Diagnose: Kompetenz-Entkernung – WOCHENBRIEFING

Liebe Leserinnen und Leser,

Oft sind es die Zwischentöne, die kleinen Nuancen, die mehr über den Gesamtzustand aussagen als die längsten Analysen. So entlarvend, so bezeichnend wie eine Szene aus einem Welt-Interview diese Woche kann kaum etwas den Zustand der Demokratie in Deutschland beschreiben. Bezeichnenderweise bleibt man unter sich, Welt-Kollege befragt Welt-Kollegen, man interviewt sich quasi selbst. Man könnte das böse als Informations-Inzucht bezeichnen. Befragt wird der Dauer- und Shooting-Star der deutschen Talkshow-Szene, der mit den Regierenden eng verbandelte Robin Alexander.

Und was fragt ihn sein Redaktionskollege? "Die AfD versucht, der CDU eins auszuwischen, und benutzt dafür die Wahl des Bundespräsidenten. Ist das noch irgendwo fair und moralisch vertretbar?“ Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Früher, vor der großen Merkel'schen Verschmelze, nannte man sowas nach meiner Erinnerung mal demokratischen Wettstreit. Dass man Wahlen, auch die des Präsidenten, dafür benutzt, um politischen Konkurrenten eins auszuwischen.

Diese kleine Episode bestätigt genau das, was man nicht äußern darf, ohne von den großen Medien und der Politik als „Verschwörungsideologe“ diffamiert zu werden: Dass wir eine weitreichende Gleichtaktung des politischen Lebens haben. Über die grundlegenden Themen wird zwischen den sogenannten etablierten Parteien nicht mehr gestritten – die grüne Agenda ist gesetzt und wird als unausweichlich anerkannt. Es geht nur um die Art und die Geschwindigkeit der Umsetzung – da dürfen sich die Parteien noch Nuancen erlauben. Und wehe, man macht auf diesen Umstand aufmerksam.

Nicht minder erschreckend im Hinblick auf den Zustand der Demokratie in Deutschland war die Debatte über die Impfpflicht im Bundestag am Mittwoch. Ich habe sie mir fast in voller Lände angetan und muss sagen – ich war entsetzt. Es gehört zu den großen Schattenseiten meines Berufs, dass ich mir so etwas antun muss. Ich halte mich für gefestigt und emotional sehr stabil. Aber gegen Ende der Aussprache kamen mir – und zwar ganz buchstäblich – die Tränen. Ich fragte mich regelrecht verzweifelt: „Was soll nur aus diesem Land werden? Aus der Demokratie?“

Die Debatte war ein Tiefpunkt in Sachen Intellekt, Freiheit, ja gesundem Menschenverstand. Gebetsmühlenartig wurden vor allem von den jüngeren Abgeordneten die bekannten Gesprächsbausteine verwendet, teilweise sinnfrei. "Lassen Sie uns die Pandemie beenden, wir wissen, wie!“ So die oberlehrerhafte Beteuerung von Carmen Wegge von der SPD.

Um ein solches Allwissen (oder ist es eine Allmachtsfantasie) beneiden sie und ihre Partei bzw. die Regierung (wer auch immer "wir" ist) selbst namhafte Virologen.

"Wir kommen nicht auf diese hohen Impfquoten, wie sie in einigen anderen Ländern sind. Es geht nur aus dieser Pandemie raus mit dem Impfen, wenn wir das verpflichtend machen.“ So die Versicherung von Dirk Wiese, SPD (und anderen Abgeordneten sinngemäß ähnlich).

Ein paar Fakten dazu:

Impfquote Großbritannien: 71,4 Prozent (54,4 Prozent geboostert).
Impfquote Deutschland: 72,7 Prozent (47,6 Prozent geboostert).
Großbritannien schafft die Corona-Maßnahmen weitgehend ab, eine Impfpflicht oder 2G wären dort undenkbar.

