– Autonomie oder Konformität –

– Autonomie oder Konformität –

NACH MICHAEL ANDRICK
Der Artikel wurde aus dem Buch „Erfolgsleere“ von Michael Andrick (Freiburg 2020) entnommen; er wurde jedoch stark verkürzt und redaktionell erheblich verändert, seine Grundgedanken wurden aber beibehalten.


,,Für viele Menschen ist dies eine elementare Erfahrung: Sie haben Arbeit, aber keine Vision, Beschäftigung, aber keine Ideale, Reglementierung, aber keine Orientierung. Mit der Vision stirbt die Hoffnung, mit der Hoffnung das Ethos, mit dem Ethos die Bereitschaft, sich für andere einzusetzen.“ (Küng, Hans: Arbeit und Lebenssinn angesichts von Wertewandel und Orientierungskrise. Zweites Jahreskolloquium der Alfred-Herrhausen-Gesellschaft für internationalen Dialog. 17. Juni 1994, Frankfurt a. M.) Um in einer Massengesellschaft zusammenleben zu können, müssen ihre Mitglieder füreinander erkennbar sein. Die Anderen müssen deren Beweggründe und Verhaltensweisen je nach der anstehenden Situation in etwa einschätzen können. Gesellschaftsfähig zu sein bedeutet, einen gewissen Standard einzuhalten und deshalb für andere verlässlich und akzeptabel zu sein.

Gesellschaftlich, d.h. füreinander berechenbar zu existieren, will gelernt sein. Denn die Gruppe, in die wir hineingeboren werden und in der wir heranwachsen, ist nur eine unter vielen in unserer Gesellschaft. Ihre Wertvorstellungen und Gewohnheiten können sich stark von denen anderer Personenkreise unterscheiden. Deshalb besteht eine elementare Aufgabe für uns darin, das Zusammenleben mit Angehörigen aller dieser Gruppen zu erlernen und für sie akzeptable Rollen zu spielen. Wir brauchen »Sozialkompetenz«.

Der Einzelne muss sich durch Nachdenken über seine Erfahrungen als Persönlichkeit heranbilden, zumindest den Versuch dazu unternehmen. In ähnlicher Weise etablieren wir uns sozial durch das Erlernen der Regeln unserer Gesellschaft und durch ihre ständige Einübung als ihr Mitglied. Die anderen Gesellschaftsmitglieder können mit uns nur etwas anfangen (oder etwas gemeinsam mit uns weiterführen), insoweit wir nach den Normvorgaben unserer Gesellschaft konform, d.h. gesellschaftsfähig sind. Die mit den anderen gemeinsam gebildete Gesellschaft ist eine unsichtbare Ordnung. Missachten wir die Regeln unserer Gesellschaft bei Menschen, die nicht unserem Kreis von Vertrauten angehören, irritieren wir sie. Sie können sich dann unserer Kooperation bei der Verfolgung ihrer Zwecke nicht mehr sicher sein. Der Grad unserer Anpassung zeigt den Anderen, inwieweit wir willens sind, das aktuelle soziale System und die darin verkörperten Machtverhältnisse mitzutragen. An unserer Anpassung erkennen sie, dass wir mitmachen und deshalb auch ihre Handlungsfähigkeit mit garantieren werden.

Gesellschaften bestehen dadurch fort, dass sie genau jenes Verhalten, Denken und Empfinden heranbilden, das ihren Autoritätsverhältnissen entspricht und diese stetig befestigt. Aus en Angehörigen einer Gesellschaft müssen Mitglieder werden. Von diesem unentrinnbaren Konformierungsdruck geht allerdings eine Schwierigkeit für unsere eigenen Wertmaßstäbe, für unsere eigene Moralität aus. Wie kann ich moralisch sein, wenn ich zugleich im Großen und Ganzen mit den vorgefundenen Verhältnissen und Menschen konform zu gehen habe? Könnten wir auf den Eigensinn unseres Nachdenkens, also auf unsere Moralität, in einer aufgeklärten Gesellschaft nicht einfach verzichten? Dies würde doch das Problem des Gegensatzes von Moralität und sozialer Anpassung lösen. Dies war das Argument zum Beispiel des historischen Materialismus, der »wissenschaftlichen Weltanschauung« des Marxismus-Leninismus: Mit der klassenlosen Gesellschaft konform zu gehen, war identisch damit, eine moralisch gute Person zu sein.

