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Heilung eines Trinkers von Leberzirrhose mit Bauch- und Hautwassersucht auf die Fürbitte der sel. Clelia Barbieri

Die sel. Clelia Barbieri, eine Bologneserin, geboren 13. 2. 1847, gestorben 13. 7. 1870, ist die Gründerin der „Kleinsten Schwestern der Schmerzensmutter“.

Für die Seligsprechung, die im Herbst 1968 erfolgte, ist die folgende plötzliche und vollständige Heilung eines Trinkers aus dem Präkoma anerkannt worden, d. h. aus demjenigen Zustand, welcher dem der tiefsten Bewußtlosigkeit (Koma), in der diese Leberkranken sterben, vorausgeht. Die Heilung geschah am 16. 12. 1954. Der kirchliche Prozeß über diese Heilung ist bei der Erzbischöflichen Kurie von Bologna vom 30. 6. bis 10. 12. 1956 geführt worden. Der Fall wird übersetzt aus der Informatio super primum miraculum (Positio super miraculis, Romae 1967, S. 3–22). Der Text mußte bei der Übersetzung gekürzt werden. Was in eckigen Klammern steht, sind Zusätze, Überleitungen und Zusammenfassungen des Übersetzers.


Der Geheilte ist Herr A. B.[1], geboren am 31. 5. 1905, verheiratet, vier Kinder, Schuhmacher, wohnhaft in S. Giovanni in Persiceto [Provinz Bologna], zur Zeit der Heilung 49 Jahre alt. Nach einer leichten Geburt von der Mutter ernährt, entwickelte er sich psychisch und physisch normal. Von 1925 bis 1926 Soldat. Mit 25 Jahren verheiratet. Keine nennenswerten Krankheiten in der Vorgeschichte, auch nicht beim Vater, der an Krebs der Mundhöhle mit 75 Jahren starb, und der Mutter, die mit 84 Jahren nach elf Geburten noch lebte.

Vernommen wurden sämtliche behandelnden Ärzte: Dr. Vincenzo Vecchi und Prof. Dr. Vincenzo Busacchi, Chefarzt des Krankenhauses von S. Giovanni in Persiceto, die Assistenzärztin Dr. Luciana Catena Galuppi und Dr. Elio Francesco Dante Lodini vom Laboratorium desselben Krankenhauses, und auch der Krankenpfleger Mariano Bencivenni.

Auch die Zeugen, die medizinische Laien sind, haben genaue übereinstimmende und gut belegte Aussagen gemacht, insbesondere der Geheilte, seine Gattin Angela, seine Schwester Emma, die Priester, die ihn in der Krankheit betreuten, nämlich Pfarrer Erzpriester Msgr. Guido Franzoni, sein Kaplan Novello Pederzini, die Schwester Teresa Mattioli von den Kleinsten Schwestern der Schmerzensmutter, die riet, zur Fürbitte der ehrw. Barbieri Zuflucht zu nehmen. Die beiden Sachverständigen, welche die Heilung zu beurteilen hatten, sind Prof. Giulio Sotgiu, Leiter der Universitätsklinik Bologna für innere Krankheiten, und Prof. Carlo Cacciari, Professor für Pathologie und Assistent der Universitätsklinik. [Die Untersuchungen fanden in der Universitätsklinik statt vom 9. bis 18. 7. 1956.]

