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Die Theologische Tugend des Glaubens

I. Die Sünden hinsichtlich des Glaubens.

I. Wir verstehen hier unter Glauben den wesentlichen Akt und Habitus der fides divina, das innere Für wahr halten der von Gott geoffenbarten und von der Kirche verkündeten Wahrheit. Es gibt Sünden hinsichtlich des Glaubens, die nicht Sünden wider den Glauben in diesem Sinne sind. Zu jenen gehört z. B. die rein äußere Verleugnung des Glaubens und die communicatio in sacris, der Mangel der Lebendigkeit des Glaubens und ähnliche Versündigungen, bei denen die innere Tugend des Glaubens weiterbestehen kann. Es sind Sünden per defectum. Es fragt sich weiter, ob auch Sünden per excessum gegen den Glauben möglich sind, Akte übertriebenenGlaubens. Ein Überschreiten des Maßes, so antwortet die Theologie, ist an sich bei den göttlichen Tugenden unmöglich; denn ihr wesentlicher Grund und Maßstab ist nicht ein geschaffenes Gut und Ziel wie bei den moralischen Tugenden, sondern eine absolute, göttliche Vollkommenheit, so beim Glauben die unendliche Wissensfülle und Wahrheit Gottes (Sth., I. II. q. 64 a. 3; II. II. q. 17 a. 5 ad 2). Man kann Gott nie genug Glaube, Hoffnung und Liebe entgegenbringen. Demnach ist von dem, was überhaupt Gegenstand der fides divina ist, ein zu starkes und freudiges Für wahr halten nicht möglich. Ein Überschreiten des Maßes gibt es nur per accidens, indem man wahre Lehrmeinungen, die aber nicht geoffenbart sind, in die fides divina hineinnimmt oder religiöse Meinungen, die nicht— einmal menschlichen Glauben verdienen, aus falscher Frömmigkeit für wahr hält und verteidigt. Diese Leichtgläubigkeit (credulitas) an sich ist praeter fidem, nicht contra fidem. Sie bildet aber eine Gefahr für den wahren, erleuchteten Glauben, sei es, daß sie auf andere Christen verwirrend und abstoßend wirkt, sei es, daß sie das eigene Denken zu hartnäckigen Sondermeinungen und Irrtümern verleitet.

II. Die Sünden gegen den Glauben

Gegen die innere Tugend und Pflicht des Glaubens verstoßen Unglaube, Irrglaube und Glaubenszweifel als Sünden.

Zunächst ist eine Bemerkung über den theologischen Sprachgebrauch und die mehrfache Unterscheidung der Sünden notwendig.

1. Die Moraltheologie nennt den inneren Gegensatz gegen den Glauben überhaupt i n f i d e l i t a s. In Anlehnung an die Religionsgeschichte unterscheidet sie seit Thomas drei Arten der infidelitas: Paganismus, iudaismus, haeresis, Die Heiden stehen Christus, dem Verkünder und Mittelpunkt des Glaubens, völlig fern; die Juden glauben zwar an die typische Vorbereitung auf den Erlöser, aber nicht an dessen Wirklichkeit und Wahrheit; die Häretiker bekennen sich zu dem wirklich erschienenen Christus und seinem Worte, folgen aber in der Lehre nicht seiner Autorität, sondern ihrer eigenen Meinung (Sth. II. II. q. 10 a, 5; q.ll a.T), Weitere, sachliche Unterschiede innerhalb der Häresie haben auf die Art der sittlichen Verfehlung keinen Einfluß. Auch die Apostasie bildet keine eigene Species, sondern nur einen erschwerenden Umstand der infidelitas; sie bedeutet den Abfall eines Rechtgläubigen zu einem der genannten drei Gegensätze, besonders den Abfall zum Heidentum oder Judentum (ebd. q. 12 a.l).

2. Weil die genannte Dreiteilung nicht völlig befriedigt, zumal mit Rücksicht auf den Islam und neuere Formen der Abkehr vom Glauben, ist mehr und mehr eine andere Einteilung herrschend geworden. Infidelitas und das ihr entsprechende Wort Unglaube bezeichnet danach die Leugnung des Christentums als solchen, den vollen Gegensatz zum christlichen Dogma, also Heidentum, Islam, Judentum und die modernen atheistischen und unchristlichen Systeme.

Auf der anderen Seite steht die Häresie, der Irrglaube, der somit nicht mehr als infidelitas oder Unglaube bezeichnet wird. Er will an Christus und seiner Religion festhalten, weicht aber vom wahren christlichen Lehrbegriff der Kirche ab. - Beide Arten eines falschen Glaubens besitzen Anhänger sowohl auf Grund ererbter Zuständigkeit als auch auf Grund persönlichen Abfalls (Apostasie).

Wir rechnen somit den P r o t e s t an t i s m u s nicht zum Unglauben, sondern zur Irrlehre innerhalb des Christentums. Noch, heute aber ist schwankend - sowohl bei Katholiken als auch bei Protestanten -, wo innerhalb der modernen, freisinnigen Religionsbewegung die Grenze zwischen Christentum und Unglaube zu ziehen ist. Nach allgemeiner Oberzeugung ist die L e u g nu n g des p e r s ö n c Ii c h e n G o t t e s voller Unglaube; nach älterer und wohlbegründeter Sprechweise ist aber auch die Leugnung der Gottheit Christi und seiner göttlichen Lehrautorität als Unglaube zu bezeichnen, weil dadurch ein wirklich christlicher Glaube, ein credere Christum und Christo im theologischen Sinne unmöglich gemacht wird.