Auch ethische Theorien wie der auf den Begriff des Nutzens konzentrierte Utilitarismus erlauben die moralische Selbstaufgabe und bieten eine Logik des Kalküls mit bekannten Größen (wie z.B. wirtschaftlichem Nutzen) als Ersatzmodell für unsere Lebensorientierung an. Allerdings gerät ein Utilitarist in Verlegenheit, wenn man ihn fragt, welches Verständnis von »Nutzen« zweckmäßig ist. Bei dieser Frage bemerkt man, dass der Begriff des Nutzens, der angeblich unsere moralischen Orientierungsprobleme beheben soll, selbst sehr unklar ist und auf vielfältige Weise interpretiert werden kann. Wir benötigen also unser moralisches Urteil – und sei es nur dazu, um uns entscheiden zu können, nach welchem der vielen denkbaren Definitionen von »Nutzen« wir unsere Handlungen bewerten und ausrichten wollen. Wir müssen moralische Personen bleiben und dennoch in unserer Gesellschaft als Mitglieder Fuß fassen.
Solange es moralische Personen gibt, und nur solange es sie gibt, existiert ein auf Abruf stehender Einspruch des Nachdenkens gegen das Denken und Tun in der Welt: Das etablierte Denken und Tun wird hinterfragt und regiert nicht einfach durchgehend und absolut nach der gerade herrschenden Theorie und Praxis, was immer diese auch sein mag; die moralische Person ist der Gegenspieler des Zeitgeistes. Sie ist der einzige Akteur, der die Arbeitsergebnisse und Machenschaften des Kulturwesens Mensch verändern kann – oder der uns zumindest dabei helfen kann, ihnen zu entkommen. Welche Funktion hat die Bezweiflung, Verzögerung, Erschwerung und möglicherweise die Verhinderung des Tuns für die Menschen, die von moralischen Personen ausgeht? Die moralische Person hat keine andere Funktion außer der einen, das Funktionieren des Menschen in gegebenen Strukturen und Denkweisen zu erkennen und wo nötig zu verändern oder einzugrenzen.

So bekundet die moralische Person die Integrität von Wesensarten und Grundhaltungen: Die Welt, andere Menschen und die von ihnen geschaffenen Verhältnisse diktieren nicht, was wir denken und was wir tun. Sie sind der Kritik unseres Nachdenkens unterworfen; wir sind als moralische Personen der »Maßgeber« des Tuns und des Denkens. Wir sind nicht die Befehlsempfänger dessen, was andere vor uns und neben uns eingeführt haben, sondern seine Gutachter, Richter und potentiell seine Reformer. Integre moralische Personen sind der einzige Garant dafür, dass es mit uns und unserer Welt besser werden kann, als es ist. Sie sind die Anwälte der Würde des Menschen gegenüber allem, was ihm gefährlich wird. Wenn er seine Vorhaben auch nicht durchsetzen kann, so ist moralische Integrität doch das richtige Ideal eines freien Menschen, der seine Verantwortlichkeit annimmt. Wie aber können integre moralische Personen sich selbst und die Welt verändern? Moralische Personen leben abgewandt vom Prestige und von der Tatmacht der sozialen Struktur und ihrer Repräsentanten. Sie gieren nicht nach Rang und Namen, sie halten sich nicht mit ausgeklügelt geplantem, verschwenderischem Konsum auf, um bei anderen oder sich selbst diesen oder jenen Eindruck zu erzeugen. Auch wollen sie nicht in erster Linie gemocht werden oder ein hohes Ansehen gewinnen.
Stattdessen sind sie ihren eigenen Wertvorstellungen zugewandt. Wo alle auf ihr Äußeres achten, achten sie auf ihr Inneres; sie sorgen sich um ihre eigene Integrität. Deshalb haben moralische Personen die echte und eigentliche Macht. Moralische Personen haben eigene, auf ihren Wertvorstellungen und ihrem Nachdenken beruhende alternative Vorstellungen; sie können ganz anders handeln als es in ihrer Gesellschaft üblich ist. Deshalb können von ihnen auch fortschrittliche Entwicklungen ausgehen. Ihre gestalterische Fähigkeit beruht darauf, dass sie sich weigern, vorgegebenen Denk- und Handlungsweisen zu folgen, die es ihnen ermöglichen, Güter zu erlangen, die gesellschaftlich für sie zu ihrer Disziplinierung vorgesehen sind, und sie sind in der Lage, einen eigenständigen Handlungswillen aufbauen.

