Clicks18
CSc
1

Herzenskenntnis des Pfarrers von Ars

Der hl. Johannes Maria Vianney, geboren am 8. 5. 1786 in einem Dorfe bei Lyon, gestorben am 4. 8. 1859, hörte in den letzten Jahrzehnten seines Lebens durchschnittlich jeden Tag im Sommer 15–16, im Winter 11–13 Stunden Beichte. Zeugen in dem Seligsprechungsprozeß erklärten den ganz außerordentlichen Andrang bei seinem Beichtstuhl dadurch, daß er in den Herzen der Menschen lese. „Ich glaube nicht“, sagte einer von ihnen, „daß es ihm ohne besonderen Beistand des Heiligen Geistes möglich gewesen wäre, auf die vielerlei Fragen zu antworten, die jeden Augenblick an ihn gerichtet wurden. Ich glaube, daß er unaufhörlich von Gott erleuchtet war in all seinen Handlungen. Das ist meine tiefe Überzeugung.“ Derselbe Zeuge bringt dann einige Beispiele (Summarium additionale super virtutibus, Romae 1895, S. 246–248):

Eines Tages beichtete ich bei ihm. Da sagte er zu mir, ohne daß ich ihm den geringsten Anlaß dazu gegeben hatte: „Ihr habt Erbarmen mit mir.“ Ich wurde ganz verwirrt wegen dieser Worte, blieb stumm und suchte schnell in meinem Gedächtnis. Ich erinnerte mich sehr gut, daß ich stets in meinem Reden über den Pfarrer von Ars ehrerbietig geblieben war. Mir fiel ein, daß ich bei einem meiner täglichen Gebete Gott bat: „Herr, erbarme dich seiner wie auch aller meiner Angehörigen und Wohltäter!“ Der Pfarrer von Ars antwortete mir: „Ihr tut gut daran, macht so weiter!“ Er fügte hinzu: „Ihr habt recht, bei Euern Gebeten für Eure Angehörigen und Wohltäter zu beten. Aber Ihr nennt da einige, die weniger Anspruch auf Eure Fürbitte haben als andere, die Ihr vergeßt. Es ist nicht so, als wollte ich Euch sagen, Ihr solltet nicht mehr für jene beten, sie würden mich deswegen tadeln. Seht da, mein Sohn, den Segen davon, daß man befreundet ist mit Leuten, die betende Kinder haben.“ Tatsächlich erinnerte ich mich da, daß ich für den Herrn Claparede betete, einen Freund meines Vaters. – – Bei einer andern Gelegenheit sagte Vianney mir: „Ihr betet nicht alle Tage Euern Rosenkranz (das stimmte, aber ich hatte zu ihm niemals davon gesprochen). Ihr verdientet, daß die seligste Jungfrau, die Euch so viele Gnaden erwirkt hat und noch viele andere erwirken möchte, Euch verließe.“ – – Ein andermal sagte er mir, ohne daß ich ihm etwas darüber gesagt hatte: „Ihr verrichtet Eure Buße öfter, als Euch Euer Beichtvater auferlegt hat. Das ist gut, fahrt so fort, das gefällt Gott, und um Gott zu gefallen, muß man bis ans Ende der Welt gehen.“ Das sagte er mir im Jahre 1858. Im Jahre 1857 empfand ich im Herzen Gewissensbisse, daß ich nicht Priester geworden war, aber ich hatte mit niemandem darüber gesprochen. Nach meiner Beichte sagte mir Vianney: „Mein Sohn, wenn ich geurteilt hätte, Ihr würdet als Priester nützlicher sein, hätte ich es Euch gesagt. Ich kenne den Beweggrund, der eine Eurer Verwandten antrieb, daß Ihr Priester werden solltet.“ Ich erinnerte mich wirklich, daß es ein Gefühl persönlicher Befriedigung war und von bloßer Eitelkeit, das diese Verwandte zu dem Wunsch bewegte, daß ich Priester würde. – – Im Jahre 1856 wollte ein junger Mann zur hl. Kommunion gehen. Vianney sagte ihm: „Mein Sohn, Ihr könnt jetzt nicht kommunizieren, Ihr habt heute morgen schon gefrühstückt.“ Die Sache stimmte, und niemand hatte es dem Pfarrer berichtet. Der junge Mann hatte einfach nicht daran gedacht. Bei dieser Gelegenheit begleitete ich mit der Kerze in der Hand den Pfarrer. – –

