"Der Papstkultus"

Nachdem mein gestriger Beitrag über das Konzilstagebuch (1. Vaticanum) des Theologen Johannes Friedrich einige - positive und negative - Reaktionen zur Folge hatte, möchte ich heute eine weitere Leseprobe bieten, diesmal aus der "Geschichte des Vatikanischen Konzils" desselben Johannes Friedrich. Nachdem er die Beziehung Pius IX. zu allen möglichen (angeblichen) Mystikerinnen und (angeblichen) mystischen Phänomenen beleuchtet hat, geht Johannes Friedrich auf den Seiten 493-506 des 1. Bandes seiner Konzilsgeschichte auf den sich unter Pius IX. entwickelnden Papstkultus ein, den er als einen Rückfall ins Heidentum ansieht. Da der ganze Text vielleicht für die meisten Leser zu ermüdend wäre, bringe ich lediglich markante Auszüge daraus. Wer das ganze Kapitel oder gar Buch lesen möchte, findet es unter dem angegebenen Link. Tolle et lege!

"1. Wenn uns schon im vorhergehenden Kapitel eine Verirrung fast unglaublicher Art entgegentrat [i. e. der Einfluss moderner "Prophezeiungen" auf Pius IX.; Anmerkung Oenipontanus], so muss in diesem doch eine noch weit grössere zur Sprache gebracht werden. Jene kann man, soweit sie den Papst betrifft, bemitleiden, indem seine individuelle Anlage ihn auf diesen Weg führte, und wem es an sich gleichgültig ist, dass der Papst und die römische Kirche sich geirrt haben, der wird auch nicht viel danach fragen, ob es auf diesem oder jenem Wege geschehen ist; für ihn hat es lediglich ein psychologisches und historisches Interesse und er bedauert im höchsten Falle das Loos einer grossen Institution, welche die römische Kirche einmal ist, dass sie einen solchen Mann an ihrer Spitze haben muss. Anders jedoch verhält es sich bei dem Papstkult, der unter Pius IX. beginnt und zu einer Höhe steigt, dass er geradezu in Papstvergötterung ausartet. Und diese Erscheinung beschränkt sich nicht blos auf einige Individuen, sondern hat sich in der römischen Kirche zu einer wirklichen Papomanie ausgebildet. Hier fühlt sich jeder Christ in einer ganz anderen Weise berührt, nicht insofern gerade, als er die römische Christenheit in das Heidenthum zurücksinken sieht, sondern weil er darin eine Verletzung der Majestät seines Gottes erkennen muss. Allein die römische Kirche, welche von sich behauptet, die allein wahre zu sein, lässt auch hier mit sich nicht rechten und sich von Niemanden in ihre Interna hineinreden. Es bleibt uns also auch bei dieser Erscheinung, so widerlich, ja empörend sie jedem nichtultramontanen oder nichtrömischen Christen vorkommen mag, nichts anderes übrig, als einfach die Thatsache zu konstatiren; die Absicht, welche man dabei hegte, oder der Zweck, welchen man damit er reichen wollte, ergeben sich dann von selbst.
2. Der Papst selbst ist hiebei freilich unschuldiger, als bei vielen anderen Schritten, die er gethan hat. Es soll damit nicht gesagt sein, dass er nicht in dieser Beziehung ebenfalls sein Möglichstes geleistet habe, sondern nur jener Gesichtspunkt angedeutet sein, der bei seiner Beurtheilung festgehalten werden muss. Pius IX. ist, wie Jeder, der ihn öfter zu beobachten Gelegenheit hatte, gestehen muss, von Natur aus schwärmerisch angelegt, wenn nicht gar ein Visionär. In Rom wenigstens erzählte man sogar in hohen geistlichen Kreisen während des Vatikanischen Konzils, dass er Visionen zu haben und inspirirt zu sein glaube, und in dieser Beziehung kommt uns zum Beweise die ultramontane Partei selbst entgegen. Sie spricht ganz unverhohlen von der ,"Heiterkeit seines inspirirten Blickes" und behauptet, dass er ,"in seiner Eigenschaft als Vikar Christi einen prophetischen Geist besitzt". Dass ein solcher Mann ganz ungewöhnliche Dinge produziren kann, zumal wenn nicht blos seine Umgebung, sondern alle "guten" oder "ächten" Katholiken, und zwar Bischöfe, Geistliche und Laien, sich in Schmeicheleien gegen ihn überbieten, ist begreiflich. Wenn aber diese Thatsache einmal gegeben ist und man mit ihr rechnen muss, dann ist es ein schreiendes Unrecht, wenn die zunächst dazu Berechtigten eine solche Richtung nicht beschränken, sondern in jeder Weise unterstützen. Das sahen die besseren Elemente in Rom schliesslich selbst ein, und es war während des Konzils, als ein dort hochangesehener Prälat, der Kanonikus de Angelis, klagte: es sei ein Unglück, dass man den Papst in dieser Ansicht von sich (nämlich, inspirirt zu sein) bestärkte, statt dass man ihn davon heilte.