Konformisten können als Kontrahenten der moralischen Personen angesehen werden; jene betreiben ihre Aktivitäten im Sinne des Zeitgeistes und seiner sozialen Institutionen ohne nachzudenken und finden sich mit den tatsächlichen Verhältnissen widerspruchslos ab, auch wenn sie in der Lage wären, deren grobe Mängel zu erkennen. Autonome Menschen sind zwar der Ursprung jedes Fortschritts in der Welt im Sinne der Verbesserung der allgemeinen Lebensverhältnisse für die Mehrzahl der Menschen. Sie sind jedoch unbeliebt, weil sie zwar Verbesserungen, auf jeden Fall aber Änderungen hervorrufen wollen und sich dadurch gegen die bestehende Stabilität wenden. Moralische Personen stehen also prinzipiell in Gegnerschaft zur bestehenden Ordnung, deren die am höchsten geschätzte Tugend Konformität ist; Eigenständigkeit ist nicht gerne gesehen. Konformität favorisiert Formalität und Gewohnheit und will nicht auf Wirklichkeit und auf das Schöpferische hinaus. Jede etablierte und in ihrer Ordnung verfestigte Gesellschaft steht dem Nachdenken, also dem Lebenselement der moralischen Person, im Wege und kann es nur begrenzt tolerieren. Kritiker ihrer Regeln, die womöglich noch andere auf die dumme Idee des moralischen Einspruchs bringen könnten, werden von den herrschenden Kreisen aller Epochen so gut es eben geht an den Rand gedrängt, diskreditiert und wo diese es konnten sogar mit dem Tode bestraft. Immer geht es darum, die bestehende Herrschaftsordnung durch den Konformismus der Beherrschten zu erhalten.

Autonomie und Konformität sind Gegenpole, zwischen denen wir unser Leben austarieren müssen. Am Pol der autonomen Moralität finden wir das Beispiel sittlich großer Menschen, die ihrer moralischen Einsicht folgend alle Güter der herrschenden Ordnung für sich ablehnten, um in ihr Räderwerk eingreifen zu können. (Es wäre irreführend zu sagen, moralisch große Menschen »opferten« alles ihrer moralischen Einsicht. Denn diese Einsicht lehrt sie ja gerade, dass die ihnen zugedachten gewöhnlichen Güter nicht wirklich gut sind und überwunden werden müssen. Sie opfern sich nicht, sie zeigen anderen die Sinnlosigkeit und vielleicht auch die Grausamkeit ihres Götzendienstes, indem sie ihn ablehnen. Dafür werden sie gehasst und verfolgt.)
Wer aber steht am anderen Ende des Kontinuums, am Pol der Anpassung? Nun, der Konformist. Aber was ist ein Konformist? Sicherlich nicht schon jemand, der bis zu einem gewissen Punkt mit den vorgefundenen Verhältnissen und Menschen konform geht; das tun wir alle irgendwie, und würden wir alle zu Recht deshalb »Konformisten« genannt, so wäre der Begriff überflüssig, denn er würde nichts mehr charakterisieren. Der Konformist muss also jemand sein, der die Konformität planvoll zum Prinzip seines Denkens und Tuns erhoben hat – gerade so, wie wir denjenigen einen Sozialisten nennen, der planvoll die soziale Frage zum Prinzip seines Denkens und Tuns macht.

Konformisten verhalten sich geordnet nach den Zwecken, die andere festgelegt haben und hinterfragen diese Zwecke nicht – sie verinnerlichen sie. Konformismus ist zweckgerichtetes Denken und Tun, und dieses ist gerade nicht Nachdenken und Handeln einer moralischen Person und sollte davon klar unterschieden werden. Denn konformes Zweckdenken spielt erlernte Muster und Verbindungen von Gedanken und Tätigkeiten ab, sobald ein Schlüsselreiz wahrgenommen wird (der ebenfalls Teil des erlernten Musters ist). Der Schlüsselreiz muss nicht einmal wirklich vorhanden sein; im erfolgreich konditionierten Konformisten reicht bereits die Gewohnheit bestimmter Assoziationen der Erinnerung, um ganze Verhaltenskaskaden auszulösen.
Der Ausdruck »Gesellschaft« ist hier der Name für die Struktur der etablierten Zwecke, die für uns Schlüsselreize setzt und damit Abläufe im Denken und Tun einübt und abrufbar macht. Unsere weitgehende Zuverlässigkeit bei diesen Denk- und Verhaltensweisen ist der Beitrag für unsere Mitgliedschaft in der Gesellschaft. Und je nachdem, wie menschlich oder menschenverachtend die Zwecke sind, die in unserer Gesellschaft jeweils institutionalisiert sind, sind wir als ihre Mitglieder dann gewohnheitsmäßige Mit-Wohltäter oder Mit-Verbrecher.

