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Die "Situationsethik": Ich mache , was ich will.

Neu ist die Einstellung nicht, dass man sich nach dem eigenen Gewissensurteil ausschliesslich richten will. Man erkennt zwar allgemeine Normen an, aber im Spezialfall weiss man am Besten selbst, was richtig ist.

Nach dem Zweiten Vatikanum wurde es zur öffentlich vertretenen Meinung auch in der Kirche und bei manchen Moraltheologen.

Der Mensch ist jedoch nicht fähig, ohne kirchliche Formung, die Gesetze Gottes immer richtig anzuwenden.

Pius XII. hielt eine Ansprache an die Jugend zu diesem Thema.

Ein Auszug:

"...

Eine neue Auffassung des Sittengesetzes

Wir könnten diese Erscheinung "eine neue Auffassung des sittlichen Lebens" nennen, da es sich um eine Tendenz auf dem Gebiet des Sittlichen handelt.

Aber die Prinzipien der Sittlichkeit stützen sich auf die Glaubenswahrheiten; und ihr wisst, von welch grundlegender Bedeutung für die Erhaltung und Entfaltung des Glaubens es ist, dass das Gewissen des jungen Mannes und des jungen Mädchens sehr frühzeitig nach richtigen und gesunden sittlichen Normen gebildet und entwickelt wird. So ist die "neue Auffassung der christlichen Sittenlehre" aufs engste verknüpft mit dem Problem des Glaubens der Jugend.

Wir haben von der "neuen Moral" schon in Unsrer Rundfunkansprache an die christlichen Erzieher vom 23. März gesprochen. Was Wir heute sagen, ist nicht nur eine Fortführung dessen, was Wir damals behandelt haben; heute wollen Wir die tiefsten Quellen dieser Auffassung bloßlegen.

Man könnte diese Auffassung "ethischen Existentialismus", "ethischen Aktualismus" , "ethischen Individualismus" nennen, in jenem einschränkenden Sinn, von dem Wir sogleich reden werden und wie man diese Ausdrücke anderswo in der sogenannten "Situationsethik" anwendet.

Die Situationsethik - ihre Merkmale

Das besondere Merkmal dieser Moral besteht darin, dass sie nicht von den allgemeingültigen Moralgesetzen, wie z. B. den Zehn Geboten, ausgeht, sondern von den tatsächlichen konkreten Umständen und Bedingungen, in denen der Mensch handeln muss und denen entsprechend das individuelle Gewissen zu wählen und zu entscheiden hat. Dieser Tatbestand ist einmalig und ist nur einmal für jede menschliche Handlung gültig. Darum kann nach der Auffassung der Anhänger dieser Ethik die Gewissensentscheidung nicht von allgemeingültigen Ideen, Prinzipien und Gesetzen diktiert werden.

Der christliche Glaube gründet seine sittlichen Forderungen auf die Kenntnis der wesentlichen Wahrheiten und ihre Beziehungen; so macht es der heilige Paulus im Römerbrief (1, 19-21) für die Religion als solche, sowohl für die christliche wie die vorchristliche: von der Schöpfung an, sagt der Apostel, ahnt und fasst der Mensch in irgendeiner Weise den Schöpfer, seine ewige Macht und seine Gottheit, und das mit solcher Evidenz, dass er sich verpflichtet weiß und fühlt, Gott anzuerkennen und ihn zu verehren und dass die Vernachlässigung dieser Verehrung oder ihre Verkehrung in Götzendienst für alle Menschen und zu allen Zeiten eine schwere Schuld ist.

Das ist nun ganz und gar nicht das, was die Ethik, von der Wir jetzt reden, lehrt. Sie leugnet nicht ohne weiteres die allgemeinen Sittenbegriffe und -prinzipien (obgleich sie manchmal einer solchen Leugnung bedenklich nahe kommt), aber sie verrückt sie aus dem Zentrum gegen die äußerste Peripherie. Es kann vorkommen, dass die Gewissensentscheidung ihnen entspricht. Aber sie sind sozusagen nicht eine Sammlung von allgemeinen Sätzen, aus denen das Gewissen für den Einzelfall, den so genannten "einmaligen" Fall, die logischen Folgerungen zieht. Nein. Im Mittelpunkt steht der Wert, den es in seiner realen und individuellen Werthaftigkeit zu verwirklichen oder zu erhalten gilt: z. B. auf dem Gebiet des Glaubens die persönliche Beziehung, die uns an Gott bindet. Wenn das ernstlich gebildete Gewissen entschiede, dass die Aufgabe des katholischen Glaubens und der Übertritt zu einer anderen Konfession näher zu Gott führe, so wäre dieser Schritt "gerechtfertigt", auch wenn man ihn gewöhnlich als "Abfall vom Glauben" bezeichnet. Oder im Bereich des Sittlichen die körperliche und geistige Hingabe unter jungen Menschen. Hier würde das wohlgebildete Gewissen entscheiden, dass auf Grund der aufrichtigen gegenseitigen Zuneigung Vertraulichkeiten des Leibes und der Sinne das Entsprechende sind und dass sie, obwohl sie sonst nur unter Eheleuten gestattet sind, hier erlaubte Äusserungen werden.