Die Baronin Alice Henriette de Belvey, 66 Jahre alt, sagte aus (Summarium super virtutibus, Romae 1893, S. 385): Ich weiß, daß er die Gabe besaß, in den Herzen zu lesen. Ich trug einen Schmerz in mir, über den ich ihn nicht befragen wollte aus Furcht, daß seine Antwort mich in Nöte versetzen würde, die ich nicht überwinden könnte. Nach meiner Beichte, ohne daß ich ihm irgend etwas gesagt hatte, das ihn veranlassen konnte, davon zu sprechen, sprach er mir in voller Kenntnis davon. Als ich ihn reden hörte, war ich ganz entsetzt. Bei einer anderen Gelegenheit sah ich, daß er Gnaden, die mir der Herr erwiesen hatte, erkannte, ohne daß ich ihm davon gesprochen hatte. Ich habe von zwei oder drei Fällen erfahren, daß jemand Sünden in der Beichte verschwiegen hatte. Ich habe von glaubwürdigen Personen mehrfach gehört, daß er in ihren Herzen gelesen hat. – –

Josef Toccanier, Pfarrer von Ars, 51 Jahre alt, sagte aus (a.a.O., S. 389 f.): Eines Tages, ich war dabei, sah er einen Jugendlichen im Hof des Pfarrhauses, den er noch nie gesehen hatte, da er aus Hyères in der Provence kam, seinen Namen weiß ich nicht. „Mein Freund“, sagte er zu ihm, „Ihr wollt also Kapuziner werden?“ Der Jugendliche war ganz erstaunt und wurde rot. Er hatte tatsächlich diese Absicht, über die er noch mit niemand gesprochen hatte, nicht einmal mit seinem Beichtvater, der dabeistand. – – Eines Tages sagte ich ihm: „Herr Pfarrer, wenn Sie etwas übernatürlich sehen, so ist das ohne Zweifel so, wie wenn sie sich an etwas erinnerten.“ „Ja, mein Freund“, antwortete er, „so ist es, wie es mir einmal begegnete. Eine Frau kniete zu meinen Füßen, und ich sagte ihr: ‚Sie sind also diejenige, die ihren Mann im Krankenhaus verlassen hat, und wollen nicht wieder zu ihm zurück?‘ ‚Woher wissen Sie das‘, antwortete sie, ‚ich habe das niemand gesagt.‘ Ich war mehr erschrocken als sie, ich glaubte, sie hätte es mir gesagt.“ – – Der Herr Vianney war auf der Kanzel, als ein junges Mädchen aus Annecy in die Kirche trat. Als er von der Kanzel kam und durch die Menge schritt, sagte er zu ihr: „Meine Tochter, ich werde Dich morgen sprechen“, ohne daß diese ihn darum gebeten hatte. Am andern Morgen hatte das Mädchen vergessen, was der Diener Gottes ihm gesagt hatte. Es hatte auch darin, daß es so angesprochen worden war, so etwas wie eine Verächtlichmachung gesehen und hatte in keiner Weise die Absicht, sich mit ihm zu besprechen. Der Herr Pfarrer rief sie und sagte ihr, sie möge ihm zum Beichtstuhl folgen. Dort sagte er ihr: „Auch Ihr also wollt ins Kloster gehen? Ihr habt Schwestern, die wirklich gut sind, insbesonders die jüngste.“ [Diese letztere zählte siebzehn Jahre und war tatsächlich damals bei den Trappistinnen von Vaise eingetreten.] Einige Tage später suchte ich durch versteckte Fragen, ohne daß sie es merken sollte, mehr herauszubekommen. Ich sagte ihm, dieses Mädchen habe erzählt, was ihm begegnet sei, und ich fragte ihn, wie er es habe kennen können und die Schwestern habe kennen können, ohne sie je gesehen und über sie sprechen gehört zu haben. Er antwortete mir: „Ich habe wie Kaiphas getan, ich habe prophezeit, ohne es zu wissen.“

Aus: Wilhelm Schamoni, Wunder sind Tatsachen. Eine Dokumentation aus Heiligsprechungsakten, 2. Auflage, Würzburg/Stein am Rhein/Linz 1976, S. 290-292.
Susi 47
😇 😇