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M.RAPHAEL

Das Schweigen und das Tabu

Im Zusammenhang mit meinem Artikel Sedlmayer und das Tabu habe ich eine Nachfrage im Chat erhalten. Ich denke, dass der Inhalt von allgemeinem Interesse ist und veröffentliche meine letzte Antwort hier. Ich hatte auf die Notwendigkeit hingewiesen, die Verdrängung und das Tabu durch das Schweigen und die Demut zu ersetzen. Was aber ist dieses Schweigen?

Das Schweigen verweist den Menschen auf sich selbst zurück. Menschen, die unaufgearbeitete, quälende und verdrängte Probleme haben, gehen nach Außen und werden laut. Sie versuchen, ihr Leid an andere Menschen weiter zu geben. So wie ihnen ihre inneren Probleme keine Ruhe lassen, lassen sie anderen Menschen auch keine Ruhe. Unablässig suchen sie Opfer, umso sensibler, umso besser. Wohl eine der wichtigsten Lehren des kontemplativen Mönchtums war immer, dass man niemals das eigene Kreuz auf andere abladen darf, um es leichter zu haben. Deshalb müssen wir uns mit uns selbst auseinandersetzen, auch wenn es erst mal weh tut. Wir dürfen uns gerade nicht an das amerikanische „Positive Thinking“ halten, eben Tabuisierung und Verdrängung, sondern müssen unsere Probleme angehen. Natürlich ist es erst mal leichter und funktioniert besser, wenn man einfach immer gut drauf ist. Aber früher oder später wache ich dann irgendwo einmal in einer sehr unangenehmen Situation mit dem Vorwurf auf: „Oh je, was habe ich da getan?“ Wenn man das vermeiden will, muss man ehrlich mit sich sein und alle seine Abgründe und Anmutungen vor den Thron Gottes legen. Das will Gott, denn jetzt kann er uns heilen. Die Sünde liegt vor Ihm und uns. Dadurch wird sie quasi externalisiert. Wir brauchen uns mit ihr nicht mehr zu identifizieren. Zusammen mit Gott können wir als seine geliebten und jetzt unschuldigen Kinder den Horror da auf den Stufen ansehen und seine Wirkweise analysieren. Wie eine Frau, die die bösen Tricks eines Verführers versteht und ihm deshalb nicht mehr in die Falle geht, können wir jetzt amüsiert lächeln, wenn uns der Versucher wieder mal bedrängt: Was für ein lächerlicher Idiot! Die Anmutungen bleiben, aber sie haben den Biss verloren. Wir sind in Kontrolle. Wir können schweigen! Das ist der Kern des Mönchtums.