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Kirche und Todesstrafe

CollarUri
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Aus einer Debatte von neulich (Eigener Pressesprecher fällt Bischof Huonder in den Rücken) ergibt sich die Frage nach der kirchlichen Lehre von der Todesstrafe, einigen Fragen sei hier kurz nachgegan…More
Aus einer Debatte von neulich (Eigener Pressesprecher fällt Bischof Huonder in den Rücken)
ergibt sich die Frage nach der kirchlichen Lehre von der Todesstrafe, einigen Fragen sei hier kurz nachgegangen, mit freundlicher Einladung zur Diskussion.

1. Liegt bezüglich der weitgehenden Ablehnung der Todesstrafe, wie sie heute in kirchlichen Kreisen üblich ist, ein Traditionsbruch vor?
2. Wenn nein, wie ist die Lehre zusammenzufassen?
3. Welche Spielräume bleiben offen?

Zunächst zu 1. Liegt ein Traditionsbruch vor? Nein. Warum nicht? Oder etwas genauer und besser: inwiefern nicht?
1. a) Wie lautet die Lehre der Tradition? Der hl. Augustinus überlässt die Entscheidung dem Staat. Der wichtigste zu Konsultierende ist stets Thomas von Aquin, auch er hält das Gemeinwesen für kompetent, ohne dieses inhaltlich einzuschränken, sondern belässt es dabei, dass das V. Gebot hier eine Ausnahme hat, falls der Staat wenigstens die nötige Sorgfalt aufwendet. Hingegen postuliert er seinerseits gewisse Fälle, in denen die Todesstrafe erfolgen solle: Bei Mord (der Mörder habe seine Menschenwürde aufgegeben) und bei schwerer Häresie.
b) Wie lautet die heutige Lehre? Aufgrund der weitgehend veränderten Staatslehre (Dignitatis humanae) ist der zweitgenannte Tatbestand, nämlich der der Häresie, grossteils hinfällig geworden, allerdings nicht in jedem einzelnen Fall. Da die Kirche Religionsfreiheit fordert, ergibt sich, dass der Staat niemanden bestrafen darf, der von einer Religion öffentlich abweicht, also auch nicht den Häretiker. Voraussetzung ist, dass "die gerechte öffentliche Ordnung" (Dignitatis humanae) gewahrt bleibt. Es ist also theoretisch denkbar, dass jemand die gerechte öffentliche Ordnung durch seine Häresie dermassen einschränkt, dass der Staat dann doch wieder die Todesstrafe verhängen müsse. Mir ist aus der Praxis nichts Solches bekannt, aber man kann theoretisch schon über solche Fälle spekulieren. Z. B. Was passiert, wenn ein Gericht der Meinung ist, das Verhalten irgend eines Spinners untergrabe die gesamten Sitten des Staates? Das könnte immerhin sein, wenn einer den Massenselbstmord mit einem gewissen Erfolg propagiert. Aber es kann schon etwas praxisnäher auch vorkommen, wenn einer öffentlich homosexuell ist. Natürlich wären in unseren Breitengraden sowohl die staatlichen Gerichte als auch kirchliche Kreise weitestgehend dagegen. Aber wer sagt mir, wie das in 10 Jahren ist? Und die kirchliche Lehre sollte auch mal 10 Jährchen überdauern.

zu 2. Da immerhin theoretisch die Tradition ungebrochen ist (mit der Einschränkung, dass die Staatslehre sich innerhalb von 100 Jahren schon recht weit gedreht hat und neue Akzente gesetzt werden), müssen wir a) fragen, ob die Kirche evtl. der Menschlichkeit nur ungenügend entgegenkommt - hat etwa Johannes-Paul II. nur halbherzig die generelle Abschaffung der Todesstrafe gefordert? Die Enzyklika "Evangelium Vitae" hat immerhin darauf bestanden, der Staat solle die Strafe nur anwenden, wenn er keine kleineren Mittel hat, um einen Verbrecher von Unschuldigen fernzuhalten. b) Es gilt im übrigen die Lehre des Katechismus, wonach die Todesstrafe nicht generell unzulässig ist, wegen dem soeben Gesagten dürfte sich dies aber auf wenige Fälle beschränken, etwa wenn ein Staat die Mittel nicht mehr aufbringt, um für die vielen Massenmörder noch sichere Gefängnisse zu bauen, oder in Kriegszeiten.

