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Ursula Wegmann
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Syrien - ein glaubwürdiger Reisebericht Teil IV

Hier lebte die hl. Thekla – eine ganz fromme urchristliche Gegend bis heute. Im Kloster der hl. Thekla führten Schwestern ein großes Kinderheim, das sich wunderschön an die Berge anschmiegt. Aus vielen Ländern kamen Pilger nach Maalula zur Wunderquelle der Gottesmutter, zur hl. Thekla … ganz oben befindet sich die älteste noch in Gebrauch befindliche Kirche mit dem ältesten Altar der Welt … dann kamen für vier Monate die Terroristen, viele starben, die Schwestern wurden entführt, ein abgrundtiefer Hass gegen Christen brach sich Bahn; wenn man die Ikonen nicht ganz zerstören konnte, schoss oder kratzte man ihnen die Augen aus, selbst im Hof versuchte man mit Hammerschlägen die in Stein gemeißelten Kreuze zu zerschlagen … traurig und still gingen wir betend die Wege ab, wo einmal blühendes Leben war, irdisches und ewiges. Nach uns schloss man das zerstörte Kloster wieder ab.
Bei der oberen ältesten melkitischen Kirche sagte man uns, diese Gemeinde habe einmal 7000 Familien gehabt, jetzt seien vielleicht noch 1000 Einzelpersonen am Ort.
In einem Laden haben wir noch etwas zu Essen gekauft; Leute erzählten, dass früher nur Christen in Maalula waren, aber dann dachte man, man müsse auch armen Moslems helfen und nahm einige auf – diese wurden dann zu Verrätern und zeigten den Terroristen die Wege in die Stadt. Nach der Rückeroberung durch die syrische Armee seien sie nach Deutschland gegangen – Wahrheit oder Legende? Auf jeden Fall sehr traurig!
Nach unserem deprimierenden Ausflug nach Maalula wurden wir in ein Restaurant zurückgefahren, wo der Patriarch, noch ein Bischof und einige Begleiter uns zum Mittagessen einluden – so kamen wir auf positive Gedanken. Der Patriarch ist ein Mensch, ganz bodenständig, realistisch, der aber immer Optimismus, Hoffnung ausstrahlt, Ideen hat und voller Tatendrang ist. Nach dem Essen ging er mit uns auf Exkursion. Zuerst fuhren wir mit drei Autos zu einem Rohbau: das wird ein Kinderheim, dann weiter zu einer anderen Bau-stelle, wo er uns mutig auf den Brettern, Talar hochgekrempelt, voranging: das wird ein Kloster für 20 Mönche, dann fuhren wir zu einem Kloster: hier machen wir immer mit dem Präsidenten die Jugendtreffen; so machen hier die Mönche die Seifen, die Kerzen, die Marmelade (alles konnte er zeigen und erklären, sogar die verschiedenen Bäume, was wächst und wie das verarbeitet wird), das hier ist die Hühnerfarm … dann gab es noch Tee zusammen mit den Mönchen und wir fuhren nach Hause.
Wir erfuhren, dass die Regierung alle Minderheiten unterstützt, nicht nur die Christen, sondern auch die Drusen, die Ismaeliten, die Schiiten usw. und dass der Präsident regelmäßig die Kinderheime, Krankenhäuser, Sozialeinrichtungen besucht.
Ich hatte gehört, dass es einen Rückruf und auch eine Wiedereingliederungs-hilfe (auch finanziell) für Terroristen gäbe; der Patriarch sagte, dass es diese Amnestie und diese Hilfen gibt und auch nicht wenige zurückkommen, aber das seien leider oft nur die Mitläufer und Sympathisanten, aber nicht die eigentlichen Terroristen.
Die Christen sind überall sehr geschätzt, weil sie als ehrlich und zuverlässig gelten – so werden sie auch in der Armee oft mit gefährlichen Aufgaben betraut.
Am 6.2. haben wir so viele Klöster besucht, dass ich den Überblick verloren habe. Ich erinnere mich an Kloster und Berg Cherubim mit einer riesigen Christusstatue, von Rußland geschenkt. Dort sind viele Höhlen, in denen früher Einsiedler gelebt haben. Jetzt ist dort das Militär; nur ein Mönch, mit dem wir dorthin fuhren, ist für ein halbes Jahr im Sommer dort oben. Ansonsten wartet man auf bessere Zeiten.
Aus der Zeit von Kaiser Justinian (um 550) gibt es ein altehrwürdiges Kloster. Der Kaiser sei auf Jagd gewesen und wollte ein Reh erlegen, das sich in die Mutter Gottes verwandelte und ihm befahl, an dieser Stelle ein Kloster zu bauen. Bis heute kommen von überall her Pilger, und bis heute zieht man sich an diesem hl. Ort die Schuhe aus und verweilt in stillem Gebet.
Das Kloster wurde nie zerstört und hat auch von außen her Ähnlichkeit mit dem zur gleichen Zeit von Justinian erbauten Sinai-Kloster in Ägypten.
Ein anderes Kloster ist Ort der Erscheinung des hl. Georg. Mit einem Mönch gingen wir die Treppe hinab in eine Art Unterkirche/Grotte. Hier haben die Türken vor 100 Jahren zwei unserer Bischöfe umgebracht, die lange hier liegengeblieben sind, so sagte unser Begleiter. Auf meine Bemerkung hin, Syrien habe wohl zu allen Zeiten seine Märtyrer, sagte unser Mönch: Ja, Gott sei Dank!

