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Eine Brotvermehrung Don Boscos

Francesco Dalmazzo, Generalprokurator der Salesianer bei den römischen Behörden und Pfarrer von Herz-Jesu in Rom, hat über eine Brotvermehrung Don Boscos im Seligsprechungsprozeß eine ausführliche Aussage gemacht (Positio super introductione causae. Romae 1907, p. 779–781). In dem Verzeichnis der „Artikel des Zeugenbeweises“, über die jeder Zeuge vernommen wurde, stellt die Frage nach dieser Vermehrung einen eigenen Artikel dar (nr. 32), zu dem also in den ungedruckten Akten, deren Original sich in der Erzbischöflichen Kurie in Turin und eine amtliche Kopie bei der Ritenkongregation in Rom befinden, noch eine Reihe Aussagen gefunden werden können. Denn die Zeugen müssen bei allen Artikeln eingehend und ausführlich ihre Angaben machen. Sie haben stets die Quelle ihrer Aussagen anzugeben, also ob sie es selbst gesehen oder von anderen glaubenswürdigen Personen vernommen haben. Sie sollen auch alles angeben, was sonst noch Bezug auf jeden Artikel hat.

Der fünfzehnjährige Dalmazzo, aus Cavour gebürtig, hatte das Gymnasium in Pinerolo besucht und war in die Rhetorikklasse versetzt worden. „Dort hatte ich“, wie er selbst uns erzählte, schreibt Lemoyne in den Memorie biografiche VI, 776[1], „die Hefte der von Don Bosco verfaßten Letture cattoliche gelesen und mich erkundigt, wer dieser Priester sei. Mir wurde von verschiedenen geantwortet, er sei ein Heiliger, der in Turin ein Hospiz für Jungen gegründet habe. Daraufhin entschloß ich mich, das Kolleg, das ich besuchte, zu verlassen und mich unter die Seinen aufnehmen zu lassen. Ich trat als Schüler am 22. Oktober 1860 in das Oratorium ein. Ich hörte, wie alle meine Kameraden von Don Bosco als von einem Heiligen sprachen und mir außergewöhnliche Dinge und Wunder von ihm erzählten. – Ich war erst wenige Tage im Oratorium. Da ich zu Hause sehr viel Besseres gewöhnt war, schrieb ich meiner Mutter, sie möchte kommen und mich wieder abholen, da ich unbedingt wieder nach Hause zurück wollte. An dem Morgen, der für meine Rückkehr ausgemacht war, wünschte ich, vorher noch einmal bei Don Bosco zu beichten.“ Aus diesem Bericht der Memorie füge ich in die beschworene Aussage der Positio in Klammern einige ergänzende Einzelheiten ein.

Wie man sich den äußeren Beichtvorgang, der für das Verständnis des Folgenden wichtig ist, zu denken hat, zeigt ein Bild aus dem Jahre 1861 (wiedergegeben bei Giov. B. Lemoyne: Vita del Ven. Servo di Dio Giovanni Bosco. Bd. II, 401, Torino 1932). Don Bosco sitzt da, wahrscheinlich auf der Empore, zwischen einem Tischchen mit Kreuz und Totenkopf, das ihn seitlich abschirmt, und einem etwas schräg gestellten Betschemel für das Beichtkind, und hört Stirn an Stirn die Beichte eines Jungen, und hinter ihrem Rücken drängt eine Traube von Jungen in einem Abstand, daß einem Beichtvater diesseits der Alpen die Haare zu Berge gestanden hätten und ihm durch das allerleiseste Flüstern nur zu leicht die Nerven durchgegangen wären.


In seiner Zeugenaussage erklärte Dalmazzo zu Punkt 32: Es war im Jahre 1860. Ich war erst vor einigen Tagen in das Oratorium des hl. Franz von Sales, das Don Bosco leitete, eingetreten. Ich war damals 15 Jahre alt und besuchte die Rhetorikklasse. An einem schönen Morgen, an dem ich das Oratorium zu verlassen gedachte, weil ich mich an die allzu bescheidene Kost und an die ganze Lebensweise des Institutes nicht gewöhnen konnte, ging ich, um bei Don Bosco zu beichten, mitten in eine Schar von Jungen, die ihn von allen Seiten umgab. Gerade als ich mit der Beichte anfing, kam ein junger Bediensteter, um Don Bosco mitzuteilen, daß man den Jungen kein Frühstück geben könne, da kein Brot mehr da sei. Ich bemerke, daß zu dieser Stunde die Jungen in der hl. Messe waren, und die Ordnung war die, daß beim Herausgehen jeder ein großes Brötchen empfing. Don Bosco antwortete: („Was soll das? Was habe ich damit zu tun?“) „Geht und holt es aus der Bäckerei des Herrn Magra.“ – So hieß der Bäcker des Hauses. – Der andere erklärte: „Der hat (seit gestern) kein Brot mehr geliefert und will auch keines mehr liefern, weil man ihn nicht bezahlt hat, und ich hörte, daß die Schuld gut 10 000 Lire hoch ist“ („und er ist ein Mann, der tut, was er einmal gesagt hat“). Da sagte Don Bosco: „Geht und sucht im Vorrat alles zusammen, was es da gibt, und sammelt auch das, was noch in den Speisesälen liegen mag.“ – Der andere ging, und ich setzte meine Beichte fort. Mir machte es nichts aus, daß ich kein Frühstück bekommen würde, da ich in wenigen Augenblicken das Haus zu verlassen gedachte. Kaum hatte ich meine Beichte beendet, als derselbe Bedienstete zurückkam – die Messe war fast aus – und mit Don Bosco von neuem sprach: „Ich habe alles zusammengesucht, es sind ein paar Brötchen, aber sie reichen nicht aus“, und er bat Don Bosco, der ruhig weiter Beichte hörte, er möge angeben, was geschehen solle.