3. Gewisse Spielräume scheinen zu bleiben. Die Ausnahmen vom V. Gebot werden in unseren verfressenen, satten und bis vor kurzer Zeit sicheren westlichen Staaten immer weniger. a) Wenn aber die Stimmung kehren sollte (und einiges deutet darauf hin), was wird die Kirche in Zukunft als zulässig betrachten? Zulässig könnte mit einer gewissen Schnelligkeit nicht nur die Todesstrafe bei Mord werden, sondern auch bei weiteren Vergehen, die im Alten Testament mit Todesstrafe belegt sind, weil die Kirche dazu neigt, eben zu glauben, was die Heilige Schrift sagt. Aber wird die Kirche dazu zurückkehren, auch Hexenverbrennungen durch die staatliche "Ordnung" (oder Unordnung) wieder zuzulassen? Wohl eher nicht - hoffen wir. Von der kirchlichen Lehre her ist dazu aber nicht allzu viel gesagt. Ein recht deutlicher Trost sind am ehesten das Eintreten Johannes-Pauls II. bei der UNO zur Abschaffung der Todesstrafe sowie seine Aussage "Die Verhängung der Todesstrafe muss enden, da sie nur unnötig und grausam ist".

b) Und besonders: Wo wird die kirchliche Lehre weiterhin Grenzen setzen? Angenommen, die Kirche habe die Lehre des polnischen Jahrhundertpapstes tatsächlich als ganze adaptiert, sodass z. B. die Aussage des Hl. Thomas, dass Mord mit dem Tode zu bestrafen sei, sehr stark relativiert ist, nämlich dahingehend, dass dies nur dann der Fall zu sein hat, wenn die Gesellschaft nicht anders vor dem Mörder bewahrt bleibt. Gibt es dann noch Fälle der legitimen Todesstrafe? Extremer Staatsnotstand? Und wie steht es mit der Zeit des Alten Testaments? War damals die Todesstrafe üblich, warum soll sie es heute nicht sein? Glauben wir etwa nicht mehr an die Inspiration der Bibel? Immerhin, liebe Lesende, gibt es hier eine gewichtige Einrede: Auch dem König Saul wurde etwas geboten. Ihm wurde geboten, Rinder zu töten, er aber tötete nicht alle und verwirkte so sein Königtum, aus Ungehorsam. Sind wir nun alle Gott gegenüber ungehorsam, wenn wir keine Rinder töten? Sicher nicht. Und ebenso kann es doch theoretisch auch mit der Todesstrafe sein: Damals war sie geboten, heute ist sie es nicht mehr zwingend, besonders nachdem Jesus ihr ja auch wenigstens in einem Fall entgegengetreten ist (Joh 8, Ehebrecherin).

Nachbemerkung. Der Autor ist aus einem praktischen Grund Gegner der Todesstrafe, denn er ist der Überzeugung, dass das Drohen einer solchen Strafe zu Justizirrtümern führt; fast jeder Mörder wird bei einem solchen Gesetz erpicht darauf sein, die Tat einem Unschuldigen in die Schuhe zu schieben, das ist durch Statistiken belegbar. Aber ebenso praktisch wie zu diesem Argument könnte man auch zum Argument greifen, dass man vor eingesperrten Mördern nicht völlig sicher ist.
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CSc
@CollarUri

Eine gute Zusammenfassung der kirchlichen Haltung zur Todesstrafe bietet vielleicht folgender Ausschnitt aus dem Bekenntnis, welches zur Kirche zurückkehrende Waldenser im 13. Jahrhundert ablegen mussten:

"Was die weltliche Gewalt betrifft, so erklären wir, daß sie ohne Todsünde ein Bluturteil vollstrecken kann, solange sie zum Vollzug der Strafe nicht aufgrund von Haß, sondern …More
@CollarUri

Eine gute Zusammenfassung der kirchlichen Haltung zur Todesstrafe bietet vielleicht folgender Ausschnitt aus dem Bekenntnis, welches zur Kirche zurückkehrende Waldenser im 13. Jahrhundert ablegen mussten:

"Was die weltliche Gewalt betrifft, so erklären wir, daß sie ohne Todsünde ein Bluturteil vollstrecken kann, solange sie zum Vollzug der Strafe nicht aufgrund von Haß, sondern aufgrund eines richterlichen Urteils, nicht unvorsichtig, sondern überlegt schreitet." (DH 795)
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CollarUri
(Bild dankbar entnommen von www.swen.ch/…/todesstrafe.html)