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„Ich habe ein verwundetes und mutiges Volk getroffen“

Der vatikanische „Außenminister“, Erzbischof Paul Richard Gallagher, beendet an diesem Sonntag seinen Besuch in der Ukraine und kehrt nach Rom zurück. „Der Papst könnte eine sehr wichtige Rolle für eine Lösung dieses Konflikts spielen“, sagt er im Interview mit Radio Vatikan.

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21/05/2022

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Stefano Leszczynski – Korrespondent in Kiew

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Interview
Ihre Mission in der Ukraine endet heute, nach drei Tagen voller Begegnungen. Wie sehen aus Ihrer Sicht die Ergebnisse dieser Mission aus?

„Ich möchte mit einem Wort des Dankes beginnen – vor allem an Gott, der es mir ermöglicht hat, diesen Auftrag auszuführen. Alles lief sehr gut. Dann natürlich ein Wort des Dankes an alle, die diese Reise ermöglicht haben: die kirchlichen und zivilen Behörden Polens, die uns von Krakau bis zur ukrainischen Grenze begleitet haben; die Kirche hier in der Ukraine - die griechisch-katholische Kirche, die lateinische Kirche - und auch die Behörden, die uns in so vielerlei Hinsicht geholfen haben. Ein besonderer Dank gilt natürlich dem Apostolischen Nuntius, Monsignore Visvaldas Kulbokas, und seinen Mitarbeitern in Kiew, die uns beherbergt und uns in vielerlei Hinsicht geholfen haben. Auf diese Weise konnten wir sicher reisen, uns ein Bild von der Lage machen und die Menschen kennen lernen.

Ich bin sehr froh, dass die Mission auf dieser Ebene erfolgreich war. Ich denke, ich konnte die Aufmerksamkeit, die Sorge des Heiligen Vaters und des Heiligen Stuhls generell deutlich machen und einen Eindruck von der Realität bekommen: unter welchem Druck die Behörden angesichts des Krieges stehen, und dann die Kirche mit all ihren Sorgen. Ich habe bei den Behörden eine große Anerkennung für all die Arbeit gefunden, die die Kirche hier in der Ukraine während dieser Notlage geleistet hat: die humanitäre Arbeit und die geistliche Unterstützung, die den Menschen angeboten wurde. Und das ist sehr, sehr wichtig. Ich weiß, dass der Heilige Vater über diese Nachricht sehr froh sein wird.“

Gallagher an der Einschlagstelle einer russischen Grad-Rakete

„Wir dürfen das große Leid dieses ukrainischen Volkes in dieser Zeit nicht übersehen“
Sie hatten die Möglichkeit, das Land von Lemberg bis Kiew zu durchqueren. So viele Menschen, denen Sie begegnet sind, so viele Zeugnisse von Heldentum, aber auch so viele Leiden…

„Ja. Für uns, die wir normalerweise bequem in unseren eigenen Ländern leben, ist es unvorstellbar, sich diese Monate des Konflikts vorzustellen, das Leid, die Menschen, die in wenigen Minuten fliehen und alles zurücklassen mussten, die Menschen, die in der Angst leben, das Schicksal ihrer Angehörigen nicht zu kennen... Auch auf psychologischer Ebene haben wir im Benediktinerkloster hier in Lemberg Familien gesehen, die eindeutig traumatisiert sind, Kinder, die leiden und immer noch große Angst haben.

