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Gottlob
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Wer war Dom Helder Câmara wirklich?

(Brasilia) In diesen Tagen wurde viel von Dom Helder Câmara gesprochen, dessen Seligsprechungsprozeß jüngst vom Heiligen Stuhl eröffnet wurde. Für den Durchschnittseuropäer ist heute die Gestalt von Msgr. Helder Pessõa Câmara (1909-1999), Weihbischof von Rio de Janeiro und dann Erzbischof von Olinda-Recife, weitgehend unbekannt. Auch in kirchlichen Kreisen des deutschen Sprachraums ist ein ideologisch verklärtes Bild von Helder Camara weit verbreitet.

Auf der Internetplattform der Katholischen Kirche Vorarlberg der österreichischen Diözese Feldkirch etwa ist der Nonsens zu lesen: „Dom Hélder Câmara, Erzbischof von Recife in Brasilien, war einer der profiliertesten Vertreter der ‚Katakomben‘-Bischöfe“. Dom Helder hat zwar nie Katakomben wegen einer Christenverfolgung aufsuchen müssen, sehr wohl aber die Christen, die von den Diktaturen verfolgt wurden, von denen sich der „Rote Erzbischof“ hofieren ließ und für die er die Propagandatrommel rührte. Als „Katakomben-Bischöfe“ wurden Kirchenvertreter bezeichnet, die sich während des Zweiten Vatikanischen Konzils konspirativ in einer römischen Katakombe trafen und dort in einem offenbar ideologisch verbrämten Sinn gelobten, sich für eine „arme“ Kirche für die „Armen“ einzusetzen. Dom Helder Câmara war einer von ihnen.

Wer war Dom Helder, den eine an Lächerlichkeit grenzende Propaganda umgibt?

Die einzigen Nachrichten die derzeit über Msgr. Câmara in die Medien gelangen, stammen aus Propagandawerkstätten, daß ich keine Angst habe, zu sagen, daß sie geradezu lächerlich wirken.

Als Dom Helder im August 1999 starb, gab es unter europäischen Medien geradezu einen Wettlauf ihn zu verherrlichen. Ihm wurden hochtrabende Titel verliehen wie „Prophet der Armen“, „Heiliger der Favelas“, „Stimme der Dritten Welt“, „Heiliger Helder von Amerika“ und so weiter. Es war eine Art von medialer Heiligsprechung.1

Dieselbe Propagandamaschinerie scheint sich im Zusammenhang mit der Eröffnung des Seligsprechungsverfahrens reaktiviert zu haben, die am vergangenen 25. Februar vom Vatikan unterzeichnet wurde. Einige Informationen schaden daher nicht.

Militanter Sympathisant des Nationalsozialismus

Nur wenige wissen vielleicht, daß Helder Câmara sein öffentliches Leben als Anhänger der NS-freundlichen Rechten begann.

Er wurde führender Funktionär des Ação Integralista Brasileira (AIB, Integralistische Aktion Brasiliens), der von Plinio Salgado gegründeten brasilianischen NS-Bewegung.

1934 wurde Câmara, der am 15. August 1931 zum Priester geweiht worden war, Mitglied des obersten AIB-Leitungsgremiums. Er nahm an zahlreichen Versammlungen und paramilitärischen Aufmärschen teil, die jene der Nationalsozialisten im Deutschen Reich nachahmten. Seine Sympathien für den Nationalsozialismus waren so stark, daß er bei seiner Priesterweihe unter der Soutane die Uniform der berüchtigten NS-Miliz der „Grünhemden“ trug.

1946 wollte ihn das Erzbistum Rio de Janeiro zum Weihbischof machen, doch der Heilige Stuhl lehnte wegen seines NS-Aktivismus an. Die Ernennung erfolgte erst sechs Jahre später. In der Zwischenzeit vollzog Helder Câmara den Wechsel von einem Extrem ins andere. Der Nationalsozialismus war desavouiert, doch Câmara hielt an seiner radikalen Neigung fest. Aus dem NS-Sympathisanten wurde ein Sympathisant des Marxismus.

