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Afghanistan: Kriege ohne Ende, ohne Sieger (www.heise.de)

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Afghanistan: Kriege ohne Ende, ohne Sieger

Kommt mit dem Abzug der USA Bewegung in den seit April 1978 andauernden Konflikt? Werden die Taliban die Macht in Kabul übernehmen? Der bisherige Verlauf macht diese Prognose eher unwahrscheinlich
5. Juni 2021
Mark Engeler

Chinook-Hubschrauber bei Jalalabad, April 2017. Foto: Captain Brian Harris, U.S. Army/gemeinfrei

Mancher Beobachter sieht nach dem Ende des amerikanischen Engagements die Taliban unaufhaltsam Richtung Kabul marschieren. Doch nur wenige Elemente innerhalb Pakistans Sicherheitsapparat und ein paar extremistische sunnitische Gruppen unterstützen sie dabei, dieses Ziel zu erreichen. Wie realistisch ist also das Szenario?

Die Sowjets gehen
Als am 15. Februar 1989 der letzte Soldat der Roten Armee das Land verlassen hatte, wurde dem zurückbleibenden prosowjetischen Regime einhellig eine schnelle Niederlage prophezeit. Selbst in Moskau sah man nach den Erfahrungen mit seinem Vasallen keine Überlebenschance für die Regierung. Die Opposition, die lose verbündeten Gruppen der Mudschahidin (arabisch: Kämpfer des Dschihad/Heiligen Krieges; die Vorläufer der Taliban), ging umgehend in die Offensive.

Abzug der sowjetischen Truppen, 15. Februar 1989. Foto: RIA Novosti archive, image #58833 / A. Solomonov / CC-BY-SA 3.0

Das östliche Jalalabad sollte sozusagen als "Geschenk" an die Unterstützer in CIA und Pakistan als erste Großstadt eingenommen werden. Es geschah jedoch etwas ziemlich Unerwartetes: Die afghanische Armee kämpfte ohne ihre Schutzmacht entschlossener und effektiver als je zuvor. Deutlich kamen Schwächen und Konflikte in der Mudschahidin-Allianz zum Vorschein, der vorhergesagte leichte Sieg endete in einer Niederlage. Drei Jahre später war das Regime von Mohammad Najibullah jedoch endgültig am Boden. Nicht weil politischer Führung, Armee oder der Bevölkerung Kabuls die Entschlossenheit gefehlt oder die Mudschahidin ihre Differenzen begraben hätten. Sondern weil Boris Jelzin, Präsident der neugegründeten Russischen Föderation, in der tiefen Wirtschaftskrise nach Zusammenbruch der Sowjetunion keine Möglichkeit mehr sah, Najibullah zu stützen. Ihm war sozusagen der Stecker gezogen worden.

Die 1990er Jahre
Nach Abzug der Sowjets war das erschöpfte Afghanistan von ebenso erschöpften Nachbarn umgeben. Iran hatte gerade erst Khomeini verloren und den ruinösen Krieg mit Irak beendet. Die zentralasiatischen Republiken waren kurz vorher von der Sowjetunion in die Unabhängigkeit entlassen worden und wirtschaftlich völlig am Boden. Die Sowjetunion war aufgelöst worden und aus der Region verschwunden. In Indien begann man erst mit den Reformen, die später eine aktivere Außenpolitik erlauben würden. Chinas Rolle als dominante Kraft steckte zumindest was Westasien anbelangte noch in den Kinderschuhen. Am Entscheidendsten war der völlige Rückzug der Amerikaner die keinen Grund für ein weiteres Engagement in der Region sahen. Weiter involviert blieb in erheblich reduziertem Maße Saudi-Arabien, besonders durch individuelle Unterstützer, von denen Osama bin Laden später der bekannteste wurde. Fast zwangsläufig blieb Pakistan am stärksten in Afghanistan verankert. Und litt fast ebenso zwangsläufig wie kein anderer Nachbar unter innerafghanischer Instabilität in Verbindung mit organisierter Kriminalität, religiösem Extremismus und einer nicht endenden Flüchtlingswelle. Die Lage wurde zur ernsten Bedrohung. Pakistan war gezwungen zu handeln und das quasi allein. Mit seiner tatkräftigen Unterstützung gelang es den Taliban nur zwei Jahre nach ihrem ersten Auftreten in Kandahar 1994, Kabul und fast den ganzen Rest des Land zu erobern.