Doch zurück zum Typus, zur Extremfigur des Konformisten: Der Zweck, dem wir als Konformisten gehorchen, ist genau besehen der fremde Wille, der diesen Zweck gesetzt hat; ihm gehorchen wir. Konformismus praktizieren heißt, sich den gegebenen Mächten und ihren Repräsentanten als Diener anzutragen, um die von ihnen zu erlangenden Vorteile zu erhalten. Im Konformisten firmiert und marschiert die bestehende soziale Ordnung. Wenn wir pauschal sagen: »Die Gesellschaft tut dies oder jenes«, so sagen wir eigentlich: »Die Konformisten tun dies oder jenes«; oder noch genauer: »Jeder von uns, insoweit er konform geht, tut dies oder jenes.« Für einen bekannten Zweck wird einfach gedacht und einfach getan, nicht aber nachgedacht und gehandelt; der Konformist gibt den Vorbehalt des Nachdenkens gegen das Tun auf.
Insoweit wir uns konform verhalten, erklären wir uns mit den vorgegebenen Zwecken einverstanden. Konformismus ist die Suspendierung des Menschen als moralisches Wesen, die Aufhebung des Vorbehalts seines Nachdenkens gegen das Tun in der Welt, und damit die bedingungslose Unterwerfung des Menschen unter die von ihm selbst geschaffene Wirklichkeit. Damit aber ist der Vernichtung alles Wertvollen und seines einzigen Urhebers, des Menschen, prinzipiell die Bahn eröffnet. Die Konformisten aller Zeiten haben gemeinsam die Macht, dem gerade etablierten Herrschaftssystem unkontrollierte und damit ungehemmte Machtentfaltung zu ermöglichen. Konformismus ist somit eine gewaltige aufbauende wie auch zerstörende Macht.

Wenn der Konformist einfach denkt und einfach tut, wie ihm geheißen, was ist demgegenüber das Nachdenken und Handeln der moralischen Person? Nachdenken ist nicht einfaches, sondern bewusst komplex gestaltetes Denken; Handeln ist nicht einfaches Tun, sondern bewusst komplex gestaltetes Tun. Im Nachdenken verarbeiten wir unsere Erfahrung und arbeiten an unserem Selbstverständnis, indem wir bejahen und verneinen, ordnen, verwerfen, nachfragen, ignorieren, betonen und gewichten – und uns auch an die emotionalen Auswirkungen erinnern, die unsere Begegnungen auf uns haben.
Neben solchen bewussten und halbbewussten Vollzügen bringt das Nachdenken noch einen anderen, ganz entscheidenden Faktor zur Wirkung: die Zeit. Allein die neuerliche Bewegung und Beachtung dessen, was wir empfunden und gedacht haben, das Verweilen bei unseren Eindrücken, setzt diese in ein stetig feiner und komplexer werdendes Verhältnis zu unserer bisherigen Lebenserfahrung. Unsere Erfahrung wird in eine Gemeinschaft, in eine momentane Gleichzeitigkeit und Interaktion mit uns selbst gebracht – »mit uns selbst« bedeutet hier: mit den Gedanken und Haltungen, die uns bis zu unserer jetzigen Erfahrung ausmachten, und mit unserer Erinnerung an sie.
Wir unterziehen im Nachdenken unsere Erfahrung einer umfassenden, nicht bloß intellektuellen, sondern auch emotionalen und affektiven Konfrontation mit unserem Selbst. Ich sage »wir unterziehen«, denn dieser Vorgang geschieht nicht von allein schon dadurch, dass wir Erfahrung haben; wir müssen über sie nachdenken. Unser Selbst kritisiert dann unsere Erfahrung auf mehreren Ebenen: Intellektuell gesehen lassen wir dieses oder jenes in unser stilles Gespräch ein als neuen Bestandteil unserer Reflexion und ignorieren oder beurteilen anderes; emotional und affektiv schließen wir uns enger an das an, was uns annehmlich und aufbauend vorkommt, und wir suchen intuitiv den Einfluss unangenehmer Erfahrungen auf unser Seelenleben zu vermindern.
Wir reagieren in der Zeit unseres Nachdenkens auch in organischer Weise auf unsere Erfahrung. Wir sind psychosoziale Kreaturen, die nur beschränkt in der Lage sind, Unterschiedliches zu sehen, zu empfinden und sich zu eigen zu machen; gerade darin besteht unsere Stabilität und unsere Befähigung zum Leben. Im Nachdenken können wir uns selbst, in bescheidenem Maße zumindest, bei diesem Vorgang des Ablehnens und Abstoßens, des Annehmens und Begrüßens zusehen und uns selbst dabei neu und besser erkennen. Wir beachten dann aufmerksam, was mit uns geschieht und was üblicherweise einfach hingenommen wird und uns unmittelbar prägt und bildet. Nur durch das Nachdenken werden aus Erlebnissen unsere Erfahrungen, verlieren Erinnerungen an für uns wichtige Ereignisse unmittelbar gestaltende Gewalt über uns, beispielsweise aus dem Erleben des noch unmündigen Kindes und Jugendlichen bis hin zum Zweckdenken des Konformismus.
Nachdenken ist der Weg, auf dem wir das Handwerk unseres Lebens erlernen anstatt Gesellen anderer Meister zu sein. Es erlaubt uns, als wir selbst zu handeln, anstatt einfach zu tun, was uns die Anderen gelehrt haben. Die Einsichten, die unser Nachdenken im Lichte unserer Erfahrung uns vermitteln, sind allerdings für alle anderen folgenlos, nicht aber für uns selbst, eben durch die Fortentwicklung unseres eigenen Verständnisvermögens. Weil es macht- und folgenlos ist, kann es außerhalb bestehender Konfliktlinien bleiben und so all das, was Geltung beansprucht, hinterfragen, aufklären und nötigenfalls verwerfen.