Als 1968 der brasilianische Schriftsteller Otto Engel eine Biographie über Msgr. Câmara schrieb, erhielt er „kategorische Anweisungen“ von der Kurie der Erzdiözese Olinda-Recife, die ihn verwarnte, die Vergangenheit als NS-Sympathisant publik zu machen.

Von der JUC zur Kommunistischen Partei: Die Katholische Aktion Brasiliens

1947 wurde Câmara zum geistlichen Assistenten derKatholischen Aktion Brasiliens (ACB, Ação Católica Brasileira) ernannt, die unter seinem Einfluß nach links abdriftete. Zu manchen Themen machte sie sich sogar den Marxismus-Leninismus zu eigen. Diese weltanschauliche Wanderung wurde vor allem in der JUC (Juventude Universitária Católica), einer Unterorganisation der ACB deutlich, der Câmara besonders nahestand. Luiz Alberto Gomes de Souza, ehemaliger Generalsekretär der internationalen JUC schrieb: „Der Aktionismus der JUC-Anhänger (…) mündete Schritt für Schritt in einem Einsatz, der sich als sozialistisch herausstellte”2.

Die kommunistische Revolution auf Kuba (wir sind im Jahr 1959) wurde von der JUC begeistert aufgenommen. Haroldo Lima und Aldo Arantes, JUC-Funktionäre, schrieben, „die Zunahme der sozialen Konflikte und der Sieg der kubanischen Revolution 1959 ließen in der JUC die Idee einer brasilianischen Revolution entstehen.“ Der Linkstrend in der JUC wurde durch deren Einbindung in die UNE (União Nacional de Estudantes) begünstigt, die derKommunistischen Partei Brasiliens nahestand.

„Ergebnis ihrer Militanz in der Studentenbewegung war“, so Lima und Arantes, „daß die JUC eine politische Agenda für die Christen ‚von heute‘ formulierte. Auf diese Weise verabschiedete sie auf der Vollversammlung 1960 ein Dokument (…), mit dem sie den Anschluß an den demokratischen Sozialismus und die Idee der brasilianischen Revolution erklärten.“3

Während der Linksregierung von Präsident João Goulart (1961-1964) übernahm innerhalb der JUC eine radikale Fraktion die Kontrolle, die sich anfangs O Grupão, die Große Gruppe nannte, aus der dann die Ação Popular(AP), die Volksaktion hervorging, die sich 1962 offiziell als sozialistisch definierte. Auf dem Kongreß von 1963 beschloß die AP ihre Statuten, mit denen „sie sich den Sozialismus und die Verstaatlichung der Produktionsmittel zu eigen machte“. Die Statuten enthielten zudem ein Lob auf die sowjetische Revolution und eine Anerkennung der „entscheidenden Bedeutung des Marxismus in der revolutionären Theorie und Praxis“.4

Das revolutionäre Abdriften hatte damit noch nicht sein Ende. Beim Kongreß von 1968 beschloß die Ação Popular eine Ergänzung und bezeichnete sich nun als marxistisch-leninistisch einschließlich eines Namenswechsels in Ação Popular Marxista-Leninista (APML, Marxistisch-Leninistische Volksaktion). Da sie letztlich nichts mehr von der Kommunistischen Partei unterschied, wurde 1972 die Angliederung an den Partido Comunista do Brasil (PCdoB) beschlossen. Im Gefolge dieser ideologischen Migration schlossen sich viele Aktivisten der Katholischen Aktion während der brasilianischen Bleijahre dem bewaffneten Kampf an.