Die Amerikaner gehen
Als die USA und ihre Verbündeten 2014 ihren Abzug begannen, wurde von vielen Beobachtern das Ende des nun proamerikanischen Kabuler Regimes vorhergesagt, in Form eines langsamen, aber sicheren Dahinsiechens der mühselig aufgebauten und gestützten Regierung von zuerst Hamid Karzai und nun Ashraf Ghani. Auch dies traf nicht ein. Die schleichende Erosion der Zentralautorität hält zwar an und die Taliban landen Achtungserfolge wie die kurzzeitige Besetzung von Kundus 2015 und die direkten Angriffe 2018 auf Ghazni. Die aktuelle Sicherheitslage ist unbestreitbar schlechter als vor sieben Jahren und der Einflussbereich der Taliban hat flächenmäßig deutlich zugenommen. Doch entscheidend hat sich das Kräfteverhältnis zwischen Peripherie und Zentrum seit 2001 nicht geändert. Deshalb ist die jetzige Situation nicht mit jener nach dem Abzug der Roten Armee vergleichbar.

Kein neuerliches Machtvakuum
Praktisch ist auch ausgeschlossen, dass die Taliban zum zweiten Mal eine Dynamik entfalten wie von 1994 bis 1996. Nach dem wie auch immer "vollständigen" Abzug der Amerikaner wird nicht wie 1989 ein Machtvakuum entstehen. Wie sonst wird China in die Fußstapfen des Westens treten und das vermutlich besser vorbereitet, weniger polternd und mehr bereit, aus Fehlern zu lernen als die Amerikaner.
Wenig beunruhigt China so stark wie die Aussicht auf ein extremistisches "Sunni-Regime" in unmittelbarer Nachbarschaft, dazu ist die Situation in der von Sunni-Uiguren bewohnten riesigen Westprovinz Xinjiang zu prekär. Paradoxerweise hat sich Iran dank der US-Invasionen in Afghanistan und Irak zur Regionalmacht entwickelt. Als Schutzmacht der Shia per se verfolgt Teheran argwöhnisch jede Bewegung der Taliban. Auch für Indien ist Sunni-Extremismus eines der größten inneren und äußeren Probleme und die Führung steht somit fest zu seinem Bündnis mit der Regierung in Kabul. Genauso sieht Russland den Konflikt und stärkt neben der Regierung in Kabul jene in Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan. Keine dieser Parteien wird untätig bleiben, sollte das Gespenst einer zweiten Machtergreifung der Taliban am Horizont erscheinen. Dazu sind die Erfahrungen mit der kompromisslosen, extremistischen, abgehobenen und wirklichkeitsfremden Gruppierung zu gut in Erinnerung. Und in den vergangenen zwanzig Jahren deutete nichts darauf hin, dass die Taliban ihre Politik, Ziele und Methoden geändert hätte.

Pakistan
Keine involvierte Partei ist so schwer auszurechnen wie Pakistan. Niemand weiß, was in den Köpfen der militärischen, politischen und wirtschaftliche Elite vorgeht, oft nicht einmal die Elite selbst. Zu viele Konflikte und Bruchlinien gehen mitten durch das Land.
Wahrscheinlich hätte Pakistan zunächst keine Einwände gegen ein zweites Taliban-Regime nebenan, für das Land waren die Erfahrungen von 1994 bis 2001 nicht ausschließlich negativ. Allerdings kann sich weder die Elite noch die normale Bevölkerung eine solches Regime im eigenen Land vorstellen, auch wenn die eigenen Sunni-Extremisten deutlich Präsenz zeigen und einen solchen Umsturz propagieren.
Doch der traumatische Paschtunen-Konflikt von 2008 bis 2016 wirkt nach. Der Versuch, die Taliban gegen die Amerikaner zu instrumentalisieren, misslang völlig. Zusätzlich mehren sich die Stimmen, die bezweifeln, ob ein Paschtunen- oder Taliban-Regime in Kabul Pakistan von Natur aus wohlgesinnt wäre. Diese Grundannahme steht auf einem wackligen Fundament.
Pakistan wird sicher nicht einen Großteil seiner Ressourcen mobilisieren, um die Taliban ein zweites Mal in den Sattel zu hieven. Das geht schon nicht aus Rücksicht auf China, den letzten verbliebenen bedeutenden Fürsprecher und Verbündeten. Es gibt jedoch zweifellos Elemente im Sicherheitsapparat, die weiterhin Paschtunen und Taliban als Pfand im Kaschmir-Konflikt mit Indien benutzen. Und der Einfluss der Sunni-Extremisten, die von der Errichtung eines radikalen Regimes in Pakistan und Afghanistan träumen, nimmt langsam, aber sicher zu.

