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Tina 13

„Kommt und schöpft mit Freude aus den lebendigen Quellen des Heils“ (vgl. Jes 12,3)

Hl. Bernhard (1091-1153)

Zisterziensermönch und Kirchenlehrer
Predigten über das Hohelied, 61, 3–5 (in: Bernhard von Clairvaux, Sämtliche Werke lateinisch/deutsch, Bd. 6, Tyrolia-Verlag Innsbruck 1995, S. 315–317; Übers. v. M. Hildegard Brem)

„Kommt und schöpft mit Freude aus den lebendigen Quellen des Heils“ (vgl. Jes 12,3)

Und wirklich, wo findet sich sichere und feste Ruhe für die Schwachen, wenn nicht in den Wunden des Erlösers? […] Sie haben seine Hände und Füße durchbohrt (vgl. Ps 21,17) und die Seite mit der Lanze durchstoßen: Durch diese Ritzen darf ich Honig aus dem Felsen und Öl aus härtestem Gestein saugen, das heißt kosten und sehen, wie süß der Herr ist (vgl. Ps 33,9). Er dachte Gedanken des Friedens, und ich wusste es nicht. „Denn wer hat den Sinn des Herrn erkannt? Oder wer ist sein Ratgeber gewesen?“ (Röm 11,34). Doch ein Schlüssel, der öffnet, wurde für mich der Nagel beim Eindringen, so dass ich den Willen des Herrn sah. Was sehe ich nämlich durch die Öffnung? Es ruft der Nagel, es ruft die Wunde, dass Gott wahrhaft in Christus die Welt mit sich versöhnt. „Das Eisen durchdrang seine Seele und näherte sich seinem Herzen“ (vgl. Ps 104,18; 54,22), so dass es nicht mehr ohne Mitgefühl sein kann gegenüber meinen Schwächen. Offen liegt das Verborgene des Herzens durch die Öffnungen des Leibes, offen liegt jenes große Geheimnis der Güte, offen liegt „die barmherzige Liebe unseres Gottes, in der uns besucht hat das aufstrahlende Licht aus der Höhe“ (Lk 1,78). Steht das Herz denn nicht durch die Wunden offen? Wodurch sonst, wenn nicht durch deine Wunden, wäre deutlicher geworden, dass „du, Herr, gütig und mild bist und reich an Erbarmen“ (Ps 85,5)? Ein größeres Erbarmen hat nämlich keiner, als wer sein Leben hingibt für die Verurteilten und Verdammten (Joh 15,13). Mein Verdienst ist somit das Erbarmen des Herrn. Nicht arm an Verdiensten bin ich, solange er es nicht an Erbarmen ist. Wenn aber die Barmherzigkeit des Herrn reich ist, bin auch ich reich an Verdiensten. Was macht es denn aus, wenn ich mir vieler Sünden bewusst bin? Denn „wo die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden“ (Röm 5,20). Und wenn „das Erbarmen des Herrn immer und ewig währt“ (Ps 102,17), werde auch „ich das Erbarmen des Herrn ewig besingen“ (Ps 88,1). Oder etwa meine Gerechtigkeit? „Herr, ich will allein an deine Gerechtigkeit denken“ (Ps 70,16). Sie gehört nämlich auch mir; denn du wurdest meine Gerechtigkeit von Gott her (1 Kor 1,30).

Oh Herr, gieße Ströme des lebendigen Wassers aus!