

Die Gasumlage wackelt, noch in dieser Woche droht ihr das Aus. Um Unternehmen und Verbraucher gleichermaßen sicher in der Energiekrise durch den Winter zu führen, fordert Mario Czaja eine Energiegrundsicherung. Im Interview erklärt der CDU-Generalsekretär, wie diese aussehen soll. Quelle: WELT/Christina Lewinsky

Deutschlands Müllverbrennungsanlagen (MVA) droht aufgrund der aktuellen Energiekrise ein Stillstand. Müll ist zwar ausreichend vorhanden und auch Öl und Gas zum An- und Befeuern der Öfen ist durch den Status der Anlagen als kritische Infrastruktur nicht das drängendste Thema. Zum Problem entwickelt sich derzeit aber ein Mangel an Ammoniak, das für die Filter zur Rauchgasreinigung in den Müllwerken gebraucht wird.

Ammoniak ist eine chemische Verbindung aus Stickstoff und Wasserstoff und üblicherweise eine der meistproduzierten Chemikalien weltweit. In Deutschland und Europa wurde die energieintensive Herstellung zuletzt aber deutlich gedrosselt – wegen des hohen Gaspreises.

Laut des norwegischen Branchenriesen Yara lag die europaweite Kapazitätsauslastung Ende August bei gerade noch 35 Prozent. Zumal auch SKW Piesteritz in Sachsen-Anhalt zuletzt mehrere Anlagen abgestellt hat.

Die direkte Folge sind nun Lieferausfälle bei den Müllverbrennungsanlagen. „Viele Anlagenbetreiber bekommen derzeit nur noch kurzfristige Zusagen. Früher konnte man Bestellungen von ammoniakbasierten Reduktionsmitteln wie Ammoniakwasser oder Harnstofflösung bis zu ein Jahr im Voraus einplanen, mittlerweile werden sie von den Herstellern und Lieferanten oft nur noch von Woche zu Woche garantiert“, sagt Carsten Spohn, Geschäftsführer der Interessengemeinschaft der Thermischen Abfallbehandlungsanlagen in Deutschland (ITAD), gegenüber WELT.

„Wenn die Reduktionsmittel aber nicht mehr zur Verfügung stehen, dann haben wir ein Problem in Deutschland. Denn wir brauchen diese Stoffe dringend zur Entstickung der Abgase, um die gesetzlichen Grenzwerte bei der Rauchgasbehandlung einhalten zu können.“

Grenzwert könnte um Faktor zwei überschritten werden

Zwar würden die Anlagen auch ohne die Entstickung weiterlaufen, bei der Stickstoffmonoxid und Stickstoffdioxid umgewandelt werden in die unschädlichen Stoffe Stickstoff und Wasser.

Das unterscheidet diesen Fall auch vom ähnlich hergestellten und ebenfalls nur noch schwer verfügbaren Stoff AdBlue, dem Abgasreiniger für Diesel-Motoren von zum Beispiel Autos und Lkws. Denn neuere Fahrzeuge lassen sich ohne AdBlue gar nicht mehr starten.

Doch trotz der theoretischen Möglichkeit wird davon kein Anlagenbetreiber Gebrauch machen. „Dann können die Emissionen am Kamin den zulässigen Stickoxid-Grenzwert schnell mal um den Faktor zwei übersteigen“, sagt Spohn.

Ein Verstoß gegen die strengen Vorgaben der sogenannten 17. Verordnung zur Durchführung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes (BImSchV) ist aber strafbewehrt.

„Also werden die Standortleiter der Verbrennungsanlagen bei einer Grenzwertüberschreitung die Kessel sofort abfahren“, kündigt ein Sprecher von EEW Energy from Waste an, dem Unternehmen mit den meisten Müllverbrennungsanlagen in Deutschland.

Branche will Ausnahmegenehmigung

Nötig sind deswegen Sondergenehmigungen der Behörden. Die aber gibt es anders als bei zum Beispiel Kohlekraftwerken bislang nicht – obwohl die Zeit drängt, wie das Beispiel von EEW zeigt.

