Eugenia-Sarto
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Die sühnende Liebe für uns, Schauungen der seligen Anna Katharina Emmerick

Was unsere und der ganzen Welt Sünden dem Heiland angetan haben, kann kein Mensch ermessen. Die Ängste am Ölberg, die die selige A.K. Emmerick schaute, geben einen kleinen Einblick, damit wir wirklich eine Vorstellung haben, was der Herr für uns erduldete.
Er wollte ja alles ertragen. Nun aber erwartet Er auch Gegenliebe und Mut, Ihn zu bekennen.

Am Ölberg

"Als Jesus sich von den Jüngern trennte, sah ich rings einen weiten Kreis von Schreckensbildern heranziehen und sich immer mehr um ihn verengen. Seine Trauer und Angst wuchsen, und er zog sich zagend in die Höhle zurück, gleich einem, der, von einem furchtbaren Ungewitter verfolgt, ein Obdach sucht, um zu beten; aber ich sah alle die drohenden Bilder ihm in die Höhle nachfolgen und immer deutlicher und deutlicher werden.
Ach! es war, als umfasse diese enge Höhle die Greuel- und Angstbilder aller Sünden und ihrer Last und ihrer Strafe, vom Fall der ersten Menschen bis zum Ende der Welt; denn hier am Ölberge kamen auch Adam und Eva, aus dem Paradies vertrieben, zuerst auf die unwirtbare Erde herab, und hier in dieser Höhle haben sie getrauert und gezagt.

Ich fühlte deutlich, daß Jesus, sich seinem bevorstehenden Leiden hingebend und sich der göttlichen Gerechtigkeit zur Genugtuung für die Sünden der Welt aufopfernd, gewissermaßen seine Gottheit mehr in die Heilige Dreifaltigkeit zurückzog, um sich aus unendlicher Liebe in seiner reinsten, fühlendsten, wahrhaftigsten, unschuldigen Menschheit, bloß mit der Liebe seines menschlichen Herzens gerüstet, der Wut aller Angst und Leiden hinzugeben für die Sünden der Welt.
Für die Wurzel und Entfaltung aller Sünde und bösen Lust genugzutun, nahm der barmherzigste Jesus aus Liebe zu uns Sündern die Wurzel aller reinigenden Sühnung und heilenden Peinen in sein Herz auf und ließ dies unendliche Leiden zur Genugtuung für unendliche Sünden wie einen tausendarmigen Baum von Schmerzen alle Glieder seines heiligen Leibes, alle Sinne seiner heiligen Seele durchdringen und durchwachsen.
Also ganz seiner Menschheit hingegeben, fiel er, in unendlicher Trauer und Angst zu Gott flehend, auf sein Angesicht nieder, und er sah alle Sünden der Welt und ihre innere Scheußlichkeit in unzähligen Bildern und nahm sie alle auf sich und erbot sich in seinem Gebet, der Gerechtigkeit seines himmlischen Vaters, für alle diese Schuld leidend, genugzutun.
Der Satan aber, der sich in furchtbarer Gestalt zwischen allem diesem Greuel mit grimmigem Hohn bewegte, erbitterte immer heftiger gegen Jesus und rief, immer schrecklichere Sündenbilder der Welt vor seiner Seele vorüberführend, wiederholt der Menschheit Jesu zu:
«Wie! auch dies willst du auf dich nehmen, auch hierfür willst du die Strafe erleiden? Wie kannst du für dieses genug tun?»

Jedoch von der Weltgegend zwischen 10 und 11 Uhr morgens her strahlte vom Himmel eine schmale Lichtbahn zu Jesus, und ich sah eine Reihe von Engeln in derselben von oben bis zu ihm nieder erscheinen, von welchen ihm Kraft und Stärkung zuströmte.
Der übrige Raum der Höhle war ganz von den Schrecken und Greuelbildern der Sünde und von dem Hohn und der Anfechtung der bösen Geister erfüllt.
Jesus nahm alles dieses auf sich, er fühlte als das einzige Gott und die Menschen vollkommen liebende Herz mitten in dieser Wüste des Abscheulichen den Greuel und die Last aller Sünden mit Entsetzen und zerreißsender Trauer.

