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Nicky41
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Wer kommt hier zu Wort?

Der Mensch ist immer neu zur Antwort, zur Entscheidung herausgerufen. Doch: welche Gedanken und Stimmen sind gut und welche führen eher in die Irre? In ihrer zweiten Visionsschrift, dem Buch der Lebensverdienste (LVM), lässt die hl. Hildegard stärkende Gotteskräfte und verhängnisvolle Laster zu Wort kommen – amüsant und aktuell, realistisch und voll geistlicher Tiefe. Eine dieser Gestalten hält dort folgende Rede:

Ein anderes Leben kenne ich nicht als dieses hier, das ich sehen und fühlen und fassen kann. Welchen Vorteil könnte eine ungewisse Existenz mir bieten? Von diesem Leben aber kann ich ganz genau feststellen: Das ist da, oder es ist nicht da! Und wie ich sonst auch suche und forsche, und was ich auch zu sehen und zu hören und zu wissen bekomme, ich finde keine andere Wirklichkeit. Sollte ich aber bei dem, was die Natur so sehen lässt, einmal was zu packen kriegen, das mir nützte, würde mir das denn schaden? Ich gehe keinen Schritt weit und treibe keine Wissenschaft, als in den Bereichen, die ich genau kenne. Denn wenn ich auf den Flügeln der Winde fliegen will, so werde ich hingestreckt auf die Erde. Und wenn ich selbst Sonne und Mond befrage, was ich nun machen solle, sie würden mir kaum Antwort geben. Und sollte mir irgendwoher etwas zu Ohren kommen, woher wüsste ich denn, ob es mir nutzt oder schadet? Ich weiß ja in Wirklichkeit nichts von dem, was alles so daher gesagt wird. Nur das, was ich sehe, das weiß ich. Viele Gerüchte bekomme ich zu hören, viele Predigten und so manche Lehren, die ich doch nicht verstehe. Also will ich nur das tun, was mir den meisten Nutzen verspricht.

Vielleicht haben Sie die Gestalt erkannt, die Hildegard hier zu Wort kommen lässt. Es ist der „Unglaube“, der zu verstehen geben will, dass es besser sei, kein anderes Leben zu kennen als das, was sich sehen, fühlen und erfassen lässt. Auf den ersten Blick verständlich. Man mag sich sogar an die Worte des „ungläubigen“ Apostels Thomas erinnert fühlen, der nach der Auferstehung des Herrn reklamiert: „Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht“ (Joh 20,25). Doch der Apostel Thomas fragt nicht nach theoretischen Informationen, sondern sein Glaube sucht das Verstehen. Anders die Gestalt in der Vision Hildegards, die zwar Verlangen hat, dieses aber in egoistischer und egozentrischer Angstgebärde zum Ausdruck bringt:
„Welchen Vorteil könnte eine ungewisse Existenz mir bieten?“ Was sich hier zeigt, ist eine verschlossene, resignierte Haltung: Noch bevor man sich vom wahren Leben berühren lässt, wird die Tür bereits wieder zugeschlagen; Rückzug ins Schneckenhaus der eigenen Selbstgewissheit: „Von diesem Leben aber kann ich ganz genau feststellen: Das ist da, oder es ist nicht da!“

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abtei-st-hildegard.de/…ldegard-ins-jahr-des-glaubens/
michael7
Immer ungefähr das Gleiche, ob im 12. oder im 21. Jahrhundert: So lange der Mensch sich nicht darauf besinnt, dass er als Geistwesen dazu gerufen ist, das (absolut) Gute zu erkennen und zu tun, bleibt er im Sinnlich-Materiellen, das ohne Gott letztlich für sich allein keinen (Erkenntnis)Wert hätte, in einem Käfig von Irrtum und Blindheit gefangen.