Thomas Moore
Auf Parallelen zwischen der sowjetischen Religionspolitik und der Marginalisierung öffentlich vorgebrachter religiöser Argumente in westlichen Industriestaaten wies Patriarch Kirill anlässlich des Staatsbesuchs des deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff in Moskau im Oktober 2010 hin. Wulff widersprach dem Patriarchen darauf scharf und verbat sich den Vergleich zwischen damaliger und …More
Auf Parallelen zwischen der sowjetischen Religionspolitik und der Marginalisierung öffentlich vorgebrachter religiöser Argumente in westlichen Industriestaaten wies Patriarch Kirill anlässlich des Staatsbesuchs des deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff in Moskau im Oktober 2010 hin. Wulff widersprach dem Patriarchen darauf scharf und verbat sich den Vergleich zwischen damaliger und heutiger Situation. Er begründete dies damit, dass früher Menschen ihres Glaubens wegen umgekommen seien, während heute jeder sein Bekenntnis frei wählen könne. Die Begebenheit zeigt exemplarisch, wie wenig wir (im Westen) in der Lage sind, eine Sensibilität für die tiefe Besorgnis vieler russischer orthodoxer Christen aufzubringen. Diese Christen haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten mit Beharrlichkeit versucht, ihr Bekenntnis wieder im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. Ausgerechnet aber in vielen westlichen Ländern, wo schon lange Freiheit herrscht, stellen sie einen gegenteiligen Prozess fest: Die Menschen verlassen nicht nur ihre Kirchen, sondern geben auch die Grundlagen ihrer Kultur ohne Not preis, weil sie das christliche Bekenntnis paradoxerweise als Hort von Unfreiheit und Bevormundung wahrnehmen. Es liegt daher für viele orthodoxe Gläubige nahe, die anthropologischen und politischen Grundlagen eines derartigen Freiheitsverständnisses einer kritischen Überprüfung zu unterziehen. Ohne Zweifel kennt der Patriarch die Unterschiede zwischen der heutigen Situation und dem Elend von damals. Allein, mit seinem harten Vergleich will er aufzeigen, dass es nicht genügt, das religiöse Bekenntnis nur als individuelles Recht zu schützen, nicht aber gleichermassen das Recht der Gläubigen ausdrücklich anzuerkennen, ihre religiöse Argumentation auch in den öffentlichen Diskurs einbringen zu können.