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Nicky41
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Wie ein Blümchen zu seinem Namen kam

Eine Legende - von Michael Bauer gesammelt in Pflanzenmärchenband

Viele Blümchen blicken gen Himmel. Weiß du warum?

Wenn sie durstig sind, so schauen sie hinauf, ob nicht bald Regenwolken kommen wollen? Und wenn der Boden feucht genug und ihr Durst gestillt ist, dann schauen sie aus nach der Sonne.

Ein Blümlein aber, das liebste von allen, das blickt immerfort zum Himmel hinauf und nicht bloß nach Regen oder Sonne.

Es schaut, über die Wolken und die Sonne hinaus, noch viel weiter bis tief in den Himmel hinein, wo es Gott gewahrt. Es wendet kein Auge von Gott, um seiner ja nicht zu vergessen.

Bei der Beschaffung aller Dinge ging es so zu; Gott rief einen Namen, und sofort kam das Gerufene hervor:
Ein Stein oder ein Stern, ein Baum oder ein Tier, je nach dem Rufe Gottes.
Den Namen, den Gott gerufen hat, den sprach jedes Ding ein paar Mal leis vor sich hin, damit es sich ihn gut merke.

Alle Geschöpfe sind ja nicht so dumm wie der Kuckuck, der ihn jetzt noch immer laut vor sich hersagt, um ihn nicht zu vergessen.

Die meisten wussten ihn gleich.

Es ist aber auch notwendig, dass sie ihn wissen. Denn wenn es Frühling werden soll, dann ruft Gott widerum eins ums andere auf.

Erst ruft er das Schneeglöckchen, gleich kommt es heraus und läutet.

Dann ruft er
"Märzenveilchen!"

Und in den Hecken fängt es an lieblich zu duften.

Dann ruft er:
"Schlüsselblume!"

Da wird es gelb auf den Wiesen, und das Tor für die anderen Wiesenblumen ist offen.

Und so fort.

Das wäre gar schlimm, wenn eins seinen Namen vergessen hätte und nicht käme, wenn es gerufen wird!

Ein Blümlein aber hat seinen Namen dennoch vergessen.
Wie es wirklich geheißen hat, weiß man deshalb auch gar nicht.

Es war eben herausgesprossen und hatte seine zart himmelbluen Blütchen aufgetan.

Der Name, den ihm Gott gegeben hatte, klang ihm nach in seinem Herzen.

Aber als es eben daran gehen wollte, ihn ein paar Mal zu wiederholen, um ihn sich einzuprägen, da flog ein neugieriger kleiner Schmetterling herbei und setzte sich aufs Blümlein.

Dem war es ja schon seltsam genug, dass der Schmetterling gerade so himmelblau war, wie es selber; aber das Wunderbarste waren doch die Unterseiten seiner Flügel.

Eine große Menge winziger feiner Äuglein waren darauf, eins am andern. Das Blümlein kam aus dem Staunen gar nicht heraus.

Und als schließlich der Falter fortflog, da - hatte es seinen Namen vergessen.

Ein arger Schreck war das. Und ganz schlimm wurde es erst, als Gott durch die Flur schritt und zur Probe jedem Ding und Dinglein seinen Namen abfragte.

Alle wussten ihn.

Wenn nur wengistens noch eins dabei gewesen wäre, das ihn auch nimmer behalten hätte!

Das arme Blümlein wäre am liebsten tief in den Erdboden gesunken.

Und nun meinst du der Gott hätte furchtbar gescholten? Oh nein, das tat er nicht. Er hat es ihm ja gleich angesehen und bloß gesagt:
"Du hast deinen Namen vergessen, nicht wahr?" "So schlimm ist das aber nicht - und dabei schaute er es eindringlich an - "vergiss mein nicht!"

Der liebe Gott war schon weit weg, da tönte es noch immer im Herzen des Blümleins:

"Vergiss mein nicht!!"

Das merkte es sich für alle Ewigkeit, und das wurde auch sein neuer Name.

Und im Gehorsam seines Namens blickt es unverwandt auf zu Gott, um ihn gewiss nicht zu vergessen.
Nicky41
Hildegard von Bingen hingegen sprach dem Vergissmeinnicht jedoch jegliche Heilwirkung ab und bezeichnete es als Unkraut. Entsprang ihr Urteil lediglich dem frommen Bemühen, der Wollust Einhalt zu gebieten? Denn die Wurzel, als Aphrodisiakum genutzt, galt als der Ursprung von Liebeszaubern und abergläubischen Bräuchen. 🤭