Die Haltung der Kritik (d.h. der Unterscheidung) einzunehmen, bedeutet, den Kampf um die Erzielung dieser oder jener Wirkung in der Welt zugunsten des Verstehens und Beurteilens beiseite zu lassen. Am Ende eines Verstehensprozesses kommen uns dann praktische Forderungen in den Sinn, die aus dem Bann der etablierten Zwecke unserer Mitgliedschaft in der Gesellschaft ausbrechen können – die also das einfache Denken und einfache Tun des Konformismus hinter sich lassen. Einfaches Denken und einfaches Tun wollen gleich von Anfang an etwas Bestimmtes erreichen und können uns deshalb nicht Aufschluss darüber geben, was wir denken und tun sollen.
Konformismus ist die Erfüllung etablierter Zwecke und kann sich deshalb nur im Bereich des schon Bekannten, schon Gedachten und schon Getanen bewegen und dieses zweckmäßig verwenden. Das einfache Denken und Tun des Konformisten erlaubt es nicht, etwas Neues als solches zu erkennen oder Bekanntes anders zu verstehen als bisher. Für das einfache Denken ist das Neue entweder ein Irrtum oder eine Absurdität; für das einfache Tun des Konformismus ist das Neue eine Störung. Für jeden Einzelnen ist sein Ausmaß an Konformität der Gradmesser seiner moralischen Gesinnung. Bei einem Konformisten ist das Selbstbewusstsein schwach ausgeprägt – sein Wille und damit seine Fähigkeit, die eigene Erfahrung durch Nachdenken zu verarbeiten, sind kraftlos; seine Moralität, der Vorbehalt des Nachdenkens gegen das Tun, wird nicht kultiviert, und so festigt sich mit jedem Jahr des bloßen Mitmachens das eigene Schicksal, nämlich vor allem als Funktionär zu existieren. Das eigenwillige Leben wird durch die Gewohnheit verdrängt, dem Druck oft nur vermuteter fremder Erwartungen nachzugeben, um zu gewinnen, was die etablierte Ordnung zu bieten hat.