Saudi-Arabien
Die Regierung in Riad wird vermutlich lieber beim Status quo in Afghanistan bleiben als erneut ein Regime an der Macht zu sehen, das bei seinem ersten Versuch einen gewaltigen und fast irreparablen Imageschaden verursachte. Das Königreich unterstützt weiter in der ganzen muslimischen Welt Protagonisten seiner Sicht des Islams, des Wahhabismus, dies aber so unauffällig wie möglich.
Den Taliban gelang das von 1994 bis 2001 nur selten, die Zusammenarbeit mit den Saudis verlief alles andere als reibungslos, und das obwohl Mullah Mohammad Omar sich als ihr treuer Diener sah. Hauptstreitpunkt war bin Laden, der nach dem Golfkrieg 1991 nicht mehr in Sowjets und Kommunisten seine Hauptfeinde sah, sondern in den USA und in seinem Heimatland, vor allem der Familie al-Saud. Trotz vieler Aufforderungen wurde bin Laden weder ausgeliefert noch seiner Kommunikationsmittel entledigt. Parallel dazu wurde immer klarer, dass die islamische Sichtweise der Taliban viel mehr die Kultur der Paschtunen widerspiegelt anstatt den Wahhabismus der Saudis. Viele Aktionen und Aussagen der Taliban bringen die Saudis bis heute in Verlegenheit. Saudi-Arabien wird ein wichtiger Verbündeter Pakistans und damit zum Teil auch der Taliban bleiben, doch nicht um jeden Preis. Von entscheidender Bedeutung sind für Riad China und die USA. Und selbst Iran spielt in den Kalkulationen der Saudis eine größere Rolle.

Perspektiven
Solange der Regierung in Kabul, aktuell mit Ashraf Ghani an der Spitze, nicht "der Stecker gezogen" wird, bleiben wohl im Großen und Ganzen die Verhältnisse wie sie sind. Keiner der entscheidenden äußeren Akteure hat Interesse an einer zweiten Machtübernahme der Taliban, im Gegenteil, sie stehen einer solcher Option fast ausnahmslos extrem negativ gegenüber. Von Bedeutung ist auch, dass für die nicht paschtunische Bevölkerung Afghanistans, mehr als der Hälfte, dies eine völlig undenkbare Option ist.
So wird es beim Zustand, der seit 2005 anhält, bleiben. Damals zerschlug sich die Hoffnung auf Frieden und Entwicklung, fast zwangsweise begann danach der Wiedererstarken der Taliban. Resultat ist ein nun über 15 Jahre anhaltender Konflikt niedriger Intensität, der mehr den Revierkämpfen verschiedener krimineller Kartelle ähnelt als einem Konflikt zweier klar umrissener Lager.

Der Status Quo die beste Perspektive - Kinder in Nordafghanistan.
Bild: Mark Engeler

Der wirtschaftliche Aspekt des Bürgerkriegs ist von überdurchschnittlich großer Bedeutung, seit Wiederaufflammen der Kämpfe 2005 ist es der wichtigste Aspekt von allen. Vor allem dieser Umstand macht die Lösung schwierig, für alle afghanischen Protagonisten (nicht jedoch für das Gros der Bevölkerung natürlich) bedeutet Frieden das Wegbrechen der Existenzgrundlage.
Gleichzeitig ist das Land, das nie in seiner Geschichte ein zentral geführter Staat war, in seine ethnischen und regionalen Einzelteile zerfallen und wird in diesem fragmentierten Zustand ähnlich wie Somalia wohl Jahrzehnte verharren.