Der Geheilte war ein starker Esser und sehr starker Trinker. Zwischen 1944 und 1953 trank der Patient durchschnittlich etwa vier bis fünf Liter Wein pro Tag[2]. B. berichtet, er habe sich bis 1946 wohl gefühlt. In diesem Jahr fing er an über Schwäche, mäßige Atemnot bei Anstrengung und Druck in der rechten Oberbauchgegend zu klagen. Diese Erscheinungen verschärften sich fortschreitend. 1948 kamen schmerzhafte Krisen in der Herzgegend auf mit dem Gefühl von Beklemmung hinter dem Brustbein und Atemnot. Diese Anfälle erfolgten immer häufiger. In demselben Jahr fing B. an, Schmerzen in der Magengrube zu verspüren, mit Brechreiz, manchmal mit Druck im rechten Oberbauch und Erbrechen. Er ließ sich nicht behandeln. Im Jahre 1950 kamen zu dem Erbrechen, besonders morgens bei nüchternem Magen, Appetitlosigkeit und Widerwille gegen Schweinefleisch. In der gleichen Zeit stellte der Patient eine Vergrößerung des Bauches fest. Am 21. 11. 1950 sehr starke Herzschmerzen, Atemnot, Unfähigkeit, sich auf den Füßen zu halten, Erbrechen von Galle. Dr. Vecchi läßt ihn eilends ins Krankenhaus von S. Giovanni in Persiceto bringen. Die Diagnose bei der Entlassung am 31. 12. 1950 lautete: Leberentzündung [Hepatitis]mit wahrscheinlicher Eiteransammlung in der Gallenblase, Vergrößerung des Lebergewebes bei Verdacht auf Aszites [Bauchwassersucht]. [Eine Punktion holte keine Flüssigkeit aus der Bauchhöhle. Einige Zeit nach dem Krankenhausaufenthalt, der sehr gut getan hatte, nahm A. B. das Trinken wieder auf, und die Leberzirrhose nahm ihren Verlauf. Die Leber, durch Alkoholismus vergiftet, wurde kleiner, hart, die Zellen, in welchen sich die eigentlichen Leberfunktionen abspielen, vergingen unter dem wuchernden Bindegewebe, der Blutkreislauf in der Leber wurde dadurch weithin verunmöglicht, darum Ausbildung eines Ersatzkreislaufes auf den venösen Seitenbahnen, erkennbar an den dick geschwollenen, unter der Bauchhaut verlaufenden Venen. Das Herz wird mit den Blutstauungen nicht mehr fertig, die Blutflüssigkeit tritt aus in die Bauchhöhle und in die Unterhautzellgewebe. Das Versagen der Leberfunktionen führt zu hochgradiger Abmagerung und zu Änderungen im Blute und den Aderwänden, so daß die Bildung von Hungerödemen und Bauchwasser sich beschleunigt. Das Aussehen der Haut wird fahl, graugelblich. Die Zirrhose kann im Anfang durch Diät und Medikamente zum Stillstand gebracht werden. Wenn aber die Leberzellen so weitgehend zerstört sind, daß die Leber ihre lebenswichtigen Funktionen nicht mehr erfüllt und die Reserven des Körpers aufgezehrt sind, dann tritt, auch ohne die gewöhnlichen Komplikationen, z. B. Versagen des Herzens durch das Bauchwasser, der Tod ein. Die Störungen des Stoffwechsels im Gehirn führen zu Bewußtseinsstörungen, zu Somnolenz (= stärkerer Grad von Benommenheit), zu Sopor, aus dem die Kranken nur durch starke Reize zum Bewußtsein geweckt werden können, und dann zum Koma, aus dem äußere Reize den Kranken nicht mehr zu wecken vermögen und in dem der Tod eintritt. Unter Präkoma versteht man die dem eigentlichen Koma vorausgehenden Bewußtseinsstörungen. In der Diagnose: Leberzirrhose mit Aszites stimmen überein die behandelnden Ärzte, die beiden Sachverständigen der Universität Bologna, die beiden Sachverständigen der Ritenkongregation, die den Geheilten nach elf Jahren untersucht haben, und die neun Professoren der Consulta Medica bei der Ritenkongregation. – Im März 1954 wurde ein neuer Krankenhausaufenthalt notwendig.]

Dr. Vecchi erklärte: Im März 1954 entwickelte sich eine starke Aszites mit Ödemen an den unteren Gliedmaßen und den äußeren Genitalien mit mechanischen Blutkreisstörungen als Folge. Ich ließ ihn ins Hospital aufnehmen. Der Patient war damals in unheilvoller körperlicher Verfassung: unterernährt[3] und bei der Aufnahme ins Krankenhaus zyanotisch [blaurot] wegen Atemnot. – Der Chefarzt des Krankenhauses, Prof. Vincenzo Busacchi, beschreibt den Zustand des Patienten in folgender Weise: Bei diesem zweiten Aufenthalt sprang besonders die enorme Vergrößerung des Bauches in die Augen, durch das Vorhandensein von Flüssigkeiten in der Bauchhöhle, und die Ödeme an den unteren Gliedmaßen. Die bloße Ruhe im Bett, Diät und die angewandten Heilmittel ließen die Ödeme verschwinden, während die Aszites bestehen blieb. Es bestand auch ein venöser kollateraler Zirkel [Ersatzkreislauf auf den venösen Seitenbahnen im Pfortadersystem], der sichtbarer auf den oberen Quadranten des Bauches war, spärlich auf den unteren. Zwei Bauchpunktionen erwiesen sich als notwendig, sie ergaben 12 und 7,5 Liter, die Flüssigkeit bildete sich schnell nach. Es handelte sich um ein Transsudat [d. h. die Flüssigkeit ist nicht verursacht durch entzündliche Vorgänge wie gewöhnlich bei Bauchfellerkrankungen]. – –

