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Jesus Glauben - Folge 02 - Über die Suche nach dem historischen Jesus

Santiago74
Der Naturalismus begann seinen Triumphzug in der Aufklärung. Hatte man bis weit hinein in die Neuzeit den Evangelien samt ihren Wunderberichten zugestanden, dass sie getreu das Bild und Selbstverstän…More
Der Naturalismus begann seinen Triumphzug in der Aufklärung. Hatte man bis weit hinein in die Neuzeit den Evangelien samt ihren Wunderberichten zugestanden, dass sie getreu das Bild und Selbstverständnis Jesu vermittelten, begann diese Vorstellung nun zu bröckeln - wenn auch sehr unterschiedlich. Während die französische Aufklärung relativ rasch in skeptischen und materialistischen Atheismus umschlug, galt gleiches nicht für England. Dort versuchten Locke, Hume und ihre Zeitgenossen vielmehr zu zeigen, dass das Christentum die erhabenste Ausprägung der Vernunft und der natürlichen Religion des Menschen sei. Diesem Kurs folgt man auch weitgehend in Deutschland. Für Lessing war Jesus ein zuverlässiger Lehrer großer Lehren. Für Kant hatte Christus das Ideal des gottgefälligen Menschen verkörpert. Hegel und Schleiermacher gingen andere Wege aber ganz generell kann man für die Aufklärung sagen: der Fokus liegt auf dem Menschen, der Größe seiner Vernunft und der Größe seiner moralischen Leistung. Religion wird zwar nicht überall abgelehnt, aber fundamental umgeformt. Sie wird naturalistisch – das heißt, alle ihre Phänomene werden dem Verstand unterworfen. Es gibt keine Wunder und keine Offenbarung. Geschichtlichkeit spielt keine Rolle mehr. Es geht um allgemeingültige, zeitlose Lehren und eine Lebenspraxis nicht im Dienst einer Gottheit, sondern im Dienst des Staates. Nicht Gotteskind, sondern „Bürger“ soll der Mensch sein. Damit wird alles auf das Diesseits bezogen. Was wird in dieser Perspektive aus Jesus? Kant sagt: Seine Bedeutung für die Menschheit war pädagogisch. Jesus half uns schneller, sicherer etwas zu erfassen, was wir grundsätzlich aber auch selbst mit der Vernunft herausfinden hätten können. Das ist eine ziemliche Verschiebung im Christusbild. Manche haben diese Unterschiede still übergangen und ignoriert. Andere haben zur Erklärung vorgeschlagen, dass Jesus und die Apostel ihre überaus vernünftigen Lehren einfach in symbolische Sprache gefasst hätten - als Zugeständnis an die damalige Zeit. Später hätte sich durch diese orientalische Erzählweise ein falsches Verständnis eingeschlichen. Wieder andere haben einfach mit sehr gewaltsamer Textauslegung versucht, alle Wunder und Ansprüche Jesu wegzudeuten. Im 19. Jahrhundert kam dann ein Umschwung. Man hatte die Wut der vernüftigen Erklärungen – die zudem oft sehr unvernünftig waren – statt. Enttäuscht von den unfruchtbaren Spekulationen und dem naiven Glauben an die Allerklärungskraft der Vernunft, wandte man sich wieder dem konkreten, individuellen Leben zu. Geschichtlichkeit wurde in der Romantik wieder wichtig. Nur hatte man das Vertrauen in die Geschichtlichkeit der Evangelien verloren. Denn die Aufklärung mit ihrer Skepsis wirkte weiterhin nach. Man begann den Jesus, wie ihn die Evangelien zeigen – als spätere Idee; als Jesus des Glaubens – vom historischen Jesus zu unterscheiden. Handfesten Grund dafür hatte man keinen – ausser den ideologischen Vorentscheid, dass die Welt eine rein naturalistische sei und daher alles Übernatürliche Humbug war, für den man nun eine „vernünftige“ Erklärung brauchte. Wunder gab es demnach nicht. Gott sah man im besten Fall als ferne Kraft – also eine unpersönliche Energie vielleicht, aber in keinem Fall wirkte er in der Zeit und in der Welt. Eine Theorie nach der anderen über Jesus wurde daraufhin entworfen – vernünftig sollen die neuen Jesusfiguren sein, und waren dabei doch fast reines Fantasieprodukt – jede im kompletten Widerspruch zur nächsten und übernächsten Jesusfigur. Nur in den naturalistischen Vorurteilen war man sich einig. Man suchte eine neue Erklärung für das Christentum; eine für die es keinen Glauben, keine Religion und keinen persönlichen Gott brauchte.