Die Substanzwandlung des Menschen

Kürzlich ging es in einem Gespräch mit einem kenntnisreichen und lieben Menschen um die Frage nach dem Fundament, dem Kern, der innersten Wahrheit, kurz nach der Seele des Menschen. In der diesbezüglichen nachträglichen Reflexion eröffnete sich regelrecht eine entscheidende Antwort auf die gegenwärtige Kirchenkrise, in der es keinen fruchtbaren inhaltlichen Diskurs mehr zwischen der Tradition und der Konzilskirche gibt. Die grundlegenden Gottes-/Mensch-/Weltvorstellungen sind seit langem nicht mehr miteinander vereinbar. Deshalb hat schon der Modernist Kardinal Lehmann einen Traditionalisten mit den Worten hinausgeworfen, „ach so einer sind sie“ (wortwörtlich), wenn er den Versuch geahnt hat, zur alten Messe zurückkehren zu wollen. Da wusste Lehmann wohl mehr als der rechtgläubige Fromme. Naiv aber war letzterer nicht. Er hatte nur eine andere Substanz als Lehmann, die Substanz des Herrn.

Das ist der Punkt: Die Katholiken haben eine in Christus verwandelte Substanz als ihren Kern, ihre Seele. Die modernen Konzilskatholiken haben das nicht. Sie sind Weltmenschen. Sie gehören zur civitas terrena, den Kindern der Welt, obwohl manche von ihnen selbst die höchsten Ämter in der sichtbaren Kirche einnehmen. So ist lt. dem Hl. Augustinus, De Civitate Dei, die Kirchenmitgliedschaft nicht deckungsgleich mit dem Volk Gottes, dem Gottesreich, der civitas dei.

Die Weltmenschen verstehen nicht die Substanzwandlung. Sie sind durch und durch wissenschaftsgläubig. Eine unsichtbare Substanz, die von den Wissenschaften nicht erfasst werden kann, gibt es für sie entsprechend nicht. Sie können zwischen Substanz und Akzidenz nicht unterscheiden. Brot bleibt Brot. Wein bleibt Wein. Aber als Postulat der praktischen Vernunft, d.h. als instrumentelles, mentales Konstrukt im Dienst sozialer Integration, bleibt die Transsubstantiation durchaus wünschenswert, wenn nicht unverzichtbar. Also bilden sich die Konzilskleriker mit aller Kraft ein, dass sie immer noch das „alte Märchen“ der realen Substanzwandlung glauben. Sonst würde ihre kollektive Überzeugungskraft Schaden nehmen. Der Lügner funktioniert nur, wenn er seine Lüge für wahr hält. Irgendwann ist ihnen gar nicht mehr bewusst, dass sie eigentlich nicht glauben. Wenn ihnen dann konsekrierte Hostien auf den Boden fallen, ist schnell eine Kirchenfrau mit Schaufel und Besen am Altar, um alles
„sauberzumachen“. Werden sie dann irgendwann mal weinen? Nein. Sie sind Weltmenschen.

Die Substanzverwandlung ist für sie nur noch ein mentales Konstrukt, das jederzeit umgedeutet werden kann. Seit der Neuzeit dient alles dem Menschen. Der Mensch ist Gott. Auch die Religion hat ihm zu dienen. Demnächst werde ich zeigen, wie die Jesuiten als neuzeitlicher Orden, auch gerne unbewusst, diese Säkularisierung der Kirche langsam vorbereitet und dann mit dem Vat.2 Konzil vollständig durchgesetzt haben. Sind auch sie kontrollorientierte Weltmenschen?

Menschenfreundlichkeit bedeutet für die Welt, die Menschen im Sinne von Adler, Jung, Fromm, usw. zu sich selbst zu befreien. Jeder Mensch soll ein selbst-verwirklichter Menschengott werden.

Dann fragt mich die Welt nach meinem Kern, meinem Fundament, nach meiner Substanz. Wer bin ich als Katholik? Ich bin kein Weltmensch mehr. Der Herr hat in meiner Seele Wohnung genommen. Er ist der innerste Kern meiner Seele (vgl. Gal 2,20). Weil meine Substanz durch den Empfang der katholischen Sakramente in das Fleisch und Blut Christi verwandelt ist, bin ich „nur noch“ eine Person im Leib des Herrn und gleichzeitig damit das Ganze. Das können Weltmenschen nicht verstehen. Sie suchen im Menschen ihre Welt, das göttliche Subjekt, ihre selbstvergötzende Substanz, sich selbst. Aber die gibt es dort nicht mehr. Das Weltliche ist nicht mehr. Nur noch die Akzidenz (die Physis) ist da.

Als Folge werden sie wütend, weil man mit ihnen nicht in ihren Swingerclub gehen will. „Warum machst du nicht mit uns mit (nicht nur VW hat seine Manager zu Sexpartys eingeladen. Wehe man assimiliert sich nicht. Das schadet der Karriere. Dann ist man nicht mehr vertrauenswürdig.)? Wir wollen doch zusammen Spaß haben und der Sexgöttin der Fruchtbarkeit dienen (vgl. Gen 19,1-11)!“ Widerspruch: „Aber das ist eure falsche Göttin. Der einzige und wahre Gott ist der Herr“. Dann hassen die Weltmenschen einen erst richtig (vgl. Joh 15,18ff). Sie antworten: „Der hat keine Substanz, die wir verstehen und manipulieren können, da ist nichts für uns, den können wir nicht in unser Kollektiv der irdischen Macht einfügen. Der muss weg. Der ist ein unmenschlicher Unhold!“

Menschenfreundlichkeit für die Kinder Gottes bedeutet etwas anderes im Vergleich zu den Kindern der Welt. Nicht Selbstverwirklichung, als ein möglichst leidfreies Leben im Wohlstand und als ein Ausleben der eigenen Triebhaftigkeit, ist das Ziel, sondern der ganz persönliche Liebesaustausch (vgl. die mystische, vertikale Hochzeit der Zisterzienser) mit Gott in Seiner ewigen Liebesgemeinschaft ist die menschliche Vervollkommnung.

Gott sieht uns nicht als Pudel, denen Er ein möglichst angenehmes Leben durch vollständige Wunscherfüllung bereiten will, sondern Er will mit uns in gegenseitiger Aufopferung und Hingabe gerade im Ertragen von Schmerzen, Leid und Selbstverneinung die Ewige und Heilige Liebe feiern. Es gibt keine Theodizee. Das ist eine Erfindung von neuzeitlichen Pudeln, die ihr einziges Glück darin sehen, schön gekämmt zu sein und einen Mercedes zu fahren.