Oenipontanus
13651

Ein ostsyrisches Kirchenlied

Dieses dem Theodor von Mopsuestia zugeschriebene ostsyrische („nestorianische“) Lied wurde erstmals im Jahr 1849 von Daniel Bonifatius von Haneberg (später Bischof von Speyer) aus einem Münchener Manuskript (Cod. syr. 4; siehe Bild) herausgegeben. Es hat, wie leicht ersichtlich ist, einige Gemeinsamkeiten mit dem römischen „Gloria in excelsis Deo“! Ich habe nicht einfach die Übersetzung von Haneberg übernommen, sondern eine eigene angefertigt, die sich noch enger an das syrische Original anschließt. Viel Freude beim Lesen!

"Lobpreis sei Gott in den Höhen
Und Friede sei auf Erden
Und gute Hoffnung den Menschenkindern
Wir beten dich an, wir verherrlichen dich
Wir erhöhen dich
O Seiender von Ewigkeit
O verborgene Natur, die nicht erfassbar ist
O Vater und Sohn und Geist der Heiligkeit
O König der Könige
Und Herr der Herren
Der wohnt in hehrem Lichte
Jener, den keines von den Menschenkindern je sah
Und auch nicht zu sehen vermag
O allein Heiliger
O allein Mächtiger
O allein Unsterblicher
Wir preisen dich durch den Mittler unseres Heils
Jesus den Messias
Den Retter der Welt
Den Sohn des Erhabenen
Das Lamm des lebendigen Gottes
Das hinwegnimmt die Sünde der Welt
Erbarme dich unser
O Thronender zur Rechten seines Vaters
Nimm auf unser Flehen
Der du bist unser Gott und Herr
Der du bist unser König und Retter
Der du bist der Verzeiher der Sünden
Die Augen aller Menschen sind zu dir erhoben
O Jesus Messias
Verherrlichung sei Gott, deinem Vater, und dir und dem Geist der Heiligkeit in alle Ewigkeit. Amen!"


Literaturangabe: Daniel Haneberg, Drei nestorianische Kirchenlieder, in: Zeitschrift der deutschen morgenländischen Gesellschaft 3 (1849) 231–242, hier: 233–235.

Bildnachweis: 'Psalmen in nestorianischer Schrift [u.a.] - BSB Cod.syr. 4' - Digitalisat | MDZ
Maximilian Schmitt
The tradition of the Syriac Church of Antioch : concerning the primacy and the prerogatives of St. Peter and of his successors the Roman pontiffs
by
Benni, Cyril Benham; Gagliardi, Joseph
archive.org/details/a546936000bennuoft
Maximilian Schmitt
Warum übersetzen Sie keine maronitischen Hymnen?
Oenipontanus
Sehr gerne! Ich werde mich in den nächsten Tagen einmal im maronitischen Brevier umsehen und dann (hoffentlich) etwas Schönes auswählen.
Maximilian Schmitt
Wird mit Freuden erwartet!
Maximilian Schmitt
Zum Beispiel Hymnen auf die Theotokos und wo sie auch so bezeichnet wird.
Oenipontanus
Ist schon notiert!
Cavendish
So ist das manchmal, ein Kleinod findet sich in einer schadhaften - in diesem Fall nestorianischen - Truhe. Alle Achtung, dass Sie diesen Text ins Deutsche übersetzen können!
Oenipontanus
Ich hatte einen guten Lehrer 😉
Maximilian Schmitt
Ja, natürlich ist es nestorianisch, denn einer ist für Theodor von Mopsuestia der Logos und ein anderer der Messias, Jesus von Nazareth.
Oenipontanus
Dieser Gedanke findet sich aber nicht in diesem schönen Lied, oder habe ich etwas übersehen?
Maximilian Schmitt
Es wird in seinem Gebet nicht deutlich, daß Christus, Ischo M'schicho, der Logos ist. Das folgt seinem Schema der doppelten Anbetung. Siehe dazu die Verurteilungen in den Drei Kapiteln.
Oenipontanus
Es muss nicht in jedem Gebet alles stehen. Wenn Sie solche Maßstäbe anlegen, dann müssen Sie auch sehr viele römische Gebete oder Lieder dogmatisch bedenklich finden!
Maximilian Schmitt
Nein, gewiß nicht! Aber ihm hatte es halt System. Er ist ja nicht umsonst der wirkliche Urheber des Nestorianismus' für den sein Schüler Nestorius nur den Kopf hingehalten hat.