In irgend einer Weise verhalten wir uns fast alle konformistisch und treiben einen besonderen Sport: das Erraten fremder Erwartungen. Haben wir einige Male Glück mit den dann von uns gewählten Umgangstaktiken gehabt, so merken wir uns diese erfolgreichen Spekulationen. Auf unserem Lebensweg entscheiden wir aufgrund dieses Erfahrungswissens, wie wir den anderen in dieser oder jener Situation am zweckmäßigsten erscheinen sollten. Konformistisch sein ist somit eine komplizierte, kraftraubende Sache und keineswegs der berühmte »Weg des geringsten Widerstands«. Man versucht dabei, auf möglichst glaubhafte Weise ein für andere simuliertes Innenleben nach außen zu kehren. Genau dies ist das in jeder Gesellschaft für uns vorgesehene Programm: Abschaffung des eigenen Nachdenkens zugunsten eines vorauseilenden, über fremde Erwartungen spekulierenden Gehorsams. Dieses ist der Weg zur Verkümmerung unseres Selbstwertgefühls, zur Abschaffung unserer eigenen, wertenden Ansicht über die Welt.
Was bleibt, ist ein allein im Sinne von Außenwirkung operierender Mensch, der auf eingehende Reize umstandslos durch zweckmäßige Verarbeitung in einfachem Denken und Tun reagiert. Der Konformist exekutiert damit die bestehende Ordnung bruchlos, ohne verzögernde oder den Betrieb gefährdende Reflexion. Dieser zeitlose Typus Mensch ist der Funktionär, dessen Überzeugung von sich selbst schlicht und direkt durch die herrschenden Tatsachen und allgemein akzeptierten Forderungen bestimmt ist. Funktionäre, Leute von gedankenloser Eindeutigkeit und Gradlinigkeit, sind die beste Stütze und das bevorzugte Erziehungsergebnis jeder herrschenden Ordnung und jeder Organisation: Denn ihnen ist schließlich alles recht, sie sind moralisch anspruchslos – zumindest bis zu dem Moment, zu dem jemand bei ihrem Karrierefortschritt oder einfach bei der Bewahrung ihrer Bequemlichkeit und geistigen Windstille nicht mitspielen will. Da erkennen Funktionäre dann sofort und lautstark, welche unfassbare Ungerechtigkeit ihnen geschieht und wie »verlogen« oder »unprofessionell« die Spielverderber sind. Dieser Typus des kritiklosen, opportunistischen, grenzenlos selbstgerechten Funktionärs bewirkt durch seinen Einfluss auch die Stabilität und die Ausbreitung der gewaltigen menschlichen Errungenschaften der modernen Welt; er ist jedoch auch der Ansatzpunkt, von dem aus sich die scheinbar unfasslichen Gräuel erschließen und verstehen lassen, die Menschen anderen Menschen mit industrieller Konsequenz bereitet haben. Denn je unselbständiger jene sind, umso zuverlässiger gelten sie im eingespielten Betrieb. Kein eigener Gedanke kräuselt ihre Stirn, nichts steht ihrem blinden Gehorsam, d.h. ihrer »Professionalität« entgegen.

Wer jedoch aufgrund seiner Moralität oder Bildung nicht gedankenlos genug für eine fraglose Funktionärskarriere ist, stellt für jedes System zunächst eine Irritation dar. Die Funktions- und Würdenträger der diversen Apparate müssen dann seine Gedanken und Fragen ertragen und sich fürchten, dass er »unabgestimmt« mit ihren Standardinteressen »etwas tun« könnte. Doch es gibt auch für notorische Selbstdenker und Opponenten ein »Friedensangebot« des Establishments, eine Art zweiten Bildungsweg ins Funktionärsdasein: Wo die Ressourcen es zulassen und die Investition betrieblich lohnend erscheint, wird dem Delinquenten gern ein Coach zugeteilt – also ein Gesprächspartner, mit dem man klärt, welche Art und welche Abfolge von Kompromissen mit den Konformisten die eigene Integrität gerade noch zulässt; denn nicht jeder »Meilenstein« des Aufstiegs ist im aufrechten Gang zu erreichen.
Das prüfende und anverwandelnde Nachdenken der moralischen Person wird beim Funktionär durch Konformismus eingetauscht und durch das Anrufen und Befolgen bestehender Autorität ersetzt. Davon sind wir alle betroffen, wann immer wir selbstvergessen eine Funktion ausüben. Das Bemühen um die Stärkung unseres Selbstbewusstseins stockt in diesen Momenten. Nicht nur die moralische Person ist Opfer des Konformismus; außerdem wird in unserem eigenen Nachdenken und im Austausch mit anderen die Wirklichkeit durch Konformismus aus dem Blickfeld verdrängt. Die Wirklichkeit bleibt auf der Strecke, weil zweckgeleitete Reflexion sie nur in verzerrter Form wahrnehmen kann. Das uns vorgesetzte Ziel und unser eigenes Interesse ordnen das Bild, das wir uns machen; so entsteht eine Karikatur unserer Situation, die von unseren subjektiven Zielen und den Mitteln zu ihrer Erreichung bestimmt ist. Nur das Nachdenken über unsere eigenen Erfahrungen führt uns in die produktive Auseinandersetzung mit dem, was uns begegnet ist; nur wo wir nachdenken, sind wir moralische Wesen, die alles nach ihrem Maß beurteilen und deshalb das Vorgefundene vielleicht nicht einfach anspruchslos hinnehmen oder gar glorifizieren. Ohne Nachdenken funktionieren wir für andere. Wo wir gewohnheitsmäßig als Funktionär agieren und dies nicht mehr bemerken, ist unsere Persönlichkeit nicht mehr maßgebend; dann sind wir gewissermaßen unfähig, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, weil wir nicht erkennen, dass wir es verlassen haben.

