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Nicky41
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Der weinende Engel

Der russische Dichter Fjordor Dostojewski hat in einer eindrucksvollen Geschichte die Wahrheit veranschaulicht, dass die Liebe zu Gott und den Menschen – auch wenn sie nur ein kleiner Funke ist – uns retten kann für das ewige Leben. Auf der anderen Seite besteht die Hölle darin, dass der Mensch sich im Egoismus verschließt und die andern mit Füßen tritt.

»Es war einmal eine Frau, die war böse, sehr böse und starb. Sie hinterließ nicht eine einzige Spur einer guten Tat. Sie wurde von den Teufeln ergriffen und in den Feuersee geworfen. Aber ihr Schutzengel stand da und dachte darüber nach: Könnte ich mich nur dessen erinnern, dass sie irgend etwas Gutes getan hat, so dass ich es Gott sagen könnte. Es fiel ihm etwas ein, und er sprach zu Gott: “Sie hat in ihrem Gemüsegarten eine kleine Zwiebelpflanze ausgerissen und sie einer Bettlerin geschenkt.” Und Gott antwortete ihm: “Nimm diese kleine Zwiebelpflanze und reiche sie ihr zum See hinab, die mag sie anpacken und sich daran herausziehen. Und wenn du sie aus dem See herauszuziehen vermagst, so mag sie ins Paradies eingehen. Wenn aber das Zwiebelkraut abreißt, so soll die Frau bleiben, wo sie sich jetzt befindet.” – Der Engel lief zu der Frau, reichte ihr die kleine Zwiebelpflanze hin und sagte: “Da, Frau, fass an und zieh dich daran heraus.” Und er fing an, sie vorsichtig an sich heranzuziehen. Und beinahe hätte er sie herausgezogen. Aber als die übrigen Sünder in dem See sahen, dass man jene herauszog, da hängten sich alle an sie, damit sie zugleich mit ihr herausgezogen würden. Die Frau aber wurde böse und begann mit den Füßen nach ihnen zu treten. “Ich soll herausgezogen werden und nicht ihr, es ist mein Zwiebelchen und nicht eures.” So wie sie das ausgesprochen hatte, riss das Zwiebelkraut ab. Die Frau fiel in den See zurück, und da brennt sie bis auf den heutigen Tag. Der Engel aber fing an zu weinen und ging fort. «

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Thomas Moore
Auf Parallelen zwischen der sowjetischen Religionspolitik und der Marginalisierung öffentlich vorgebrachter religiöser Argumente in westlichen Industriestaaten wies Patriarch Kirill anlässlich des Staatsbesuchs des deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff in Moskau im Oktober 2010 hin. Wulff widersprach dem Patriarchen darauf scharf und verbat sich den Vergleich zwischen damaliger und …More
Auf Parallelen zwischen der sowjetischen Religionspolitik und der Marginalisierung öffentlich vorgebrachter religiöser Argumente in westlichen Industriestaaten wies Patriarch Kirill anlässlich des Staatsbesuchs des deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff in Moskau im Oktober 2010 hin. Wulff widersprach dem Patriarchen darauf scharf und verbat sich den Vergleich zwischen damaliger und heutiger Situation. Er begründete dies damit, dass früher Menschen ihres Glaubens wegen umgekommen seien, während heute jeder sein Bekenntnis frei wählen könne. Die Begebenheit zeigt exemplarisch, wie wenig wir (im Westen) in der Lage sind, eine Sensibilität für die tiefe Besorgnis vieler russischer orthodoxer Christen aufzubringen. Diese Christen haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten mit Beharrlichkeit versucht, ihr Bekenntnis wieder im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. Ausgerechnet aber in vielen westlichen Ländern, wo schon lange Freiheit herrscht, stellen sie einen gegenteiligen Prozess fest: Die Menschen verlassen nicht nur ihre Kirchen, sondern geben auch die Grundlagen ihrer Kultur ohne Not preis, weil sie das christliche Bekenntnis paradoxerweise als Hort von Unfreiheit und Bevormundung wahrnehmen. Es liegt daher für viele orthodoxe Gläubige nahe, die anthropologischen und politischen Grundlagen eines derartigen Freiheitsverständnisses einer kritischen Überprüfung zu unterziehen. Ohne Zweifel kennt der Patriarch die Unterschiede zwischen der heutigen Situation und dem Elend von damals. Allein, mit seinem harten Vergleich will er aufzeigen, dass es nicht genügt, das religiöse Bekenntnis nur als individuelles Recht zu schützen, nicht aber gleichermassen das Recht der Gläubigen ausdrücklich anzuerkennen, ihre religiöse Argumentation auch in den öffentlichen Diskurs einbringen zu können.