Der Diener Gottes machte ein Zeichen, daß man sich nicht aufrege, er werde in ein paar Augenblicken selbst herunterkommen („Legt, was sich gefunden hat, in den Korb!“). Tatsächlich erhob er sich, nachdem er die Beichte des Jungen, der neben ihm kniete, gehört hatte, und ging hin zu der Sakristeitür, durch welche die Jungen die Kirche zu verlassen hatten und an der das Brot gewöhnlich ausgegeben wurde. (Dort stand schon der Brotkorb.) In Gedanken an andere wunderbare Tatsachen, die ich über ihn erzählen gehört hatte, und neugierig geworden, ging ich ihm voraus, um mich an einem günstigen Platz aufzustellen, von dem aus ich leicht alles beobachten konnte. Beim Herausgehen stieß ich an der Tür auf meine Mutter, der ich geschrieben hatte und die gekommen war, mich abzuholen und aus den obengenannten Gründen wieder nach Hause zu nehmen. Ich gab ihr ein Zeichen, sie möge einen Augenblick warten, da ich noch etwas sehen wolle, und sie ging (unter die Säulenhallen. Ich empfing als erster ein Brötchen und schaute dabei in den Korb und sah, daß er gegen 15, höchstens 20 Brötchen enthielt. Darauf stellte ich mich unbemerkt direkt hinter Don Bosco auf, an einer erhöhten Stelle, nämlich auf eine Stufe, und machte die Augen auf). Ich stellte mich an einer etwas erhöhten Stelle direkt hinter Don Bosco auf, der sich schon angeschickt hatte, die Brötchen den Jungen auszuteilen. Ich schaute schnell in den Korb und sah, daß er höchstens etwa 15 oder 20 Brötchen enthielt. Don Bosco teilte sie aus, und die Jungen, die sich freuten, sie von ihm selbst zu empfangen, küßten ihm die Hand, während er einem jeden ein Wörtchen sagte oder ein Lächeln schenkte. Alle 300 (gegen 400) empfingen ihr Brot, und als die Verteilung beendet war, betrachtete ich wieder den Brotkorb, und zu meiner großen Verwunderung sah ich, daß ebensoviel darin war, wie anfangs darin gewesen war, ohne daß Brot nachgereicht war oder ein anderer Korb gebracht worden war. Auf der Stelle lief ich zu meiner Mutter, und ohne Umschweife sagte ich ihr, ich wolle nicht mehr fortgehen, sie möge mir verzeihen, daß ich ihr diese Schererei gemacht habe, nach Turin zu kommen. Ich erzählte ihr dann, was ich mit meinen eigenen Augen gesehen hatte, und sagte ihr, daß es mir unmöglich sei, ein Haus zu verlassen, das von Gott gesegnet sei, und einen Heiligen wie Don Bosco. Und dies ist der einzige Grund, der mich im Oratorium bleiben ließ, so daß ich später einer seiner Söhne wurde.

[1] Quellenmäßiges über Don Boscos Vermehrungswunder findet sich auch in den von Giov.-B. Lemoyne begründeten Memorie biografiche di Giov. Bosco. S. Benigno Canavese bzw. Torino 1898–1948, 20 Bde. Dort über Vermehrungen von Hostien: 3, 441; 6, 970; 17, 520; 18, 17; – von Brot: 6, 777; 18, 579; – von Kastanien: 3, 576; 18, 17; – von Nüssen: 18, 16 und 21; – von Medaillen: 18, 43.

Aus: Wilhelm Schamoni, Wunder sind Tatsachen. Eine Dokumentation aus Heiligsprechungsakten, 2. Auflage, Würzburg/Stein am Rhein/Linz 1976, S. 206-208.