Wir haben sozusagen das Leiden dieses Volkes berührt. Und ich denke, das gilt für den Osten genauso wie für den Westen: Es ist etwas noch nie Dagewesenes, das niemand erwartet hat. Der Schock ist bei diesen Menschen sehr groß. Und auch der Blick in die Zukunft, die Unsicherheit, die Zweifel, der Versuch, mutig zu sein, die Kraft zu haben, weiterzumachen, und dann die Verantwortung, die jeder empfindet, andere zu ermutigen und - vielleicht - nicht einmal seine eigenen Gefühle zeigen zu können, manchmal. Dies ist wirklich ein verwundetes Volk, ein Volk, das gleichzeitig sehr mutig und sehr entschlossen ist: Wir dürfen das große Leid dieses ukrainischen Volkes in dieser Zeit nicht übersehen!“

In Kiew mit Großerzbischof Schewtschuk und Nuntius Kulbokas

„Für die Einheit des Landes und der Christen, für die Einheit mit anderen Religionen arbeiten“
Ein ukrainisches Volk, das eine große Vielfalt und einen großen Reichtum an Kulturen repräsentiert, was sich auch in der religiösen Vielfalt widerspiegelt. Wie wichtig ist der ökumenische Geist für den Wiederaufbau des Friedens in der künftigen Ukraine?

„Ich glaube, dass er wichtig ist, denn in einer Zeit wie dieser besteht in jedem Land … die Gefahr, dass Rivalitäten und Ressentiments gegeneinander entstehen. Es ist also unerlässlich, dass alle fest entschlossen bleiben, für die Einheit des Landes, des politischen Gebildes des Landes, für die Einheit der Christen, die Einheit der katholischen Kirche, die Einheit mit den anderen Religionen zu arbeiten, um die geistigen Ressourcen, die Gnade, die Gott in diesen Momenten gewährt, nutzen zu können und diese Dinge nicht in Schwierigkeiten, in Streitigkeiten zu vergeuden. Dies ist unerlässlich. Dies ist auch eine Gelegenheit, bei der einige Missverständnisse oder historische Schwierigkeiten auftauchen, aber sie können überwunden werden.

Sie hatten die Gelegenheit, mit der politischen Führung der Ukraine zu sprechen. Eine der großen Fragen lautet, wie ein Weg zum Dialog eröffnet werden kann, um eine friedliche Zukunft zu erreichen. Welche Spielräume konnten Sie in Ihren Gesprächen entdecken?

„Das erste, was mir auffiel: Die Tatsache, dass ich mit einigen Mitarbeitern für ein paar Tage hierher kam, wurde sehr geschätzt. Wir haben unser Versprechen an den Außenminister gehalten, zu kommen. Dann haben alle ihre Wertschätzung für die Worte des Papstes in den Audienzen, beim Angelus und in Interviews zum Ausdruck gebracht… Ich glaube, sie waren der Meinung, dass der Heilige Stuhl, der Heilige Vater selbst, weiterhin eine sehr wichtige Rolle in diesem Konflikt und seiner Lösung spielen könnte… Präsident Selenskij sagte, dass angesichts des andauernden Krieges letztlich die Diplomatie eine Lösung herbeiführen muss; die Konfliktparteien müssen sich an einen Tisch setzen, um zu verhandeln. Sie haben bereits einen Versuch unternommen - und das verdient Anerkennung -, aber diese Bemühungen müssen erneuert werden, um den Konflikt durch diplomatischen und politischen Dialog zu lösen.“

In Butscha

„In gewissem Sinne muss die Ukraine ein wenig wie Maria Magdalena in den Garten gehen, um dem auferstandenen Christus zu begegnen“
Exzellenz, der diplomatische und politische Dialog findet auf einer sehr hohen Ebene statt. Da ist aber auch noch die einfach menschliche Dimension… Wie kann diese menschliche Dimension in der Bevölkerung geweckt werden, um nach einem Ende des Konflikts einen Weg zur Wiedergutmachung zu finden?