[A. B. war im Krankenhaus vom 27. 3. bis 25. 4. 1954. Bei der Entlassung fühlte er sich erleichtert, aber doch so erschöpft, daß er arbeitsunfähig war. Was das Essen angeht, so hielt er Diät ein, aber er trank weiter, wenn er auch nicht mehr viel vertrug. Er ließ sich nicht ärztlich behandeln, sondern nahm nur Litrison-Tabletten. Als sich Ende Mai die Nabelnarbe stark vorgewölbt hatte, suchte er den Arzt auf. Im Sommer stand er noch etwas auf, ging auf die Straße, sein Bauch war so enorm geworden, daß die Leute ihn bemitleideten und seinem Anblick flohen. Anfang Oktober konnte er nicht mehr aufstehen. Der Arzt mußte kommen. Es wurden am 13. 10. 20 Liter, am 10. 11. 22 Liter und am 16. 12. 16 Liter Flüssigkeit abgezapft. Diese Mengen sind sehr hoch (in einem Eimer trägt man gewöhnlich 10 Liter).]

Dr. Vecchi: Ich war fest überzeugt, daß alle Hilfe nur noch dazu dienen konnte, dem Patienten seine Leiden bis zum Sterben zu erleichtern. Die letzte Punktion wurde von mir auf Drängen der Familie vorgenommen, als der Kranke in Bewußtlosigkeit dalag, etwas mit Luftnot ringend, und sein Ende für die allernächste Zeit zu erwarten war, so daß man denken konnte, er würde Weihnachten nicht mehr erleben. – – Ich sah ihn im Sopor, einem Zustand, den man bei diesem Krankheitstyp auch als Präagonie betrachten kann. Der Tod war nach meiner Überzeugung in Kürze zu erwarten, so daß die Angehörigen benachrichtigt wurden. – – Daß es für A. B. keine Hoffnung mehr gab, ist außer Zweifel. Die letzte Punktion vom 16. 12. 1954 wurde von mir in seiner Wohnung vorgenommen zu dem einzigen Zweck, dem Patienten, der sich in einem Zustand von Präagonie befand, die Schmerzen an seinen letzten Lebenstagen möglichst zu erleichtern. – –

Der Geheilte: Durch den Krankenpfleger Mario Bencivenni ließ ich den Arzt rufen. Dieser, wie ich später von dem Krankenpfleger erfuhr, hatte nicht kommen wollen und gesagt: „Das Schicksal von A. B. ist ja doch besiegelt.“ Auf Drängen von Bencivenni kam er um 19.15 Uhr am 16. Dezember. Mit Hilfe des Krankenpflegers nahm er die Punktion vor und holte 16 Liter Flüssigkeit heraus.

Die Schwester Teresa Mattioli: In der letzten Zeit der Krankheit war auch eine Verwandte von B. schwer an Krebs erkrankt. Dr. Vecchi [der diese ebenfalls behandelte] versicherte, A. B. würde noch vor ihr sterben. Diese jedoch starb vor Jahresende 1954. – –

[Am 11. November besuchte diese Schwester mit Schwester Clementina vom Mutterhaus der „Kleinsten Schwestern von der Schmerzensmutter“ in Persico den Kranken und forderte ihn auf, zu Mutter Clelia Barbieri um ihre Fürbitte zu beten. A. B. ging sofort darauf ein. Da er sich zu schwach fühlte, mußte er sich die Gebete von seiner Tochter vorbeten lassen. Die ganze Familie betete eifrig mit, ebenso die Nachbarn, das Mutterhaus und die Waisenkinder.]