Und diese Leute werfen Kritikern der Corona-Maßnahmen vor, sie seien faktenresistent und hätten den Realitätsbezug verloren. Unfassbar. Ebenso wie die peinliche Selbstbeweihräucherung etwa des SPD-Abgeordneten Christos Pantazis, SPD: "Diese hier und heute miteinander begonnene Debatte stellt für mich eine Sternstunde des Parlamentarismus über Parteigrenzen dar und ich bin stolz, an dieser teilnehmen zu dürfen.“

Der Ehrlichkeit halber muss man hinzufügen, dass es durchaus auch gute Beiträge gab – vor allem von älteren Abgeordneten. Aber gerade der Blick auf den Nachwuchs – und der wird schon bald tonangebend sein – lässt einen sehr schwarzsehen. Man hat den Eindruck, da wächst eine ideologiegeblendete Politikergeneration nach, die mit Scheuklappen agiert. Es ist geradezu ein Treppenwitz, dass ausgerechnet Gregor Gysi, der alte SED-Mann, der mir politisch zutiefst fremd ist, eine der besten Reden hielt. Mit der ich zwar in vielem nicht einverstanden bin – die aber wenigstens intelligent war (wie auch die von Kubicki und Weidel).

Einen weiteren geistigen Tiefpunkt setzte – ganz offensichtlich ohne intellektuell in der Lage zu sein, das auch nur ansatzweise zu begreifen – die CDU-Abgeordnete Nina Warken. Sie sagte: „Wir als CDU/CSU bleiben dabei, Ihnen als konstruktive Opposition zur Seite zu stehen.“

Was bisher als Verschwörungstheorie galt, gibt die CDU-Abgeordnete Nina Warken nun ganz offen zu – dass die Union ihre Aufgabe als Opposition darin sieht, der Regierung konstruktiv zur Seite zu stehen. Habe ich irgendwie noch anders gelernt, die Aufgabe von Opposition in funktionierenden Demokratien. Sie auch? Warkens Aussage erinnert an die Rolle von gesteuerter Opposition in autoritären Regimen.

Ich musste bei dieser Debatte immer wieder an mein gerade erschienenes Interview mit dem Mediziner Dr. Gunter Frank denken, den Autor des Beststellers „Der Staatsvirus“. Bei Corona gehe es nicht um Medizin, sondern um gesellschaftliche Entwicklungen. Das Kernproblem sei die „Kompetenz-Entkernung unserer Institutionen“. Was für eine Wortschöpfung! Man muss sie sich erst mehrmals durch den Kopf gehen lassen, um sich die Dimension zu vergegenwärtigen. Frank spricht von „Dilettantismus pur“.

Wenn es einem Land zu lange zu gut gehe, so Frank, dann könne es sich leisten, inkompetente Personen in verantwortliche Positionen zu bringen. Wenn das aber überhandnehme wie in Deutschland, werde es gefährlich: „Jetzt kommt folgender Mechanismus zu Gange: Was ist der schlimmste Feind eines Dilettanten? Fachwissen? Jemand, der sagt: Hoppla, das stimmt doch gar nicht, was du sagst. Es bilden sich konsequent Inkompetenz-Netzwerke, die sich protegieren und fähige Leute wegbeißen. Das können Sie überall sehen. Moralisten, die keine Ahnung haben, geben den Ton an.“ Wer mit Fachwissen kontere, werde als Leugner diffamiert. „Wir haben eine kompetenzentkernte Führungsschicht. Wenn man sich die Führung ansieht, etwa in der Regierung, das ist haarsträubend. Diese Leute glauben, dass die Corona-Maßnahmen richtig sind.“

Zum Schluss noch etwas in eigener Sache. In meinem Kampf gegen den Ausschluss aus der Bundespressekonferenz habe ich jetzt einen neuen Trumpf. Auf meine Bitte hin hat mich die Moskauer „Nowaja gaseta“, mit der ich seit bald 20 Jahren kollegial und freundschaftlich verbunden bin, zu ihrem freiberuflichen Korrespondenten gemacht, der für sie aus Deutschland berichtet. Keine Angst, ich werde meiner Seite nicht untreu, es handelt sich eher um eine symbolische Geste. Aber es hätte eine ganz andere Dimension, wenn ich nicht nur als freier Journalist und Blog-Betreiber aus der Bundespressekonferenz ausgeschlossen würde, sondern auch als Korrespondent der größten russischen Oppositionszeitung, die für ihren Kampf für die Pressefreiheit bekannt ist (Details hier).

