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Predigt für Allerseelen

Allerseelenpredigt bei der Nachmittagsandacht am Allerheiligentag, 1.11.2021 Perikope: Jes 43,1-3a
Liebe Brüder und Schwestern im gemeinsamen Glauben!
Dem Menschen ist es zu Eigen, dass er sich mit dem Tod auseinandersetzen kann. Ein Tier kann das nicht. Tiere haben keine Bestattungskultur, Menschen schon. Der Mensch hat Gedanken über den Tod, oft auch in Gedichten und Reimen zu Papier gebracht, zum Beispiel: „Oh Mensch gedenke stets, so froh und heiter du auch bist. Dass jeder Schritt im Leben, ein Schritt zu deinem Grabe ist.“ Oder vom heiligen Thomas Morus stammt das Epigramm: „Von der Stunde an, in der wir geboren werden, kriechen Leben und Tod im Gleichschritt voran. Jede Stunde, die du durchschreitest, nimmt heimlich einen Teil deines Lebens fort. Schrittweise sterben wir, aber zugrunde gehen wir in einem Augenblick.“ Auch die Kunst hat sich mit dem Sterben auseinandergesetzt, vor allem in Barockzeit. Im Stift Admont gibt es eine interessante Darstellung: Ein pilgernder Mensch, ausgestattet mit Wanderstab, Hut, Muschel und Kreuz, wird von einem Totengerippe begleitet, das ihm bei jedem Schritt über die Schulter schaut. Das Gerippe hält in der einen Hand eine Sanduhr, in der anderen Hand einen Pfeil. Dem Pilger legt er eine abgebrochene Kerze, eine leere Muschel und eine Seifenblase, Symbole der Vergänglichkeit, vor die Füße. Was machen solche Verse oder Bilder mit mir? Erstens: Es kommt eine gewisse Erschütterung auf. Der Tod als Wegbegleiter, der immer mit uns unterwegs ist, der uns die Sanduhr vor Augen hält und uns zeigt, wie unerbittlich unsere Lebenszeit verrinnt, der uns mit dem Pfeil zeigt, dass uns der Tod jederzeit treffen kann, weil kein Mensch den Tag und die Stunde kennt. Das Wissen, dass wir Richtung Tod unterwegs sind erschüttert uns doch immer wieder von Neuen. Vielleicht brauchen wir diese Erschütterung auch von Zeit zu Zeit, da sie uns anhält an das Ewige zu denken. Im einem Hymnus im Stundengebet heißt es: „Gib, dass der Mensch aus eigener Schuld das Gut des Lebens nicht verliert, wenn er des Ewigen nicht gedenkt, und in das Böse sich verstrickt.“ Konfrontation mit dem Tod führt zur Erschütterung. Zweitens: Es kommt eine gewisse Nachdenklichkeit auf, die gewinnbringend sein kann. Es bringt Gewinn, wenn wir den Gedanken an den Tod nicht einfach verdrängen, wenn wir an den kleinen Vorboten, die uns der Tod doch immer wieder in den Weg stellt, nicht achtlos vorübergehen. Wenn wir uns durch die abgebrochene Kerze, durch dunkle Stunden des Lebens, daran erinnern lassen, dass unser Lebenslicht einmal ganz erlöschen wird. Wenn wir uns durch die leere Muschel aufmerksam machen lassen, dass unsere Lebenszeit einmal ganz ausgeschöpft und aufgebraucht sein wird. Wenn wir in der Seifenblase einen Hinweis sehen, dass sich nicht alle unsere Hoffnungen und Träume erfüllen in diesem Leben, dass eben manches zerplatzt. Und genau dieses Nachdenken kann uns helfen, die Gewichte in unserem Leben neu zu verteilen und die Zeit, die uns geschenkt ist sinnvoll zu nützen. Papst Johannes XXIII. hat in einem Brief an seine Familie Folgendes geschrieben: „Oft an den Tod zu denken ist eine gute Art, sich über das Leben zu freuen.“ Das ist sicher etwas hoch für uns. Aber vielleicht relativiert sich im Blick auf den eigenen Tod so manches, auch so manches Gejammere, das mitunter gar nicht nötig wäre. Eine Bitte aus Psalm 90 ist für mich hilfreich. Es könnte eine gute Gebetsbitte für uns alle sein: „Unsere Tage zu zählen, lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz.“ Drittens: An jene denken, die die Schwelle des Todes bereits überschritten haben. „Unvergessen,“ steht auf so manchen Totenbild. Stimmt das? „Unvergessen!“ Das ist ein großes Wort. Wir wissen, dass das mit dem Gedächtnis so eine Sache ist. Es kann im Lauf des Lebens schlechter werden. Dann fallen uns auf einmal Namen nicht mehr ein und Erinnerungen verblassen. Wenn die Toten wirklich von unserem Gedächtnis abhängig wären, dann wären sie arm dran. „Unvergessen,“ wie schaut das aus im Blick auf das, was unseren Verstorbenen wichtig war. Führen wir das weiter? Bei Trauergesprächen wird mir meist erzählt, was diesen Verstorbenen wichtig war. Meist wird mir erzählt, dass ihnen auch der Glaube wichtig war, weil es in dieser Generation noch selbstverständlich war im Glauben mitzutun. Der Glaube war wichtig. „Unvergessen.“ Stimmt das, wenn die nachfolgende Generation dann im Glauben nicht weitertut. „Unvergessen?“ Stimmt das, wenn es nach der Totenwache schon so eilig ist, dass man zur anschließenden Abendmesse nicht mehr bleiben kann? Die Eucharistie bleibt gerade nicht bei den Lebenden stehen, sie verbindet uns immer mit den Toten: „Herr, gedenke derer, die uns im Zeichen des Glaubens vorangegangen sind; gedenke aller, um deren Glauben niemand weiß, als du.“ Menschlich will man sicher beim Tod eines Menschen das Beste, aber wie schaut es da oft mit dem religiösen Aufwand aus? Sehe ich den Abschied eines lieben Menschen in erster Linie als Glaubenssache? „Unvergessen!“ Hin und wieder stimmt es, wenn man oft Jahre nach dem Tod eines Menschen noch etwas hervorkramt, was er falsch gemacht hat, oder wo er ungerecht war. Da sind wir nicht vergesslich. „De mortuis nihil nisi bene – von den Toten soll man in guter Weise reden.“ „Unvergessen!“ Das ist wirklich ein großes Wort. Mich tröstet hier ein Wort, das Gott uns durch den Propheten Jesaja sagen lässt: „Ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir.“ In Jesu Namen hat Gott die Namen unserer Toten nicht vergessen. Er hält sie im Gedächtnis lebendig, nicht nur etwas von ihnen, nicht nur ihr Wollen, nicht nur ihre Ideale, nicht nur das, was sie geleistet haben, sondern sie selbst. Gott verbürgt, dass ihr Leben nicht in der Anonymität verschwindet, sondern, dass es bleibt.
Liebe Brüder und Schwestern!
Der Tod ist das Sicherste, was uns erwartet, sein Zeitpunkt ist das Unsicherste. Wichtig ist, dass wir den Gedanken an den eigenen Tod nicht verdrängen. Sicher bringt es Erschütterung mit sich, die sich jedoch in gewinnbringende Nachdenklichkeit transformieren lässt, und die auch eine Brücke baut zu jenen Brüdern und Schwestern, die uns vorangegangen sind, in der Hoffnung, dass sie auferstehen. Amen
Waagerl