Der Geheilte: Am Spätnachmittag des 16. Dezember schlief ich gegen 17 Uhr ein, was ich seit langer Zeit nicht getan hatte. Am Morgen des 17. fühlte ich mich ganz wohl, und ich drückte meiner Schwester meinen Willen aus, aufzustehen. Ich stand vom Bett auf, aber meine Schwester und meine Frau, die hinzu eilten, zwangen mich, wieder ins Bett zu gehen. Ich verbrachte heiter diesen Tag, aß leicht, wie es mir der Arzt tags zuvor angeordnet hatte, und fühlte mich viel besser. Am 18. stand ich trotz des Widerspruchs meiner Angehörigen auf und verließ das Haus. Ich ging zum Friseur und blieb dort etwa eine Stunde. Ich kehrte nach Hause zurück. Am Nachmittag ging ich wieder aus und spazierte bis gegen 15 Uhr vor dem Hause ein wenig auf und ab. Ich fühlte mich weiter wohl, und Heiligabend ging ich gegen 22 Uhr in die Kirche zur Beichte. Weihnachten kommunizierte ich in der 7-Uhr-Messe, und zu Mittag aß ich sogar Tortellini [ein sehr schweres Gericht mit Schweinefleisch]. Es ging mir weiter gut. Vom 16. Dezember an stellte ich keine Aufgedunsenheit des Bauches mehr fest, die Beine und Hände waren abgeschwollen, die Hautfarbe wurde normal, meine Kräfte kehrten allmählich zurück, ebenso der Appetit. Nach dem Essen spürte ich keinen Druck mehr am Mageneingang. Der ganze Ort verfolgte staunend meine unerwartete Heilung.

[Der Geheilte dachte nicht daran, sich ärztlich untersuchen zu lassen. Drei oder vier Tage vor Weihnachten traf ihn Dr. Vecchi zu seinem Erstaunen auf der Straße, der Krankenpfleger Bencivenni stellte die Heilung einige Tage nach dem 16. Dezember fest. Professor Busacchi hatte von der Heilung gehört.] Er bezeugte: Mir scheint, im März oder April 1955 ließ ich B. in die Ambulanz kommen. Ich untersuchte ihn. Sein Aussehen war blühend. Was mich am meisten erstaunte, war das vollständige Verschwundensein von Ödemen an den unteren Gliedmaßen, das Venennetz war nicht mehr sichtbar, die Nabelnarbe nach innen gezogen, keinerlei Anzeichen von Flüssigkeit an den Seiten des Bauches; keine Stelle des Bauches tat weh oder schmerzte bei oberflächlicher oder tiefer Palpation. Die Leber vermochte ich nicht durch Palpation als übergreifend festzustellen. – –

Die „Kleinsten Schwestern“, weil sie die Heilung als Wunder für die Seligsprechung vorschlagen wollten, baten Prof. Busacchi um eine neue Untersuchung. Diese wurde von ihm zusammen mit Dr. Vecchi sehr sorgfältig am 2. 6. 1955 vorgenommen. Das Ergebnis hier wie das der in der Universitätsklinik Bologna im folgenden Jahr und auch das der Sachverständigen der Ritenkongregation etwa noch zehn Jahre später ist: Vollständige klinische Heilung. Das bedeutet: Der Patient fühlt sich so wohl und die Leber funktioniert so gut, daß er wieder seiner normalen Arbeit nachgeht seit Ende Januar 1955. Anatomisch hat sich die Leber nicht zurückgebildet. Die untergegangenen Leberzellen sind nicht erneuert worden, die erhalten gebliebenen bewältigen die Funktion der Leber. Das gewucherte Bindegewebe behindert weiter die Blutzirkulation in der Leber, aber diese wird ausgeglichen durch die Seitenbahnen. Ist eine Leberzirrhose im Anfangsstadium zum Stillstand zu bringen, so ist sie im Endstadium absolut unheilbar.

[1] Aus Rücksicht auf den Geheilten und seine Familie wird der Name nicht ausgeschrieben.

[2] Der Alkoholgehalt des italienischen Weines wird im Mittel mit 12% angegeben.

[3] Bei einem durch das Wasser verursachten Körpergewicht von 104,7 kg, als er ins Krankenhaus kam.

Aus: Wilhelm Schamoni, Wunder sind Tatsachen. Eine Dokumentation aus Heiligsprechungsakten, 2. Auflage, Würzburg/Stein am Rhein/Linz 1976, S. 149-153.