Heilsbringer China?
Die Regierung in Beijing wird sich nicht einbilden, das Patentrezept zur Lösung eines Konfliktes im Ärmel zu haben, an dem bisher jeder, ob Afghane oder Fremdmacht, gescheitert ist. Ziel wird zuerst Schadensbegrenzung sein, dann eine langsame Stabilisierung und später eine noch langsamere Verbesserung. Der Führung um Xi Jinping wird bewusst sein, dass es unerlässlich ist, die Rivalen Saudi-Arabien/Iran und Pakistan/Indien davon abzuhalten, Afghanistan weiter für eigene Ziele zu ge- und missbrauchen und sich gegenseitig dort zu bekriegen - dies gilt im weiteren Sinn genauso für die Rivalität von Russland und den USA und natürlich Chinas eigene Probleme mit den USA und Indien.
Dies ist so schwierig und komplex wie die verschiedenen Bürgerkriegsparteien zum ernsthaften Verhandeln zu bewegen. Die Nachrichten aus Afghanistan werden deshalb wohl noch länger die gleichen bleiben. Angesichts der Umstände ist dies jedoch das Höchste, was man zurzeit realistisch für das Land erwarten kann.

Die Hinterlassenschaft des Westens
Das "Erbe" der Amerikaner wird wohl ähnlich schnell verblassen wie das der Sowjets. Tatsache ist, dass kaum ein anderes Land in Asien so resistent gegen äußeren Einfluss ist wie Afghanistan. Die Gründe dafür sind kaum erforscht.
Nach 20 Jahren ISAF bleibt in Kabul außer einem ungelösten Bürgerkrieg mit Zehntausenden Opfern und vieler gebrochener Versprechen vor allem eine riesige Enttäuschung. Eine ernsthafte Analyse der Frage, wie es nach dem hoffnungsvollen Aufbruch nach dem Sturz der Taliban am 14. November 2001 dazu kommen konnte, wird es auf afghanischer Seite trotzdem nicht geben.
Auch in den USA, in Deutschland und anderswo interessiert es nur noch ein paar Historiker und Politikwissenschaftler wie diese historische Chance verpasst wurde. Afghanistan wird aus der Wahrnehmung des Westens verschwinden. Die Amerikaner können sich immerhin damit trösten, ihr wichtigstes Ziel erreicht zu haben. Das war nicht die Beendigung des Bürgerkrieges, die Stabilisierung der Region oder überhaupt der Versuch einer wirtschaftlichen und politischen Entwicklung des Landes - sondern die Zerschlagung von al-Qaida auf afghanischem Boden. Allerdings um einen astronomischen Preis. Und ob die Therapie nicht schlimmer war als die Krankheit, muss sich erst noch zeigen.

Konsequenzen für Deutschland
Deutschland wird in Zukunft das Land nur als Quelle eines nicht versiegenden Flüchtlingsstroms wahrnehmen. Eindämmung von Fluchtursachen wird es in diesem Fall keine mehr geben, jedenfalls nicht im ursprünglichen, positiven Sinn. Vor einer Diskussion des entscheidenden Dilemmas schrecken alle Parteien zurück. Wie soll auf Konflikte Einfluss genommen werden, wenn die eigenen Rechtsstandards dabei nicht eingehalten werden können? Rechtfertigt es den eigenen Rückzug, wenn gleichzeitig Unrecht weiterbesteht? Unbedeutend ist im Vergleich dazu die gelegentlich gestellte Frage, ob das Resultat des Bundeswehreinsatzes als Niederlage zu werten ist. Das Urteil fällt klar aus, aber ist es auch relevant? In Afghanistan gibt es nur Verlierer, nicht erst seit dem Abzug der Sowjets, sondern seit dem ersten anglo-afghanischen Krieg (1839-1842). Und der größte Verlierer ist Afghanistan.

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SvataHora
Ohne Sieger?? Die Sieger stehen längst fest: die Taliban!