Tina 13
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„Was ist das für ein Mensch, dass ihm sogar der Wind und der See gehorchen?“

Hl. Gregor von Nyssa (um 335-395)

Mönch und Bischof
Der Winter ist jetzt vorbei (La Colombe et la Ténèbre, éd. du Cerf 1992, S. 61–62; ins Dt. trad. © Evangelizo)

„Was ist das für ein Mensch, dass ihm sogar der Wind und der See gehorchen?“

„Siehe, vorbei ist der Winter“, spricht der Bräutigam, „von selbst ist verrauscht der Regen“ (vgl. Hld 2,11). Das Böse trägt viele Namen, entsprechend der Vielfalt seiner Auswirkungen. Winter, Regen und Schauer: Jeder dieser Begriffe symbolisiert jeweils eine andere Versuchung. Man nennt das Ganze „Winter“, um die Vielfältigkeit der Formen des Bösen zu veranschaulichen. […] Was sagen uns die Stürme, die sich im Winter plötzlich auf dem Meer ereignen? Das Meer, das aus den Abgründen aufgewühlt wird, schwillt an und ähnelt Felsbrocken und Bergen, indem es seine Gipfel hoch über auftürmt. Es stürmt gegen das Land heran wie ein Feind, stürzt sich auf die Küsten und erschüttert sie mit aufeinanderfolgenden Schlägen seiner Wogen wie mit den Angriffen einer Kriegsmaschinerie. Aber interpretieren wir nun diese Übel des Winters und all die anderen, die man noch hinzufügen könnte, indem wir sie in ihren symbolischen Sinn deuten. […] Was bedeutet dieses Meer mit seinen tosenden Fluten? Was bedeutet dieser Regen und was diese Regenschauer? Und wieso hört der Regen von selbst auf? – Der tiefe Sinn all dieser Winterrätsel hat mit etwas Menschlichem zu tun und betrifft die Freiheit unseres Willens. […] Im Anfang blühte die menschliche Natur, […] aber durch den Winter des Ungehorsams verdorrte die Wurzel, die Blüte fiel zu Boden und zersetzte sich in der Erde; der Mensch wurde seiner unsterblichen Schönheit beraubt, und die Kräuter der Tugend vertrockneten, da die Liebe zu Gott erkaltete, während die Ungerechtigkeit wuchs; Leidenschaften ohne Zahl erhoben sich in uns durch feindliche Winde und zogen die unheilvollen Schiffbrüche der Seelen nach sich. Aber wenn der kommt, der unseren Seelen den Frühling bringt, der, wenn ein böser Wind das Meer aufwühlt, dem Wind droht und zum Meer sagt: „Schweig, sei still!“ (Mk 4,39), dann wird sogleich alles wieder ruhig und friedvoll, und unsere Natur beginnt wieder zu grünen und sich mit ihren jeweiligen Blumen zu schmücken. Die Blumen unseres Lebens sind die Tugenden, die nun blühen und ihre Früchte bringen „zur rechten Zeit“ (Ps 1,3). Deshalb sagt das Wort: „Siehe, vorbei ist der Winter“.