DER Erste Clemensbrief als frühchristliches Zeugnis des römischen Primats

Der Erste Clemensbrief (auch: Klemensbrief, abgekürzt 1 Clem) ist ein frühchristlicher Brief des Papstes Klemens im Namen der römischen Kirche, die er als Bischof vertrat, an die Kirche von Korinth. Er wird Klemens von Rom zugeschrieben, was von seriösen Forschern nicht mehr bezweifelt wird und wurde kurz vor 100 n. Chr. verfaßt. Der Brief ist nicht Bestandteil des Neuen Testaments, wurde aber in der Urkirche sehr geschätzt. Er stellt eine wichtige Quelle für die Geschichte des Urchristentums dar.

Textüberlieferung

Der bekannteste und älteste griechische Textzeuge ist der Codex Alexandrinus, eine Bibelhandschrift aus dem 5. Jahrhundert, die allerdings in 1 Clem einige Lücken aufweist. Eine weitere griechische Handschrift ist der Codex Hierosolymitanus (Jerusalemer Kodex) aus dem Jahr 1056 (die diese Lücken füllt), der 1873 in Konstantinopel wiederentdeckt wurde. Er wird seit 1887 in der griechisch-orthodoxen Patriarchatsbibliothek in Jerusalem aufbewahrt. Eine syrische Handschrift aus dem Jahr 1170 lagert in der Universitätsbibliothek in Cambridge. Eine lateinische Abschrift aus dem 11. Jahrhundert befindet sich im Priesterseminar Namur. Die darin enthaltene Übersetzung stammt wohl aus dem 2. Jahrhundert. Daneben gibt es noch zwei koptische (achmimische) Papyri aus dem 4.–5. Jahrhundert, die unterschiedliche Übersetzungen bieten, aber nicht vollständig sind. Von den Kirchenvätern zitiert Clemens von Alexandrien den ersten Clemensbrief häufig und ist daher textkritisch bedeutsam. Nach Adolf von Harnack ist damit die Überlieferung bis auf ganz wenige Ausnahmen gesichert, so daß keine Konjekturen nötig sind.

Autor und Datierung des Briefes

Der 1. Clemensbrief gilt vielen als echter Brief. Anlaß wären massive Streitigkeiten in der Gemeinde in Korinth, in welche Klemens kraft seines Primates eingriff.

Die römische Kirche beansprucht für sich einen besonderen Rechts- oder Autoritätstitel. Der Brief nennt nicht Clemens als Absender, sondern „die Kirche Gottes, die in Rom weilt“. Der Brief wäre demnach ein Gemeindebrief, nicht der Brief einer Einzelperson, was aber unwichtig ist, weil er ja nicht von einer Privatperson geschrieben wurde, sondern von einem Amtsinhaber, der aus der Fülle der ihm verliehenen Autorität handelt. Er wird in der Tradition namentlich einem Clemens zugeschrieben, erstmals durch Dionysios von Korinth im Jahr 170 (Dieser Brief von Dionysius an Soter von Rom wird überliefert von Eusebius von Caesarea in seiner Kirchengeschichte, IV. Buch, 23,11)

Clemens wohl der „oberste Presbyter“ der römischen Gemeinde und damit Bischof, so wie er auch im Kapitel 40 des Briefes, bei der Beschreibung der Gemeindestrukturen, genannt wird: „Dem obersten Priester sind nämlich eigene Verrichtungen zugeteilt, auch den Priestern ist ihr eigener Platz angewiesen und den Leviten obliegen eigene Dienstleistungen; der Laie ist an die Laienvorschriften gebunden.“Irenäus von Lyon nannte einen Clemens als dritten Nachfolger des Petrus nach Linus und Anakletus in der ältesten Bischofsliste von Rom. Laut Irenäus hatte Clemens noch Umgang mit den Aposteln; Irenäus erwähnt auch die inneren Streitigkeiten der korinthischen Gemeinde sowie den Brief des Clemens. Eine Gleichsetzung dieses Clemens mit dem Autor des Clemensbriefes ist nicht nur naheliegend, sondern zwingend.

Der Brief wurde auf Griechisch mit starker Prägung durch die Septuaginta verfaßt, weitere stilistische Einflüsse kommen von der Popularphilosophie sowie vom Amtsstil. Die spezielle stilistische Färbung entsteht auch durch die vielen Schriftzitate aus der Septuaginta: Mehr als ein Viertel des Textes besteht aus solchen Zitaten, nämlich etwa 2750 Wörter von den insgesamt über 9800 Wörtern, die der Brief umfaßt. Damit ist der Umfang dieses Briefes vergleichbar mit dem der Offenbarung des Johannes, also länger als der Römerbrief, der längste Brief des Neuen Testaments, und etwas kürzer als das Markusevangelium.

Der Brief selbst trägt kein Datum. Der Entstehungszeitpunkt wird „um oder kurz vor 100 n. Chr.“ angenommen. Unter Hinweis auf die im Brief beschriebenen Drangsale, die Schlag auf Schlag erfolgten, könnte an die – nunmehr bereits zurückliegende? – Verfolgungswelle am Ende der Regierungszeit von Kaiser Domitian gedacht werden;[ demnach wäre der Brief um 96 entstanden.