Gegen die Meinung nicht weniger Bischöfe war Msgr. Helder Câmara einer der begeistertsten und überzeugtesten Verteidiger der politischen Wanderung der JUC nach links.5

Gegen Papst Paul VI. und andere Sonderbarkeiten

1968, als Papst Paul VI. sich anschickte, die Enzyklika Humanae vitae zu veröffentlichten, stellte sich Msgr. Helder Câmara öffentlich gegen den Papst und kanzelte dessen Lehre über Verhütungsmittel als „einen Fehler“ ab, „der bestimmt ist, die Ehefrauen zu foltern und den Frieden in vielen Häusern zu stören“.6

In einem Gedicht, das für Aufsehen sorgte, spottete der Erzbischof von Olinda-Recife sogar über die kirchliche Lehre, deren „Opfer“ die Frauen seien, weil sie – laut Câmara – gezwungen seien, „kleine Monster“ zu zeugen: „Kinder, Kinder, Kinder! Wenn du den Koitus willst, mußt Du zeugen! Auch wenn dir dein Kind ohne Eingeweide zur Welt kommt, mit Beinchen wie Zahnstocher, einem großen Kopf wie ein Fußball, todhäßlich!“

Helder Câmara verteidigte die Ehescheidung, indem er die Haltung der orthodoxen Kirchen guthieß, die „die Möglichkeit einer neuen kirchlichen Eheschließung für jene, die vom [Ehepartner] verlassen wurden, nicht ausschließen“. Gefragt, ob er damit nicht den Laizisten rechtgebe, antwortete er: „Was spielt das für eine Rolle, ob irgendwer einen Sieg feiert, wenn er recht hat?“

Der unruhige Erzbischof forderte lautstark das Frauenpriestertum. An eine Gruppe von Bischöfen gerichtet, fragte er auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil mit Nachdruck: „Sagt mir, ob ihr ein wirklich maßgebliches Argument findet, das Frauen den Zugang zum Priestertum verwehrt, oder handelt es sich nur um ein männliches Vorurteil?“

Was kümmerte es ihn, daß das Zweite Vatikanische Konzil diese Möglichkeit ausschloß. Laut Câmara „müssen wir über die Konzilstexte hinausgehen, deren Interpretation uns zukommt“. Zu Camara und das Zweite Vatikanische Konzil siehe auch Papst Franziskus empfiehlt Charismatikern Suenens und Helder Camara als Vorbilder?).

Das Phantasieren hatte damit noch kein Ende. Bei einem Vortrag vor Konzilsvätern im Jahr 1965 sagte er: „Ich glaube, daß der Mensch das Leben künstlich erzeugen, und soweit kommt, die Toten wiederaufzuwecken und (…) phänomenale Ergebnisse bei der Verjüngung von männlichen Patienten erzielen wird durch den Einsatz von Keimdrüsen von Affen“.

Volltext.
Eremitin
Was ist eigentlich Selig-und Heiligsprechung heute noch?
Eugenia-pia
Vielen Dank für diesen wichtigen Artikel. Ich wusste nur von seinen linken schlimmen Umtrieben auf dem Konzil. Jetzt kenne ich seine Gesamteinstellung besser. Welch ein grausiges Unternehmen, diesen Herrn in der katholischen Kirche selig sprechen zu wollen.
a.t.m
Was soll´s, wieder ein "Konzilsseliger" mehr und bei der Masse die seit den unsäglichen VK II zu "Seligen- Heiligen" ernannt wurden, sind eben die wenigen wahrlich "Seligen und Heiligen" die traurige Ausnahme von der Regel.

Gottes und Mariens Segen auf allen Wegen
Iacobus
Helder Câmara verteidigte die Ehescheidung, indem er die Haltung der orthodoxen Kirchen guthieß, die „die Möglichkeit einer neuen kirchlichen Eheschließung für jene, die vom [Ehepartner] verlassen wurden, nicht ausschließen“.

Vgl.: Unorthodoxe Orthodoxie
Plaisch
Vielen Dank für diese Abhandlung.

Man sieht leider immer deutlicher, dass die im Vatikan von Sinnen kommen.
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