Wir bemühen uns, jeder in seiner Biographie, mit gutem Grund gegen diese Tendenz unserer Mitgliedschaft in der Gesellschaft. Niemand will bewusst seine Moralität, die Skepsis seines Nachdenkens gegenüber dem Tun, abgeben, die ja zugleich seine Freiheit ist. Das klingt abstrakt, wird aber sofort konkret, wenn wir durchdenken, was es denn eigentlich hieße, »seine Moralität abzugeben«. Wir könnten dann anderen Menschen nicht mehr als Menschen begegnen, sondern nur noch als Funktionäre. Außer der sozialen Situation und ihrer Konformitätserwartung, die wir mehr oder minder meistern und erfüllen, existiert ohne Moralität nichts weiter zwischen mir und anderen Menschen. Nehmen wir noch einen weiteren Anlauf, um diese Einsicht zu schärfen: Was außer der sozialen Situation und ihrer Konformitätserwartung, was außer dem Funktionieren also, kann überhaupt zwischen Menschen existieren? Nun, das Leben: das Nachdenken über unsere Erfahrung, das Einweben der dabei gewonnenen Ergebnisse in das Selbstbewusstsein, die Ausrichtung unseres Strebens an dem, was wir für wertvoll erachten, und der Austausch mit anderen darüber.

In diesem Austausch verhandelt eine Gemeinschaft von Menschen ihre Identität, ihre gemeinsame Erzählung von sich und in diesem Sinne ihr kollektives Selbstverständnis. Wir bleiben im Ungefähren, wenn wir anderen etwas zu bedeuten versuchen. Und dieses Ungefähre, das wir einander sagen und auf das wir ungefähr erwidern, reicht jedoch aus, dass wir uns einer Welt zugehörig und im Netz unserer Sprache und Gesten zu Hause fühlen. Die Verunsicherung darüber, was unsere geteilte Identität bei allem Unterschied unserer Geschichten ist und was sie verlangt, ist das Anfangsmoment der Politik. Es ist da gegenwärtig, wo Menschen sich nachdenkend begegnen, einfach aufgrund unserer Verfassung als endliche Wesen mit einer bestimmten Position im kontinuierlichen Zusammenhang aller Dinge, die unsere Einsicht beschränkt.
Aus diesem Moment, aus dieser Kraft heraus können die Dinge besser werden, als sie sind; denn im Nachdenken gemeinsam mit anderen können wir die vorgefundenen sozialen Verhältnisse nicht einfach als Anordnung gegebener und legitimer Zwecke, als Zweckanstalt, akzeptieren. Wir erfahren in jedem Austausch sofort, dass wir nicht dasselbe sehen und begreifen, obwohl wir vom selben Gegenstand sprechen wollen. Kommunikation stammt aus dem Bedürfnis, gemeinsames Verstehen zu erreichen, abzusichern und es zu behüten, um darauf aufbauen zu können. Das Nachdenken gemeinsam
mit anderen bringt uns in Kontakt mit deren Erfahrung und ihrer Art, sie zu verarbeiten. Damit treten drei unberechenbare Elemente auf den Plan: die tatsächliche Erfahrung des Anderen, seine Verarbeitung dieser Erfahrung im Lichte dessen, was er bis hierher wusste oder zu wissen meinte, und schließlich der Grad meiner eigenen Aufnahmefähigkeit für das Gebotene.
Die soziale Ordnung, in deren Kontext wir sprechen und Rollen unterschiedlicher Macht innehaben, erlaubt dem jeweils Mächtigeren, dem Vorgesetzten, die Übergehung dieses Dissenses und die praktische Anordnung eines »Weiter-im-Text«. Dies tun wir dann, wenn wir einfach denken, nicht aber wenn wir entsprechend unserer Erfahrung nachdenken. Mit dem Machtwort des Vorgesetzten wird das gemeinsame Nachdenken verlassen. Denn dieses besteht gerade darin, den Dissens mit Erfahrung und Folgerungen des Anderen zu erfassen und bei ihm zu verweilen. Nur so können meine und die fremden Erfahrungen mit dem ins Widerspiel gebracht werden, was der Andere und ich als gemeinsame Geschichte aufzubringen vermögen.