Die letzten Tage unserer Reise haben wir wieder in Damaskus beim armenisch-katholischen Bischof zugebracht. Diesmal war die Lage sehr dramatisch. Es war ganz still in der Stadt, wenige Menschen auf der Straße, die meisten Geschäfte geschlossen. Der Granatenbeschuss aus dem Rebellengebiet wollte Tag und Nacht kein Ende nehmen. Auch die Bombenangriffe der syrischen Luftwaffe auf die Stadtgebiete, von denen die tödlichen Geschosse auf die Zivilbevölkerung der Altstadt abgefeuert wurden, brachten kein Ende der Gefahr. Der Bischof beschwor uns, jetzt nicht aus dem Haus zu gehen, es könne jeden, jederzeit an jedem Ort treffen. Trotzdem haben wir es gewagt. Ich habe die Franziskaner und ihre Kirche besucht; im Jahre 1860 sind während der hl. Messe acht Franziskaner von Moslems getötet worden – die Gebeine der Märtyrer sind zur Verehrung in einem Glassarg ausgestellt. Gemeinsam haben wir die chaldäisch-katholische Kirche besucht und ein wunderschönes orientalisches Hotel in der Nähe; man lud uns ein, kostenlos dort zu wohnen – es kommen keine Gäste. Alle bestätigten uns, dass vor der von außen inszenierten Destabilisierung des Landes alles einen großen wirtschaftlichen Aufschwung genommen hatte, es ging den Leuten gut. Zu Beginn der Regierung Assad (im Jahr 2000) war das durchschnittliche Monatsgehalt 50,- Euro, am Beginn des Krieges 200,- Euro – bei gleichgebliebenen Preisen. Das bestätigten auch meine beiden Begleiter, die Syrien schon lange besuchen.

Sehr interessant war unser Besuch bei der Hilfsorganisation des Patriarchates; fast nur Frauen arbeiten hier, die Männer sind in der Verteidigung. Es ist ein gewaltiges Hilfswerk, untergebracht in einigen wenigen kleinen Zimmerchen: Krankenhäuser, Lebensmittelverteilung, finanzielle Hilfen; Familien, Kinder, alte Leute werden betreut, Berufsausbildung, Studentenförderung, Medikamentenausgabe, Suppenküchen, Schulprojekte … friedensbildende Maßnahmen, z. B. Sportgruppen, Singegruppen, Clubs für Christen und Moslems, sogar Clubs für alte Leute (Christen und Moslems), die sich zum Schachspielen treffen u. a.
Unterstützung bekommt dieses gewaltige Hilfswerk von vielen Nichtregierungs-Organisationen in aller Welt, z. B. auch von Unicef, CSI, UNDP … Jedes Jahr kann man den Rechenschaftsbericht im Internet nachlesen. Die Mitarbeiter sagen uns, dass der Patriarch mit seinem unentwegten Engagement und seiner optimistischen Grundeinstellung eine große Hilfe ist, sich ständig für den Aufbau einzusetzen und sich nicht von der traurigen Realität in untätige Depression verbannen zu lassen.

Mehrere Bischöfe konnten wir nicht besuchen – sie waren mit ihren Delegationen der Einladung Rußlands nach Sotchi zur Friedenskonferenz für Syrien gefolgt.

