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Warum es nie zu einem Streitgespräch zwischen Professor Schumacher und Professor Striet kommen wird

Rezension des Artikels „Immanuel Kant oder Thomas von Aquin? Zur Inkompatibilität ihrer philosophischen Ansätze in der Theologie“ von Heinz-Georg Kuttner in: FORUM KATHOLISCHE THEOLOGIE; 35.Jahrgang Heft 2, 2019, S. 81-116

In dem Artikel von Heinz-Georg Kuttner werden zwei Ansätze der Fundamentaltheologie einander gegenübergestellt.

Einerseits der klassische Ansatz der Fundamentaltheologie, die davon ausgeht, dass der Glauben auf der Vernunft aufbaut, insofern die Annahme der göttlichen Offenbarung die rationale Erkenntnis Gottes logisch voraussetzt und die an Kants Philosophie orientierte Fundamentaltheologie, die jeden vernünftigen Gottesbeweis ablehnt.

Zwar lehren Joseph Schumacher und Magnus Striet das Fach Fundamentaltheologie an der Universität in Freiburg, aber zu einem rationalen Streitgespräch wie z. B. dem von Thomas von Aquin und Siger von Brabant in Paris wird es nicht kommen, da mit Berufung auf die Lehrfreiheit sich heute kein Professor darum bekümmern muss, was ein Kollege im Nachbarraum doziert.

Da es zu keinem Streitgespräch von Magnus Striet und Joseph Schumacher kommen wird, hat Heinz-Georg Kutner die Argumente und Gegenargumente einander gegenübergestellt, um so die Inkompatibilität von Schumachers und Striets Fundamentaltheologie aufzuzeigen.

Zunächst geht Kuttner auf Schumachers theologische, an Aristoteles und Thomas von Aquin orientierte Erkenntnislehre ein und im Anschluss daran auf Striets an Kants Philosophie orientierte theologische Erkenntnislehre, um so für den Leser sichtbar zu machen, dass die unterschiedlichen Erkenntnistheorien zu unterschiedlichen, miteinander inkompatiblen Theologien führen müssen.

Joseph Schumacher geht wie die klassische Philosophie davon aus, dass es jeder Wissenschaft um die Erkenntnis der Wirklichkeit geht: der Naturwissenschaften um die Erkenntnis der natürlichen Wirklichkeit, der Sozialwissenschaften um die Erkenntnis der sozialen Wirklichkeit und der theologischen Wissenschaften um die Erkenntnis der übernatürlichen Wirklichkeit.

Wie Aristoteles geht Schumacher von der Grundthese aus, dass Wissen in der Gewissheit über einen Sachverhalt besteht und sich vom bloßen Meinen unterscheidet, das immer nur ein bestimmtes Maß von Wahrscheinlichkeit für sich beanspruchen kann.

Wie Aristoteles geht Schumacher davon aus, dass es jeder Wissenschaft um die Frage nach dem Wesensgrund geht: um das Worin, das Wodurch, das Woraus und das Wozu. Die Methode der jeweiligen Wissenschaft hängt dementsprechend von dem jeweiligen Gegenstand bzw. Sachverhalt ab. Geisteswissenschaften verlangen eben eine andere Methode als die Naturwissenschaften.

Bezieht sich eine Wissenschaft nur auf allgemeingültige Wesensverhältnisse wie die Mathematik, die in der Antike deshalb als die wahre Wissenschaft angesehen worden ist, so beziehen sich alle empirischen Wissenschaften auf individuelle Besonderheiten.

Da es auch in der Theologie um individuelle Besonderheiten geht, sind die offenbarten Wirklichkeiten nicht in allgemeinen Wesensbegriffen fassbar. Sie sind von einer jeweils besonderen Singularität und haben positiv im Willen Gottes ihren Ursprung.

Bei der Anwendung des aristotelischen Wissenschaftsbegriffs auf die Theologie muss man sich deshalb, wie bereits Thomas von Aquin dargelegt hat, immer des analogen Charakters aller Aussagen bewusst sein. Der aristotelische Wissenschaftsbegriff lässt sich allenfalls nur auf die spekulative Theologie anwenden, nicht aber auf die positive Theologie, d.h. auf die Erarbeitung des Materials der einzelnen Glaubenswahrheiten.