Nur durch die bewusste Suspendierung des sozialen Rollen- und Machtgefüges für unsere Begegnung mit dem Anderen wird Austausch mit diesem Anderen zur Politik – zur Arbeit an einer gemeinsamen Identität, an der Identität einer Gemeinschaft. So wird die soziale Ordnung der Sprechenden für diese wieder zu dem, was sie unabhängig von ihnen immer ist – ein historisch erwachsener Lebensraum, in dem mein Selbst objektiv Bedeutung und Einfluss hat, weil es das Tun und Handeln von anderen und von mir selbst war, das diesen Lebensraum erschaffen hat. In diesem Tatbestand liegt die Notwendigkeit der neuzeitlichen Festlegung auf gleiche Rechte für alle in der Gesellschaft, die unsere Rechtsstaaten absichern sollen. So entsteht Handeln. Erst treten wir individuell aus dem einfachen Denken in erlernten Gehorsamsreflexen aus und hören damit auch auf, einfach etwas zu tun. Sozial beginnt das Handeln im nachdenklichen Austausch mit anderen: Wir verzichten auf die stillschweigend akzeptierte Eintracht mit den herrschenden Verhältnissen und beginnen Verständigung und Politik. Denn der Mensch, der einfach denkt und einfach tut, der also funktioniert, handelt nicht, sondern führt seinen jeweiligen Beitrag nach der herrschenden Ordnung aus, und er bleibt dabei, wie er eben geworden ist – so, wie er den Machthabern ungefährlich und nützlich ist.
Wurde er zu einem Karrieristen herangebildet, der im engsten Kreis materiell verstandener Eigeninteressen seine Beiträge leistet und seine Geisteskräfte auf die »Optimierung« seiner »Erfolgserlebnisse« verwendet, so wird er die Welt eben als solcher zugrunde richten. Er wird auch die Politik nicht suchen, d.h. die Verständigung mit anderen über ihre Erfahrung und die gemeinsame Schlussfolgerung eines öffentlichen Handelns. Stattdessen wird er betriebsam einsam sein und seine Gesellschaft wird einfach fortgeschrieben. Weder für sich selbst noch mit anderen vermag dieser Mensch etwas zu verändern; die herrschende Autorität wird so bedient, wie es in der Umgebung so üblich ist und als rational oder gar vernünftig gilt, es wird weiter exekutiert, und nichts kann anders werden, als es ist. Das ist verhängnisvolle Paralyse eines Wesens, das nicht nur zu denken, sondern nachzudenken vermag und das deshalb nicht nur Untertan seiner Prägungen und sozialen Situation ist, sondern durch sein Handeln auch ihr Gestalter. Auf diesen Pfad zur moralischen Abdankung wird der Mensch in so mancher Gesellschaft durch ihren in Grenzen notwendigen Konformitätsdruck gedrängt. Ihm ganz zu folgen, muss in jeder Gesellschaft individuell vermieden werden. Alles menschlich Bedeutsame und dem Routinebetrieb unserer Gesellschaft Hinderliche behauptet sich in diesem Ringen des Einzelnen, oder es geht mit dem Verlust der Moralität zu Ende – mit der Aufgabe der Skepsis unseres Nachdenkens gegen das Tun, mit dem Konformismus, der uns ums autonome Leben und dafür in Funktion bringt.

Quelle: FORUM WISSENSCHAFT UND GESELLSCHAFT (FWG)
1774-U2 / 16.08.20 Aus der Literatursammlung von E. Schmäing