Es ist wohl keine Zeit während des ganzen Bestandes der Kirche zu entdecken, in der eine so furchtbare und widerliche Verirrung des christlichen Geistes stattgefunden hätte, und doch schwieg Rom. Weder der Papst, noch irgend eine Kongregation, welche die Aufgabe zu haben glauben, über die Reinheit der christlichen Lehre zu wachen, hatten ein Wort dagegen; im Gegentheil, das gesammte offizielle Rom ging in diesem Papstkulte voran; denn man sah darin den "reinen" Katholizismus, die beste Vorbereitung der Gläubigen auf die zu definirende Lehre von der päpstlichen Unfehlbarkeit. Ist einmal der Papst "der Sohn Gottes" oder "der heilige Geist", "der Weg, die Wahrheit und das Leben", "denkt Gott in ihm, wenn er denkt", hat er in sich "alle natürlichen und geoffenbarten Wahrheiten", ja, ist er ,"die einzige Autorität, die einzige Wahrheit"; dann ist Niemand mehr neben ihm denkbar, der auch ein Recht hätte, hat man nur auf ihn zu hören, ist die Infallibilität nur die Formulirung dessen, was er wirklich ist, und korrigirt man mit Recht Christus selbst dahin, dass es fortan nur noch heissen darf: "wer ihn (den Papst) hört, der hört mich, und wer ihn verachtet, der verachtet mich, und ich werde bei ihm (dem Papste) sein bis an das Ende der Welt". Nach solchen agitatorischen Akten des Papstes selbst, nach solchen Verirrungen im Glauben an moderne Prophezeiungen und zu einem bisher unerhörten Papstkult, und nachdem von letzterem fast die ganze Christenheit infizirt war, war das Konzil bereits fertig, ehe es begonnen hatte, und es muss fast unsere volle Bewunderung erregen, dass sich doch noch eine kleine Schaar von Bischöfen zusammen fand, die es wagte, einer so immensen Uebermacht einen monatelangen Widerstand entgegenzusetzen. Sie mochten es instinktiv fühlen, dass es galt, dem Widerchristenthum, wie es eben geschildert wurde, entgegenzutreten; klar erkannten sie dies freilich nicht, denn sonst hätte ihr Kampf ein muthigerer sein müssen und nicht damit endigen können, dass sie sich ebenfalls diesem Widerchristenthum unterwarfen. Ob sie es anerkennen wollen oder nicht: konsequent sind nur jene "reinen" Katholiken; sie werden auch die Konsequenzen nicht aufhalten, nachdem sie das Prinzip des Papstkultus zu gegeben haben. Weder der Papst, noch die Civiltà cattolica oder Veuillot haben je ein Wort von dem zurückgenommen, was sie in dieser Beziehung gesprochen oder geschrieben haben. Auch die "Andacht zum Papste" ist noch nicht in Rom verdammt worden. Vielmehr hat Veuillot bezeichnend genug zur Demüthigung Dupanloup's sein ganzes Avertissement mit allen papstvergötternden Zitaten seinen Lesern mit getheilt, ohne eine Silbe von dem zu widerrufen, was der Bischof ihm und seinen Anhängern vorgeworfen hatte. Wo der "reine" römische Katholizismus ist, kann da keinem Zweifel mehr unterliegen."
(J. Friedrich. Geschichte des Vatikanischen Konzils. Erster Band: Vorgeschichte bis zur Eröffnung des Konzils. Bonn: Druck und Verlag von P. Neusser, 1877, S. 493–506.)

Link zum Buch: Geschichte des Vatikanischen Konzils von J. Friedrich
Der Hofrat
PiusIX war da Absolut anfällig, aber vor allem seine Umgebung Kardinal Reisach hat durch seinen Aberglauben sogar bewußt oder unbewußt Menschenleben gefährdet
Der Hofrat
das Konzilstagebuch ist ein schöner Spiegel der damaligen Stimmung