Das Schwergewicht liegt also im Erheben des Glaubensgutes aus den Quellen und in seiner Formulierung. Erst dann ist es möglich, das Glaubensgut spekulativ zu durchdenken.

Die erste Aufgabe der Theologie besteht also nach Schumacher darin, die Glaubenswahrheiten in der Lehre der Kirche aufzuzeigen und darzulegen wie diese Wahrheiten in den Glaubensquellen zu gewinnen sind.

Sehr erhellend legt Schumacher dar, dass das rechte Verständnis der Transzendenz Gottes zwischen der weltfernen Gottesvorstellung des Deismus bzw. Agnostizismus, in dem jede Beziehung Gottes zur Welt geleugnet wird und dem Pantheismus liegt, in der Gott in der Welt aufgeht bzw. mit ihr identisch ist.

In der Mitte zwischen Identität von Gott und Welt und absoluter Bedeutungslosigkeit Gottes für die Welt liegt das christliche Gottesbild, das von der Lehre von der analogia entis bestimmt ist. Offenbarung als Kunde aus der jenseitigen Welt kann es nicht geben, wenn man von einer Identität von Gott und Welt ausgeht und auch nicht, wenn man von einer völligen Beziehungslosigkeit von Gott und Welt ausgeht.

Magnus Striet geht im Unterschied zu Joseph Schumacher nicht von der analogia entis aus, sondern von Kants Philosophie, nach der es keine natürliche Gotteserkenntnis geben könne.

Wenn man wie Kant von der uneingeschränkten Autonomie des Menschen ausgeht, dann kann es keine übernatürliche Offenbarung geben, da dies ja dann der Würde der freien autonomen Persönlichkeit widersprechen würde.

Die Möglichkeit einer Offenbarung Gottes, die Rede von der Existenz Gottes wird deshalb von Kant abgelehnt und jedes Gebet konsequent als religiöser Wahn angesehen.

Wenn man die Redeweise von Gott als Schöpfer aller Dinge als einen überholten Gottesbegriff betrachtet, dann kann man Gott nur als Chiffre für die zwischenmenschliche Beziehung der Liebe verstehen.

Gott wird daher nicht länger mehr als ein „Objekt“ verstanden, das unabhängig von uns existiert, sondern als ein jemand, der ohne den Menschen nicht existieren würde.

Deshalb tritt in Striets Konzeption der Fundamentaltheologie an die Stelle objektiver Wahrheit ein relationaler Wahrheitsbegriff. Da alle relationale Wahrheiten immer in einem Lebenszusammenhang stehen, sind sie immer wesentlich von der jeweiligen geschichtlichen Zeit geprägt.

Haben es die Naturwissenschaften immer nur mit objektiver Wahrheit zu tun, so hat es der Glaube nach Striet immer nur mit relationaler Wahrheit. Glaube begreift er als eine existentielle Kommunikation zwischen Gott und dem einzelnen Menschen.

Die Aussage „Den Gott, den es gibt, gibt es nicht“ stammt zwar nicht von Magnus Striet, sondern von Dietrich Bonhoeffer, aber Striets Fundamentaltheologie geht wie die gesamte protestantische Theologie von Luther bis Bultmann vom „pro me“ unter Vernachlässigung des „in se“ in Theologie und Ethik aus.

Erhellend macht Heinz-Georg Kuttner darauf aufmerksam, dass Papst Pius X. in seiner Enzyklika Pascendi Dominici gregis sehr klar dargelegt hat, dass eine an der Philosophie Kants aufgebaute Theologie zur Ablehnung der Offenbarungswahrheit führen muss, da nicht mehr der wirkliche lebendige Gott im Zentrum steht, sondern das, was Gott für uns bedeutet.

Offenbarung im Sinne einer übernatürlichen Selbsterschließung Gottes muss dann abgelehnt werden.

Es ist deshalb kein Wunder, dass die sich auf Kant stützenden modernen katholischen Theologen nur noch das als der allgemeinen Vernunft für zugänglich halten, was sich mit der menschlichen Vernunft begründen und erklären lässt.