„Im Durchschnitt über die 15 Anlagen der EEW-Gruppe in Deutschland reicht die maximal zulässig zu bevorratende Menge Ammoniak zwischen acht und 15 Tage“, sagt der Sprecher. Fallen also Lieferungen aus, wäre dieser Puffer schnell aufgebraucht. Und das ist den zuständigen Stellen auch bekannt, heißt es von der ITAD.

„Wir warnen Politik und Behörden schon länger, dass es zu einem Notstand kommen kann“, sagt Spohn. „Das Problem ist also adressiert und bekannt. Nun laufen die Abwägungsprozesse bei der Bundesregierung wie auch in den einzelnen Bundesländern, die am Ende den Weiterbetrieb der Anlagen anordnen müssten, sollten die Grenzwerte nicht eingehalten werden können.“

Spohn gibt sich dabei „vorsichtig optimistisch“, dass die Politik im Ernstfall doch noch reagiert und den Betrieb der Anlagen per Ausnahmegenehmigung weiterhin ermöglicht, um die Entsorgungssicherheit zu gewährleisten. Denn um nichts anderes geht es dann.

„Die Politik steht vor der Abwägung, ob der Müll in Deutschland liegen bleibt oder ob sie vorübergehend mehr Emissionen zulässt“, fasst Peter Kurth zusammen, der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Entsorgungs-, Wasser und Kreislaufwirtschaft (BDE). Er fordert einen Vorratsbeschluss der Genehmigungsbehörden und zeigt sich fassungslos über deren zögerliche Haltung.

Viele Anlagen sind Energielieferanten

„Aktuell gibt es ein Wegducken der Politik. Das ist weder fair noch der Situation angemessen. Wir müssen einen Entsorgungsnotstand vermeiden und Rechtssicherheit für die Anlagenbetreiber schaffen.“

Zumal Müllexporte kein Thema seien. „Wer glaubt, dass wir dieses Problem ins Ausland verlagern können, der irrt“, sagt Kurth, demzufolge auch noch ganz andere Probleme entstehen, wenn Müllverbrennungsanlagen hierzulande stillstehen.

Tatsächlich hängt in vielen Regionen auch ein Teil der Energieversorgung an den bundesweit 66 Werken, die jährlich knapp 21 Millionen Tonnen Müll verbrennen können. Produziert wird auch Fernwärme und Strom für Millionen Haushalte.

In München zum Beispiel stammen alleine zehn Prozent der genutzten Fernwärme von der örtlichen MVA, in Nürnberg sind es sogar rund 20 Prozent der Fernwärme und dazu zehn Prozent des Stroms, die bei der Müllverbrennung entstehen.

„Wir erwarten von der Politik Rahmenbedingungen, unter denen wir zu jeder Zeit mit den notwendigen Betriebsmitteln für den Weiterbetrieb unserer systemrelevanten Anlagen versorgt werden“, fordert Bernhard Kemper, der Vorsitzende der Geschäftsführung von EEW.

Gemeint sind damit vor allem die Energiepreise, um die Produktion von Ammoniak sicherzustellen. Eine Mangellage droht aber auch bei anderen Mitteln, die von der Chemieindustrie hergestellt werden.

Zusätzlicher Chemikalienmangel

„Wir haben auch ein Problem mit der Verfügbarkeit anderer Chemikalien, etwa Salzsäure oder Natronlauge“, so Spohn. Beides werde gebraucht, um das Speisewasser in den Anlagen aufzubereiten, das im Wasser-Dampf-Kreislauf zur Energieauskopplung von Strom und Fernwärme genutzt wird.

„Ohne diese Aufbereitung kann eine Kesselanlage aufgrund der zu erwartenden Schäden nicht betrieben werden, denn im Schadensfall steht eine Anlage dann sicher für mehrere Monate still“, sagt Spohn. Und dann gebe es erst recht ein gewaltiges Problem bei der Müllverbrennung und damit bei der Entsorgungssicherheit.

Dieses Problem habe die Branche aber nicht exklusiv. „Der Chemikalienmangel bei der Speisewasseraufbereitung besteht bei allen Kraftwerken mit Wasser-Dampf-Kreislauf, also zum Beispiel auch bei Kohlekraftwerken.“

Jetzt droht Deutschland das Müll-Dilemma (msn.com)
Klaus Elmar Müller
Wo Müll ist, ist Wohlstand.