„Diese Menschen haben Schreckliches erlebt und erleben es noch immer, wie sie uns hier berichten. Ich war sehr beeindruckt von dem Mut des orthodoxen Priesters, den wir in Butscha trafen und der von diesen schrecklichen Tagen erzählte, als überall Leichen lagen und er darum bat, dass sie begraben werden. Ja, man kann sehen, dass es am Ende vielleicht an einigen Orten heute etwas besser ist, aber die Wunden bleiben… Meiner Meinung nach können wir Menschen uns nicht selbst daraus befreien. Wenn wir wirklich in Not sind, haben wir das Bedürfnis nach einer Begegnung mit Christus, der unsere Wunden heilt. In gewissem Sinne muss die Ukraine ein wenig wie Maria Magdalena in den Garten gehen, um dem auferstandenen Christus zu begegnen. Nur das kann die Tränen dieses Volkes trocknen. Ich bin davon überzeugt, dass es bei diesen Menschen eine große menschliche Solidarität gibt, aber auch einen großen Glauben. Ich bin überzeugt, dass die Menschen durch die Vertiefung ihres Glaubens, unabhängig von ihren Traditionen - katholisch, orthodox, protestantisch, jüdisch und andere Religionen - zur Auferstehung kommen können, auch in dieser Osterzeit.“

„Es ist leider zu früh, um von Frieden und von Versöhnung zu sprechen“
Noch eine Bemerkung zu den Erwartungen, die der Rest der Welt an die Ukraine stellt. Es wurde große Dankbarkeit für das europäische Engagement für das ukrainische Volk zum Ausdruck gebracht. Aber auch die Aufmerksamkeit hat ein wenig nachgelassen, vielleicht auch der Umfang der Hilfe, die das Land erreicht. Was kann konkret getan werden, um dem ukrainischen Volk zu helfen? Was würden Sie vorschlagen?

„Eine gewisse Schwierigkeit bei der Übermittlung von Hilfsgütern jeglicher Art ist natürlich; wir haben sie an vielen Orten der Welt erlebt. Es ist schwierig, Interesse, Sympathie und Solidarität über einen langen Zeitraum aufrechtzuerhalten; das passiert überall. Meines Erachtens sollte man sich jetzt um Kontakte mit den Behörden, der Zivilgesellschaft und den Kirchen bemühen, um herauszufinden, was sie wirklich brauchen - es gibt sie bereits, aber wir müssen sie intensivieren. Was mir bei meinen Gesprächen mit dem Außenminister, dem Sekretär der Präsidentschaft und dem Premierminister besonders auffiel, war, dass sie alle immer wieder sagten: ‚Lassen Sie uns in Kontakt bleiben‘. Die Welt, Europa, hat sich gegenüber der Ukraine sehr großzügig gezeigt; wir haben viele Zeugnisse der Dankbarkeit gegenüber Polen und der katholischen Kirche in Polen gehört, aber auch ein Gefühl der Einsamkeit angesichts der großen Herausforderungen des Augenblicks. Deshalb glaube ich, dass sich die internationale Gemeinschaft auf allen Ebenen in dieser Zeit um die Ukraine scharen muss.“

Manchmal hat man das Gefühl, dass sich die Debatte über den Krieg in der Ukraine im Westen oft in eine Polemik über die Entsendung von Rüstungsgütern oder sonstige Unterstützung auflöst. Wird Ihrer Meinung nach die Konfliktsituation richtig eingeschätzt?

„Es scheint mir sehr klar zu sein, dass es leider zu früh ist, um von Frieden und von Versöhnung zu sprechen. Viele haben uns gesagt, dass sie das Thema verstehen, dass sie verstehen, dass dies zutiefst menschliche und christliche Werte sind, aber leider haben die Menschen in diesen Monaten so sehr gelitten. Es ist noch zu früh. Die Ukraine muss sich verteidigen, und dazu braucht sie Hilfe, auch militärische Hilfe. Wir haben immer darauf bestanden, dass es eine gewisse Verhältnismäßigkeit geben muss, denn ein neues Wettrüsten in Europa, in der Welt, ist nicht angebracht. Wie ich bereits sagte, muss die Ukraine in alle Initiativen für den Frieden in diesem Land einbezogen werden.“

(vatican news – sk)