Da in der Aufklärung der Mensch als das Maß und Norm für die Wirklichkeit und für die Werte angesehen wird, ist es nicht verwunderlich, dass Kant die Religion nur noch als Dienerin der Humanität verstanden hat. Der Schritt von da zur Leugnung Gottes ist dann allerdings nicht mehr weit.

Die christliche Erlösungs- und Heilslehre löst sich in eine säkulare Heilslehre auf und der religiöse Glaube gilt nur noch als etwas rein Subjektives.

Wenn man die Existenz Gottes und sein Wirken in der Welt nicht begründen kann, dann hat das Gebet keinen Sinn mehr. Kant hat diese Konsequenz gezogen und hat zeit seines Lebens jeden Gottesdienst und jedes Gebet bis zu seinem Tod strikt abgelehnt.

Kant hat damit die im Alten Testament und vor allem in den Psalmen gegebene göttliche Weisheit abgelehnt, dass ein Mensch ohne Gebet ein Tier ohne Vernunft ist und dass es keine größere Freude für den Menschen gibt, als seine Seele zu Gott zu erheben.

Schumacher verweist zu Recht darauf, dass der Schritt vom Agnostizismus zum Atheismus sehr klein ist. Von einem Glauben an einen Gott, der möglicherweise existiert bzw. möglicherweise nicht existiert, kann kein geistiges Feuer ausgehen kann.

Der Grund dafür, warum Kant an dieser Hypothese von Gott noch festhielt, rührte von dem von dem damaligen preußischen Staat gesetzlich verordneten Atheismusverbot.

In ähnlicher Weise scheinen die heutigen an Kants Philosophie orientierten katholischen Theologen ebenso vor der Konsequenz des Atheismus zurückzuschrecken, weil ihnen dann auch der Entzug der Lehrerlaubnis durch das katholische Lehramt droht.

Wenn man den Menschen nicht für fähig hält, über die sichtbare Welt hinaus etwas zu erkennen, dann bleibt der Mensch, wie Schumacher darlegt, immer in sich selbst gefangen.

Denn die theoretische Vernunft des Menschen kreist dann immer nur um sich selbst und hat als „Gegenstand“ nur richtige oder falsche Sätze, aber keine dahinterstehende Wirklichkeit mehr.

Die an Kant orientierten katholischen Theologen wie Striet, Vorgrimler, Rahner gehen wie Kant von der Vorentscheidung aus, dass unsere Vernunft nicht die Fähigkeit hat, die sinnliche Welt zu übersteigen, da unser Verstand dazu nicht ausgerüstet sei.

Deshalb distanzieren sie sich von dem klassischen Ansatz der Fundamentaltheologie, die auf der analogia entis aufgebaut ist. Wenn man aber davon ausgeht, dass der Mensch in keiner Weise in die Welt des Geistes und Gottes vordringen kann und also vollkommen unfähig ist, etwas Gültiges, Verbindliches über die übersinnlichen Wirklichkeiten auszusagen, dann muss man aber auch die Konsequenz wie Kant ziehen und alle Offenbarungsreligionen für einen Wahn ansehen.

Vor dieser Konsequenz schrecken aber die auf Kants Philosophie sich stützenden Theologen wohlweislich zurück.
Ob es zu einem Gespräch zwischen Striet und Schumacher kammen wird, ist aus anderen Gründen sehr fraglich. Heute morgen ist Professor Schumacher während der Zelebration in St. Martin Freiburg zusammengebrochen und ins Krankenhaus gebracht worden. Letze Woche besuchte ich ihn zuhause und da sagte er schon, dass es ihm nicht gut ginge. Hoffen und beten wir für ihn.
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Monika4
Das ist nicht wahr, verehrter Simeon f. Professor Schumacher hatte lediglich einen kleinen Schwächeanfall. Ich selber war bei bei der Messe am Sonntag anwesend. Es geht ihm gut und er zelebriert die hl. Messe täglich wie eh und je. Was soll diese Übertreibung? Damit erweisen Sie ihm einen Bärendienst.
sudetus
beide Paul und Otto gut gekannt, auch die liebe gute Mutter Natterer- ja tragisch, aber er starb versöhnt mit Gott, das ist ein Trost
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Santiago74 likes this.
R.I.P.
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Armer P. Paul Natterer!
@Maximos101 ? Wo kommt er im Artikel vor?
Er war Kant-Spezialist.
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