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Elista
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„Wir müssen mal schnell ein Bambi retten!“

„Die ‚Barbarei des Schredderns‘ von Küken darf gezeigt, kritisiert und kriminalisiert werden, nicht aber die andere, die des ‚Schredderns‘ von ungeborenen Babys. Wie irrational!“ Gastbeitrag von Weihbischof Thomas Maria Renz

Stuttgart (kath.net/pl) Dieser Radioaufruf ließ mich vor kurzem während einer Autofahrt aufhorchen. Auf irgendeinem Autobahnabschnitt war ein Reh unterwegs und deshalb bat der Moderator die Autofahrer, in diesem Bereich besonders vorsichtig zu fahren. Vorgestern geriet ich in Rottenburg in der Nähe des Neckars in einen Stau, weil unmittelbar vor mir drei junge, noch grau gefiederte Schwäne, unbeeindruckt von den Menschen um sie herum, ganz gemächlich die Straße überqueren wollten. Und alle Autofahrer übten sich ganz selbstverständlich in Geduld. Es ist höchst erstaunlich, wie aufmerksam und vorsichtig Menschen auf der Straße werden, sobald sich Tiere auf ihr bewegen. Je kleiner, schutzloser und verletzlicher sie sind, umso empfindsamer und achtsamer reagieren die Menschen auf sie: bei Krötenwanderungen, Entenfamilien, Hunden und Rehen werden selbst aus rücksichtslosen Straßenrowdies handzahme Fahrzeugführer.
Der Anblick von Schwachen in Gefahr weckt den Beschützerinstinkt vieler und je kleiner die bedrohten Tiere sind, um so größer ist der Mitleidseffekt. Im Jahr 2020 wurden in Deutschland mehr als 40 Millionen männliche Küken geschreddert oder vergast, weil sie wirtschaftlich unrentabel sind. Dies war seit langem nicht nur Tierschützern ein Dorn im Auge. 2019 entschied daher das Bundesverwaltungsgericht, dass Tierschutzbelange schwerer wiegen als wirtschaftliche Interessen und erklärte die „Barbarei des Schredderns“ (F.A.Z.) nur noch für eine Übergangszeit für zulässig; geht es nach der Bundeslandwirtschaftsministerin, soll 2022 nun endgültig Schluss damit sein.
Völlig verrückt und irrational aber ist, dass Fotos von geschredderten oder vergasten Küken ohne weiteres publiziert werden dürfen, nicht aber Fotos von geschredderten oder zerstückelten menschlichen Embryonen nach einer Abtreibung per Absaugung. Während das eine bewusst eine abschreckende Wirkung erzielen soll, widerspricht das andere der gängigen political correctness und ist absolut verpönt, obwohl beide Fotos nichts anderes zeigen als die nackte, ungeschönte Realität. Die eine Realität darf gezeigt werden, die andere nicht, obwohl es sich beide Male um hilflose, kleinste, wehrlose Geschöpfe handelt. Die eine „Barbarei des Schredderns“ darf gezeigt, kritisiert und kriminalisiert werden, nicht aber die andere. Und noch verrückter und irrationaler ist für mich, dass ein Großteil der Bevölkerung offensichtlich bereit ist, diese Schizophrenie zu akzeptieren.