3. Bei der unter 2 genannten Umbildung und Prägung des moraltheologischen Sprachgebrauchs spielt auch der E i n f l u ß des K i r c h e n r e c h t s mit. Das Recht bedarf überall der äußeren Kennzeichen und Grenzbestimmungen. Das Recht konnte für die Glaubensgemeinschaft, die sichtbare Kirche, nicht das moralische Verhalten allein berücksichtigen, schon darum nicht, weil auch die unmündigen Kinder zur Kirche gehören. Es stellte daher die T a u f e in den Vordergrund, in der auch dem Kinde der habitus fidei verliehen wird. Der Ungläubige ist nach dieser Einteilung der Ungetaufte, der Häretiker der Getaufte, der Christ bleiben will, aber christliche Dogmen leugnet, Der Apostat der Getaufte, der den Christenglauben abwirft. Es ist klar, daß sich dieses Einteilungsprinzip nicht genau mit den beiden erstgenannten deckt - so kann z, B. auch schon ein Ungetaufter, etwa ein Katechumene, moraltheologisch die Sünde der Häresie begehen oder Apostat werden.

III. Die Hauptarten der Sünden gegen den Glauben

1. Der Unglaube ist die Sünde des alten Heidentums, das falsche G ö t t e r an die Stelle des wahren Gottes setzte, aber auch die Sünde jener weit verbreiteten neuheidnischen Weltauffassung, die alle Religion und geistige Gottheit leugnet oder Gott mit der Welt in eins setzt (Materialismus, Pantheismus, absoluter Skeptizismus). Auch jene religiöse Entwicklungslehre, die alle religiösen Begriffe und Dogmen dem geschichtlichen Wechsel und Wandel unterwirft, somit sachlich Wahrheit und Irrtum einander gleichstellt, ist eine Preisgabe des wahren Gottesglaubens.

Weil wir zum Glauben im christlichen Sinne mindestens auch die Anerkennung Christi als des absolut en Wahrheitheitslehrers und Gottessohnes rechnen müssen, ist auch der volle Rationalismus und Modernismus, ebenso der Indifferentismus, der alle heutigen Formen des Christentums als gleichberechtigt bezeichnet, dem Unglauben zuzurechnen.

Daß der Unglaube an sich unentschuldbar ist, lehrt klar die Hl. Schrift (Weish.13, 1ff; Röm. 1, 18ff). Dennoch kann auch bei ihm ein rein materieller Sündenzustand vorkommen. Dieser ist jedoch nicht als ein für das ganze Leben dauernder Zustand anzusehen, da für jeden Erwachsenen in irgendeinem Augenblick die formelle Verpflichtung, Gott als höchsten Lebensinhalt gläubig zu ergreifen, aktuell wird.

2. Der Irrglaube (haeresis) besteht in der Einmischung der Irrlehre in den christlichen Glaubensakt, im Mangel des vollständigen, durch die katholische Kirche gelehrten Christenglaubens. Der Irrglaube ist Teilung und Abschwächung der christlichen Wahrheit. Während die katholische Wahrheit ein e ist, sind die Irrlehren vielgestaltig, weil bei jeder Trennung und Auswahl unzählige persönliche und geschichtliche Einflüsse und Möglichkeiten vorliegen können.

Da nur die g e o ff e n bar t e und von der Kirche vorgelegte Wahrheit zur fides divina verpflichtet (s. oben § 4 1, 3), so darf auch nur die Preisgabe einer solchen Wahrheit, d.h, eines Dogmas als Irrglaube bezeichnet werden.

Was die subjektive Verschuldung angeht, so ist eine unüberwindliche Unwissenheit beim Irrglauben noch leichter erklärlich als beim Unglauben, zumal bei Menschen, die im Irrtum erzogen sind. In Kraft der empfangenen Taufgnade sind die Kinder irrgläubiger Eltern zunächst fideles im vollen Sinne. Solange sie im Irrtum gutgläubig weiter aufwachsen und dabei treu ihrem Gewissen folgen, gehen sie nach Ansicht der Kirche nicht verloren (Pius IX). Ein schuldbares Versäumnis der im Gewissen erwachenden Pflicht, sich über den wahren Glauben aufzuklären, ist freilich eine Sünde gegen den Glauben; der formelle Irrglaube oder die Häresie tritt aber erst ein, wenn man zur deutlichen Erkenntnis der Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche gelangt und dennoch im Irrtum verharrt.

Nach allgemeiner Begriffsbestimmung ist die Häresie der freiwillige und hartnäckige Irrtum eines Christen (Getauften) gegen den GIauben, Sonach ist die Schuldhaftigkeit (pertinacia), der Gegensatz zur erkannten Glaubenspflicht, der Häresie wesentlich. Schon der hl. Augustinus betont, daß die Anhänger falschester Lehren, wenn sie nicht schuldhaft und hartnäckig fehlen, vielmehr gewissenhaft nach der Wahrheit streben, niemals "Häretiker" (Ketzer) zu nennen sind (Epist. 43, 1). Auf Grund dieses theologischen Sprachgebrauchs liegt in dem Ausdruck "materieller Häretiker" streng genommen ein Widerspruch.
(Katholische Moraltheologie, Joseph Mausbach, S. 67 - 70, 1954)
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Martin Stein
Die Wahrheit wird uns frei machen ... corjesu.info/wordpress/
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Eugenia-Sarto
Sehr wichtiger Artikel! Das sollten alle lesen.
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