Wirkungsgeschichte

Der erste Clemensbrief wurde zeitweise bis ins 5. Jahrhundert in einigen Gemeinden in Gottesdiensten verlesen, so etwa um 170 n. Chr. regelmäßig im Sonntagsgottesdienst in Korinth, aber auch anderswo. Die Syrische Kirche rechnete ihn zur Heiligen Schrift, siehe dazu: Berthold Altaner, Alfred Stuiber: Patrologie. Leben, Schriften und Lehre der Kirchenväter. Herder, Freiburg/Breisgau 1978, S. 45.

Seine Frühdatierung hat großen Einfluß auf die zeitliche Einordnung der Texte des Neuen Testaments, die er benutzt. Die griechische Fassung verdanken wir dem Metropoliten Bryennios, der ihn in Konstantinopel entdeckte. Der Text selbst geht in dieser Fassung auf einen Schreiber Leon (1056) zurück. Eine syrische Handschrift stammt aus dem kleinen Kloster von Mar Salibo in Beth Yehidojeh. Aber auch der griechische Text, den Bryennios fand, scheint auf syrische Vorlagen zurückzugehen, nämlich auf Thomas von Herakleia, der im Jahr 616 einen Text unseres Briefes ins griechische übersetzte, den er einer von Philoxenios von Mabbug verfaßten syrischen Bibelhandschrift entnahm. Siehe hierzu: Justin Louis Pierre Fèvre, Histoire apologétique de la papauté depuis Saint Pierre jusqu'à Pie IX, Band 1:

Es wirkt geradezu grotesk, wenn angebliche Spezialisten aramäischer Literatur den Primat der römischen Päpste leugnen, aber anscheinend noch nicht einmal wissen, daß dieser Brief von den schismatischen syrischen Kirchen als Teil des Kanons der Hl. Schrift angesehen wird. Das dümmlichste Argument ist dabei noch, daß der hl. Johannes von Damaskus in seinem Werk über den orthodoxen Glauben den Primat nicht erwähne. Johannes spricht auch sonst nicht von der Hierarchie der Kirche in seinem Buch und von den sieben Sakramenten erwähnt er auch nicht alle, denn es geht ihm hauptsächlich um die Christologie und die Dreifaltigkeit.
Oenipontanus
Hier noch eine bedenkenswerte Stellungnahme von Berthold Altaner:
"Die besonders in Handbüchern der Dogmatik und Apologetik übliche Benützung des Clemensbriefes im Dienste des Primatsdogmas ist selten frei von übertreibenden und darum unhistorischen Behauptungen, die der Entwicklung der Lehre vom päpstlichen Primat vorauseilen."
(Berthold Altaner, Der 1. Clemensbrief und der römische Primat, in: …More
Hier noch eine bedenkenswerte Stellungnahme von Berthold Altaner:

"Die besonders in Handbüchern der Dogmatik und Apologetik übliche Benützung des Clemensbriefes im Dienste des Primatsdogmas ist selten frei von übertreibenden und darum unhistorischen Behauptungen, die der Entwicklung der Lehre vom päpstlichen Primat vorauseilen."
(Berthold Altaner, Der 1. Clemensbrief und der römische Primat, in: Id., Kleine patristische Schriften. Hg. von Günter Glockmann. Berlin: Akademie-Verlag, 1967, S. 539.)
Oenipontanus
"in welche Klemens kraft seines Primates eingriff."
Das darf aber bei der Diskussion nicht vorausgesetzt, sondern muss bewiesen oder zumindest wahrscheinlich gemacht werden.
Aus welchen Stellen des 1. Clemensbriefes geht denn Ihrer Ansicht nach ein Primat des Bischofs von Rom unzweifelhaft hervor? Aber gesetzt den Fall, es würde sich ein Primat aus dem Brief erschließen lassen, so wäre immer …More
"in welche Klemens kraft seines Primates eingriff."

Das darf aber bei der Diskussion nicht vorausgesetzt, sondern muss bewiesen oder zumindest wahrscheinlich gemacht werden.
Aus welchen Stellen des 1. Clemensbriefes geht denn Ihrer Ansicht nach ein Primat des Bischofs von Rom unzweifelhaft hervor? Aber gesetzt den Fall, es würde sich ein Primat aus dem Brief erschließen lassen, so wäre immer noch nicht die Frage geklärt, ob dieser Primat dasselbe meint wie derjenige, den das 1. Vaticanum definiert hat.

"Es wirkt geradezu grotesk, wenn angebliche Spezialisten aramäischer Literatur den Primat der römischen Päpste leugnen, aber anscheinend noch nicht einmal wissen, daß dieser Brief von den schismatischen syrischen Kirchen als Teil des Kanons der Hl. Schrift angesehen wird."

Erstens: Für die allgemeine Behauptung, die (heutigen?) schismatischen syrischen Kirchen würden den 1. Clemensbrief zur Heiligen Schrift rechnen, hätte ich gerne einen Beleg. Altaner spricht immerhin diesbezüglich in der Vergangenheit ("wurde").
Zweitens: Selbst wenn sie ihn zur Heiligen Schrift rechnen, hat das nichts mit dem Primat und schon gar nicht mit der Primatsleugnung durch "angebliche Spezialisten aramäischer Literatur" zu tun. Ergo verstehe ich nicht ganz, auf was Sie mit Ihrem Statement hinauswollen!

Von dem dämlichen Primatsthema abgesehen ist Ihr Artikel sehr informativ und verdient daher auf jeden Fall einen Daumen nach oben!
Maximilian Schmitt
Zum Text! Bitte, die Kapitel nacheinander aufrufen: Bibliothek der Kirchenväter
Maximilian Schmitt
Syrische Handschriften spielen beim Echtheitsbeweis eine besondere Rolle!