Wir besuchen dann noch die armenisch-orthodoxe Kathedrale und den syrisch-katholischen Bischof, der gut deutsch spricht. Er erzählt uns von einer Begebenheit am letzten Osterfest. Am Nachmittag rief jemand von der Regierung an, ob er der Bischof ist, der für die Mutter-Teresa-Schwestern zuständig sei; der Präsident möchte heute Nachmittag das Altersheim und die Schwestern besuchen, ob er auch kommen könne. Also fuhr er hin, alle saßen im Kreis, auch Frau Assad war mitgekommen und hielt rechts und links den alten Leutchen die Hand – eine frohe Runde, in der sich der Präsident auch erkundigte, was man noch im Haus brauchen könnte. Der Bischof erwähnte dann noch, dass es niemals Probleme mit Visas für die Schwestern gäbe; alles wird schnell und unbürokratisch gelöst. Solche Besuche des Präsidenten in kirchlichen Einrichtungen finden regelmäßig und unkompliziert statt, wie es alle Bischöfe be-richteten.
Für uns war es sehr traurig, dass man hier im „freien“ Westen ein ganz anderes Bild über Syrien verbreitet, offensichtlich mit einer ganz bestimmten Absicht.
In meinem Bericht habe ich nicht alle Bischöfe erwähnt, die wir besucht haben, nur einige – aber alle geben die gleiche Einschätzung der Lage:

- in Syrien gibt es Religionsfreiheit, und die Zusammenarbeit mit der Regierung Assad ist sehr gut (in keinem anderen arabischen Land gibt es solche idealen Bedingungen für das Christentum)

- Präsident Assad und die Regierung unterstützen aktiv alle Minderheiten im Land, auch die Christen;

bei vielen Gelegenheiten sagt der Präsident ganz offen: die Christen hier im Land sind keine Zugvögel, die kommen und wieder wegfliegen: das hier ist euer Land, ihr, die Christen, wart zuerst hier!

- man kann sagen, dass es auch bei den „Rebellen“ weniger radikale Kräfte gibt – nicht alles sind Terroristen. Aber diese zahlenmäßige Minderheit von wenigen Prozent hat keine Einflussmöglichkeit, bei einem Sieg über Assad einen Gottesstaat mit Scharia (Kalifat Syrien) zu verhindern. Die Folge wäre: Flucht und Vertreibung aller Christen. Eine Alternative gibt es nicht.

Die Christen – so könnte man sagen – sind trotz ihrer geringen Zahl das Rückgrat der syrischen Gesellschaft (Bildung, Sozialeinrichtungen, Kultur, internationale Beziehungen usw.). Würde es dem Teufel gelingen, im gegenwärtigen militärischen und Propagandakrieg dieses Rückgrat zu zerschlagen, Syrien christenfrei zu machen, dann könnte man das Land leichter abhängig machen und versklaven, und niemand in der Welt würde mehr davon Notiz nehmen, wie das heute in den anderen arabischen Ländern der Fall ist. Eine schreckliche Vision!
Menschlich gesehen kann man von einer ziemlich trostlosen Situation sprechen: die fehlende Solidarität der Bischöfe und der sogenannten christlichen Länder und Regierungen, die doch eigentlich alle ein Interesse haben müssten, dass verfolgte Christen geschützt werden und es ihnen nicht so er-geht wie in anderen arabischen Ländern. Informationen der syrischen Bischöfe gibt es genug, so dass keiner sich herausreden kann: das haben wir aber gar nicht gewusst. Offensichtlich hat man andere Interessen?!?
So wird vermutlich das Leiden der Märtyrerkirche weitergehen, bis zum Ende der Zeiten, wie es der Herr vorausgesagt hat. Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben verliert?! – so mahnt Christus.
Jeder einzelne ist in die Entscheidung der Nachfolge gerufen. Er kann sich nicht auf andere oder auf besondere Umstände berufen. Es ist für mich eine ganz große Freude gewesen, in Syrien so vielen treuen Glaubenszeugen zu begegnen, die ganz selbstverständlich mit Christus das Kreuz tragen – mit Liebe; und wo die Liebe ist, ist immer auch die Freude! Es ist eine Freude und eine Liebe, die von dort kommt, wo wir zuhause sind.

Teltow, am 1. März 2018

Pfarrer Michael Theuerl
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