Ach! ich sah da so vieles, ein Jahr würde nicht zureichen, es auszusprechen.
Als nun die ganze Masse der Schuld und Sünden in einem Meere von Greuelbildern an der Seele Jesu vorübergegangen war, und er sich für alles als Sühnopfer dargeboten und alle Pein und Strafe auf sich herabgefleht hatte, brachte der Satan wie damals in der Wüste unendliche Versuchungen über ihn; ja er erhob eine Reihe von Beschuldigungen gegen den reinsten Heiland selbst.

«Wie?», sagte er zu ihm, «du willst dieses alles auf dich nehmen und bist doch selbst nicht rein? Sieh! hier und hier und hier», und nun rollte er allerlei erdachte Schuldbriefe vor ihm auf und hielt sie ihm mit höllischer Frechheit unter die Augen. Er beschuldigte ihn aller Fehler seiner Jünger, aller Ärgernisse, die sie gegeben, aller Verwirrung und Unordnung, die er durch die Trennung von den alten Gebräuchen in die Welt gebracht habe.

Der Satan tat wie der feinste, arglistigste Pharisäer: er beschuldigte ihn der Veranlassung des Kindermordes des Herodes, der Not und Gefahr seiner Eltern in Ägypten, der Nichtrettung Johannes des Täufers vom Tode, der Auflösung vieler Familien, des Schutzes verworfener Menschen, der nicht erfolgten Heilung mancher Kranken, der Beschädigung der Gergesener, weil er den Besessenen gestattet, ihre Getränkkufe umzustürzen, * und den Untergang ihrer Schweineherde im See veranlaßt habe; er beschuldigte ihn der Schuld Maria Magdalenas, weil er ihren Rückfall in Sünde nicht verhinderte, der Vernachlässigung seiner Familie und des Vergeudens von fremden Gütern; kurz, alles, was der Versucher einem gewöhnlichen Menschen, der ohne höhere Veranlassung solche äußerliche Handlungen vollbracht hätte, auf dem Todeswege vorwerfen könnte, brachte der Satan hier vor die zagende Seele Jesu, um ihn zu erschüttern;
denn es war ihm verborgen, daß Jesus der Sohn Gottes war, und er versuchte ihn als einen unbegreiflich gerechtesten Menschen. Ja, es gab sich unser göttlicher Erlöser dermaßen seiner heiligen Menschheit hin, daß er auch jene Versuchung über sich zuließ, welche heilig sterbende Menschen in bezug auf den inneren Wert ihrer guten Werke anzufechten vermag. Er ließ es zu, um den Kelch des Vorleidens ganz zu erschöpfen, daß der Versucher, dem seine Gottheit verborgen war, ihm alle Werke seiner Wohltätigkeit als ebenso viele der Gnade Gottes noch nicht getilgte Verschuldungen vorrückte.
Der Versucher warf ihm vor, wie er für andre Schulden tilgen wolle, da er, selbst verdienstlos, Gott für die Gnade für mancherlei sogenannte gute Werke noch genugzutun habe. Die Gottheit Jesu ließ es zu, daß der böse Feind seine Menschheit so versuchte, wie er einen Menschen versuchen könnte, der seinen guten Werken einen eigenen Wert außer dem alleinigen, den sie aus ihrer Vereinigung mit den Verdiensten des Erlösungstodes unseres Herrn und Heilands gewinnen können, zuschreiben möchte. So rückte ihm denn der Versucher alle Werke seiner Liebe als verdienstlos an sich und als Schulden gegen Gott vor und als deren Wert gewissermaßen auf die Verdienste seines noch nicht vollendeten Leidens, dessen Würde der Versucher noch nicht kannte, vorausgenommen und daher noch nicht für die Gnade zu diesen Werken genuggetan. Er zeigte ihm für alle seine guten Werke Schuldbriefe vor und sagte, auf diese hindeutend: «Auch für dieses und dieses Werk bist du noch verschuldet."....