Das offene Gewissen von heute würde so entscheiden, weil es aus der Werthierarchie das Prinzip ableiten würde, dass die Werte der Persönlichkeit als die höchsten sich der untergeordneten Werte des Leibes und der Sinne bedienen oder sie zurückweisen können, je nachdem es die Situation erfordert. Man hat sogar mit Nachdruck behauptet, dass man gerade auf Grund dieses Prinzips bei einem Konfliktfall im Bereich der ehelichen Rechte dem ernsthaften und aufrichtigen Gewissen der Eheleute je nach den Erfordernissen der konkreten Situation die Entscheidung überlassen müsse, gegebenenfalls die Verwirklichung der biologischen Werte zugunsten der Persönlichkeitswerte auszuschalten.

So sehr auch solche Gewissensentscheidungen auf den ersten Blick den göttlichen Geboten zu widersprechen scheinen, sollen sie dennoch vor Gott gültig sein, weil, wie man sagt, das aufrichtige und wohlgebildete Gewissen auch vor Gott mehr gilt als das "Gebot" und das "Gesetz".

Eine solche Entscheidung nimmt also die Entscheidung des Gesetzes, das Gott in das Herz eines jeden geschrieben hat, oder gar die Zehn Gebote, die der Finger Gottes auf Tafeln von Stein geschrieben hat, damit menschliche Autorität sie verkünde und bewahre, nicht einfach "passiv" und "rezeptiv" entgegen, sondern sie verhält sich "aktiv" und "schöpferisch".

Die "neue Moral" ist "individuell"

Die neue sich den Umständen anpassende Ethik ist, wie ihre Urheber sagen, hervorragend "individuell". In der Gewissensentscheidung begegnet der einzelne Mensch unmittelbar Gott und entscheidet sich vor ihm ohne die Dazwischenkunft irgendeines Gesetzes, einer Autorität, einer Gemeinde, eines Kultes oder einer Konfession irgendwelcher Art.

Hier gibt es nur das Ich des Menschen und das Ich des persönlichen Gottes; nicht des Gottes des Gesetzes, sondern des Vater-Gottes, mit dem sich der Mensch in kindlicher Liebe vereinigen muss. So gesehen, ist die Gewissensentscheidung also ein persönliches " Wagnis" gemäß der eigenen Erkenntnis und Wertung in aller Aufrichtigkeit vor Gott. Diese beiden Dinge, die rechte Absicht und die aufrichtige Antwort, sind das, worauf Gott schaut; die Handlung selber ist ihm gleichgültig. Die Antwort könnte also auch ein Wechsel des katholischen Glaubens gegen andere Grundsätze, Ehescheidung, Schwangerschaftsunterbrechung, Gehorsamsverweigerung gegenüber der zuständigen Autorität in Familie, Kirche und Staat und vieles andere sein.

All das soll vollkommen dem Stande der "Mündigkeit" des Menschen und in der christlichen Ordnung der Kindschaftsbeziehung entsprechen, die uns nach Christi Lehre beten lässt: Vater unser. Diese persönliche Sicht erspart es den Menschen, jeden Augenblick untersuchen zu müssen, ob die zu treffende Entscheidung den Gesetzesparagraphen und abstrakten Normen und Regeln entspricht; sie bewahrt ihn vor der Heuchelei einer pharisäischen Gesetzestreue; sie bewahrt ihn ebenso vor pathologischem Skrupel wie vor Oberflächlichkeit und Gewissenlosigkeit, weil sie die ganze Verantwortung vor Gott auf dem Christen persönlich lasten lässt. So reden die, die die "neue Moral" predigen.

Sie liegt außerhalb des katholischen Glaubens und der katholischen Sittenlehre

In dieser ausdrücklichen Form steht die neue Ethik dermaßen außerhalb des Glaubens und der katholischen Grundsätze, dass selbst ein Kind, das seinen Katechismus kann, es begreifen und fühlen wird. Es ist nicht schwer, zu erkennen, dass die neue Morallehre aus dem Existentialismus hervorgegangen ist, der entweder von Gott absieht oder ihn geradewegs leugnet, auf jeden Fall aber den Menschen ganz auf sich selbst stellt. Möglich, dass die gegenwärtigen Lebensbedingungen zu dem Versuch geführt haben, die "neue Moral" auf katholischen Boden hinüberzupflanzen, um den Gläubigen die Schwierigkeiten des christlichen Lebens erträglicher zu machen.

Tatsächlich werden von Millionen von ihnen heute in ausserordentlichem Maße Festigkeit, Geduld, Standhaftigkeit und Opfersinn verlangt, wenn sie ihrem Glauben unter all den Schicksalsschlägen oder in einer Umwelt, die alles, was ein leidenschaftliches Herz ersehnen und wünschen kann, in Reichweite bringt, vollkommen treu bleiben wollen. ...

Die Ansprache ist bei kathpedia nachzulesen: Titel: Soyez bienvenues, Papst Pius XII.

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