Hier entfaltet die jahrzehntelange ideologische Indoktrination, dass Abtreibung allein Frauensache sei und sich die Entscheidung darüber dem Selbstbestimmungsrecht der Frau unterzuordnen habe, ihre volle Wirkung. Dass das Selbstbestimmungsrecht des einen Menschen spätestens am Existenzrecht des anderen endet, scheint heute in unserer Gesellschaft nicht mehr ohne weiteres mehrheitsfähig zu sein. Eine solche menschenverachtende Ideologie, nach der selbst das EU-Parlament neuerdings mehrheitlich „Abtreibungen als Menschenrecht“ einstuft, spiegelt sich leider auch in den meisten Parteiprogrammen der vermutlich im nächsten Bundestag vertretenen Parteien wider.
Während SPD, FDP, die GRÜNEN und die LINKE mehr oder weniger ungeniert die Abschaffung der §§ 218 und 219 StGB fordern und Abtreibungen bis zur Geburt zu einer ganz normalen medizinischen Grundversorgung wie eine Blinddarmentfernung machen und damit entkriminalisieren wollen („die nötige fachliche Ausbildung dafür muss zum Teil des Medizinstudiums werden“), schweigt sich das Wahlprogramm der CDU/CSU zu diesem wichtigen Thema einfach aus. Allein die AfD spricht in ihrem Wahlprogramm von einer „Willkommenskultur für Kinder“ und davon, dass „ungeborene Kinder ein Recht auf Leben“ haben. Zumindest in diesem Punkt scheint die AfD die bisherige Position der Unionsparteien übernommen zu haben, die dieser in ihrem Wahlprogramm auf 139 Seiten keine einzige Zeile mehr wert ist. Ausgerechnet die CDU/CSU, deren Vertreterinnen und Vertreter nicht müde werden zu betonen, dass das „C“ für sie kein Feigenblatt sei, sondern nach wie vor wichtiges Leitmotiv ihres politischen Handelns, erwähnt dieses traditionell christliche Thema in ihrem Wahlprogramm mit keinem Sterbenswörtchen mehr.
Für Ungeborene steht also nach der Bundestagswahl – je nachdem, welche Koalitionen und Regierungsbündnisse sich dann ergeben – das Schlimmste zu befürchten. Wer aber könnte es guten Gewissens als Fortschritt an Menschlichkeit, an Humanität bezeichnen, wenn der Mutterleib der unsicherste und gefährlichste Ort für die Schwächsten und Schutzbedürftigsten unserer eigenen Species wird? Von Anfang an gehört die strikte Ablehnung der vorgeburtlichen Kindstötung zur christlichen DNA und ist daher nicht verhandelbar. Schon in der Didache (Zwölfapostellehre), einem der ersten schriftlichen Zeugnisse über das Leben der Christen aus dem 1. Jahrhundert, heißt es: „Du sollst nicht das Kind durch Abtreiben umbringen und das Neugeborene nicht töten“.
Dieses bedingungslose Ja zum Lebensrecht eines jeden Menschen, auch des behinderten und kranken, ist für Christen seit 2000 Jahren unbestritten. Weil es aber heute selbst innerhalb von Kirchen, die sich auf Jesus Christus berufen, nicht mehr selbstverständlich ist und gleichzeitig für Parteien, die immer noch das „C“ in ihrem Namen tragen, inzwischen verzichtbar erscheint, braucht es wenigstens ein Mal im Jahr ein starkes Bekenntnis zum Lebensrecht der Ungeborenen in der Öffentlichkeit. Wer sich die Zeit nehmen kann, wer den Mut aufbringt und wer etwas Wegweisendes für eine Kultur des Lebens tun möchte, hat am kommenden Samstag in Berlin die Gelegenheit dazu. Beim „Marsch für das Leben“ können Christgläubige mit ihren Füßen abstimmen, wofür sie stehen, und damit gerade vor der Bundestagswahl ein wichtiges Signal geben für einen unbedingten Lebensschutz der Allerschwächsten, der zur Schicksalsfrage einer wirklich humanen Gesellschaft zu werden scheint.
Eine andere Möglichkeit, dem zum Himmel schreienden Unrecht der hunderttausendfachen Kindstötung im Mutterleib nicht einfach stillschweigend zuzustimmen, ist die Petition „Keine Abtreibung bis zur Geburt“ an den nächsten Deutschen Bundestag, der sich aktuell erst 35.000 Menschen angeschlossen haben (1000plus.net). In einem Land mit 83 Millionen Menschen sollten sich doch wenigstens 100.000 finden und motivieren lassen, die eine solche Petition mittragen: wenigstens ein Erwachsener pro abgetriebenes Kind pro Jahr in unserem Land! Es wird Zeit, dass Christen Flagge zeigen dafür, dass der Schutz des menschlichen Lebens nicht zur Disposition stehen darf und das Recht auf Leben jedem Menschen in jeder seiner Lebensphasen zusteht. In einer aufgeklärten Welt muss endlich mit dem Ammenmärchen aufgeräumt werden, bei einer Abtreibung handle es sich nicht um menschliches Leben, sondern lediglich um „Schwangerschaftsgewebe“ oder einen „Zellhaufen“, der mal eben kurz entfernt wird. Warum sollte bei Menschen nicht möglich sein, was bei Tieren ganz selbstverständlich ist: dass der Anblick von Schwächsten in Gefahr den Beschützerinstinkt vieler weckt und der Mitleidseffekt um so größer ist, je kleiner die bedrohten Lebewesen sind?
Weihbischof Thomas Maria Renz
Diözese Rottenburg-Stuttgart
Archivfoto Weihbischof Renz (c) Diözese Rottenburg-Stuttgart

kath.net/news/76271
Bibiana
Ganz traurig, nur Mitleid mit Tieren zu haben aber nicht mit Babies im Mutterleib, die abgetrieben werden.

Allerdings muss die Gesellschaft Müttern aber auch MEHR beistehen, fängt schon damit an, dass Mutterarbeit weder bezahlt noch verrentet wird. Alles nur voll selbstverständlich - gilt dermaßen für alle anderen Arbeiten aber nicht.
frajo
Es gibt sie doch noch - katholische Bischöfe in Deutschland (und Österreich)!
kyriake
Auch wenn man sie mit der Lupe suchen muss!
Elista
Weihbischof Thomas Maria Renz habe ich schon bei vielen Firmungen und anschließenden Empfängen erlebt - sehr beeindruckend. Ich mag ihn sehr.