Der aktuelle Stand ist der, dass ich gegen den Ausschluss kurz vor Weihnachten Widerspruch eingelegt habe. Weil dieser aufschiebende Wirkung hat, bin ich formell noch Mitglied und kann auch noch Fragen stellen. Ich rechne in den nächsten Tagen mit einer Entscheidung des Vorstands über den Widerspruch. Wird dieser zurückgewiesen, wird mein Anwalt umgehend vor Gericht ziehen. Dies ermöglichen einzig und allein Sie, liebe Leserinnen und Leser, mit Ihrer Unterstützung! Ich bin Ihnen dafür unendlich dankbar!

Wie wichtig die Arbeit in der Bundespressekonferenz ist, zeigt etwa das Interesse an meinem Video, in dem ich den Auftritt von Lauterbach und Drosten dort dechiffriere. Es wurde allein auf Youtube mehr als eine halbe Million Mal abgerufen – eine beeindruckende Zahl!

Ganz zum Schluss noch ein paar sehr persönliche Zeilen. Ich weiß nicht, ob Sie es bemerkt haben – ich hoffe nicht: Ich war krank, zwei Tage war ich fast außer Gefecht (daher kommt das Wochenbriefing auch erst heute). Und ich bin beeindruckt und glücklich, dass mein Team inzwischen so eingespielt ist, dass es quasi nahtlos übernehmen konnte und sich für Sie als Leser, so zumindest mein Eindruck, nichts änderte. Es war quasi eine „Feuertaufe“ für das Team. Allen voran für Ekaterina Quehl. Obwohl sie erst spät zum Journalismus kam und für meine Seite anfangs das Organisatorische regelte, und obwohl Deutsch nicht ihre Muttersprache ist, kann sie inzwischen allein das Ruder übernehmen und die Seite mit dem Team allein betreiben. Ich bin schwer beeindruckt! Und möchte Ekaterina auch hier zu ihrem heutigen runden Geburtstag gratulieren (falls Sie sich anschließen wollen – hier ihre Mail: kontakt@reitschuster.de).

Ekaterina Quehl

Ich bin nach zwei Tagen mit leichtem Fieber und deutlichen Grippesymptomen inzwischen wieder fit. Es war die erste Krankheit seit Bestehen der Seite, und die erste seit Beginn dessen, was Karl Lauterbach das „Corona-Zeitalter“ nennt. Es war eine sehr kurze Erkältungskrankheit – zuvor dauerten diese meist mehrere Tage. Angesteckt hat mich möglicherweise ein Nachbar und Freund, der kurz nach einem längeren Besuch in meiner Wohnung positiv auf Corona getestet wurde. Auch er war nach zwei Tagen mit Grippesymptomen wieder fit, obwohl er eigentlich zu einer Risikogruppe gehört.

Aus gegebenem Anlass und ganz unabhängig vom Großthema „Corona“ wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, Gesundheit.

Auf viele Wiedersehen auf meiner Seite!

Herzlich
Ihr
Boris Reitschuster

Ekaterina Quehl

Ich bin nach zwei Tagen mit leichtem Fieber und deutlichen Grippesymptomen inzwischen wieder fit. Es war die erste Krankheit seit Bestehen der Seite, und die erste seit Beginn dessen, was Karl Lauterbach das „Corona-Zeitalter“ nennt. Es war meine bisher kürzeste Erkältungskrankheit – zuvor dauerten diese zuverlässig mehrere Tage. Angesteckt hat mich möglicherweise ein Nachbar und Freund, der kurz nach einem längeren Besuch in meiner Wohnung positiv auf Corona getestet wurde. Auch er war nach zwei Tagen mit Grippesymptomen wieder fit, obwohl er eigentlich zu einer Risikogruppe gehört.

Aus gegebenem Anlass und ganz unabhängig vom Großthema „Corona“ wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, Gesundheit.

Herzlich
Ihr
Boris Reitschuster

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